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Schwer kranke Frau

Abschiebung aus Bayern – Äthiopierin Mimi T. steht vor dem Nichts

  • VonKilian Beck
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Die junge Äthiopierin Mimi T. wird Ende 2020 aus Bayern nach Addis Abeba abgeschoben. Die physisch und psychisch schwer kranke Frau lebt nun in einem Land, dem sie zu entkommen versuchte.

  • Mimi T. wird nach Äthiopien abgeschoben.
  • Nach der Abschiebung muss sie ins Krankenhaus.
  • Eine deutsche Familie nimmt sie in Äthiopien auf, aber ihr Ehemann und ihre Freund:innen sind in Deutschland.

Eine Polizistin sitzt neben ihr im Flugzeug, Mimi T. schläft viel während des Fluges von Frankfurt nach Addis Abeba. Am 28. Dezember wurde sie nach Äthiopien abgeschoben. Knapp drei Wochen später schildert sie der FR, wie sie den Tag erlebt hat.

In der Zwischenzeit kämpften Unterstützer:innen gegen ihre Abschiebung. T. saß zuvor wochenlang in Abschiebehaft und verlor massiv an Gewicht. Sie leidet unter einer unbehandelten schweren depressiven Episode. Ärzte bescheinigten ihr Reiseunfähigkeit. Schlussendlich entscheidet das Verwaltungsgericht Ansbach, dass sie abgeschoben wird.

„Ich habe keine Familie. Wo soll ich hingehen?“, fragt T. die Polizistin im Flugzeug. Die 33-jährige Äthiopierin bittet sie zudem um ihr Handy. Sie möchte ihren Ehemann in Deutschland anrufen. Doch die Polizistin vertröstet sie erst auf die Zwischenlandung in Istanbul und dann auf die Ankunft in Addis Abeba. Dort stellt ihr die Beamtin einen Rollstuhl hin und verließ, so schildert es T., den Flugsteig durch einen anderen Ausgang. „Rückzuführende werden grundsätzlich bis zur Einreise ins Zielland begleitet“, teilt das zuständige Polizeipräsidium Oberbayern Nord auf Anfrage mit. Dort würden sie Vertreter:innen des Ziellandes übergeben.

Unsicheres Pflaster für Frauen: Menschenrechtsorganisationen berichten von sexueller Gewalt durch äthiopische Sicherheitskräfte.

Nach der Abschiebung nach Äthiopien steht Mimi T. allein am Flughafen

Ihr Handy erhält Mimi T. bei der Einreise zurück – allerdings mit leerem Akku und deutscher SIM-Karte. Im Rollstuhl, geschwächt von der wochenlangen Abschiebehaft in Bayern, reist sie in der Nacht zum 29. Dezember wieder in ihr Heimatland Äthiopien ein. Ein Land, in dem sie keine Kontakte und Familie mehr hat, kritisieren der bayrische Flüchtlingsrat und die Nürnberger Linke. Der Personensuchdienst des Roten Kreuzes bestätigt im Juni 2020, dass Mimi T.s Suchauftrag nach ihrer Familie bisher erfolglos verlaufen sei.

„Addis ist jetzt ganz anders, das macht es mir schwer“, sagt T. Vor 12 Jahren verließ sie Äthiopien auf der Flucht vor dem damaligen Regime. Unter dem neuen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed verlor die Volksbefreiungsfront von Tigray (TLPF) jedoch an Macht und Reformen wurden umgesetzt. Die Menschenrechtslage im Land sei aber weiterhin angespannt, so Clara Braungart, Äthiopien-Expertin von Amnesty International. Von 1991 bis 2018 regierte die TLPF an der Spitze einer autoritären Koalition. Amnesty International berichtet von Erschießungen Oppositioneller in der Anfangszeit des Regimes; durch die gesamte Regierungszeit ziehen sich Massenverhaftungen, exzessive Gewaltanwendung durch Sicherheitskräfte und die Folter von kritischen Journalist:innen und Oppositionellen.

Die Lage in Äthiopien

Der ostafrikanische Staat hat aufgrund einer lange andauernden Heuschreckenplage mit extremen Versorgungsengpässen zu kämpfen. Darüber hinaus ist das äthiopische Gesundheitssystem durch die Corona-Pandemie an seine Belastungsgrenzen gestoßen, berichtet die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl.

Die angespannte , unübersichtliche politische Lage kommt erschwerend hinzu. In der nordäthiopischen Region Tigray bekämpft die Zentralregierung momentan die Volksbefreiungsfront von Tigray (TLPF). Aus der Provinz werden zahlreiche Massaker, Hinrichtungen und das absichtliche Aushungern der Bevölkerung gemeldet. „Die Not ist überwältigend“, teilt das Internationale Komitee des Roten Kreuzes mit.

