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Johannes Nichelmann fand als Kind eine NVA-Uniform, die seinem Vater gehört haben muss, der aber verstört das Gespräch darüber verweigerte.

30 Jahre Fall der Mauer

Buch „Nachwendekinder“: „Warum sprichst du kein Ossisch?“

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Der Journalist Johannes Nichelmann erkundet seine Generation: die „Nachwendekinder“.

Dieses Buch wird sehr unterschiedlich gelesen werden. Das spricht gar nicht für oder gegen seine Qualität. Der Journalist Johannes Nichelmann legt mit „Nachwendekinder“ eine Recherche vor, die gut in dieses Jahr der Jubiläen passt. Sein Blickwinkel aber überrascht. Wer als Kind ostdeutscher Eltern um 1989 geboren ist wie der jetzt 30 Jahre alte Autor, findet in dem Buch seine Vergleichsgruppe zum eigenen Leben und Denken. Wir Älteren sehen uns auf einmal als Problemgruppe gefasst. Denn wir sind das Gegenüber für die, die hier zu Wort kommen. Wer aber im Westen Deutschlands aufgewachsen ist, steht womöglich staunend vor bisher unbekannten Konflikten.

Dass der Umgang mit DDR-Biografien nicht nur die betrifft, die selbst in dem kleinen Staat in Anpassung, stiller Abwehr oder Widerstand lebten, hat schon die sogenannte Dritte Generation Ost gezeigt. Jene zum Mauerfall um die 15-Jährigen, deren Eltern das Ende der DDR als dramatischen Einschnitt erlebten, deren Lehrer orientierungslos wurden, meldeten sich längst deutlich zu Wort. Es sind die „Zonenkinder“, von denen Jana Hensel schrieb, die „Eisenkinder“, wie sie im Buch von Sabine Rennefanz heißen.

DDR - ein Stückchen Folklore

Johannes Nichelmann legt nun in viele Aspekte aufgegliedert dar, wie auch die noch Jüngeren eine DDR-Prägung erfuhren. Die „Nachwendekinder“, aufgewachsen in den ostdeutschen Bundesländern, haben nie ein Pionierlied gesungen und zu Hause nie den Satz gehört: „Das darfst du aber in der Schule nicht sagen.“ Dass sie sich dennoch nicht als Vertreter der ersten gesamtdeutschen Generation sehen, liegt bei Nichelmann nicht mehr nur an der Lebensweise der Eltern. Für einige der Frauen und Männer, die er über Monate traf, ist die DDR ein Stückchen Folklore. Für andere liegt es schlicht an den Zuschreibungen von außen.

Der Autor beruft sich hier auf die Integrationsforscherin Naika Foroutan und den Soziologen Daniel Kubiak, benennt das Phänomen des „Othering“: Eine Gruppe von Personen wird als besonders herausgestellt. Nichelmann schreibt: „Wenn in Ostdeutschland ein Problem auftritt, dann ist es ein Problem von Ostdeutschland. Wenn in Westdeutschland ein Problem auftritt, dann ist es ein Problem von Gesamtdeutschland.“ Und dann sahen die Nachwendekinder eben auch, wie unterrepräsentiert Ostdeutsche bei den Führungspositionen in Politik und Wirtschaft sind.

Johannes Nichelmann: Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen. Ullstein 2019. 272 S., 20 Euro.

Die Triebkraft für Nichelmanns Recherchen liegt allerdings ursprünglich in der eigenen Familie. Er fand als Kind eine NVA-Uniform, die seinem Vater gehört haben muss, der aber verstört das Gespräch darüber verweigerte. Mit seiner Mutter und seinem Bruder kam er als Dreizehnjähriger nach Bayern. Dort, in der Schule, sieht er sich als Fremdling beäugt. „Warum sprichst du kein Ossisch?“, will ein Mitschüler wissen. Er beginnt seine Herkunft zu verteidigen „ohne genau zu wissen, was ich da verteidige“. Als Erwachsener erkennt er, wie sich die Erfahrungen seiner Altersgenossen mit den Eltern ähneln: „Deutlich spürbar ist ihre Angst, offen über das Leben und die eigenen Rolle in der DDR zu sprechen.“ Was ist da schief gelaufen?

War der Großvater ein Spitzel der Staatssicherheit?

Der Autor findet schließlich nicht nur ins Gespräch mit seinen Eltern – offen und gründlich –, er darf auch andere zu solchen Begegnungen begleiten. Mit dem Recht der Jugend werden deutliche Fragen aufgeworfen: War der Großvater ein Spitzel der Staatssicherheit? Musste der Vater drei Jahre zur Armee? Hätte die Mutter nicht auch ohne Parteimitgliedschaft studieren können? Nichelmann ist mit einem Aufnahmegerät dabei, ordnet schließlich alles zu diesem gleichermaßen erhellenden wie verstörenden Buch. Verstörend daran ist die häufige Unterstellung einer Schuld. Erhellend wirkt, dass viele Mütter und Väter nur darauf warteten, einmal gefragt zu werden.

Warum wird in vielen Familien so wenig gesprochen? Gerade, wenn man weiß, wie flink im Geschichtsunterricht die Zeit der Deutschen Demokratischen Republik durchgenommen wird, können wir als Augenzeugen ein bisschen nachliefern. Denn durch das Schweigen vergrößern sich die Lücken, durch Redeverbote wachsen Konflikte, die keine sein müssten.

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