Abschied in orange

Wie zwei Siedlerfamilien aus Gaza mit der bevorstehenden Räumung umgehen

Von INGE GÜNTHER (GUSCH KATIF)

Avi Farhan hat lockiges, graues Haar, acht Enkelkinder und ein Wohnzimmer mit einmaligem Panoramablick aufs Mittelmeer. Ein einfacher Mann, der es zu etwas gebracht hat, mit einfachen Prinzipien. "Man verkauft sein Haus nicht", lautet eines. Solche Bodenständigkeit verschafft Sympathien, gerade auch in Israel. Nur, sein Haus steht auf besetztem Land, genauer in Alei Sinai, in einer der 21 Gaza-Siedlungen, die im August geräumt werden sollen. Avi Farhan, Fischhändler und Restaurantbesitzer, hat sich damit noch nicht abgefunden. "Wir werden uns weigern auszuziehen", sagt er unvermutet heftig, als ob er damit den Kloß im Hals loswerden wolle. "Das ist unsre Art des Protests: schlichtweg in unserem Haus zu bleiben."

Bracha Asis, eine Frau mit freundlichem Lächeln, schüchternem Blick und einer couragierten Meinung, hat nicht weniger aufzugeben. Auch ihre vier Kinder samt den fünf Enkeln sind in Gusch Katif aufgewachsen, wie man den Block der 21 jüdischen Kolonien im Gazastreifen nennt. Dort, in Ganei Tal, hat ihr Mann Assaf eine einträgliche Geranienzucht aufgebaut. Aber die nächste Lieferung für den Export wird aus den neuen Treibhäusern stammen, die die Asis derzeit im israelischen Kernland, südlich von Aschkelon, bauen. "Seit drei, vier Monaten denken wir, dass Gaza gelaufen ist", seufzt Bracha. Erst sagten die Nachbarn: "Redet nicht so", es schade ihrer Sache. Weshalb sie, Bracha, lange ihren Mund gehalten habe. Inzwischen würden auch Farmer aus Ganei Tal, die vorher ganz andere Töne gespuckt hätten, ans Packen denken. "Was bleibt uns denn als zu sagen, wir fangen von vorne an und machen alles besser."

Zwei Siedlerfamilien aus Gaza. Zwei Perspektiven auf den Abschied, der politisch überfällig, aber für die Betroffenen tragisch ist. Eine wachsende Zahl der 8000 Siedler in Gusch Katif scheinen wie Bracha Asis Realos zu denken. Gerade in der zweiten Julihälfte hat die für Abzugsfragen zuständige Behörde Sela einen Ansturm auf Entschädigungsanträge registriert. Im Grunde hat die erste Phase der Abtrennung von Gaza begonnen, seit man Mitte Juli die besetzten Gebiete des Küstenstreifens plus angrenzendem Umland zu militärischem Sperrgebiet erklärte, das nur mit Sondererlaubnis betreten werden darf. Für Phase zwei, die Evakuierung, wird noch trainiert: an nachgebauten Siedlungshäuschen im Süden, auf dem Übungsgelände Tseelim. Das machte vielen Siedlern klar, dass der Abzug nicht mehr zu stoppen ist - trotz einer lautstarken national-religiösen Minderheit, die den Untergang des Zionismus an die Wand malt.

Insgeheim ahnt es auch Avi Farhan: "Ich bin kein Vogel Strauß, seit Yamit weiß ich, dass alles passieren kann." Yamit, das war die jüdische Siedlerstadt im Sinai, die 1982 im Zuge des Friedensvertrags zwischen Israel und Ägypten geräumt wurde. Während der Abbrucharbeiten fing sich der damalige Verteidigungsminister Ariel Scharon den Beinamen "der Bulldozer" ein. Farhan war Bürgermeister in Yamit und einer der letzten, der wich. Noch immer muss er, heute 59 Jahre alt, mit dem Taschentuch die Augen abtupfen, wenn er darüber spricht: Wie er sich, mit der vom Dach geholten israelischen Fahne in der Plastiktüte, auf den Marsch vom Sinai nach Jerusalem machte. Wie er unterwegs einen merkwürdig geformten Stein fand, der ihn an das Gesicht Moses und die Umrisse Israels erinnerte. Wie er schließlich, als er Scharon traf, verlangte, ein Flüchtlingslager für die Juden im Sinai aufzuschlagen. Der aber riet ihm, sich lieber im Norden Gazas niederzulassen.

