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Da hatte man Max Annas nicht mehr reingelassen: Die große Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz.

Max Annas

„Der Westblick definiert den Osten“

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Der Schriftsteller Max Annas über seine begeisterten Reisen in die Endzeit-DDR, Neonazis von damals und heute und seine neue Krimireihe.

Max Annas wurde 1963 in Köln geboren. Nach der Schule arbeitete er als Journalist und Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, organisierte Filmfestivals und kuratierte Filmreihen. Als Sachbuchautor arbeitete er zu diversen Themen, etwa der globalen Nahrungsmittelproduktion und dem afrikanischen Kino. Eine Zeitlang hat Annas in Südafrika gelebt und an der Universität von Fort Hare in der Provinz Ostkap zu regionalem Jazz geforscht.

Herr Annas, wenn man liest, womit Sie sich alles beschäftigt haben, kann einem schwindlig werden. Bevor Sie Krimiautor wurden, haben Sie als Journalist über afrikanischen Film geschrieben, über Jazz, Rechtsrock, die Nahrungsmittelproduktion, über den Philosophen Claude Levi-Strauss und den 1. FC Köln. Was genau ist eigentlich Ihr Fachgebiet?
Ich habe 1986 angefangen für Zeitungen zu schreiben, seit 1990 mit einer festen Stelle, bis 2008. Ich habe nichts anderes gelernt als Schreiben.

Ich meinte Ihre Ausbildung …
Ich habe keine.

Sie sind gleich nach der Schule zur Zeitung gegangen?
Ein paar Jahre war ich als Sozialarbeitsstudent immatrikuliert, habe das aber nicht ernst genommen. Das war nicht interessant.

Was war für Sie interessant?
Besetztes Haus, Politik, Reisen, Lieben. In die DDR fahren. 1986 war ich erst 23 Jahre alt. Das war der Beginn meiner Zeit in der DDR.

Max Annas: „Im Juli 1989 bin ich dann nicht mehr reingelassen worden in die DDR“

Was heißt das: Ihre Zeit in der DDR?
Ich bin am 1. Januar 1987 zum ersten Mal in die DDR gefahren.

Das wissen Sie noch so genau?
Dazu gehört eine kleine Geschichte. Bei uns im Haus landete ein Brief an eine Person, die niemand kannte. Der Brief war aus Ostberlin und ich habe ihn dann nach drei, vier Tagen an die Absenderin zurückgeschickt. Zehn Tage später kam Antwort: „Hey, ist ja toll, dass du das gemacht hast, hätte ich von einem Westler gar nicht erwartet so viel Kümmern. Warst du schon mal in der DDR?“ Nö. Also habe ich die Einladung wahrgenommen und bin dann immer wieder gefahren. Erst nach Ostberlin, später über Freunde auch nach Thüringen.

Was hat Sie so daran gereizt, immer wieder in die DDR zu fahren?
Die Leute. Wir haben in der DDR Leute getroffen, die so waren wie wir. Die weder den einen noch den anderen deutschen Staat toll fanden. Wir waren uns einig, dass wir auf der Suche nach einem besseren Leben sind, miteinander, füreinander, aber nicht notwendigerweise in einem einigen Deutschland. Mit der Zeit wurde immer mehr daraus. Wir haben von Köln aus regelrecht Reisegruppen zusammengestellt. Zu Silvester 88/89 waren wir rund 35 Leute aus dem Westen, die mit den Saalfelder Freunden gefeiert haben. Wir hatte sogar eine eigene Band dabei.

Und das ging glatt?
Die Band ist ohne Instrumente eingereist.

Es gab an der Grenze nie Fragen?
Die haben natürlich mitbekommen, dass da regelmäßig Linke aus Köln in die DDR fahren. Einmal wurde auch jemand angesprochen, der zum Rad-Freak-Treffen nach Thüringen wollte. „Wir sind doch auf derselben Seite …“ So auf diese Tour eben. Aber diese Person hat das öffentlich gemacht. Wir hatten alles vorher durchgespielt, wie reagieren wir, wenn wir geködert werden. Das war im Juni 1989. Im Juli bin ich dann nicht mehr reingelassen worden in die DDR.

