+
„Verfremdete Erinnerung – im kolorierten Bild des Frankfurter Römerbergs aus dem FR Archiv sieht man die Welt von 1946 spiegelverkehrt.“ 

Ende des Zweiten Weltkriegs

75 Jahre Kriegsende am 8. Mai: Schutt, Schuld und Scham

  • schließen

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Als die Waffen endlich schwiegen, waren mehr als 60 Millionen Menschen tot. Und Hitlers Deutsche? Viele, zu viele von ihnen wollten nichts sehen und nichts wissen – auch in den folgenden Jahrzehnten nicht.

Hitlers Deutsche: Sie kamen aus der Wirtschaft, der Justiz, der Wissenschaft und der Verwaltung. Unterstützer fanden sich im intellektuellen Milieu, unter Adligen und im Klerus, begeisterte Anhänger gab es im Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft, kurz: Die „deutsche Volksgemeinschaft“ umfasste und integrierte alle Klassen, Schichten und Milieus. „Hitlers Deutsche“ vereinten sich hinter und unter ihrem „Führer“ – und sie hatten ihn frei gewählt. Die Mechanik nationalsozialistischer Macht, die Struktur der Barbarei, sie basierte auf einem kollektiven Einverständnis: ein Volk, ein Reich, ein Führer.

Die „deutsche Volksgemeinschaft“ unter Hitler: Woher kam sie?

Dazu brauchte es eine widerspruchsfreie Öffentlichkeit, eine gleichgeschaltete Presse, eine effiziente Bürokratie, ein Heer willfähriger und höriger Mitarbeiter, Komplizen und Helfer. Diese personelle Basis wurde getragen von fanatischen Parteimitgliedern, opportunistischen Karrieristen und schlichten Handlangern – sie alle hatten sich als „Herrenmenschen“ gesehen und davon geträumt, die Welt zu unterjochen. Im Namen des „Führers“ und dieses kollektiven Traums hatten sie die Menschenwürde mit Füßen getreten, Oppositionelle und Andersdenkende verfolgt, inhaftiert und ermordet.

Es war ein Geist, der biedere Bürger dazu verführte, verwerfliche, erniedrigende, menschenunwürdige Gesetze und Anweisungen blind zu akzeptieren: die Rassengesetze, die Hetzreden, die Ausschaltung jeglicher Opposition, die Judenpogrome, die „Reichskristallnacht“, der „gelbe Stern“ für jüdische Mitbürger, das Verbot „entarteter Kunst“, die Bücherverbrennungen, die Deportation jüdischer Nachbarn, die roten Plakate mit den Todesurteilen des „Volksgerichtshofs“, Goebbels‘ Ruf: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – Die meisten Deutschen machten mit. Oder schauten weg.

Für Partei, Volk und Vaterland - Wie die Mehrheit der Deutschen zu Hitlers Anhängern wurde

Die Mehrheit der Deutschen wollte nichts sehen und nichts wissen, obschon sie sehen und wissen konnten – bis zum Untergang. Nach Ende des nationalsozialistischen Wahns, nach dem Inferno – nach der Niederlage: das Ende, die „Stunde null“.

Die Deutschen waren verbittert, enttäuscht, irritiert. Auch über sich selbst?

Als das „Tausendjährige Reich“ zur Hölle gefahren war, Deutschland kapituliert hatte, geschlagen und zerschlagen – unter dem Schutt von Schuld und Scham begraben, von der Welt geächtet, in Besatzungszonen zerteilt, seiner Souveränität und seines Selbstwertgefühls beraubt – hatten die Deutschen nicht nur den Krieg (den sie in die Welt gebracht hatten), nicht nur ihren vormals so „geliebten Führer“, sondern auch ihre Identität verloren.

