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Der Sozialdemokrat Franz Müntefering (73) gehört zu den wenigen Abgeordneten, von denen es zu Recht heißt, dass sie Geschichte geschrieben haben.

Sommerpause im Bundestag

Ein Abschied für immer

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Mehr als 100 Bundestagsabgeordnete werden nach dem 22. September nicht mehr im Parlament mitmischen. Für sie war es am Freitag - nach der letzten Sitzung vor der Sommerpause - ein Abschied für immer.

Manche werden wir vermissen, weil wir uns an ihre Bilder in den Nachrichten gewöhnt haben. Von anderen haben die meisten Zeitungsleser, Fernsehzuschauer und Internetnutzer noch nie etwas gehört. Oder ist jemandem der Name des FDP-Abgeordneten Peter Röhlinger ein Begriff? Der ehemalige Oberbürgermeister von Jena gehört zu den mehr als 100 Bundestagsabgeordneten, die sich mit dem Ende der jetzigen, der 17. Wahlperiode aus dem Parlament verabschieden.

Die meisten von ihnen gehen freiwillig, weil sie lange genug Politik betrieben haben. Andere wurden von ihren Parteifreunden nicht mehr aufgestellt – 17 Prozent insgesamt. Bei SPD und FDP sind es nach heutigem Stand jeweils ein Viertel, bei der Union 17, bei Grünen und Linken je sieben Prozent. Wie viele der alten Abgeordneten keine neuen mehr sein werden, lässt sich jedoch naturgemäß so richtig genau erst nach dem 22. September sagen.

Denn das letzte Wort über die Zusammensetzung des Bundestages haben immer noch die Wählerinnen und Wähler. An der Spitze derer, die wir (so oder so) vermissen werden, stehen zwei Sozialdemokraten: Wolfgang Thierse und Franz Müntefering. Der 73-jährige Sauerländer gehört zu den wenigen Abgeordneten, von denen es zu Recht heißt, dass sie Geschichte geschrieben haben. Ohne seinen Rat und Beistand hätte Bundeskanzler Gerhard Schröder sich und seine Partei 2005 nicht in das Abenteuer von Neuwahlen gestürzt. Müntefering führte die SPD nach der anschließenden knappen Niederlage in die ungeliebte große Koalition.

Der Berliner Wolfgang Thierse mit seinem eher zauseligen als wohl gestutzten Bart, war über Jahre die unverwechselbare Stimme der Ostdeutschen im Bundestag. Das ist dem 69-Jährigen gelegentlich so auf den Wecker gefallen, wie er den politischen Gegner genervt hat. Aber das bleibt, weniger sein Engagement für sein Lieblingsthema Kulturpolitik.

Dann sind da noch zwei höchst unterschiedliche Genossen derselben Partei: Heidemarie Wieczorek-Zeul und Hans-Ulrich Klose. Der 76-jährige Hamburger hat auf dem rechten Flügel seiner Partei angefangen, dann führte ihn der Streit um die atomare Nachrüstung nach links. Heute gilt er als Garant für einen verlässlichen Kurs der SPD gegenüber den Vereinigten Staaten – anerkannt auch in der CDU.

Die „Rote Heidi“ wiederum hat den Spitznamen ihrer Jugend bis ins 70. Lebensjahr behalten – wegen ihrer einschlägig gefärbten Haare und wegen ihrer politischen Gesinnung. Die frühere Entwicklungsministerin war keine bequeme, aber immer eine engagierte Kämpferin für die Belange der Dritten Welt, heute so anerkannt, dass selbst die „Bild“-Zeitung ihr ein „Danke“ hinterherruft.

Einer, der im Kleineren Geschichte gemacht hat, heißt Ernst Burgbacher. Der FDP-Politiker aus Baden-Württemberg war es nämlich, der in seiner Partei am Ende erfolgreich für den Steuerabschlag für Hotelbesitzer gekämpft hat. Was zwar den Gastronomen genutzt, den Liberalen aber eher geschadet hat.

Zusammen mit Burgbacher verlassen zwei FDP-Politiker das Parlament, die ihre größte Zeit in der Ära Kohl hatten: Der 69-jährige Wolfgang Gerhardt als Chef der Partei, der 72-jährige Hermann-Otto Solms als Vorsitzender der Bundestagsfraktion.

Auch die CSU verliert einige fernsehbekannte Gesichter, Michael Glos zum Beispiel und Norbert Geis. Die beiden Franken gehörten stets zu den Mitgliedern des informellen „Vereins für klare Aussprache“ im Bundestag. Geis stritt als Innen- und Rechtspolitiker für die alten konservativen Werte, bis er selbst der eigenen Partei zu altmodisch wurde. Glos polemisierte wie kaum ein Zweiter im Parlament gegen alles was links von der Mitte war. Als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe fühlte er sich wohl, das Amt des Wirtschaftsministers war sein Ding nicht. Zu seinem Abschiedsfest in der Bayerischen Landesvertretung kam sogar der greise Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl.

Aus ganz anderem Holz geschnitzt ist Ruprecht Polenz. Der Westfale ist (als Nachfolger von Klose) Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses und wie dieser überparteilich für seinen ruhigen Sachverstand geschätzt. Angela Merkel hat den 67-Jährigen vor Jahren zum CDU-Generalsekretär gemacht und musste schnell einsehen, dass er in der Rolle des „Wadenbeißers“ eine Fehlbesetzung war.

Aus den Grünen gehen zwei Repräsentanten einer – ja doch: untergegangenen Epoche in den (Un?)Ruhestand: Wolfgang Wieland (65), Mitbegründer der Alternativen Liste, war in rot-grünen Zeiten sogar kurz mal ein Justizsenator. Respekt. Kerstin Müller ist dagegen erst 49 Jahre alt und hört dennoch auf. Zu Gerhard Schröders und Joschka Fischers Zeiten war sie erst Fraktionsvorsitzende, dann Staatsministerin im Auswärtigen Amt – aber das waren eben Zeiten, als Frauen zwar Posten bekamen, aber wirkliche Macht ihnen verwehrt wurde. Alles passé.

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