Bis zum Fall der Mauer?
Ich habe es vorher noch einmal versucht, am 4. November.

Zur großen Demonstration auf dem Alexanderplatz?
Ja, aber so weit sind wir gar nicht gekommen. Wir drei Freunde aus Köln hatten für das Wochenende in einem hoch komplexen Vorgang mit dem sogenannten Reisebüro der DDR einen Aufenthalt in Erfurt gebucht, in diesem Hotel am Bahnhof, wir haben dazu immer Willy-Brandt-Hotel gesagt.

Max Annas.

Dort, wo Willy Brandt 1970 aus dem Fenster gewinkt hat.
Genau. In Gerstungen am Kontrollpunkt haben uns die Grenzer aus dem Zug geholt. Die waren alle sehr, sehr höflich, keine Beschwerden. Und während wir in so einem Aufenthaltsraum saßen und auf unsere Befragung warteten, haben wir die Reden von Günter Schabowski und Stefan Heym auf dem Alexanderplatz über das Radio gehört. Heyms Worte über den wahren Sozialismus: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation ...“ Das hat uns total bewegt. Mit dem nächsten Zug wurden wir zurückgeschickt. Das war unser 4. November 89. Über solche Erfahrungen hat meine Beziehung zu dem Konstrukt, das die DDR war, eine gewisse Tiefe gewonnen. Das ist in meinem Leben eines der wichtigsten Kapitel überhaupt.

Max Annas: „Ich möchte schon Dinge anbieten, die das Ganze im Blick haben“

In „Morduntersuchungskommission“ greifen Sie auf ein Ereignis zurück, das etwas vor dieser Zeit liegt. Der Lynchmord an Manuel Diogo wurde zu DDR-Zeiten von den Behörden vertuscht. Inzwischen ist dieses monströse Verbrechen genau dokumentiert.
Ich habe immer darüber nachgedacht, dass ich zur DDR arbeiten werde. Aber als freier Journalist war ich am Ende des Arbeitstages so erschöpft und so leer, dass mir nichts Fiktionales gelungen ist. Das, was ich Ende der neunziger Jahre versucht habe, war relativ nah dran an meiner eigenen Geschichte. Irgendwann war klar: Das muss jetzt auch Genre sein. Ich kannte die Geschichte von Manuel Diogo schon länger und habe in Berlin seinen Freund Ibraimo Alberto kennengelernt, der ihn an jenem 30. Juni 86 zum Zug gebracht hat. Darüber haben sich auch andere Kontakte zur mosambikanischen Community ergeben. Strukturell und ästhetisch ist dieser Stoff meinen anderen Geschichten durchaus verwandt. Auch hier geht es um das Othering, das Ausgrenzen des vermeintlich Anderen, Fremden. Ich war mir natürlich bewusst, dass ich ein westliches Erzählmodell eins zu eins auf den Osten anlege.

Können Sie das genauer erklären?
Der klassische Kriminalroman ist ein westliches Erzählmodell, das für mich mit Dashiell Hammetts „Red Harvest“ beginnt. Zwar gab es auch in der DDR Krimis, die „Blaulicht“-Hefte, der „Polizeiruf“, aber das ist nicht das, was ich unter dem Genre verstehe. In der DDR gab es offiziell keine Verbrechen in der Mitte der Gesellschaft. Und somit gab es streng genommen auch keine Kriminalromane, die diese Verbrechen spiegeln.

