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Nach der Flucht durch Ungarn und der Erstaufnahme in Deggendorf kommt Peter Escher endlich mit seiner Familie in Rödermark bei Verwandten an.

Bekannter Radiomoderator berichtet

Fahrt in die Freiheit: Wie die Flucht aus der DDR über Ungarn gelang

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1989 flüchtet Peter Escher mit seiner Familie über Ungarn aus der DDR. Eine nervenaufreibende Zeit. Nur Wochen später fällt die Mauer. Seine Flucht hat er aber nie bereut. 

Tausende Menschen verließen im Laufe des Jahres 1989 die DDR. Sie flohen vor der Unfreiheit im Land, vor der Bevormundung durch die Behörden. Auch der Radiomoderator Peter Escher und seine Frau Ulrike zweifelten an dem sozialistischen System. Sie wagten mit ihren beiden Söhnen die Ausreise über Ungarn. Es war eine Reise in die Ungewissheit. Escher erzählt von den dramatischen Ereignissen von damals. Für ihn und seine Frau stand zu diesem Zeitpunkt fest: Es gibt keinen Weg zurück.

30 Jahre Mauerfall: Situation 1989 in der DDR gereizt – immer mehr Menschen wollen fliehen

Es ist der Sommer 1989. Während Erich Honecker und die SED unbeirrt die Vorbereitungen zur 40-Jahr-Feier der DDR treffen, erwächst immer mehr in DDR-Bürgern der Wunsch, das Land in Richtung Westen zu verlassen. Tausende stellen Ausreiseanträge, Tausende versuchen zu fliehen.

Auch der 35 Jahre alte Radiomoderator Peter Escher ist nachdenklich. Er hat bereits vor drei Jahren seine Arbeitsstelle beim DDR-Radio aufgegeben, weil er die Lügen und Jubelnachrichten nicht mehr ertragen kann, wie er sagt. Offiziell hat er allerdings verkündet, er wolle sich auf andere Herausforderungen konzentrieren. Regimekritik ist in der DDR einfach nicht erwünscht.

Escher zieht sich in die Kultur zurück. Er arbeitet im Berliner Künstlerclub „Möwe“, managt Jazzbands und Kabarettisten. Es geht ihm wirtschaftlich gut in der DDR, und er wird politisch nicht verfolgt. Trotzdem merkt er, dass er immer unzufriedener in seiner Heimat wird. Er will mehr. Er will Freiheit.

Die Stimmung im Land wird im Sommer 1989 immer gereizter. Es gibt Engpässe in jeder Hinsicht. Eigentlich gibt es nichts. Viele Freunde von Escher stellen Ausreiseanträge, wollen auf dem legalen Weg die DDR verlassen. Auch Escher denkt oft an eine Flucht. Immer größer wird der Wunsch nach einem besseren Leben für sich und seine Familie.

„Wir wohnen in Berlin-Treptow unmittelbar an der Mauer. Jeden Tag blicken wir auf die Mauer und stellen uns die Frage, wie es hinter ihr ist. Wie die Freiheit aussieht. In unserem Kiez ist alles schmutzig und verfallen. Bei einem Spaziergang hätte herabfallender Putz fast unseren einjährigen Sohn erschlagen. Und so sieht es leider im ganzen Land aus. Die Zustände sind bedrückend.“

Tausende Menschen wollen über Ungarn fliehen 

Die Familie entscheidet sich für einen Urlaub an der Ostsee. Dort sind sie allerdings weit weg von der Ostsee in einer schrecklichen Unterkunft untergebracht. Es gibt wenig zu essen. Aber es gibt Westfernsehen.

„Im Westfernsehen werden in den Nachrichten immer wieder Bilder aus Ungarn gezeigt. Ganze Familien fahren nach Ungarn. Bilder von Menschen, die durch Schilf warten und so den Weg in die Freiheit finden. Meine Frau und ich beschließen, keine Nachrichten mehr zu gucken. Wir sind völlig nervös. Wir sitzen an der Ostsee, und dort unten wird Geschichte geschrieben. Wir ärgern uns, dass wir in diesem schrecklichen Urlaub an der Ostsee sind, anstatt in Ungarn zu sein. Wir ertragen es nicht, diese Bilder zu sehen. Doch wir halten nicht lange durch. Als zwei Tage später der katastrophale Urlaub sein Ende findet und wir wieder in Berlin sind, wollen wir wissen, was es Neues gibt.“

Anfang August, nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr, hört Escher einen Radiobeitrag im Westradio. Er ist fassungslos, als er hört, wer dort spricht. Es ist eine Nachbarin von ihm, der die Flucht in den Westen über Ungarn gelungen ist. Zwei Tage später steht die Stasi im Flur des Mehrfamilienhauses und begutachtet die Wohnung der Nachbarin, die er erst kürzlich im Westradio gehört hatte. Die Wohnung ist leer, die Familie hat vor ihrer Flucht alles verkauft.

„Ich blicke auf das Urlaubsvisum für Ungarn, das schon einige Monate bei uns zu Hause liegt. Wir machen jedes Jahr Urlaub in Ungarn. Doch als ich die Stasi-Mitarbeiter sehe, wird mir klar, dass die Flucht nicht leicht wird. Jetzt nicht mehr, denn sie beschatten unser Haus, verfolgen jeden Schritt. Doch wir wollen es trotzdem wagen.“

Nerven liegen blank – Menschen lassen alles zurück 

Seine Frau Ulrike und er beschließen, niemandem von ihrem Vorhaben zu erzählen. Sie wollen ihre Familie nicht in Gefahr bringen. Aber sie wollen den Schritt trotzdem gehen. Auch in dem Bewusstsein, dass sie alles zurücklassen müssen. Also packen sie die wichtigsten Dinge ein und lassen es nach einem normalen Urlaub in Ungarn aussehen. Wichtige Unterlagen verstecken sie bei ihren Eltern.

„Es ist sehr schwer für uns, die Wohnung einfach abzuschließen und alles zurückzulassen. Aber wir sind uns sicher, dass es der richtige Schritt ist. Wir sind nervös, haben schreckliche Angst, dass uns die Flucht über Ungarn nicht gelingen wird, aber wir wollen es so sehr, dass wir es probieren müssen.“

Der kleine Trabi ist beladen mit Klamotten und dem Lieblingsspielzeug der Kinder. Ihr älterer Sohn ist neun, er macht gerade Urlaub bei einer Tante in Dresden. Als sie dort ankommen, um ihren Sohn abzuholen, merkt die Tante gleich, dass etwas nicht stimmt. Escher kann seine Nervosität nicht mehr verstecken; zu groß ist auch die Angst, es nicht zu schaffen. Sie erzählen ihr als Einzige von ihrem Vorhaben. Dann geht sie los, die Fahrt in eine ungewisse Zukunft.

„Nicht nur unsere Tante merkt, dass unsere Nerven blankliegen. Auch die Kinder merken die Spannungen in dem kleinen Trabi. Unser kleiner Sohn ist eins, er erträgt die Nervosität nicht und wird krank. Auf dem Weg durch die Tschechoslowakei haben wir furchtbares Wetter, es regnet in Strömen, die Scheiben des Trabi sind total beschlagen. Die Angst wird immer größer, je näher wir der ungarischen Grenze kommen. Wir haben das Urlaubsvisum in der Tasche, aber haben keine Ahnung, ob das überhaupt noch zählt. Unser kleiner Junge hat schlimmen Durchfall, er weint viel, ist total am Ende. Wie wir.“

In Ungarn angekommen: Es gibt keinen Weg zurück

Der Regen wird immer schlimmer und Escher merkt, dass sie nicht mehr weiterkommen. Sie müssen Pause machen. Nach langer Irrfahrt auf der Suche nach einer Unterkunft schlafen sie in einer Wäschekammer eines Studentenwohnheims in Bratislava. Alle Unterkünfte waren restlos ausgebucht.

„Nach einer schlaflosen Nacht erreichen wir am nächsten Tag endlich Budapest. Wir fahren zur bundesdeutschen Botschaft. Diese ist allerdings wegen Überfüllung geschlossen. Überall am Straßenrand stehen Trabis. Wir werden in ein Notaufnahmelager geschickt. Vor den Toren des Aufnahmelagers wird uns klar, dass es keinen Weg zurück geben wird, wenn wir uns dort anmelden, denn mehrere Mitarbeiter der Stasi machen von jedem Neuankömmling im Lager ein Bild. Wir fahren auf den Eingang des Aufnahmelagers zu und wissen, dass wir das Richtige tun.“

Da Eschers kleiner Junge sehr krank ist, schläft die Familie nicht in den Zelten im Notaufnahmelager, sondern bekommt ein Zimmer in einer Pension am Stadtrand von Budapest zugewiesen. In der Pension wohnen neben anderen Familien, die in die Bundesrepublik flüchten wollen, ganz normale DDR-Urlauber. Die meisten von ihnen sind parteitreu und dürfen deshalb dort Urlaub machen. Sie sind schockiert über den Verrat an ihrem Land. Doch nach einigen Tagen kommen die Flüchtlinge und die Urlauber ins Gespräch.

„Immer wieder entscheiden sich Urlauber spontan, die Seite zu wechseln und mit uns in die Bundesrepublik zu flüchten. Es ist eine schwere Zeit. Das Warten macht uns fertig. Immer wieder fließen Tränen, immer wieder haben wir Angst, dass unsere Flucht scheitern wird und wir in die DDR zurückkehren müssen. Unsere Woche Ungarn-Urlaub ist beendet, wir müssen unseren Familien sagen, dass wir nicht zurückkehren werden. Wir rufen unsere Eltern an. Auch dort fließen Tränen. Wir wissen nicht, wann wir uns wiedersehen werden, aber alle Menschen, die wir zurückgelassen haben, verstehen, warum wir diesen Schritt wagen. Wir wissen nicht, wie lange es noch dauern wird, bis wir Ungarn verlassen können. Jeder hat Zweifel, aber wir bauen uns gegenseitig auf. Es ist gut, Menschen in seiner Nähe zu haben, die das gleiche Ziel verfolgen, wie man selbst.“

Berichte im Fernsehen widersprüchlich – dann die erlösende Nachricht

Die Berichte im Fernsehen sind sehr widersprüchlich, und auch die Angaben der ungarischen Regierung lassen viel Raum für Spekulationen. An einem Tag sieht es so aus, als könnten die Menschen in Ungarn bald die Grenze passieren, am nächsten Tag heißt es wieder, es wird niemand ausreisen dürfen.

„Wir können nicht über die Felder nach Österreich fliehen, wir haben zwei kleine Kinder dabei, die wir nicht in Gefahr bringen wollen. Also müssen wir warten. Warten, bis die ungarische Regierung endlich die Grenzen öffnet und uns gehen lässt. Wir erhalten in der bundesdeutschen Botschaft Pässe, damit wir direkt ausreisen können, wenn die Grenzen geöffnet werden. Doch wann das sein wird, weiß niemand. Unserem kleinen Sohn geht es besser, er hat sich etwas beruhigt. Meine Frau Ulrike und ich reden uns immer wieder ein, dass es klappen wird. Wir wollen nicht daran denken, was passiert, wenn wir in die DDR zurückgehen müssen. Es tröstet uns ein wenig, dass Ende August bereits mehrere Tausend Flüchtlinge in dem Notaufnahmelager sind. Es werden jeden Tag mehr. Sie können uns nicht alle verhaften und in die DDR zurückbringen, wir sind einfach zu viele.“

In der deutschen Botschaft in Budapest erhält Peter Escher einen Pass für die Bundesrepublik Deutschland.

Drei Wochen verharrt Escher mit seiner Familie in dem Lager. Sie werden mit dem Nötigsten versorgt. Dann passiert es. Alle Fluchtwilligen werden für 19 Uhr zusammengerufen. Es gibt großartige Neuigkeiten. In einer Ansprache erklärt der ungarische Außenminister Gyula Horn, dass die Grenze zu Österreich für alle Ausreisewilligen um 24 Uhr geöffnet wird. Den Rest hören die Fluchtwilligen nicht mehr, denn sie brechen in Jubel aus. Fremde Menschen liegen sich in den Armen. Viele weinen vor Erleichterung und Glück. Der Traum vieler Tausend Menschen soll nun endlich wahr werden. Ungarn ebnet am 10. September 1989 den DDR-Bürgern den Weg in die langersehnte Freiheit.

