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Hat sich immer wieder verzockt: Sigmar Gabriel (SPD), zuletzt Außenminister.

SPD

Abgang eines Pokerspielers

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Sigmar Gabriel muss von der großen politischen Bühne abtreten. Diesen Einschnitt hat er selbst zu verantworten.

Wer in den Wochen vor dem Mitgliederentscheid über die große Koalition auf SPD-Versammlungen war, traf dort immer wieder auf Sozialdemokraten, die es kommen sahen. Ungläubig. Wie man denn, so fragten sie, ausgerechnet Sigmar Gabriel aussortieren könne? Den Mann, der doch der letzte Rock’n’Roller der deutschen Politik sei.

Musik ist Geschmackssache – und ob Gabriels mal einnehmendes, nicht selten aber auch ruppiges Auftreten wirklich etwas von den Rolling Stones hat, sei jedem selbst überlassen. Es ist aber tatsächlich so, dass mit dem 58 Jahre alten Niedersachsen ein Politiker aus der ersten Reihe abtritt, der seinesgleichen sucht.

Gabriel ist der Typus des politischen Pokerspielers. Er hat bewiesen, dass er seine Karten extrem geschickt ausspielen kann – gerade, wenn es um hohe Einsätze geht. So führte Gabriel die Partei 2013 in eine große Koalition, in der die SPD den Mindestlohn umsetzen konnte. Und obwohl die SPD nicht einmal annähernd Mehrheiten in der Bundesversammlung hatte, setzte er die zwei letzten Bundespräsidenten durch: Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier.

Doch Gabriel war nie einer, der wusste, wann man auch besser einfach mal stillhält, die Karten niederlegt und sagt: „Ich passe.“ Gabriel hat erarbeitetes Kapital immer wieder auch verzockt – nicht zuletzt, indem er sich als sprunghaft und unzuverlässig präsentierte. Als Außenminister wurde er plötzlich, wie so viele in diesem Amt, zum beliebtesten Politiker Deutschlands. In seinen Jahren zuvor als SPD-Chef wollten ihn sich viele in der Bevölkerung und auch in der eigenen Partei lieber nicht als Kanzler vorstellen. Gabriel hatte grauenhafte Umfragewerte – und schickte mit Peer Steinbrück und Martin Schulz zwei Mal andere Kandidaten vor. Auf diese Weise erwies sich Gabriel lange Zeit als politischer Überlebenskünstler.

Jetzt ist das Spiel aus. SPD-Fraktionschefin und der künftige Vize-Kanzler Olaf Scholz wollen Gabriel nicht im nächsten Kabinett haben. „Ich bin nach wie vor direkt gewählter Abgeordneter des Deutschen Bundestages, aber nun endet die Zeit, in der ich politische Führungsaufgaben für die SPD wahrgenommen habe“, verbreitete Gabriel am Donnerstag in einer Erklärung. Es sei eine spannende und ereignisreiche Zeit gewesen, die ihm große Chancen und Erfahrungen eröffnet habe. Diese, so Gabriel, seien weit über das hinausgegangen, „was ich mir als junger Mensch zu träumen gewagt hätte“. Dafür empfinde er Dankbarkeit.

Gabriels ungewöhnliches Leben hat seinen unbändigen Ehrgeiz geformt. Er stammt aus armen Verhältnissen im niedersächsischen Goslar. Seine Eltern trennten sich, als er drei Jahre alt war. Gegen seinen Willen wuchs er in den ersten zehn Jahren bei seinem Vater auf, einem Mann, der bis zum eigenen Tod von der nationalsozialistischen Ideologie begeistert blieb. 1969 erhielt Sigmar Gabriels Mutter, eine Krankenschwester, nach mehrjährigen juristischen Auseinandersetzungen das alleinige Sorgerecht. Goslar blieb für Gabriel sein ganzes politisches Leben hindurch ein wichtiger Fixpunkt. Hier holte er sich das, was er unter Erdung und Kontakt zu den Bürgern versteht.

Gabriel studierte auf Lehramt, arbeitete in der Erwachsenenbildung. Er wurde bereits mit 40 Jahren Ministerpräsident von Niedersachsen – und scheiterte krachend. Doch er arbeitete sich wieder heran und wurde in der großen Koalition von 2005 bis 2009 ein erfolgreicher, öffentlich stark präsenter Umweltminister. In der vergangenen Legislaturperiode war er erst Wirtschafts- und dann Außenminister.

Die Bilanz des Sozialdemokraten als Parteichef ist so facettenreich wie der Mensch und Politiker Gabriel selbst. Er übernahm die Partei an einem Tiefpunkt – und gab sie an einem solchen wieder ab. Er richtete die SPD nach der Wahlniederlage 2009 mit seiner Rede auf dem Dresdner Parteitag wieder auf. Und doch konnte er ihr nie dauerhaft Halt und Verlässlichkeit geben.

Rücksichtsloser Umgang mit Weggefährten

Gabriel konnte als SPD-Vorsitzender begeistern. Er ging aber auch oft rücksichtslos mit Weggefährten und Mitarbeitern um. Andrea Nahles, die nun über Gabriels politisches Schicksal zu entscheiden hatte, musste in ihren Jahren als Generalsekretärin unter ihm leiden. Und: Als Gabriel schließlich, an den damals schlechten eigenen Umfragewerten verzweifelnd, vor einem Jahr den SPD-Vorsitz an Martin Schulz übergab, fuhr er dem von ihm ausgesuchten Nachfolger und Kanzlerkandidaten immer wieder in die Parade. Er fand halt doch, er könne es besser.

Siebeneinhalb Jahre lang war Gabriel SPD-Chef – so lange wie keiner seit Willy Brandt. Jahre als SPD-Vorsitzender sind anstrengend, sie zählen dreifach. So gehört es zur großen Tragik des Sigmar Gabriel, dass er den idealen Job für sich erst ein Jahr vor Ende seiner Karriere antrat: Außenminister. Bereits bei seinem Antrittsbesuch in Frankreich war Gabriel der perfekte Gast und berichtete menschlich anrührend, wie er als Zehntklässler der Realschule Hoher Weg in Goslar das erste Mal in Paris war. Er gab dem russischen Kollegen Sergej Lawrow in Moskau beeindruckend kontra. Überhaupt fand er, anders als sein Vorgänger Frank-Walter Steinmeier, eine verständliche Sprache jenseits der Schachtelsätze. Und: Er leistete einen Beitrag dazu, dass der in der Türkei inhaftierte Journalist Deniz Yücel zurück nach Deutschland kommen konnte.

Dass Gabriel am Ende dennoch keine Chance hatte, sein Amt zu behalten, hat einmal mehr mit seinem Temperament zu tun. Als er erfuhr, dass Martin Schulz ihn aus dem Ministeramt verdrängen wollte, brachte er sogar seine kleine Tochter ins Spiel. Die habe ihm gesagt: „Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als der Mann mit den Haaren im Gesicht.“ Das fanden selbst viele seiner Freunde bösartig.

Martin Schulz war schon bald darauf Geschichte. Doch da hatte Gabriel seine Karten bereits wütend an die Wand geworfen – statt sie einfach, mit einem Pokerface, in der Hand zu behalten.

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