Sechs Monate später legten Farhan und seine Freunde den Grundstein für Alei Sinai, wie sie ihr neues Zuhause in Erinnerung an ihr altes nannten: "auf zum Sinai". Und jetzt komme, 22 Jahre später, Scharon ein zweites Mal mit einem Abrissbefehl daher, erregt sich Farhan: "Da kann man gleich bei jedem Sicherheitsproblem ein Umzugsunternehmen bestellen." Farhans Ironie verdeckt sein Gefühl der Ohnmacht. Eigentlich beschränkt sich sein Widerstand darauf, dass sie ihn hinaustragen müssen, wenn er sein Haus verlassen soll - verbunden mit dem Kalkül, dass manche Soldaten dazu emotional gar nicht in der Lage sind oder zumindest nicht im Gewühl weinender Kinder. Farhans bester Freund und Nachbar, der wohlbeleibte Yossi Barebi, will es den Soldaten zusätzlich schwer machen. "Ich bin aus gutem Grund fett", sagt er grinsend, "um mich rauszukriegen, brauchen die Soldaten sechs Mann."

Militanz behagt beiden nicht. Räumungsgegner, die Nägel auf die Fahrbahn streuen, oder die Bombenattrappen mit versteckter Botschaft deponieren ("der Abzug wird in euer Gesicht explodieren"), sind in ihren Augen "Provokateure, die unseren Namen beschmutzen". Die meisten Gaza-Siedler orientieren sich an der vorherrschenden Meinung. Und die sieht keinen Sinn darin, weiter in dem von Gewalt und Überbevölkerung geprägten, palästinensischen Elendsstreifen zu bleiben. "Das Bedürfnis der Gaza-Siedler, staatstreue Bürger zu sein", sagt Yair Sheleg, Forscher am Israeli Democracy Institute, "wird über ihren Zorn siegen".

Von Alei Sinai führt die Fahrt zurück über die Straße, die ein Metallzaun mit elektronischen Sensoren sichert. Zu den Siedlungen weiter südlich geht es außen herum um den Gazastreifen, längs runter und über den Kontrollpunkt Kissufim wieder hinein nach Newe Dekalim, die mit 640 Familien größte Kolonie in Gusch Katif.

Hübsche Häuser mit Vorgärten wechseln sich hier ab mit schmucklosen Betonklötzen. Doch wohin man schaut, es dominiert die Farbe orange: auf Fahnen, Plakatanschlägen und Klamotten. Bei manchen ist es das T-Shirt oder das Armband, bei einem Teenager der zum Sonnenturban aufgetürmte Schal. Man geht hier nicht ohne orange, die Farbe der Abzugsgegner. Eigentlich rechnet sich auch Bracha Asis dazu. Sie findet es "nicht gerecht" gehen zu müssen. Es fällt ihr auch deshalb schwer, weil sie mit 53 Jahren denkt, dass sich mit dem Auszug aus Ganei Tal zugleich das Kapitel ihres jüngeren Lebens schließt. Empfindet sie es als Ende eines Traumes? "Ja", sagt sie, nur deshalb ununterbrochen auf Scharon zu schimpfen, hält sie für "albern". Er habe die Mehrheit im Kabinett, der Knesset und der Bevölkerung hinter sich. Da ist sie "Realistin", auch wenn ihre jung verheiratete Tochter sich darüber mokiert. Nein, Bracha Asis wird am 15. August, wenn die Soldaten die Räumungsbefehle aushändigen, schon gepackt haben.

Ebenso steht der Plan, wann ihr Mann und die Söhne die Geranientöpfe umsetzen werden, denn sie haben ihren Großabnehmern in Europa zugesagt, dass der nächste Schnitt im Oktober ohne Verzögerung geliefert wird. Ihre zehn thailändischen Arbeiter werden mit umziehen, ihre drei palästinensischen Gehilfen, allesamt harte Malocher, nicht. Die Armee habe abgeraten für sie eine Sondergenehmigung zu beantragen. Die Asis jedenfalls werden in einer von der Regierung gestellten Fertigwohnung auf Rädern leben bis ihr neues Haus, zwanzig Minuten von den neuen Treibhäusern entfernt, fertig ist. Sie werden die Ärmel aufkrempeln, aber als Gärtner kennen sich ja aus mit Wurzelschlagen. "Vielleicht", überlegt Bracha Asis, "werden wir in zehn Jahren auf alles zurückblicken und sagen, es ist gut, wie es gekommen ist."

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