Am 11. September: Al-Kaida veröffentlicht neues Video mit Terror-Anführer

9/11-Jahrestag

Am 11. September: Al-Kaida veröffentlicht neues Video mit Terror-Anführer

20 Jahre nach den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 verbreitet das Terrornetzwerk Al-Kaida ein neues Video. Anführer Al-Sawahiri droht …
Am 11. September: Al-Kaida veröffentlicht neues Video mit Terror-Anführer
„Deutschland 9/11“ (ARD) – Der Terror aus heiterem Himmel

TV-Kritik zum 11. September

„Deutschland 9/11“ (ARD) – Der Terror aus heiterem Himmel
In dem bewegenden Dokumentarfilm schildern bekannte und unbekannte Zeitzeugen ihre persönlichen Erinnerungen an den 11. September 2001 und die Anschläge aufs World Trade Center.
„Deutschland 9/11“ (ARD) – Der Terror aus heiterem Himmel

Der Terror vom 11. September 2001 in den USA - und die Folgen

Der 11. September 2001 hat viele Bilder in unseren Köpfen und Herzen hinterlassen. Unvergesslich schreckliche Szenen, die wir live im Fernsehen sahen, ungläubig erst, dann mit der Erkenntnis: Dies geschieht wirklich. Der 11. September 2001 hat uns auch ein Wort gelehrt – eines, das wir zuvor schon kannten, aber nicht in dieser Dimension: Terror.


Dieses Wort verbindet sich sofort mit den Bildern von damals: den brennenden, einstürzenden Türmen des World Trade Centers in New York. Es verbindet sich mit einer Zahl: 2996 Menschen kamen bei den Anschlägen ums Leben. Es verbindet sich mit einem Namen: Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden. Es verbindet sich mit einem Gefühl, das uns seit damals furchtbar vertraut ist: Die Sicherheit, in der wir uns Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges wähnten, gibt es nicht. Wir, die westliche Welt, sind verwundbar, überall und jederzeit. Weil es geschehen kann, dass Menschen – kein Naturereignis, kein Unglück, kein Zufall – uns bewusst und systematisch in Angst versetzen. Menschen, denen für diese Absicht jedes Mittel recht ist.


Der 11. September 2001 war eine Zäsur. Die „New York Times“ schrieb tags darauf, dies sei „einer jener Momente, in denen die Geschichte sich teilt und wir die Welt als ‚vorher‘ und ‚nachher‘ definieren“. Von diesem „Nachher“ und seinen Folgen, die wir jeden Tag sehen und spüren, wollen wir – die FR-Autorinnen, Korrespondenten und auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, in diesem Onlinedossier erzählen.

9/11: Rüstungspolitik

9/11 und der Drohnenkrieg: Wenn die Todesengel über dir kreisen

Der „Krieg gegen den Terror“ rückt Kampfdrohnen ins Rampenlicht. Sie werden als exakt gelobt, dabei töten sie wahllos. Ein Gastbeitrag von Emran Feroz.
9/11 und der Drohnenkrieg: Wenn die Todesengel über dir kreisen

US-Kultur

Avengers retten New York: Wie Heldenfilme von Marvel 9/11 neu erzählen

Ein Angriff auf New York - doch diesmal stehen die Avengers bereit, um die Stadt zu retten. Kein Zufall, denn Superheldenfilme wie die von Marvel versuchen die Tragödie von 9/11 mit einem Happy End zu überschreiben.
Avengers retten New York: Wie Heldenfilme von Marvel 9/11 neu erzählen

9/11: Gesellschaft

Nach 9/11: Konfrontationen stärken Arabischstämmige in den USA

Seit 2001 kämpfen arabischstämmige Menschen in den USA mit vielerlei Anfeindungen. Die Konfrontationen stärken aber das kulturelle und politische Selbstbewusstsein der Jüngeren. Ein Besuch in Dearborn, Michigan.
Nach 9/11: Konfrontationen stärken Arabischstämmige in den USA

Aktuell

Anschläge in New York

11. September 2001: Donald Trump erfindet Anekdoten zu den Anschlägen

Zum 20. Jahrestag der Anschläge in New York erinnern sich die Menschen: auch Donald Trump, gebürtiger New Yorker und ehemaliger Präsident der USA.
11. September 2001: Donald Trump erfindet Anekdoten zu den Anschlägen

