Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Spielautomaten machen süchtig.
+
Spielautomaten machen süchtig.

TV-Kritik

„37 Grad: Verzockt“ im ZDF: Glücksspiel ist Teufelszeug

  • Tilmann P. Gangloff
    VonTilmann P. Gangloff
    schließen

Die Sendung „37 Grad: Verzockt“ im ZDF über Automatensucht ist aller Ehren wert, würde aber auch als Radioreportage funktionieren. Die TV-Kritik.

Vor einigen Wochen hat die ARD eine Dokumentation mit dem Titel „Gefährliche Sportwetten“ gezeigt; Anlass war der neue Staatsvertrag zum Glücksspielwesen, der zum 1. Juli in Kraft getreten ist. Seither ist Online-Glücksspiel bundesweit legal. Mit dem Gesetz ist die Hoffnung verknüpft, Spielsüchtige besser schützen zu können. Die Sendung war zwar nicht rundum geglückt, aber dank vieler Gesprächspartner sehr facettenreich, und sie hat deutlich gemacht: Mit dem Staatsvertrag ist nichts gewonnen.

In der „37 Grad“-Ausgabe „Verzockt“ geht es im Grunde um das gleiche Thema, doch die ZDF-Reihe funktioniert anders. Das Gesetz wird erst gegen Ende und dann auch nur beiläufig erwähnt; seine fatalen Nebenwirkungen spielen überhaupt keine Rolle. Stattdessen konzentrieren sich Katja Aischmann und Volker Schmidt nahezu ausschließlich auf Suchtopfer.

Immerhin sorgt der Kommentar für ein bisschen Hintergrund, doch die entsprechenden Informationen sind bloß willkürliche Wissensbissen. Der jährliche Umsatz mit Glücksspiel, heißt es zu Beginn, liege bei 40 Milliarden Euro pro Jahr. Ob sich diese Zahl auf Deutschland, Europa oder die ganze Welt bezieht, bleibt ebenso offen wie die Quelle. In „37 Grad“ geht es nicht um Fakten, sondern um Emotionen.

„37 Grad: Verzockt“ widmet sich im ZDF den Schicksalen von Glücksspielsüchtigen

Aber auch in dieser Hinsicht sorgen Aischmann und Schmidt erst mal für Befremden, denn eine der Betroffenen klingt wie eine Schauspielerin und sieht aus wie eine Kunstfigur. Später folgt die Einblendung „Stimme verfremdet“ und die Mitteilung, dass „Eleni“ um Anonymisierung gebeten habe; deshalb ist sie synchronisiert worden. Perücke und starkes Make-up sollen verhindern, dass man sie erkennen kann. Die entsprechend irritierenden Auftritte bilden jedoch fast zwangsläufig einen Fremdkörper, zumal der Strang auch inhaltlich vom Thema wegführt: Eleni macht eine tiergestützte Therapie.

Der Film zeigt in unnötiger Ausführlichkeit, wie sie ihren Respekt vor einem Pferd überwindet. Später hält sie das Erlebnis in einem gemalten Bild fest. Die Frau hatte einst ein nicht näher ausgeführtes traumatisches Erlebnis; die Welt des Glücksspiels bot ihr eine Fluchtmöglichkeit.

Ungleich fesselnder ist Volker, ein Familienvater, der 23 Jahre lang glücksspielsüchtig war. Schon als Kind haben ihn die blinkenden Automaten magisch angezogen. Damals hat er zum ersten Mal in diesem Zusammenhang gelogen, als er seinen Eltern auf der Autobahnraststätte sagte, er müsse aufs Klo; in Wirklichkeit hat er mit dem Taschengeld der Oma einen Automaten gefüttert. Heute hält er Vorträge in Schulen und berät Menschen, die in die gleiche Notlage geraten sind.

„37 Grad: Verzockt“ im ZDF: Wie ein Mensch in die Fänge des Glücksspiels gerät

Er ist mit Recht die zentrale Figur der Reportage, denn an seinem Werdegang lässt sich perfekt nachvollziehen, wie ein Mensch in die Fänge des Glücksspiels gerät. In einer berührenden Szene schildert er, wie er zur Besinnung kam, nachdem er gewissermaßen Haus und Hof verspielt hatte und seiner kleinen Tochter nicht mal ein Eis kaufen konnte. Als die Bilder einen fahrenden Zug zeigen, lässt sich erahnen, was ihm damals durch den Kopf gegangen ist.

Ähnlich zu Herzen geht die Ebene mit Adrian, einem Vater, der seinen erwachsenen Sohn ans Online-Glücksspiel verloren hat, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Hier nehmen Aischmann und Schmidt auch gern die Tränen mit, als der Mann im Wald vor einem Baum steht; womöglich der Ort des Suizids. Solche Aufnahmen sind immer eine Gratwanderung, weil ihnen stets der Makel des Voyeurismus anhaftet. Und dann ist da noch Amir, 32 und sein halbes Leben lang spielsüchtig, der ähnlich wie Volker von dem komplizierten Doppelleben erzählt, das er geführt hat, um Freunde und Familie zu täuschen. Er hat insgesamt eine halbe Million Euro verspielt.

Wie stets bei „37 Grad“ im ZDF ist die Offenheit der Protagonist:innen bewundernswert

Die Offenheit dieser Menschen ist wie stets bei „37 Grad“ bewundernswert, und natürlich verknüpft sich mit solchen Sendungen immer auch die Hoffnung, dass Betroffene ihr eigenes Schicksal im Werdegang der Protagonisten wiedererkennen und ähnlich wie sie die Wende schaffen. Für Angehörige ist das schon schwieriger, denn anders als etwa Alkoholismus geht Spielsucht in der Regel nicht mit körperlichen Symptomen einher.

„37 Grad: Verzockt“

ZDF, Erstausstrahlung Dienstag, 21. Juli 2021, 22.30 Uhr. Mit Ausstrahlung abrufbar in der ZDF Mediathek.

430.000 Menschen sind hierzulande glücksspielsüchtig. Angesichts der Haltung der von der katholischen Tellux-Film produzierten Reportage, die ja vor der Sucht warnen will, wirkt es allerdings eher deplatziert, wenn gegen Ende lauter Münzen aus einem Automaten rattern. Die visuelle Ebene ist ohnehin mitunter beliebig bis einfallslos; der Film würde auch als Radioreportage funktionieren. Die Botschaft ist sowieso klar: Glücksspiel ist Teufelszeug. (Tilmann P. Gangloff)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare