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Der Applaus wirkt doch recht unwillig: Seehofer (links) gratuliert Söder.

CSU

Der Abschied von Seehofer fällt nicht schwer

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Die CSU kürt Markus Söder zum Parteichef ? und weint Horst Seehofer kaum eine Träne nach.

Um 11.14 Uhr ist Schluss. Schluss für Horst Seehofer nach gut zehn Jahren – genau 3739 Tagen – als Chef der Christlich-Sozialen Union. „Ich gebe heute das Amt weiter. Aber es bleibt mir ein glühendes Herz für meine politische Familie, die CSU“, ruft er den Delegierten am Samstag in der kleinen Olympiahalle in München zu. Und Seehofer, der gelernte Sozialpolitiker, schreibt „seiner“ Partei noch etwas ins Stammbuch: „Vergesst mir die kleinen Leute nicht!“

Zum Abschied gibt es gerade einmal drei Minuten Standing Ovations. Und eine Miniatur der Parteizentrale für Seehofers Modelleisenbahn-Keller. Dabei wäre manchem in der CSU wohl lieb, der bald 70-Jährige würde sich ganz dorthin zurückziehen und nicht mehr länger Bundesinnenminister in Berlin sein.

Die Delegierten halten sich nicht lange mit dem Blick zurück auf, der Abschied für Seehofer fällt eher pflichtschuldig aus. Die große Inszenierung – sie fällt aus. Viele zieht es schnell dorthin, wo es Leberkäs’ und Weißbier gibt. „Ich hätte ihm einen anderen Abgang gewünscht“, sagt der 83-jährige Andreas Spreng, ein Seehofer-Weggefährte aus Eichstätt. Er drängt sich mit einem „Danke, Horst“-Pappschild nach vorne in die Menge, wo die Kameras sind.

Der neue Hoffnungsträger heißt Markus Söder, aber es ist kein wirklich glänzendes Ergebnis, das der 52-Jährige einfährt.

Prozent, da ist noch Luft nach oben. Schon im Herbst muss sich der Franke erneut einem Parteitagsvotum stellen. Ausgerechnet Söder soll die Christsozialen aus der Krise führen – jener Mann, der im vergangenen Herbst bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit der CSU verlor, eine Koalition mit den Freien Wählern bilden musste.

Söder und Seehofer – die beiden verbindet eine besonders Geschichte von Misstrauen und Machtkämpfen. Zwei Politiker mit Alphatier-Gen, die sich ähnlicher sind, als ihnen lieb sein mag. Legendär ist eine CSU-Weihnachtsfeier 2012, bei der Seehofer Söder „Schmutzeleien“ vorgeworfen hatte, „charakterliche Schwächen“ und „pathologischen Ehrgeiz“. Und nun musste er gleich zweimal seinen Dauer-Widersacher als seinen Nachfolger vorschlagen: Zunächst vor einem Jahr als Regierungschef in Bayern, jetzt als Parteivorsitzender.

„Das Leben spielt manchmal ganz eigenartig“, frotzelt Seehofer beim Parteitag. Am Morgen habe er in der Zeitung sein Tageshoroskop gelesen. „Sie verlieren keinesfalls ihr Gesicht, wenn Sie eine bereits getroffene Entscheidung revidieren“, stand da. Kurz geht ein Raunen durch den Saal, doch dann schiebt Seehofer hinterher. „Vor 15, vielleicht auch noch vor zehn Jahren hätte ich das noch als Auftrag empfunden. Heute fehlt mir die Risikobereitschaft.“ Kein Rückzug vom Rückzug also. Auch wenn Seehofer damit kokettiert.

Söder nimmt’s locker, bedankt sich freundlich bei Seehofer, schlägt ihn auch noch als Ehrenvorsitzenden der CSU vor. „Ich habe von dir viel gelernt“, sagte er. „Wir haben uns manchmal auch gegenseitig geprüft.“ Und dann ist bei der CSU vor allem von Erneuerung die Rede. Die CSU müsse Volkspartei bleiben, sich aber neu aufstellen.

Bodenständig und nicht abgehoben, weltoffen und nicht provinziell, lässig, nicht spießig – „das könnte der neue Sound der CSU“ sein, gibt Söder als Marschroute aus. „Wir wollen nicht dem Zeitgeist hinterherlaufen, sondern müssen ihn prägen.“ Die Partei dürfe keine ihrer Wurzeln vernachlässigen – auch nicht die soziale. Franz-Josef-Strauß-Fan Söder zitiert sein politisches Vorbild. Die CSU sei nicht die „Partei der Prosecco-Trinker“, sondern müsse immer „die Partei für die Leberkäs-Etage“ sein. Das mit der Erneuerung werde „kein Sprint, sondern ein Marathonlauf“. Söder rackert am Rednerpult, doch der Funke springt nur selten über.

Plötzlich ist der bayerische Regierungschef nicht nur Ministerpräsident eines Landes, sondern Bundespolitiker. Einer, der in Berlin am Koalitionstisch mitmischt. Effizienz statt Effekthascherei, so Söder, könne ein Leitmotiv für dieses Jahr werden: „Eine Große Koalition macht dann Sinn, wenn sie Ergebnisse bringt“. Sein Motto in der Zusammenarbeit mit der Union sei jedenfalls: „Miteinander, nicht Gegeneinander“.

Das passt zur Art und Weise, mit der die CSU Annegret Kramp-Karrenbauer empfängt, die neue Chefin der CDU. Erst einmal nimmt sie ein Bad in der Menge, schüttelt Hände. „Liebe Brüder und Schwestern“, beginnt „AKK“ ihre Rede in München. „Wir sind und wir waren eine politische Familie.“ Die CDU-Chefin rockt den Saal bei der CSU.

Was für ein Kontrast zu 2015, als Seehofer die Vorsitzende der Schwesterpartei, die damals noch Angela Merkel hieß, auf offener Parteitagsbühne abkanzelte. Söder und „AKK“ wirken, als wollten sie diese Zeiten schnell vergessen machen. Und die CSU? Sie hinterlässt an diesem Tag keinen besonders frischen Eindruck. Nach Kramp-Karrenbauers Auftritt herrscht Aufbruchsstimmung – im wörtlichen Sinne: Die Delegierten drängt es nach Hause. Routinemäßig werden noch zwei Leitanträge zur Parteireform und zur Europapolitik abgestimmt. Weitere Beratungen fallen aber aus. Bald ist der Saal so gähnend leer, dass der Parteitag nicht mehr beschlussfähig ist.

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