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Weniger Kontakte zu anderen Kindern und Druck von den Eltern – das kann das Lernen stark beeinträchtigen.
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Weniger Kontakte zu anderen Kindern und Druck von den Eltern – das kann das Lernen stark beeinträchtigen.

Corona und Schule

Familien in der Corona-Pandemie: Katastrophale Lage bei Eltern und Kindern

  • Franziska Schubert
    vonFranziska Schubert
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Bis zur Erschöpfung lernen reicht nicht: Fachkräfte könnten Kinder besser fördern – doch den Schulen fehlen die Ressourcen.

Frankfurt am Main - Susanne Seyfried ist Lerntherapeutin und unterstützt Kinder, die Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Seit den Schulschließungen in der Corona-Pandemie klingelt ihr Telefon ununterbrochen. Die Nachfrage nach kostenpflichtiger Nachhilfe und Lernförderung boomt, die Wartelisten sind lang.

„Seitdem ich Lerntherapie auch online anbiete, rufen mich deutschsprachige Eltern überall aus Europa an. Sogar jemand aus Mexiko bat mich um Hilfe“, sagt die 42-Jährige, die ihre Telefonnummer wegen zu vieler Anfragen von ihrer Webseite nehmen musste.

Die gelernte Betriebswirtin kennt die Probleme aus eigener Erfahrung: Wegen der Rechenschwäche ihrer Tochter orientierte sie sich vor vier Jahren beruflich neu, um ihr zu helfen, da die Schule das nicht vermochte.

Noch katastrophaler ist aktuell die Lage von Eltern, die sich private Förderstunden nicht leisten können. „Oft scheuen sie den enormen Aufwand und die Mühen, einen Antrag zu stellen, oder verzweifeln an der Bürokratie. Das Jugendamt bewillige eine integrative Lerntherapie zudem nur dann, „wenn das Kind bereits seelisch beeinträchtigt ist und nicht mehr gern zur Schule geht“.

Corona in der Schule: Förderangebote sind weggebrochen

Die Situation für Kinder mit Lernproblemen ist in der Pandemie ausgesprochen schwierig, denn an den Schulen sind vielerorts die individuellen Förderangebote weggebrochen. Wer hilft nun diesen Kindern und nimmt sich Zeit für sie, wenn sie frustriert sind, weil sie beim Schulstoff nicht mehr mitkommen oder sich ständig mit Misserfolgen konfrontiert sehen?

An deutschen Schulen hat jeder fünfte Jugendliche im Alter von 15 Jahren allgemeine Lernschwierigkeiten, wie die Pisa-Studie sowie die Level-One-Studie „Leben mit geringer Literalität“ (Leo) belegen; beide wurden 2018 veröffentlicht. „Pro Klasse sind zudem zwei bis drei Schülerinnen und Schüler, die eine diagnostizierte Lese- und Rechtschreibschwäche haben. Das sind oft ganz schlimme Schicksale“, berichtet die Dyskalkulietherapeutin. Erlangen Kinder in der Grundschule nicht die grundlegenden Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen, kann das gravierende Auswirkungen auf die weitere Bildungskarriere haben: „Jedes Kind, das verloren geht, ist eines zu viel“, warnt daher auch die Bildungsgewerkschaft GEW.

INTEGRATIVE LERNTHERAPIE

Schülerinnen und Schüler mit normalen kognitiven Fähigkeiten, aber schwerwiegenden Störungen in Teilbereichen wie dem Lesen, Rechnen oder Schreiben haben im Regelunterricht ohne individuelle Förderung oft große Schwierigkeiten. Statt auf außerschulische Hilfsangebote für Betroffene zu setzen, die entweder privat bezahlt oder beantragt werden müssen, fordert der Fachverband Integrative Lerntherapie (FIL) die Kultusministerkonferenz (KMK) auf, Lerntherapeut:innen in Schulen einzustellen: „Ein guter Bildungsabschluss darf nicht an die soziale Herkunft und die sozioökonomischen Möglichkeiten gebunden sein“, heißt es im Schreiben an die KMK.

