7650 Überlebende

Die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz

Von ERNST PIPER

Am 27. Januar 1945 gegen 14 Uhr, erreichten die ersten sowjetischen Soldaten den Bezirk des Todes, zwei zum Schutz gegen die Kälte vermummte Gestalten, die ein Maschinengewehr auf einem Schlitten durch den Schnee zogen. Vorsichtig näherten sich ihnen einige Häftlinge. Als sie die roten Sowjetsterne auf den Pelzmützen der Soldaten erkannten, brach Jubel aus. Jeder, der sich noch bewegen konnte, schleppte sich hinaus in die Kälte, um die Befreier willkommen zu heißen.

Der polnische Arzt Otto Wolken bat am Abend, inzwischen hatten Hunderte von Soldaten das Lager erreicht, einen russischen Offizier, der Jiddisch sprach, in die Baracken, damit er dort auch die Häftlinge begrüßte, die zu schwach waren, um aufstehen zu können. 7 650 Menschen lebten noch in dem Lager, als die Befreier eintrafen. Doch die Hälfte von ihnen starb in den folgenden Wochen an den Folgen der erlittenen Qualen, obwohl russische Ärzte sich jede Mühe gaben, sie zu retten.

Diese wenigen hatten das Glück gehabt, nicht nach Westen gejagt oder abtransportiert zu werden. Die SS hatte, als sie das Lager aufgeben musste, nicht mehr die Zeit gefunden, die Insassen umzubringen. Etwa 58 000 Häftlinge schleppten sich, von Schergen der SS scharf bewacht, auf den so genannten Todesmärschen neuen Torturen in weiter westlich gelegenen Lagern entgegen. Viele von ihnen mussten sich in den unterirdischen Fabrikationshallen von Dora-Mittelbau für Hitlers vermeintliche Wunderwaffen zu Tode schuften.

Auschwitz ist heute die prägnanteste Signatur der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, weltweit bekannt als Symbol für das singuläre Menschheitsverbrechen des Holocaust. Zugleich stand in Auschwitz der Komplex der IG Farben-Werke, sie waren das größte Unternehmen Europas, führend bei der sogenannten Kohlehydrierung, der synthetischen Herstellung von Kautschuk und Benzin durch die Behandlung von Kohle mit Wasserstoffgas bei hohen Temperaturen.

Insbesondere das synthetische Benzin war für Nazi-Deutschland kriegswichtig. Der Vorstand der IG Farben hatte sich für den Standort Auschwitz entschieden, weil das neue, noch im Ausbau befindliche Konzentrationslager die Arbeitskraft von bis zu 10 000 Häftlingen zur Verfügung zu stellen versprach. Insgesamt gab es acht Raffinerien im weiteren Umfeld von Auschwitz, die alle mit Hilfe der reichen oberschlesischen Kohlevorkommen betrieben wurden.

Seit Juli 1944 waren diese kriegswichtigen Industrieanlagen von mehreren Tausend amerikanischen Bombern angeflogen worden, mehrfach auch die IG Farben-Werke, die nur acht Kilometer von den Gaskammern in Auschwitz-Birkenau entfernt waren. Doch die Alliierten hatten es strikt abgelehnt, die Vernichtungslager zu bombardieren.

Sie wollten den Krieg gegen Hitler gewinnen, aber in der Weltöffentlichkeit keinesfalls den Eindruck erwecken, sie würden Krieg führen, um Juden zu retten. Eine Bombardierung der Gaskammern oder auch der Gleisanlagen hätte viele Menschenleben retten können. Seit Mai 1944 wurden mehr als 430 000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert; fast alle wurden kurz nach ihrer Ankunft vergast.

Zu diesem Zeitpunkt war die Weltöffentlichkeit über die systematische Ermordung der europäischen Judenheit durch die Nationalsozialisten bereits relativ gut informiert. Insgesamt wurden weit mehr als eine Million Menschen in Auschwitz ermordet. Ende 1941 gab es die ersten Vergasungen. Eingesetzt wurde Zyklon B, das bis dahin nur für die Entlausung verwendet worden war. Zyklon B, eine kristalline Form von Zyanwasserstoff (Blausäure), wird durch den Kontakt mit Sauerstoff zu einem hochwirksamen Tötungsmittel. Um mehr Menschen gleichzeitig ermorden zu können, wurden die Opfer gezwungen, mit erhobenen Armen in die Gaskammern zu gehen. Auf diese Weise konnten sie enger zusammengepfercht werden.