Gedenktag

Biden „benutzt Tote als politische Requisite”: US-Präsident bei …

Zum Gedenktag des Terroranschlags 9/11 in den USA ist das Land in diesem Jahr nicht in Trauer vereint. Präsident Biden trifft scharfe Kritik.
Biden „benutzt Tote als politische Requisite”: US-Präsident bei 9/11-Gedenkfeier unerwünscht

9/11: Rechtsstaatlichkeit

Guantanamo-Häftling Nummer 760 kann nicht vergessen

Mohamedou Slahi war 14 Jahre lang in Guantanamo inhaftiert. Ohne Anklage, ohne Urteil, ohne Beweis. Bis heute kämpft er gegen die Zweifel an seiner Unschuld – und gegen seine eigenen.
Guantanamo-Häftling Nummer 760 kann nicht vergessen

„Mein 11. September“ (7)

Auf der Insel

Wie haben FR-Autorinnen und -Autoren den Tag der Anschläge erlebt? Erinnerungen von FR-Autor Stephan Hebel.
Auf der Insel

9/11

Der SC Freiburg und die Gespenster von Puchov

Der frühere Trainer Volker Finke erinnert sich an ein absurdes Spiel vor 20 Jahren am Tag des Terrors in der Slowakei.
Der SC Freiburg und die Gespenster von Puchov

Originaltexte aus der FR

FR vom 12. September 2001

Leitartikel: Apokalypse des Terrors

Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon treffen das Herz der Vereinigten Staaten. Von Dietmar Ostermann (Washington).
Leitartikel: Apokalypse des Terrors

FR vom 13. September 2001

Leitartikel: Die Kriegserklärung

Das Armageddon in Manhattan ist der grausame Beweis dafür, dass die USA sich nicht politisch aus der Welt zurückziehen können. Von Jochen Siemens.
Leitartikel: Die Kriegserklärung

FR vom 13. September 2001

Telegener Terror - live

Um 14.48 Uhr mitteleuropäischer Zeit stürzt die erste Passagiermaschine in das World Trade Center. Acht Minuten später sind auf den Nachrichtenkanälen n-tv und N24 die ersten Bilder zu sehen, aufgenommen von CNN. Von Markus Brauck und Ingrid Scheithauer.
Telegener Terror - live

FR vom 13. September 2001

"Der Angriff gilt Freiheit und Demokratie"

Im Wortlaut: Die Rede von US-Präsident George W. Bush am Mittwoch, 12. September 2001, nach einem Treffen mit seinen Sicherheitsberatern im Weißen Haus in Auszügen.
"Der Angriff gilt Freiheit und Demokratie"

FR vom 13. September 2001

Das Netz geht in die Knie

Um den Ansturm nach den Terror-Anschlägen zu bewältigen, nehmen die Internet-Anbieter die Bilder von den Seiten. Von Günter Frech.
Das Netz geht in die Knie

FR vom 15. September 2001

Totale auf den Krieg

Zur Rhetorik und Liturgie des Verteidigungsfalls: Der Westen nach dem Massenmord in Manhattan.
Totale auf den Krieg

FR vom 22. September 2001

Die Uhr tickt

In seiner Botschaft an die Bürger stellt US-Präsident George W. Bush dem Terror ein bedingungsloses Ultimatum. Von Dietmar Ostermann (Washington).
Die Uhr tickt

FR vom 29. September 2001

Leitartikel: Bush am Scheideweg

Dauerhafter Ruhm kann auf gewonnenen Schlachten allein nicht gründen. Keines der vor dem 11. September drängenden Probleme ist gelöst, im Gegenteil. Von Dietmar Ostermann (Washington).
Leitartikel: Bush am Scheideweg

FR vom 4. Oktober 2002

Leitartikel: Krieger im Blindflug

Warum Irak? Warum jetzt? Mit wem? Mit welchem Risiko, mit welchem Ziel? Wohl noch nie seit Vietnam gab es in den USA so viel Unsicherheit und offene Fragen am Vorabend eines Krieges. Von Dietmar Ostermann (Washinton).
Leitartikel: Krieger im Blindflug

„Mein 11. September“ (6)