Schauplatz Ihres Romans ist Thüringen. Am Anfang führen Sie den Leser zu einer Leiche ins Neubaugebiet Jena-Winzerla, wo sich Anfang der neunziger Jahre das Trio des NSU kennengelernt hat. Die Wahl dieses Tatorts zur Etablierung Ihrer Kriminalisten ist natürlich beabsichtigt.
Ich erzähle zwar eine Geschichte, die sich in der DDR zugetragen hat, mache aber die Türen auf für Interpretationen, die über die DDR hinausreichen. Nazis in der DDR? Durfte es nicht geben. Das wiederholte sich später mit dem NSU, egal ob es in Nürnberg, Kassel oder Köln war. Nazis? Hier? Unmöglich. Gibt’s nicht. Das als reine DDR-Geschichte zu schreiben, wäre mir etwas langweilig vorgekommen. Ich möchte schon Dinge anbieten, die das Ganze im Blick haben.

Max Annas: „Der NSU ist kein reines Ostding!“

Aber der NSU wurzelt nun einmal im Osten Deutschlands.
Der NSU ist kein reines Ostding! Es sind Ostnazis, aber dann ist es vor allem die Westpolizei, die den NSU genährt hat. Sie hat ihn groß gemacht, indem sie die Ermittlungen in die falsche Richtung geführt und schließlich ganz eingestellt hat.

Sie erzählen den Mord an Teo Macamo konsequent aus der Perspektive der Ermittler, weder das Opfer noch die Täter werden charakterisiert.
Es hat mir beim Schreiben eine große Sicherheit gegeben, tatsächlich bei der Gruppe zu bleiben, bei dem, was die wahrnehmen. Eine Frage, die sie sich nicht stellen, habe ich mir auch nicht gestellt. Über die Mosambikaner in der DDR weiß ich sehr viel mehr als in dem Buch vorkommt. Aber das zu verwenden, kam für mich nicht in Frage. Ich komme ja von außen und blicke praktisch wie die Ermittler auf das Verbrechen.

Im Klappentext steht, das sei der Auftakt zu einer Reihe. Geht es mit demselben Personal weiter?
Das zweite Buch ist schon fertig. Es spielt zwei Jahre später wieder in der Gegend um Jena. Diese Geschichte hat einen anderen Klang und sie ist anders aufgebaut, es gibt mehrere Perspektiven. Aber die Mordermittler sind wieder dieselben.

Worum dreht sich der Fall?
Um Punk und Verrat.

Wie ein einziger großer Wirbel: Der friedliche Umbruch 1989 war auch ein schmerzlicher: FR-Redakteurin Nadja Erb über die Monate nach dem 9. November 1989.

Max Annas: „Die Gewissheiten, die wir uns gebildet haben, sind stark vom Westen geprägt“

Was reizt Sie so daran, sich immer wieder mit der Endzeit der DDR zu beschäftigen.
Mir ist so vieles, was wir unter dem Stichwort Wiedervereinigung diskutieren, unnötig, oberflächlich, gelogen. Ich möchte Bilder anbieten, die ein wenig schräg stehen zu den Gewissheiten, die wir uns gebildet haben. Und diese Gewissheiten sind stark vom Westen geprägt. Der Westblick definiert den Osten. Der Osten ist braun. Das ist ein Westblick.

Den Westblick haben Sie biografisch bedingt natürlich auch.
Ja, aber die Frage, warum sich im Osten das und jenes zugetragen hat, wird selten mit dem kombiniert, was die DDR-Geschichte hergibt. Ich mache ein Angebot, sich das alles noch einmal aus einem anderen Blickwinkel anzugucken.

Sie sind gerade auf Lesereise, gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung Ost und West?
Sie wollen nur wissen, ob ich im Osten schon aufs Maul bekommen habe dafür? Darauf zielt die Frage doch?

Ich denke nur, dass die Leser im Osten besonders empfindlich sind, wenn es um die DDR geht.
Das ist ja auch richtig so. Bei der Lesung in Erfurt war der Leiter der Morduntersuchungskommission Gera in den achtziger Jahren anwesend, und der war nicht zufrieden. Erstens hätten sie jeden Mord bis zu Ende verfolgt. Und zweitens sei das mit dem Alkohol falsch. Dass im Dienst gesoffen wurde. So was habe es nicht gegeben. Sonst war alles friedlich.

Interview: Frank Junghänel

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