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Günter Schabowski brachte den Mauerfall ins Rollen.

Kolumne

Der Mauerfall, so nah und so fern

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Das Ende des Eisernen Vorhangs nährte sogar in den hintersten Winkeln der Welt neue Hoffnung, dass betonierte Verhältnisse über Nacht aufbrechen könnten. Die Kolumne.

Wir Journalisten halten es ja für ein besonderes Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein, wenn Weltbewegendes geschieht. Etwas, woran sich jeder erinnert. Auch noch nach 30 Jahren. Schon klar, die Rede ist vom Mauerfall, der sich zum 30. Mal jährt.

Ein Jubiläum, das besonders den Berlinern, auch denen, die nicht dabei waren, das erhebende Wirgefühl vermittelt, sich mal wieder mittendrin, im Zentrum des Geschehens, zu befinden. Mit Gespür für Trends und tolle Events hat denn auch das KaDeWe gleich die Breitseite seiner Kaufhausfassade mit Porträts ganz gewöhnlicher Menschen zugekleistert, die Antwort auf die in Riesenlettern angebrachte Frage geben: „Wo warst Du am 9. November?“

Nicht wenige haben den Mauerfall verpennt, selbst in Berlin

Ich selber kann da leider nicht mitreden. Ich habe den Mauerfall glatt verpasst. Umso mehr faszinieren mich die Geschichten, wie es anderen Leuten erging, als ein Zettel, verlesen von Günter Schabowski, und das Zusammenspiel von Verwirrung und Zufall die Mauer einstürzen ließen. Die meisten verbrachten den Abend ungläubig staunend im Fernsehsessel. Nicht wenige haben das Ereignis auch verpennt, selbst in Berlin. So wie Kollegin A., die, damals noch Politikstudentin, mit einem Kommilitonen zu später Stunde vor der Glotze hing, aber dennoch nichts mitkriegte.

Die Sensationsmeldung von den geöffneten Grenzübergängen hielten die beiden für einen Gag und legten sich nichtsahnend schlafen. Erst am folgenden Morgen, erzählt A., beim Einschalten des Radios, sei sie wie elektrisiert aufgesprungen und gleich zur Bernauer Straße gerannt. Dort kam ihr ein alter Mann aus Richtung Ost im Frühnebel entgegen, der, in jeder Hand eine Tasche, nach links und rechts äugte, ob ihn auch keiner bei seiner Grenzüberquerung aufhielt.

Dieses surreale Bild werde sie nie vergessen, sagt A. und schwärmt von den turbulenten Umbruchszeiten, die ihr einen ersten journalistischen Job bei CNN eintrugen. All die Sender von Rang und Namen, die sich quasi über Nacht wie Jahrmarktsbuden auf der Straße des 17. Juni aufreihten, hätten sich ja geradezu gerissen um deutsche Hilfskräfte, die echte DDRler vor die Kameras holten, um sie bei der Ausgabe von Begrüßungsgeld und dergleichen zu filmen.

Mauerfall: Wut, Verbitterung und Vergeltungswille in Osteuropa

Der Mauerfall nährte neue Hoffnung

Tagelang konnte sich die Welt kaum sattsehen an Szenen des historischen Ereignisses. Kann ich mir alles gut vorstellen. Nur kann ich nicht mal sagen, was ich selber an dem legendären 9. November 89 genau gemacht habe. Unterwegs im fernen Osten, zu Entwicklungsprojekten in der indischen Pampa, war mir mein Zeitgefühl abhandengekommen.

Von dem Glücksmoment erfuhr ich erst viel später, gegen Ende der Reise, als ein Hotelboy in Madras nachhaltig an meine Tür pochte. Mein Badewasser lief bereits. Unwillig öffnete ich, um ihn wegzuschicken. Aber der Hotelboy strahlte übers ganze Gesicht. „I’m happy for Germany.“ Ja danke, ich kramte nach ein paar Rupies. Der Junge setzte nach. „I’m happy for Germany. Wall came down.“ „What?“ Schlagartig begriff ich, erhöhte das Trinkgeld und raste los, um irgendwo eine Zeitung aufzutreiben. Einer zerfledderten, tagealten „Herald Tribune“ entnahm ich schließlich, was passiert war.

Warum ich die Anekdote erzähle? Weil der Mauerfall sogar in den hintersten Winkeln der Welt neue Hoffnung nährte, dass betonierte Verhältnisse über Nacht aufbrechen könnten. Auch das sollten wir bei aller deutsch-deutschen Selbstbeschau nicht vergessen.

Inge Günther ist Autorin.

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