In der FR-Redaktion

Wie haben FR-Autorinnen und -Autoren den Tag der Anschläge erlebt? Erinnerungen von Feuilleton-Redakteurin Judith von Sternburg.
In der FR-Redaktion

Interview

Nach 9/11 – Gerd Gigerenzer fordert „mehr Risikokompetenz“

Sozialpsychologe Gerd Gigerenzer über das Missverhältnis zwischen geschürten Ängsten und tatsächlichen Gefahren – und wie es demokratische Grundwerte bedroht.
Nach 9/11 – Gerd Gigerenzer fordert „mehr Risikokompetenz“

9/11: Schau des Terrors

Das 9/11-Museum in New York: Am Abgrund von Ground Zero

Das 9/11-Museum in New York ist ein Ort, an dem der Schrecken bewusst inszeniert wird. Überlebende des 11. September 2001 meiden ihn aus gutem Grund.
Das 9/11-Museum in New York: Am Abgrund von Ground Zero

„Mein 11. September“ (5)

Verzögerter Schock

Wie haben FR-Autorinnen und -Autoren den Tag der Anschläge erlebt? Erinnerungen von Peter Rutkowski, stellvertretender Ressortleiter Politik.
Verzögerter Schock

9/11: Wirtschaft

Extremus - der Spezialist für Terrorschäden

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde mit staatlicher Hilfe ein Versicherer für Terrorrisiken gegründet. Er könnte nun Vorbild für einen Pandemie-Versicherer werden.
Extremus - der Spezialist für Terrorschäden

„Mein 11. September“ (4)

Die Gnade der Ferne

Wie haben FR-Autorinnen und -Autoren den Tag der Anschläge erlebt? Erinnerungen von Feuilleton-Redakteurin Sylvia Staude.
Die Gnade der Ferne

9/11: Gesellschaft

Dieser verdammte Tag - die Geschichte zweier Zeitzeugen der Anschläge …

Helaina Hovitz war zwölf Jahre alt, als der Terror ihr nahekam, Abe Frajndlich dokumentierte den Anschlag als Fotograf: Die Geschichte zweier Menschen, die an den Folgen von 9/11 bis heute leiden – und doch innere Stärke finden.
Dieser verdammte Tag - die Geschichte zweier Zeitzeugen der Anschläge von New York

9/11: Gesellschaft

Verschwörungstheorien zu 9/11 – von Gründen und Abgründen

War Osama Bin Laden der Drahtzieher des Anschlags in New York? Oder nicht doch die CIA? Das Buch „Der Kampf um die Wahrheit“ befasst sich auch mit den Verschwörungstheorien zum 11. September. Ein Auszug.
Verschwörungstheorien zu 9/11 – von Gründen und Abgründen

„Mein 11. September“ (3)

Völlig losgelöst

Wie haben FR-Autorinnen und -Autoren den Tag der Anschläge erlebt? Erinnerungen von Panorama-Chef Boris Halva.
Völlig losgelöst

„Mein 11. September“ (2)

Kein „normaler“ Unterricht

Wie haben FR-Autorinnen und -Autoren den Tag der Anschläge erlebt? Erinnerungen von Magazin-Chefin Tanja Kokoska.
Kein „normaler“ Unterricht

9/11: Stadtentwicklung

Das trügerische Glitzern von New York

Nach 9/11 machte Bürgermeister Michael Bloomberg aus New York ein Luxusprodukt. Dann kam Corona – und legte die Missstände schonungslos offen. Vom Leben in einer Stadt zwischen zwei existenziellen Krisen.
Das trügerische Glitzern von New York

9/11: Außenpolitik der USA

Afghanistan, der Terror und die Kalten Krieger: Die Irrtümer der USA

Der Historiker Bernd Greiner über die vielen Irrtümer der Vereinigten Staaten, die in Afghanistan ihre Vormachtstellung zementieren wollten – und alles Vertrauen zerstörten.
Afghanistan, der Terror und die Kalten Krieger: Die Irrtümer der USA

Terroranschläge vom 11. September 2001: Chronik

Was geschah in den Tagen unmittelbar vor dem 11. September 2001? Von Peter Rutkowski


9/11


Um 8.46 Uhr (Ortszeit) steuert Mohammed Atta den American-Airlines-Flug 11 in die oberen Stockwerke des Nordturms des World Trade Center (WTC). Mit 748 Kilometern pro Stunde. Zusammen mit Atta und seinen vier Helfern sterben beim Aufprall 97 Menschen, Crew und Reisende. Die ersten Toten dieses Tages.