Im Rahmen eines Pilotprojekts an der Uni Hamburg begleiten Lerntherapeutinnen an fünf Hamburger Grundschulen Kinder, die von anderen Fördermaßnahmen nicht profitieren oder die Lernstörungen haben. Therapeutinnen, die auch auf die psychisch-emotionalen Aspekte und Selbstwirksamkeit achten, und Lehrkräfte kooperieren dabei in multiprofessionellen Teams. (isk)

Lerntherapeutin Seyfried spricht immer wieder mit verzweifelten Müttern, „die einfach nicht mehr weiterwissen“. Schlüpfen Eltern über Monate in die Lehrerrolle, birgt das weiteres Konfliktpotenzial. Und auch für Kinder hat die mangelnde Unterstützung Folgen: „Ich kenne Viertklässler, die sind so frustriert, weil sie Probleme beim Zählen haben und sich Mengen nicht gut vorstellen können, so dass sie von sich selbst sagen: Ich bin zu doof für Mathe“, berichtet Seyfried.

Ohne Grundlagen geht es nicht - auch in Coronazeiten

Doch wenn Grundlagen fehlen, hilft es wenig, wenn lernschwache Kinder bis zur Erschöpfung üben. „Solange es mit falschen Methoden probiert wird, gibt es auch beim 100. Arbeitsblatt keinen Lerneffekt. Es bringt nichts, wenn das Kind sich mit einem Text herumquält, den es nicht versteht. Andere lernen sogar das Einmaleins wie ein Gedicht auswendig.“ All dies sei wenig erfolgversprechend. Umso wichtiger ist der Lerntherapeutin daher, individuell zu schauen, wo das Problem beim Lernen liegt, und dort gezielt anzusetzen.

Genau das hat sie an der Grundschule in Villingen-Schwenningen getan, bevor das Homeschooling, der Wechselunterricht und die Notbetreuung den Schulbetrieb komplett auf den Kopf stellten. In engen Kontakt zu den Lehrkräften förderte sie vor der Pandemie die Kinder häufig auch präventiv und niedrigschwellig, die im Unterricht nicht so gut mitkamen.

„Entweder half ich ihnen in Einzelstunden oder in Kleingruppen und gab auch den Eltern Übungstipps.“ Auch Lehrkräfte entlastet sie durch Beratung, wie sie schwächere Kinder im Unterricht in ihrem eigenen Tempo am besten fördern können, und gibt Tipps für entsprechende Materialien. „Die meisten Pädagogen haben ein Bewusstsein für die Problematik. Aber es gibt wenige Ausnahmefälle, die denken, dass die Betroffenen dumm oder zu faul seien.“

In der Corona-Pandemie fehlt das soziale Miteinander in der Klasse

Seyfried dagegen, die derzeit ihren Master als Integrative Lerntherapeutin an der Technischen Uni Chemnitz ablegt, hat einen ressourcenorientierten Ansatz: „Ich schaue auch darauf, was ein Kind unheimlich gut kann.“ Es sei ganz wichtig, dass Kinder merken, „dass jemand an sie glaubt und es nicht schlimm ist, wenn andere in der Klasse schneller oder besser lernen“.

Susanne Seyfried im Gespräch mit einer Schülerin.

Doch seit Dezember ist damit Schluss, wegen Lehrkräftemangels hilft sie nun ausschließlich bei der Notbetreuung. „Es fehlt den Kindern momentan ganz, ganz viel – auch emotional. Einige finden es zwar super, dass sie sich nun selbst einteilen können, was sie wann und wo lernen. Anderen fehlt das soziale Miteinander in der Klasse.“ Susanne Seyfried wünscht sich daher sehr, dass „Kinder endlich bald wieder Kind sein können“.

„Lernförderung strukturell an Schulen verankern“

Obwohl die Lerntherapeutin einen so wertvollen Job ausübt, ist ihre Position im Schulsystem äußerst unbefriedigend. „Bei uns in Baden-Württemberg werden Lerntherapeuten oft nur als Vertretungskraft oder aufgrund des Lehrermangels eingestellt, statt gezielt Stellen für sie an den Schulen zu schaffen“, kritisiert Seyfried. Sie selbst bekomme bislang lediglich befristete Jahresverträge inklusive sechsmonatiger Probezeit, häufig erhält sie während der Sommerferien gar kein Gehalt.

Vor allem aber von staatlicher Seite vermisst Seyfried konkrete Schritte, um Lernförderung strukturell und dauerhaft an Schulen zu verankern: „Dabei wäre das so wichtig für die viel gepriesene Bildungsgerechtigkeit in unserem Land“, betont sie. „Wir brauchen an den Schulen multiprofessionelle Teams bestehend aus Lehrkräften, Lern- und Sprachtherapeuten sowie Heilpädagogen.“ (Franziska Schubert)

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