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30 Jahre nach dem Anschlag von Mölln: Überlebender kämpft unermüdlich für das Gedenken

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Von: Hanning Voigts

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Ayse Yilmaz, Bahide Arslan und Yeliz Arslan (v. l.) verloren bei dem rassistischen Anschlag 1992 ihr Leben. Foto: dpa.
Ayse Yilmaz, Bahide Arslan und Yeliz Arslan (v. l.) verloren bei dem rassistischen Anschlag 1992 ihr Leben. Foto: dpa. © Stringer/Anadolu Agency/Picture Alliance

Ibrahim Arslan hat den rassistischen Anschlag am 23. November 1992 überlebt – aber Angehörige verloren. Was das Gedenken angeht, blickt Arslan optimistisch in die Zukunft.

Auf die Frage, wie es ihm gehe, habe er keine Antwort, sagt Ibrahim Arslan. Das werde er dieser Tage von vielen Journalist:innen gefragt, wie es ihm denn gehe, 30 Jahre nach dem Anschlag. „Das kann man so nicht beantworten, weil es uns ja eigentlich jeden Tag schlecht geht“, sagt Arslan. Trotzdem seien Jahrestage besonders anstrengend, „weil man sich mit seinen Traumata auseinandersetzen muss“. Zugleich habe es aber auch etwas Entlastendes, mit Medienleuten zu sprechen, Reden zu halten, gefragt zu werden. „Es ist ja unser Bedürfnis, der Gesellschaft unsere Geschichte zu erzählen.“

Ibrahim Arslan hat überlebt. So nennt er es auch, er nennt sich selbst Überlebender, in bewusster Bezugnahme auf die Überlebenden der Shoah. Als Nazis am 23. November 1992 das Haus in Mölln anzünden, in dem der damals Siebenjährige lebt, verbrennt er nur deshalb nicht, weil seine Großmutter Bahide Arslan ihn in nasse Decken wickelt. Seine Oma, seine Schwester Yeliz Arslan und seine Cousine Ayse Yilmaz sterben in den Flammen, neun weitere Menschen werden verletzt.

Der Terror von Mölln hat Ibrahim Arslan für sein ganzes Leben gezeichnet

Der Anschlag hat Ibrahim Arslan, so wie die anderen Opfer, fürs Leben gezeichnet. Wenn man mit ihm spricht, fällt sein chronischer Husten auf, der zu ihm gehört wie seine ruhige Stimme. Aber Arslan hat sich von Rassismus und Gewalt nicht brechen lassen, ganz im Gegenteil. Unermüdlich kämpft der 37-Jährige als Aktivist und Bildungsreferent für ein authentisches Gedenken an die Opfer rechten Terrors, eines, bei dem die Geschichten der Betroffenen im Vordergrund stehen. „So wie es sein muss“, sagt Arslan.

Weil er und sein Umfeld das in Mölln nicht gegeben sahen, weil die Betroffenen sich nur als Statist:innen in einem städtisch kontrollierten Gedenktheater fühlten, haben sie 2013 die „Möllner Rede im Exil“ gegründet, die seitdem jedes Jahr in einer anderen Stadt eine eigene Gedenkkultur etabliert hat. Am vergangenen Sonntag waren Arslan und seine Mitstreiter:innen zu Gast in Hamburg. Rund 50 Betroffene von rassistischem Terror seien da gewesen, berichtet Arslan. „Da war nochmal zu sehen, wie wichtig unsere Arbeit ist und was für Impulse wir den anderen Betroffenen und Überlebenden geben.“

„Die nächste Generation wird diese Gedenkpraxen ändern“

Was das Gedenken angeht, blickt Arslan optimistisch in die Zukunft. „Wir hatten immer Hoffnung, dass sich etwas bewegt“, sagt Arslan. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die nächste Generation diese Gedenkpraxen ändern wird.“ Auch in Mölln bewege sich etwas, der neue Bürgermeister Ingo Schäper sei als erstes Oberhaupt der Stadt zur Möllner Rede im Exil gekommen und habe sich bereits öffentlich für die Fehler der Vergangenheit entschuldigt – auch dafür, dass Hunderte Solidaritätsbriefe, die nach dem Anschlag in Mölln eingingen, den Opferfamilien erst im Jahr 2019 übergeben wurden. „Wir hätten diese Hilfe damals gebraucht“, sagt Arslan nüchtern.

An diesem Mittwoch wird Ibrahim Arslan wie jedes Jahr mit seiner Familie und Freund:innen am Tatort stehen und gedenken. Mit den offiziellen Feierlichkeiten hat er nichts zu tun, aber er wird da sein, sagt er. „Wir wollen ja beides zusammendenken.“ (Hanning Voigts)

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