Unzählige Menschen in New York sehen die Kollision. Sie glauben, das sei ein Unfall.


9.03 Uhr. Marwan al-Schehhi rast mit United Airlines 175 in den Südturm des WTC. 800 Kilometer pro Stunde schnell. 34 000 Liter Kerosin explodieren. 60 Menschen sterben zusammen mit Al-Schehhi und seinen vier Glaubensbrüdern.


Nun weiß alle Welt: Das ist Terror.


9.37 Uhr. American Airlines 77, Hani Hanjour an den Kontrollen, schlägt in das Pentagon ein. An Bord sterben 64 Menschen, im US-Verteidigungs-ministerium zählt man 125 Tote.


10.03 Uhr: United Airlines 93 bohrt sich in ein Feld in Pennsylvania – 44 Tote. Was Ziad Jarrahs Ziel war, ist bis heute unklar. Vielleicht das Kapitol in Washington? Crew und Reisende wussten dank ihrer Handys von den anderen drei Attacken, stürmten das Cockpit und überwältigten die Entführer. Aber um ein paar Minuten zu spät.


Um 2.30 Uhr hat sich John O’Neill von einem Freund mit „Wir sehen uns morgen“ verabschiedet. Er hat in der Nacht auf den 11. September nochmal Hof gehalten im „Elaine’s“, einem noblen Szene-Restaurant in Manhattan, wo er die Nähe zur Glitzerwelt genießt. Und wo er seit Jahren auch Geheimdienstkontakte pflegte. In dieser Nacht auf Dienstag wenden sich die Gespräche einmal mehr O’Neill’s Arbeitsfokus der letzten Jahre beim FBI zu: Osama bin Laden. O’Neill ist sich angesichts der Taliban-/Al-Kaida-Offensiven in Afghanistan sicher: „Wir sind bald dran.“ Wann? „Ich weiß nicht. Bald.“


O’Neills sterbliche Überreste werden später unter den Bruchstücken eines Treppenhauses im Südturm gefunden. Der Sicherheitschef des World Trade Center hatte bis zuletzt bei der Evakuierung des Gebäudes geholfen. Einer von 2996 Toten von 9/11.



9/10


Washington ist fassungslos: Die Taliban marschieren gegen die Nordallianz – und die Clique im Weißen Haus interessiert sich nicht dafür! Präsident Bush verkauft auf einer Tour durch Grundschulen seine Lese-Initiative. Sicherheitschefin Rice, Vize Cheney, Defense Secretary Rumsfeld winken nur ab. Dabei gibt es doch schon fertige Pläne für einen bestimmt erfolgreichen US-Militäreinsatz dort!


John O’Neill lernt an diesem, seinem zehnten Arbeitstag wieder ein bisschen mehr über das Wer, Wie, Wann, Warum, Woher und Wohin, das er für seinen neuen Job braucht. O’Neill ist ein methodischer Typ, den es nicht kümmert, wenn er anderen auf den Schlips tritt. Diese Tour hat ihn nach 25 Jahren seine Karriere beim FBI gekostet. Die Bundespolizei war seine große Liebe. O’Neill macht weiter wie zuvor, nur jetzt nicht mehr beim FBI.


Das verwundert umso mehr, als er derjenige ist, der 1995 nach seiner Beförderung ins Hauptquartier des FBI auf Hinweis von Richard A. Clarke, dem Antiterrorismus-Chef des Weißen Hauses, aus dem Stegreif die Ergreifung des Hauptverantwortlichen für das 1993er Bombenattentat auf New Yorks World Trade Center (WTC) organisiert: Ramzi Yousef. Dieser ließ einen Lkw mit 600 Kilo Sprengstoff unter dem Nordturm hochgehen, der dann kollabieren und den Südturm mit sich reißen sollte. Zehntausende Tote hätte das gekostet. Tatsächlich starben sechs Menschen. Das WTC rührte sich nicht.


