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Lotte (Nadja Uhl, M.), Jörg (Steve Windolf, r.) und die anderen aus der Umweltbibliothek feiern und trinken.

„Der Preis der Freiheit“

„Der Preis der Freiheit“: Ein bisschen Schwund ist immer

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Zu sentimental, zu arglos, aber sicher nicht zu optimistisch: Das ZDF präsentiert den großen Dreiteiler zum Mauerfall-Jubiläum und erzählt vom „Preis der Freiheit“.

Jedenfalls soll mit diesem ZDF-Dreiteiler gewiss nicht erreicht werden, dass der Jubel zum dreißigsten Jahrestag der Maueröffnung zu sehr anschwillt. Vorgeführt wird, wie deutsch-deutsche Schicksale sich wenden, eine kleine Familie wieder zusammenfindet, und es fließt manche Träne im Laufe der dreimal knapp hundert Minuten. Ach, wäre es doch eine Träne weniger. 

Vor allem aber ist zu sehen, wie rund um den sichtbaren Mauerfall – natürlich kommen Irrsinn und Glück des 9. November ins Bild – unsichtbar Geschäfte gemacht werden. Bis direkt vor der Öffnung und direkt danach auch wieder, und es ist nicht unrealistisch, dass es praktisch dieselben Figuren sind: Aus dem wild verstrickten Gekungel aus Devisenbeschaffung, Gefangenenfreikauf und Giftmüllgeschäften wird ein gewaltiger Ausverkauf, einerseits chaotisch und nach Wildwestmanier, andererseits hat die Sache doch Methode: Wer vorher ganz oben mitgemischt hat, bringt seine Schäfchen ins Trockene. Ein gewisser Ilja Schneider (Oliver Masucci), hier als kaltschnäuzigster Hund des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (Koko) markiert, spricht in einer späten Phase des Films und während er einen Teil der beiseitegeschafften Goldbarren leider auf den letzten Metern mit Stasileuten teilen muss, den schönen Satz: „Bisschen Schwund ist immer.“

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Vermutlich hätte es „Preis der Freiheit“ gut zu Gesicht gestanden, der zynischen Seite vor der sentimentalen deutlicher den Vorrang zu geben. Oder ihr überhaupt den Vorrang zu geben. Es gibt sogar eine fabelhaft satirische Szene, wenn Angela Winkler als beinharte Altvordere ein Problem aus dem Westen nachher kurzerhand im Garten vergräbt. Das ist herzerfrischend zwischen dem ganzen Geschichtsunterricht, aber eine Ausnahme. 

„Der Preis der Freiheit“: Schaurige Wessis vor Erfindung des Worts

Das Drehbuch von Michael Klette, Charlotte Wetzel, Ideengeberin Gabriela Sperl und Regisseur Michael Krummenacher soll insgesamt möglichst viel auf einmal leisten, und die Figuren sollen das erst recht. Schwer ächzen sie zuweilen unter der Last, zugleich Lektionen zu geben und moralische Fragen zu stellen – berechtigte moralische Fragen etwa zu den Gefangenengeschäften, aber dramaturgisch glücklos in die Handlung gezwungen, denn ein bisschen realistisch dürften die Gesprächssituationen schon sein. Und eine spannende Familiengeschichte zu erzählen, in der alle vorkommen: die Aufrechten und die Angepassten, die Aufmüpfigen und die Fehlbaren. Ein Sohn geht zu den Nazis, ein Neffe scheitert beim Fluchtversuch, seine Schwester vertraut der stählern kommunistischen Großmutter, bis die unmenschlichen Züge ihrer Härte allzu offenbar werden. 

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Im Zentrum aber drei Schwestern, eine gute Besetzung, die viel vertreten muss, aber selbst gar nicht besonders interessant zum Zuge kommt: Die wunderbare Nadja Uhl, die selten so unprofiliert zu sehen war, übernimmt als alleinerziehende Mutter den Bürgerrechtlerinnen-Part. Mit einer kleinen Gruppe recherchiert sie zu den illegalen Giftmülldeponien, geht zu Konzerten und demonstrieren – reale Situationen werden eingeflochten, das von Skinheads gestürmte Konzert in der Zionskirche ’87 oder die Proteste bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration ’88. Barbara Auer als ihre ältere Schwester – natürlich muss es die ältere Schwester sein – hat bei der Koko eine stromlinienförmige Karriere gemacht. Sie eröffnet den Dreiteiler in einer wilden Sexszene, die nachher dermaßen keine Rolle mehr spielt, dass Effekthascherei ein harmloses Wort dafür ist. Ihr stiller, deutlich älterer Mann ist Joachim Król als aufrechter Ossi und Miterfinder des ersten FCKW-freien Kühlschranks. Das war damals eine dolle Sache, für die die Geschichte hier zwar etwas komprimiert, aber nicht umgeschrieben werden musste. Die dritte Schwester, Nicolette Krebitz mit selten schwindender Leidensmiene, lebt seit fünfzehn Jahren unter einem neuen Namen im Westen, eine nicht ganz aufgeklärte Geschichte. Aber von den melodramatischen Aspekten abgesehen, die das nach sich zieht, ist es geradezu eine Erleichterung, dass nicht alles bis in die letzte Verästelung erklärt wird. 

„Der Preis der Freiheit“: Akteure hinter den Kulissen nehmen sich nicht viel

Die vorgestellten Akteure hinter den Kulissen nehmen sich in Ost und West nicht viel. Barbara Auers Chef „Alex“, Alexander Schalck-Golodkowski, wirkt in Thomas Thiemes abgeklärtem Spiel geradezu nobel, während Fabian Hinrichs als Bonner Finanzplaner ein schauriger Wessi vor Erfindung des Wortes ist. Godehard Giese ist wie immer der Stasimann, logisch, und er macht es wieder gut. Neben der brutalen Geschäftemacherei gilt der nervös werdenden Jugend das andere Hauptaugenmerk des Films. Das sind auch die Momente, in denen am plastischsten wird, wie die DDR in Biografien eingegriffen hat. Wobei es dennoch der Hinkefuß von „Preis der Freiheit“ ist, dass man das weiß und hier bei weitem nicht so dicht und individuell präsentiert bekommt, dass die Geschichte neuen Schwung nehmen könnte. 

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Auffallend im Vergleich zu prächtigen Fernsehgroßprojekten der vergangenen Jahre die zurückgenommene Atmosphäre im weitgehend unauffälligen Dekor. Und in der Sprache. Nadja Uhl ist fast die Einzige, die wenigstens einen Hauch eines ansonsten bitter vermissten Berlinerischen bietet. Umgekehrt besteht Westberlin vornehmlich aus einer unverbindlichen Tanzszene. Und wenn der junge Koko-Mitarbeiter, Jonathan Berlin, der auch die Erzählerstimme übernimmt, erstmals beruflich die Grenze passiert hat und feststellt „Das war der Westen“, starrt er direkt auf eine atemberaubend zurechtgemachte schwarze Barfrau. Das könnte ebenfalls satirisch sein, aber es wirkt ziemlich spießig.

Informationen zur Sendung

„Der Preis der Freiheit“, 4.–6. November, jeweils 20.15 Uhr, ZDF. Alle drei Teile schon jetzt in der ZDF-Mediathek (verfügbar bis 27.10.2020).

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