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Nach 1989 änderte sich mit einem Male alles.

9. November 1989

Wie ein einziger großer Wirbel: Der friedliche Umbruch 1989 war auch ein schmerzlicher

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FR-Redakteurin Nadja Erb über die Monate nach dem 9. November 1989.

Wir waren zwölf, als wir unsere Heimat verloren – oder besser: einen großen Teil davon. Ich weiß nicht mehr, was zuerst weg war: das Brausepulver für zehn Pfennig das Tütchen, in das wir unsere nassen Zeigefinger tunkten, bis sie knallrot oder quietschgelb waren. Oder die Gewissheit, was richtig war und was falsch.

In meiner Erinnerung erscheinen die Monate nach dem 9. November 1989 wie ein einziger großer Wirbel. Ein Wirbel, der unser Leben einsaugte und wenig später etwas ausspuckte, was mit dem, was wir kannten, kaum noch etwas zu tun hatte.

Mauerfall 1989: Es gab viel mehr Sachen, leckere auch, aber eben andere

Es verschwand unsere Schule. Nicht das Gebäude, das war noch da. Doch statt der „Polytechnischen Oberschule Ernst Thälmann“ beherbergte es nun das „Carl-von-Linné-Gymnasium“. Wir wussten nicht, wer von Linné war, und auch nicht, wer entschieden hatte, dass mehr als die Hälfte unserer Klasse für diese neue Schule nicht taugte. Unsere Direktorin konnte es nicht gewesen sein, obwohl die, so dachten wir, doch kompetent genug für ein solch schwieriges Verfahren war. Immerhin hatte sie den Vaterländischen Verdienstorden, den höchsten Orden der DDR, für ihre pädagogischen Verdienste erhalten. Doch sie hatte sich von uns Schülerinnen und Schülern verabschiedet, mit einem offenen Brief, in dem sie sich für ihre Fehler entschuldigte und doch betonte, stets nur unser Bestes gewollt zu haben. Unsere Pionierleiterin war auch gegangen, ganz ohne letzten Gruß.

Es verschwand unser Konsum an der Bushaltestelle. Und mit ihm Frau Küster mit der dunkelroten Dauerwelle, die mir heimlich Päckchen mit Fleisch, Bananen oder Kaffee über die Ladentheke schob und auch mal ein Tütchen Brausepulver zu kassieren vergaß. Es verschwand mein Lieblingseis, meine Lieblingsschokolade, mein Lieblingsbrötchen. In dem großen Supermarkt, zu dem jetzt alle fuhren, gab es viel mehr Sachen, leckere auch, aber eben andere.

Mauerfall vor 30 Jahren: Es verschwanden Straßen, Häuser, Nachbarn

Es verschwanden Straßen, Häuser, Nachbarn. Die Leninallee hieß quasi über Nacht Lindenallee. Von den großen Wohnblocks, in deren Schatten wir spielten, wurden Dutzende abgerissen, weil die, die es sich leisten konnten, ein Häuschen am Stadtrand bauten. Es verschwand der Jugendtreff, weil er auf einmal als links galt – was war das eigentlich? – und von den Rechten – woher kamen die eigentlich? – in Brand gesteckt wurde.

In den Familien meiner Freundinnen und Freunde verschwanden Väter oder Mütter. Sie suchten sich Jobs im Hunderte Kilometer entfernten Westen, weil ihr Betrieb verschwunden war oder ihr Beruf. Wer brauchte schon einen Dispatcher, wenn kein Plan mehr zu erfüllen war. Oder sie saßen den ganzen Tag zu Hause, körperlich anwesend zwar, doch mit dem Kopf woanders, versunken in bittere Grübeleien. Sie konnten uns nicht erklären, warum so viele unerschütterlich geglaubte Wahrheiten nicht mehr galten und was an ihre Stelle treten sollte. Sie wussten es selbst nicht.

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30 Jahre Mauerfall: Ein Miteinander finden, wo rechte Hetzer das Auseinander beschwören

In den Monaten nach dem 9. November 1989 bewegten wir uns nicht von der Stelle – und verloren trotzdem unser Zuhause. Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, wissen wir noch immer, wie schwer es sein kann, in einem neuen System Fuß zu fassen. Wie sehr man manche kleinen Dinge des Alltags vermissen kann. Das ist eine Erfahrung, die wir Ostdeutschen mit Migranten und Geflüchteten teilen. Heute böte diese Verbindung die Chance, ein Miteinander zu finden, wo rechte Hetzer das Auseinander beschwören. Es wäre höchste Zeit, sich darauf zu besinnen.

Nadja Erb ist stellvertretende Leiterin der FR-Politikredaktion und hat - getreu dem Motto „Vorwärts immer“ - mit Ostalgie nicht viel am Hut. Zum Glück macht sie dienstlich immer mal eine Ausnahme

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