Mit anderen Worten: Die damaligen Attentäter, über vielerlei Ecken mit Al-Kaida verbunden, waren Amateure – entschlossen, aber unwissend. Ramzi bedauert sein Versagen, ein Fanatiker selbst in der Haft noch. Und er ist sich sicher: Mit mehr Geld hätte er es geschafft. Ein potenter Terror-Finanzier tut also not für den Dschihad?


Hani Hanjour (29) und Marwan Schehi (23) und ihre jeweiligen Kommandos in Boston, respektive in Laurel, Maryland, haben das nötige Geld gehabt. Jetzt brauchen sie keines mehr. Sie haben ihre Tickets für die morgigen Flüge United 175 und American 77, sie haben ihren Plan. Und sie alle sind sich absolut sicher, dass sie das Richtige tun und Einlass ins Paradies finden werden.



9/9


Der Sicherheitsapparat der USA gerät an diesem 9. September in helle Aufregung. In Afghanistan haben zwei als Journalisten getarnte Selbstmordattentäter Ahmed Schah Massoud getötet - mit einer Splitterbombe in einer Kamera. Massoud war ein Veteran des Krieges gegen die Sowjets und avancierte schließlich zu einer der wichtigsten Figuren des „Nordallianz“-Widerstands gegen die Taliban.


Massouds Tod bedeutet der US-Führung, den Militärs und den Geheimdiensten, dass am Hindukusch etwas in Bewegung gerät. Morgen werden sie wissen, dass das eine groß angelegte Offensive der Taliban gegen die Nordallianz ist, die erst starten konnte, nachdem das militärische Schwergewicht der Allianz beseitigt war. Was man in den USA jetzt noch nicht weiß: Die beiden Attentäter waren keine Taliban, sondern Parteigänger von Al-Kaida. Bin Laden und seine Führungsriege in Afghanistan hoffen, sich durch die Aktion Kredit bei den Taliban zu verschaffen, die sie bisher nur widerwillig geduldet haben. Al-Kaida ist sich aber sicher, dass man bald schon die Kampfkraft der Taliban für die eigene Sicherheit braucht.


Mohammed Atta ruft an diesem Sonntag wohl ein letztes Mal seinen Vater in Kairo an. Laut seinem Hauptkontakt in Hamburg, Ramzi bin al-Shibh, hat Atta seinen Crews eingeschärft, ihre Familien nicht zu kontaktieren. Aber in diesen Tagen beauftragt er Bin al-Shibh, einige letzte Grüße an Angehörige zu übermitteln.


Ramzi bin al-Shibh wollte eigentlich mit Atta und Ziad Jarrah in die USA gehen. Da er aber jemenitischer Herkunft ist, wurden alle seine Visagesuche abgelehnt – man vermutete in ihm angesichts der Armut im Jemen einen Arbeitsmigranten. So wird der gescheiterte Märtyrer Attas Mittler, Kurier und deutscher Organisator. Atta hat ihm nun auch ein Datum genannt. Bin al-Shibh hat deshalb schon ein Flugticket für seine Flucht nach Pakistan in der Tasche.


26 000 Dollar werden dieser Tage in die Vereinigten Arabischen Emirate überwiesen – an einen Agenten von Al-Kaida. Es ist Geld, das 19 Männer in den USA nicht mehr brauchen.



9/8


Mohammed Atta ist an diesem Samstag kreuz und quer in den USA unterwegs. Er sammelt seine vier Crews ein, holt den einen ab, bringt den anderen hin. Der „Emir“, der Anführer, zu dem er von den Höchsten selbst während seiner Ausbildung in Afghanistan erkoren wurde, ist nun in seinem Element. Bald wird die Welt sehen, was er kann.


Die Ungläubigen, die säkularen Muslime, die Juden, seine wohlständigen Eltern, seine Schwestern, die erfolgreiche Kardiologin und die bekannte Geologin... Der „Emir“ erscheint so, wie Islamfeinde Muslime gerne karikieren: hässlich, weichlich, kalt und aggressiv. Ein Antisemit, der in allem Unglück der Muslime eine Weltverschwörung der Juden und ihrer US-Handlanger sieht.


Ziad Jarrah düst in der Nacht zum 9. September den Interstate Highway I-95 hoch, der von Florida entlang der Ostküste bis hoch zur kanadischen Grenze in Maine reicht. Jarrah, geboren im Libanon, sympathisch, gutaussehend. Seine weltoffene türkischstämmige Freundin aus Hamburg hat er beim Zahnarztstudium in Greifswald kennengelernt. Jetzt ist er auf dem Weg zu seinem letzten Rendezvous.


Seit Tagen warten Ahmed al-Nami, Ahmed al-Haznawi und Saied al-Ghamdi auf Jarrah, ihren Piloten, in Newark, wo sie sich die Zeit mit Besuchen im Fitnessstudio vertreiben. So schnell, wie sie ihn sehen wollen und wie er sie treffen will, geht es in dieser Nacht aber nicht. Die Polizei in Maryland hält den 26-Jährigen an – und verpasst ihm einen Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens.


Wie kein anderer seiner 18 Bundesgenossen entspricht Jarrah dem Typ des „schicken Terroristen“ wie Andreas Baader in den 1970er Jahren und Ali Hassan Salameh vom „Schwarzen September“, der 1972 das Attentat in München verübte.


Als frischgebackener Pilot in Florida hat Jarrah seinen Erfolg auch stilvoll gefeiert: Flieger ausgeliehen, auf die Bahamas gejettet. Das ist aber alles nichts gegen das, was er in wenig mehr als zwei Tagen vorhat.



9/7


Drei Männer treffen sich an diesem Freitag in Newark im US-Bundesstaat New Jersey. Jeder von ihnen hat ein Ticket für den üblichen Morgenflug mit United Airlines nach San Francisco. In vier Tagen. Ahmed al-Nami, Ahmed al-Haznawi und Saied al-Ghamdi, 24, 20 und 21 Jahre jung, alle in Saudi-Arabien geboren, sind just im Nordosten der USA eingetroffen. Sie haben mehrere Monate in Florida gelebt, haben dort Bankkonten eröffnet, sich Führerscheine ausstellen lassen, haben des öfteren ein Fitness-Studio frequentiert. Nun sind sie aber dort, wo ihr Anführer sie hinbefohlen hat. Sie warten auf ihren Piloten.


Präsident George W. Bush bekennt an diesem 7. September endlich Farbe, in der ihm eigenen zirkulären, mit Business-Floskeln gespickten Art. Zu viele in den USA verlören derzeit ihren Job wegen der „gebremsten“ Wirtschaftsentwicklung: „Jeder arbeitslose Amerikaner ist ein arbeitsloser Amerikaner zu viel.“ Tatsächlich haben zehn Jahre wirtschaftlichen Wachstums mit Beginn von Bushs Amtszeit ihr vorläufiges Ende gefunden. Der erste Boom durch die Computerisierung ist vorbei. Aber Bush zeigt sich guter Dinge, denn sein Allheilmittel Steuererleichterung (vom 1. Januar 2002 an) soll die Konjunktur ankurbeln und die Investitionen fließen lassen. Derzeit sind acht Millionen Menschen in den USA ohne Arbeit, zwei Millionen mehr als noch im September 2000.


Mohammed Atta braucht keinen Job. Der 33-jährige Ägypter ist diplomierter Architekt, aber ihn interessiert jetzt nur noch ein einziges architektonisches Meisterwerk. Und er hat eine Mission. Eine heilige gar! Heute fliegt er aber nur von Fort Lauderdale (Florida) nach Baltimore. Dort in Maryland will er fünf Glaubensbrüder treffen, die wie er schon bald Großes vollbringen werden. Sehr bald.


Vielleicht will Atta mit den anderen das gemeinsame Vorgehen koordinieren. Vielleicht will er sich nochmal als ihr Anführer feiern lassen. Denn wenn sein Werk vollbracht ist, wird er den Jubel darüber nicht miterleben.



9/6 und 9/5


Richard A. Clarke hat die Faxen dicke. Vier Wochen noch, dann kann er aufatmen. Dann ist er nicht mehr Abteilungschef Antiterror des Nationalen Sicherheitsrates im Weißen Haus. Seit 1973 kümmert er sich für die Regierung um Sicherheitsfragen. Seine Lagebeurteilungen konnte er den jeweiligen Präsidenten direkt unterbreiten. Nicht, dass das immer absolut nötig gewesen wäre ... Aber jetzt ist es eine Frage von Leben und Tod. Doch George W. Bushs Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice hat ihn kaltgestellt. Bushs Team versucht sich einzureden, das mit dem Islamismus sei alles halb so wild.


Schon seit Anfang 2001 ist sich Clarke sicher, dass muslimische Terroristen etwas in den USA unternehmen werden. Wer? Wann? Wo? Die erste Frage kann er beantworten: Al-Kaida, das Netzwerk von Osama bin Laden. Clarke hat von allen Seiten diesbezüglich Informationen erhalten, Frankreich, Deutschland, Italien - der Mossad, Israels Auslandsgeheimdienst, hat ihm am 23. August eine ganze Liste von Terrorverdächtigen übermittelt. Bekannte Al-Kaida-Leute werden abgehört, ihre E-Mails abgefangen – da ist etwas im Gange. Aber Clarke kommt nicht durch; Rice, Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld schirmen den leicht beeinflussbaren Bush perfekt ab. Warum auch immer.


Der 25-jährige Nawaf al-Hazmi zahlt unterdessen irgendwo in den Vereinigten Staaten 1900 Dollar an Traveller-Schecks auf sein US-Konto ein. Nachdem er sie just in bar abgehoben hat. Warum? Man wird das nie wissen. Al-Hazmi wollte 1995 in Bosnien kämpfen, er hatte auch mal bei den Taliban angeheuert.


Bin Laden will , dass der junge Saudi in den USA, wo er sich seit dem 15. Januar 2000 aufhält, eine Pilotenausbildung macht. Doch Al-Hazmis Englisch reicht nicht dafür. So jobbt er, wartet auf Order und erzählt, er werde bald berühmt. Niemand nimmt ihn ernst. Nun, Anfang September 2001, hat Al-Hazmi seinen Marschbefehl. Ruhm und das Paradies sind ihm sicher, mag er wohl glauben.



9/4


George W. Bush hat an diesem Dienstag ein mäßig volles Programm. Für einen Präsidenten der USA: mehr als 160 Nominierungen für öffentliche Ämter unterzeichnen und an den Senat zur Prüfung oder zum Abnicken weiterleiten lassen. Neun neue Botschafterinnen oder Botschafter sind darunter. Bush und der republikanische Fraktionschef Trent Lott versuchen dann, die Presse davon zu überzeugen, dass der prekäre Staatshaushalt von den Steuergeschenken an Reiche profitieren wird und dass noch ausstehende Renten und Beihilfen für Alte und Arme „absolut“ sicher sind. Und dass der wirtschaftliche Aufschwung ganz bestimmt bald kommt.


Danach eilt der Präsident zu Kommissionssitzungen, wo der morgen anstehende Besuch seines mexikanischen Kollegen Vicente Fox vorbereitet wird. Bush will mit ihm Probleme im Freihandelsalltag des Nafta-Abkommens zwischen Mexiko, den Vereinigten Staaten und Kanada ausbügeln. Der Presse wird erklärt, wie gut Nafta für den Wohlstand von 406 Millionen Menschen in Nordamerika ist. Denn Bush hat ein Problem: Er ist ein halbes Jahr im Amt, die Wirtschaftsmacht USA schlingert, seine Beliebtheitswerte – schon mäßig zu Beginn seiner Amtszeit – wollen und wollen nicht steigen, sie fallen sogar etwas.


Derweil bereinigt an diesem 4. September das State Department, das US-Außenministerium in Washington, ein Problem. Oder glaubt, es zu bereinigen: Die Einreisegenehmigung für den saudischen Bürger Khalid al-Mihdar wird annulliert.


Al-Mihdar ist seit dem 4. Juli in den USA, aber niemand weiß, wo. Der Jemen hatte längst gemeldet, Al-Mihdar habe den Sprengboot-Angriff auf die USS Cole im Oktober 2000 im Hafen von Aden organisiert. Aber erst seit zwei Wochen steht Al-Mihdars Name auf einer Verdächtigenliste der CIA. Das FBI kann ihn nicht finden. Das State Department erklärt nun den 26-jährigen Vater zweier Töchter zur unerwünschten Person, weil er an „terroristischen Aktivitäten“ teilgenommen habe. Fall erledigt? Al-Mihdar bleibt verschwunden. In einer Woche erst taucht er wieder auf. Und mit ihm 18 weitere junge Männer. am Himmel über den USA.