Patent für den Massenmord

Obendrein wurden Säuglinge und Kleinkinder auf die Menschenmasse geworfen. Sobald die Türen geschlossen waren, warfen mit einem roten Kreuz getarnte SS-Leute das Zyklon B durch die Decke der als Duschen getarnten Gaskammern. In Auschwitz-Birkenau gab es vier Krematorien mit jeweils mehreren unterirdischen Gaskammern. Diese Kombination beschleunigte die Massenvernichtung erheblich, denn die Täter hatten bis dahin Probleme mit der Beseitigung der Leichen. Um die Massenverbrennungen beschleunigen zu können, wurden Öfen der Erfurter Firma Topf eingesetzt, die keine kriegswichtigen Flüssigbrennstoffe brauchten, sondern mit Koks befeuert werden konnten. Fritz Sander, leitender Ingenieur bei Topf meldet am 27. Oktober 1942 ein Patent für einen "kontinuierlich arbeitenden Leichen-Verbrennungs-Ofen für Massenbetrieb" an. Sanders Kollege Karl Schultze blieb einmal eine ganze Woche in Auschwitz, bis genügend Opfer zusammengetrieben werden konnten, um die Funktionstüchtigkeit der Krematorien in der Praxis erproben zu können. Vor Gericht sagte er später: "Wir standen in der Pflicht, gegenüber der SS, der Firma Topf und dem NS-Staat."

Die letzte dokumentierte Vergasung fand am 1. November 1944 statt. Heinrich Himmler, der bis zuletzt auf einen Separatfrieden mit dem Westen hoffte, begann damit, die Spuren der fabrikmäßigen Massenvernichtung beseitigen zu lassen. Die Krematorien wurden demontiert, wobei die Motoren und Rohre zum Teil in anderen Lagern weiter verwendet wurden.

Am 17. Januar 1945 kommen ein letztes Mal neue Häftlinge in Auschwitz an. Am folgenden Tag beginnt die Evakuierung des Lagers. Die Häftlinge werden zu den Todesmärschen getrieben. Der Lagerarzt Josef Mengele verwischt die Spuren seiner Versuchsstation und bringt das aus den Versuchen an Zwillingen, Zwergwüchsigen und Krüppeln gewonnene "Material" in Sicherheit. Die Akten der Krankenstation werden verbrannt. Am 19. Januar verlässt der letzte große Transport das Stammlager. Am 20. Januar werden die noch vorhandenen Gebäudeteile der Krematorien II und III gesprengt. Am Abend des 26. Januar wird auch das Krematorium V, das als einziges noch intakt gewesen war, von einem SS-Kommando, das die Aufgabe hat, alle Spuren der Verbrechen zu verwischen, gesprengt. Andere SS-Einheiten versuchen, noch möglichst viele Häftlinge zu erschießen oder in ihren Baracken zu verbrennen. Aber angesichts starker Luftangriffe und dem näher kommenden russischen Geschützdonner ergreift die SS die Flucht.

Am nächsten Morgen erscheint der erste russische Soldat im Nebenlager Monowitz. Nach und nach wird das ganze Gelände von Einheiten der sowjetischen Armee besetzt. In den Magazinen präsentiert sich ihnen die Hinterlassenschaft "deutscher Gründlichkeit": 348 820 Herrenanzüge, 836 255 Damenkleider und -mäntel, Berge von Kinderbekleidung, Brillen und Prothesen, 7,7 Tonnen Frauenhaar in Papiertüten, fertig für den Transport verpackt.

Am 2. April 1945 schloss Adolf Hitler sein letztes aufgezeichnetes Gespräch mit den Worten: "Man wird dem Nationalsozialismus ewig dafür dankbar sein, dass ich die Juden aus Deutschland und Mitteleuropa ausgerottet habe." Nirgends kam er diesem grausigsten Ziel, das sich je ein Mensch gesetzt hat, näher als in Auschwitz.

Serie: 1945 - 2005, der historische Rückblick

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