Der Trabi passiert die Grenze – dahinter befindet sich die Freiheit

„Viele Menschen packen direkt ihre wenigen Dinge zusammen, die sie mit nach Ungarn genommen hatten, und machen sich auf den Weg zur Grenze. Sie haben Angst, die Grenze könnte morgen früh wieder geschlossen sein. Meine Frau und ich überlegen lange, ob wir auch fahren sollen, entscheiden uns dann aber doch dafür, diese eine Nacht noch im Lager zu verbringen. Drei lange, quälende Wochen hatten wir uns dort aufgehalten, da würde eine Nacht auch nichts mehr ändern. Für die Kinder wäre es einfach zu stressig, in der Nacht noch zur Grenze zu fahren. Als wir am Morgen aufwachen, sind wir wieder nervös. Diesmal allerdings, weil wir nicht wissen, was uns hinter der Grenze erwartet und ob die Ausreise auch tatsächlich gelingen wird.“ Escher weiß genau, wohin er fahren will. Seine Frau Ulrike hat Familie in Rödermark bei Frankfurt. Die Cousine seiner Frau ist mit dem Schlagersänger Graham Bonney verheiratet. Mit ihnen hatte Escher bereits über ihren Fluchtplan gesprochen, und sie hatten sich bereit erklärt, die Familie bei sich aufzunehmen, falls die Flucht gelingt.

„Wir sind nervös. Wir haben alles zusammengepackt und in unseren Trabi gepackt. Hunderte Trabis rollen auf der Straße Richtung Grenzübergang. Als wir um die Ecke biegen, sehen wir die Grenze. Unser Trabi rollt darauf zu. Die Schranken sind geöffnet, die Menschen können die Grenze passieren. Ein Auto nach dem anderen fährt darüber hinweg, vorbei an dem Häuschen der Grenzer. Keiner hält sie auf. Vor dem Grenzübergang bleiben wir stehen. Wir blicken auf die andere Seite der Grenze. Was wir dort sehen, ist unbeschreiblich. Es ist die Freiheit! Uns überkommt die Freude. Man kann die Erleichterung regelrecht spüren. Als wir an den Grenzern vorbeifahren, können wir unser Glück kaum fassen. Wir haben es geschafft. Wir steigen aus unserem Trabi aus und betreten das erste Mal in unserem Leben westeuropäischen Boden.“

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Nach der Grenzpassierung müssen alle ihre Pässe vorzeigen. An einem kleinen Häuschen registrieren österreichische Grenzer jeden, der nach Österreich einreist. Danach bekommt die Familie ein wenig Geld für den Start in ihr neues Leben.

„Im Häuschen des Grenzers läuft der Fernseher. Er schaut DDR-Fernsehen. Als ich einen Blick auf den Bildschirm werfe, sehe ich, dass live eine Kamera die Geschehnisse an der ungarisch-österreichischen Grenze filmt. Meine ehemalige Kollegin sagt daraufhin, dass gerade Tausende kriminelle Elemente über Ungarn nach Westdeutschland flüchten. Ich bin fassungslos über diese Bezeichnung. Kriminelle Elemente. Aber irgendwie muss ich dann doch darüber lachen.“

Als die Familie ihr Geld erhalten hat, kann die Reise endlich weitergehen. Die Karawane durch Österreich wird freudig empfangen, die Menschen sind begeistert, dass es die DDR-Bürger endlich in die Freiheit geschafft haben. Der Weg führt Escher und seine Familie als Erstes nach Bayern in ein Aufnahmelager in Deggendorf.

„Der Papierkram muss erledigt werden. Deshalb sind wir in dem Aufnahmelager in Deggendorf. Einen Tag lang beschäftigen wir uns mit den verschiedensten Anträgen. Dort spielen sich rührende Szenen ab. Arbeitgeber aus der Region kommen in die Lager und bieten Jobs an, Zivilisten kommen und wollen den Neuankömmlingen helfen. Wir sind überwältigt, wie freundlich die Menschen sind. Alle werden mit offenen Armen empfangen.“

Am 13. September 1989 macht sich die Familie auf den Weg nach Rödermark. Als sie das Haus der Cousine erreichen, werden sie schon sehnsüchtig erwartet. Nach nur zwei Tagen findet Peter Escher einen Job beim Radio und kann wieder seine Leidenschaft ausüben. Er will so schnell wie möglich seine Familie ernähren und sich eine eigene Wohnung suchen. Nur Wochen nach der nervenaufreibenden Flucht fällt die Mauer. „Wir haben unsere Flucht trotzdem nie bereut.“

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