Keine Frage, auch hier gab es weit mehr Menschen, die – gerade der Katastrophe entkommen – das Erlebte und Geschehene verdrängten, statt es im Bewusstsein der Verantwortung als eigene Geschichte anzunehmen. Die meisten Deutschen wollten von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von Judenverfolgung und Holocaust, den NS-Verstrickungen, von schuldhaften Täterbiografien, kurz: vom moralischen und zivilisatorischen Desaster des Hitler-Deutschlands nichts mehr wissen. Ein Volk auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit.

Deutschland nach Kriegsende: Ein Volk auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit

Helmut Ortner.

In der Nachkriegsrepublik standen die Zeichen auf Amnestie und Integration der Täter. Straffreiheit für bestimmte maßnahmenstaatliche Akte der NS-Diktatur zum Bestandteil der Rechtsordnung zu machen – darum ging es. So verwandelten sich Tötungs- und Gewaltdelikte in eine „von oben“ befohlene Straftat ohne eigene Verantwortung. Die Täter und ihre Taten wurden weißgewaschen. Sie hatten angeblich keine eigene, sondern gewissermaßen eine „fremde“ Tat begangen, stellvertretend ihre Pflicht erfüllt, einem Eid verpflichtet – für Partei, Volk und Vaterland. Wo Gehorsam höchste Tugend war, konnte die Erfüllung der Tugend nichts Schlechtes sein. Es war ein Geist – es sei nochmals gesagt –, der biedere Bürger dazu brachte, verwerfliche, erniedrigende, menschenunwürdige Anweisungen blind zu befolgen, weil die meisten sie befolgten. Befehl ist Befehl.

Bis zum bitteren Ende wurden von deutschen Kriegsrichtern im Schnellverfahren Todesurteile gefällt – und unmittelbar exekutiert: „Wegen Verschwörung und Aufforderung zur Meuterei“, „Wehrkraftzersetzung“ und „Fahnenflucht“. Noch am 21. April 1945 – 17 Tage vor Ende des Krieges – wurden fünf Männer hingerichtet, die versucht hatten, die Insel Helgoland kampflos den Engländern zu übergeben. Als oberster Gerichtsherr bestätigte Konteradmiral Rolf Johannesson die Todesurteile gegen die fünf Widerständler. Fünf weitere sinnlose Tote, wenige Tage vor Ende eines sinnlosen Krieges.

Die deutsche Nachkriegszeit: Weißwaschen der Täter und ihrer Taten

Seit 2017 ziert eine Büste von Rolf Johannesson die Aula der Marineschule Mürwik in Flensburg. Der Konteradmiral der Kriegsmarine diente nicht nur Hitler, nach Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte er zu den Gründervätern der Bundesmarine. Noch heute wird zweimal im Jahr ein „Admiral-Johannesson-Preis“ an die besten Nachwuchsoffiziere der Marineschule verliehen.

Dass Nazis nach dem Krieg Karriere machten – in der Wirtschaft, in der Politik, in der Justiz, an den Hochschulen, in Ministerien, Behörden und anderen öffentlichen Institutionen –, das war keineswegs die Ausnahme. Die Adenauer-Republik setzte auf personelle Kontinuität, auch wenn es sich um vorbelastete Eliten handelte.

Der Leitartikel: 75. Jahre nach Kriegsende - Die tägliche Befreiung

Die Karriere der Nazis in der Nachkriegszeit: Von der Politik bis zur Justiz

Zehntausende von Tätern, Handlangern, Mitläufern und Mitmachern, die dem Naziregime in wichtigen Positionen gedient hatten, setzten – nun „ent-nazifiziert“ – in der neuen Bundesrepublik Deutschland ihre Karrieren fort: Politiker, Juristen, Offiziere, Ärzte, Unternehmer und Journalisten, darunter Prominente wie der Banker Josef Abs, der Kriegsrichter Hans Filbinger (der es zum Ministerpräsidenten eines Bundeslands brachte), Kurt-Georg Kiesinger (der es gar zum Bundeskanzler brachte), Werner Höfer (der zum Rundfunkchef aufstieg), Reinhard Gehlen (der zum Geheimdienstchef ernannt wurde) und viele, viele andere. Die personelle Kontinuität nach 1945 ist ein zweifelhaftes Lehrstück politischen Verhaltens zwischen Vergangenheitsverantwortung und Realpolitik.

Evidentes Beispiel: belastete Juristen. Das Bundesministerium der Justiz, das 1949 seine Arbeit aufnahm, galt als besonders NS-kontaminiert. Dass Juristen, die erwiesenermaßen eine NS-Vergangenheit hatten, in der Behörde Dienst taten, wurde ebenso wenig als problematisch empfunden wie die Tatsache, dass an deutschen Gerichten von Richtern und Staatsanwälten (häufig in leitenden Positionen) Recht gesprochen wurde, die bereits der NS-Justiz als willfährige Helfer gedient hatten. „Kein Berufsstand hat nach 1945 mit derart gutem Gewissen weiter amtiert wie die Justizjuristen“, schreibt Ingo Müller in seinem Buch „Furchtbare Juristen“. Eine ernüchternde, beschämende Bilanz.

Ungestrafte Kriegsverbrecher flohen ins Ausland 

„Ein Volk auf der Flucht vor der Vergangenheit?“ – Badeszene an der Havel, vermutlich im Sommer 1945. 

Selbst schwer belastete Täter, nachweisliche Mörder und Massenmörder, mussten kaum damit rechnen, zur Verantwortung gezogen, angeklagt oder gar verurteilt zu werden. Ehemalige NS-Juristen – nun in neuer Funktion – hielten schützend ihre Hände über sie. Andere entkamen mit Hilfe des Vatikans, wo der klerikal-faschistische Bischof Alois Hudal eine Fluchtroute für Naziverbrecher organisierte. Über dessen „rat lines“ – ausgestattet mit Ersatzdokumenten, etwa Pässen des Roten Kreuzes – entkamen Gestapomörder wie Klaus Barbie, Holocaustorganisator Adolf Eichmann, KZ-Arzt Josef Mengele und auch SS-Schlächter wie Erich Priebke oder SS-Mann Walther Rauff via Genua nach Argentinien, Bolivien oder Brasilien. Mitunter fanden sie eine Anstellung als Mitarbeiter dortiger Geheimdienste.

Wenn die Spuren von Nazikriegsverbrechern weiterhin verfolgt wurden, so war dies allenfalls ein Verdienst von Menschen wie Simon Wiesenthal oder des engagierten hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der – eher behindert als unterstützt – dazu beitrug, dass Adolf Eichmann in Argentinien aufgegriffen und in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde. Auch der Frankfurter Auschwitzprozess, in dem sich erstmals KZ-Täter für ihr Morden zu verantworten hatten, ist allein Bauers Hartnäckigkeit geschuldet.

NS-Verbrecher: Bestien oder Befehlsempfänger?

Und was geschah mit all den anonymen Mitläufern, Wegsehern und Zuschauern? All jenen, die das Nazisystem gestützt und bejubelt, die Nachbarn denunziert, bei der Judenverfolgung die Augen verschlossen und sich bei der Nazipartei angebiedert hatten? Durch die Direktive Nr. 10 des Kontrollrats der vier Siegermächte waren ab 1946 sogenannte „Spruchkammern“ eingerichtet worden: Befragt von einem „öffentlichen Kläger“, mussten die Vorgeladenen ihre Unschuld beweisen. Das Urteil klassifizierte sie in fünf Kategorien: Hauptschuldige – Belastete oder Aktivisten – Minderbelastete – Mitläufer – Entlastete. Die meisten wurden „weißgewaschen“.