Jenseits der Verkehrsadern sei die Region völlig „instabil“ und „unvorhersehbar“, warnt das Humanitäre Hilfswerk der Vereinten Nationen. Nach dessen Angaben sind rund 4,5 der über sechs Millionen Bewohner Tigrays auf Nothilfe angewiesen.

Der Flüchtlingsrat Bayern fürchtet, dass Mimi T. aufgrund fehlender Kontakte in Äthiopien, ihrer psychischen Beeinträchtigung und wegen der höchst konfliktären und prekären Situation im Land von einer „massiven existenziellen und psychischen Notlage“ bedroht ist. FR /jod

Abschiebung nach Äthiopien: Sexualisisierte Gewalt in Gefängnissen

Als solche war auch Mimi T. inhaftiert. Im Gefängnis wurde sie Opfer sexualisierter Gewalt. Aus der Zeit des TPLF-geführten Regimes berichtet die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Medicine for Peace, die sich der Behandlung von Folteropfern verschrieben hat, über sexuelle Übergriffe in äthiopischen Gefängnissen. „Auch unter der jetzigen Regierung gibt es Berichte über sexualisierte Gewalt durch Sicherheitskräfte“, sagt Braungart. Während ihrer Inhaftierung im oberbayrischen Eichstätt hatte Mimi T. gegenüber der lokalen Amnesty-Gruppe Angst davor geäußert, wieder von sexualisierter Gewalt betroffen zu sein.

Braungart sagt zur Lage in Äthiopien, dass das Mandat der 2018 eingesetzten Versöhnungskommission unklar im Hinblick auf Strafverfolgung von Menschenrechtsverbrechen sei. Momentan sei es „nicht auszuschließen“, dass die Menschen, die Mimi T. verfolgten, noch im Staatsdienst sind.

Über einen deutsch-äthiopischen Verein konnte Uta Bauer vom psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge in Nürnberg Kontakt zu Sarah Kohls herstellen, die bereit war, Mimi T. aufzunehmen, falls es zur Abschiebung käme. Kohls lebt seit zehn Jahren in Äthiopien und ist Projektmanagerin bei der Schweizer Caritas. Am Tag vor der Abschiebung ist die Familie Kohl in den Urlaub geflogen.

Mimi T. in Äthipoien: Nach der Abschiebung kann sie ohne Tabletten nicht schlafen

„Ich war allein, und habe auf den Karton mit meinen Sachen gewartet“, sagt T. Nach drei Stunden habe sie einen Flughafenmitarbeiter darum gebeten, ihren Ehemann anzurufen. Der ruft eine alte Freundin aus Addis Abeba an, die in der Nähe des Flughafens lebt, und bittet sie, Mimi T. abzuholen. „Bei ihr habe ich dann ein paar Stunden geschlafen“, sagt T. Am frühen Morgen des nächsten Tages, dem 29. Dezember, fährt Mimi T. mit einem Freund der Familie Kohl in ein Gästehaus, in dem ihr ein Zimmer zur Verfügung steht.

„Ich konnte nicht essen, nicht schlafen, nicht laufen“, sagt T. Drei Tage später geht sie in ein Krankenhaus. Dort sei ihr der Magen ausgepumpt worden, weiter habe sie Schmerz- und Schlaftabletten bekommen. Seitdem könne sie wieder etwas Suppe zu sich nehmen. „Ohne die Schlaftabletten kann ich nicht schlafen, ich denke zu viel nach“, sagt sie.

Mimi T. , 33, ist gebürtige Äthiopierin. Sie engagierte sich dort für die Opposition, wurde verfolgt und schließlich Opfer von sexueller Gewalt. Daraufhin floh sie über Dubai nach Deutschland und lebte acht Jahre lang in Nürnberg. 2014 wurde ihr Asylantrag abgelehnt, seitdem war sie nur noch geduldet.

Abschiebung nach Äthiopien: Trennung vom Ehemann fällt schwer

In einem Attest des Bethzatha General Hospital in Addis Abeba vom 15. Januar ist die Rede von einer Aufblähung in ihrer Bauchregion, teilweiser Desorientierung und einer Angststörung. Das Attest liegt der FR vor.

Seit dem 10. Januar lebt Mimi T. wieder bei Sarah Kohls im Gästezimmer. „Die Familie ist gut zu mir“, sagt T. Sie macht sich Sorgen um ihre Zukunft, telefoniert mit ihrem Ehemann, hört, wie sehr es ihn mitnimmt. „Er ist immer müde“, erzählt sie. Die Trennung treffe beide schwer. Sie denkt an ihre Freund:innen in Deutschland und sagt: „Ich kann nicht allein hierbleiben.“ (Kilian Beck)

Rubriklistenbild: © Getty Images

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