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40 Stunden pro Woche im Großraumbüro? Dank Digitalisierung könnte das der Vergangenheit angehören. Aber die Idee hat auch Gegner.

Mehr Freizeit

Die Linke fordert erneut 4-Tage-Woche – Rückendeckung von unerwarteter Seite

  • Marcel Richters
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In Deutschland wird wieder einmal über die 4-Tage-Woche gesprochen. Es gibt Gegner und Befürworter. Die Diskussion hat eine lange Geschichte.

  • Erst für einige Branchen, jetzt generell, wird in Deutschland über eine 4-Tage-Woche diskutiert.
  • Gegner und Befürworter des Konzepts gibt es jeweils viele.
  • Die Diskussion um die Arbeitszeit hat eine lange Geschichte.

Die Diskussion um eine 4-Tage-Woche in Deutschland gewinnt an Fahrt. Zuerst hatte die IG Metall einen Vorstoß zu dem Thema gemacht. Ziel ist es, Arbeitsplätze zu retten. Denn aufgrund der Corona-Pandemie ist der Absatz in der Industrie zurückgegangen. Daher solle die vorhandene Arbeit auf mehr Arbeitskräfte zu verteilen, so die Idee von IG-Metall-Vorsitzendem Jörg Hofmann gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“.

Linke forder 4-Tage-Woche für alle

Inzwischen hat auch die „Linke“ das Thema aufgegriffen. In einem internen Papier, das dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vorliegt, heißt es demnach: „Wir brauchen eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche in Vollzeit, um die Produktivitätsfortschritte allen zugutekommen zu lassen.“ Damit sollten Menschen mehr Zeit für Sorgearbeit, Familie und Weiterbildung erhalten. Dank der Digitalisierung sei es möglich, die Produktivität auch bei weniger Arbeitszeit zu erhöhen, was aber nicht zu einer „Verdichtung von Arbeit“ und „Erhöhung von Stress“ führen solle.

Ökonomen unterstützen Forderung nach 4-Tage-Woche

Inzwischen hat sich auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in die Diskussion eingeschaltet. Er halte eine 30-Stunden-Woche oder eine Vier-Tage-Woche für sinnvoll – allerdings nur bei Verzicht auf einen Lohnausgleich. Das sagte Fratzscher gegenüber der „Passauer Neuen Presse“ am Dienstag.

Auch der Ökonom Heinz-Josef Bontrup sprach sich im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau für die Vier-Tage-Woche aus. „Es gibt ausreichend Studien, die belegen: Wer kürzer arbeitet, ist auch produktiver“, erklärte Bontrup im Gespräch mit der FR. Ein Experiment des Softwareunternehmens Microsoft hatte 2019 gezeigt, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit die Produktivität steigern kann. Gleichzeitig erkennt Bontrup, dass die Produktivität nicht so stark wächst, dass Unternehmen bei gleichem Lohn die gleiche Arbeitsleistung erhalten. Sein Vorschlag lautet daher: „Wenn Arbeitszeit und Arbeitsleistung sinken, der Lohn aber konstant bleibt, dann bleibt weniger für Unternehmen und Kapitalgeber übrig.“

Kritik an 4-Tage-Woche von Arbeitgebern

Kritik an den Vorschlägen zur Verkürzung der Arbeitszeit kommt von der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA). Deren Vorsitzender Steffen Kampeter forderte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mehr Arbeit statt weniger. „Wir werden die Krise nur überwinden, wenn wir mit mehr Arbeit Wohlstand und soziale Sicherheit ermöglichen“, sagte Kampeter mit Bezug auf den aktuellen Konjunktureinbruch in der Wirtschaft. Der Präsident des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, sprach von einer „Kapitulation vor der Krise“, wenn Menschen weniger arbeiten würden.

Der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrates, Wolfgang Steiger, sprach sich ebenfalls gegen eine Arbeitszeitverkürzung aus. Er griff auch den Vorschlag der IG Metall direkt an: „Noch höhere Lohnkosten würden daher die Axt an industrielle Arbeitsplätze legen - gerade in der Automobilindustrie“, so Steiger gegenüber der „Passauer Neuen Presse“. Einen noch radikaleren Vorstoß in eine ähnliche Richtung hatte es Anfang 2019 von CDU und CSU gegeben. Damals war in einem Positionspapier die Erhöhung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden und eine Einführung einer 48-Stunden-Woche als Maximum gefordert worden.

Arbeitszeit hängt von den Lebensumständen ab

Dabei ist die Diskussion um Arbeitszeit mindestens so alt wie die Regelung der Wochenarbeitszeit. Während Ethnologen davon ausgehen, dass Jäger und Sammler rund zwei bis drei Stunden am Tag für die Selbstversorgung aufgewandt haben, stieg die regelmäßige Arbeitszeit mit dem Beginn der Sesshaftigkeit. Die Zeit, die für Landwirtschaft aufgewandt wurde, war allerdings durch Sonnen Auf- und Untergang begrenzt und gerade im Winter nur spärlich. Auch das Handwerk war an diesen Rhythmus angepasst. Daher wurde im Mittelalter weniger gearbeitet, der Lohn war auch nicht an die Arbeitszeit gekoppelt.

Einen großen Umbruch brachte die Industrialisierung. Während Arbeitgeber die Maschinen besaßen, konnten viele Arbeiter nur ihre Arbeitskraft aufwenden. Und von dieser mussten sie um 1850 an sechs Tagen in der Woche 12 bis 14 Stunden aufbringen. Rund vierzig Jahre später, ab 1890, forderten in Deutschland am 1. Mai Hunderttausende die Einführung des Acht-Stunden-Tags. Allerdings mussten die Arbeitnehmer noch bis zum Ende des Ersten Weltkriegs warten, bis es so weit war.

Diskussion um 4-Tage-Woche ist rund 100 Jahre alt

In der Weltwirtschaftskrise forderten Gewerkschaften in den USA die Einführung der 30-Tage-Woche – mit demselben Argument wie heute: Eine Aufteilung der vorhandenen Arbeit. Dazu kam es aber nicht. In den 50er-Jahren dann fanden Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit der 40-Stunden-Woche eine Regelung die Norm. Bis auf Ausnahmen wie die 35-Stunden-Woche in der Metall-, Elektro- und Druckindustrie besteht diese bis heute fort.

Ganz gleich also, ob dafür wie IG Metall und Linke oder dagegen wie Arbeitgeber und CDU zeigt ein Blick in die Geschichte: Eine 30-Stunden-Woche wird beide Seiten wohl noch einige Zeit beschäftigen.

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