Wer aber waren die Täter? Waren sie Bestien oder Befehlsempfänger, desinteressierte Bürokraten und willenlose Rädchen im Getriebe? Waren sie ideologisierte Überzeugungstäter oder gewöhnliche Verbrecher? Die Geschichtswissenschaft hat sich jahrzehntelang fast ausschließlich auf die Haupttäter Hitler, Himmler und Heydrich oder auch auf Schreibtischtäter wie Goebbels und Eichmann konzentriert – und die Akteure der zweiten und dritten Ebene, die Vollstrecker vor Ort, ausgespart.

Die Deutschen haben sich spät daran gemacht, auf diese quälenden Fragen Antworten zu finden, auch außerhalb der Historikerzunft, gewissermaßen im öffentlichen Raum. Kaum ein anderes politisch-historisches Thema hat – so scheint es – das Land in den letzten sieben Jahrzehnten so bewegt.

Gibt es eine kollektive Schuld? Gibt es eine individuelle Moral, eine ganz und gar persönliche Schuld? Und machen sich nicht alle, die die Vergangenheit weiterhin verdrängen oder gar verleugnen – nachträglich – mitschuldig? Der Publizist Ralph Giordano hat dafür den Begriff der „zweiten Schuld“ geprägt.

Erinnerung ohne Zeitzeugen? Deutschland im Jahr 2020 

Deutschland 2020: Die Zeit des „Dritten Reichs“ entschwindet der Zeitgenossenschaft, der Nationalsozialismus verabschiedet sich endgültig aus dem in der deutschen Gesellschaft präsenten Vorrat persönlichen Erlebens. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen. Hitlers Wähler sind nicht mehr unter den Deutschen; nicht die Täter, nicht die Komplizen und Mitläufer – und auch nicht die Opfer.

„Gibt es eine kollektive Schuld? Eine individuelle Moral?“ – Der Reichstag in Trümmern, Juli 1945. dpa

Aber was ist mit den Kindern und Enkeln der Tätergeneration? Dass die Täter, Anstifter und Mithelfer schuldig sind, versteht sich. Wir verstehen auch, dass die schuldig wurden, die Widerstand und Widerspruch unterlassen haben, selbst wenn sie dazu fähig gewesen wären. Kinder und Enkel müssen nicht Teil dieses schuldbeladenen Netzes sein, aber sie haben die Verpflichtung, sich damit auseinanderzusetzen.

Die deutsche Geschichte: Zu furchtbar zum Vergessen

Vergessen lässt sich die Vergangenheit nicht. Nicht nur, weil ihre Wirklichkeiten so furchtbar sind, dass sie nie vergessen werden können. Sondern auch, weil sie den Stoff bergen, der uns immer wieder die Gefährdungen unserer zivilisatorischen Existenz vor Augen führt: Verweigerung und Anpassung, Loyalität und Haltung, Treue und Verrat, Schweigen oder Handeln, Gesinnung und Gewissen – kein moralisches Drama, das sich nicht als Ereignis der Vergangenheit zur Vergegenwärtigung unserer jetzigen Lebenswelt erzählen lässt.

Die Wochenzeitung „Zeit“ hat jüngst die Ergebnisse einer neuen Onlineumfrage veröffentlicht. Demnach spricht die Mehrheit von heute die Mehrheit von damals von individueller Schuld frei. „Die Masse der Deutschen hatte keine Schuld, es waren nur einige Verbrecher, die den Krieg angezettelt und die Juden umgebracht haben.“ Dieser Meinung sind 53 Prozent der Befragten.

Ein irritierendes Ergebnis.

Zur Person

Helmut Ortner hat mehr als zwanzig Bücher – überwiegend politische Sachbücher und Biografien – veröffentlicht. Zuletzt erschienen „Fremde Feinde – Der Justizmord Sacco & Vanzetti“ (2015) und „Dumme Wut, kluger Zorn“ (2018) sowie „EXIT – Warum wir weniger Religion brauchen“ (2019).

Seine Bücher wurden bislang in 14 Sprachen übersetzt. Er arbeitet und lebt in Frankfurt und Darmstadt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion