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Migrant:innen überqueren mit einem Boot den Fluss Evros, um nach Griechenland zu gelangen. Tausende Geflüchtete sammelten sich an der Westgrenze der Türkei und versuchten, auf dem Land- und Seeweg nach Griechenland zu gelangen, nachdem der türkische Präsident Erdogan verkündet hatte, dass ihre Grenzen für diejenigen offen seien, die nach Europa gehen wollten.
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Migrant:innen überqueren mit einem Boot den Fluss Evros, um nach Griechenland zu gelangen.

Am Fluss Evros

Griechenland geht gegen Geflüchtete vor - 27 Kilometer Stahl an der Grenze

  • VonFerry Batzoglou
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Die Regierung in Griechenland will Geflüchtete davon abhalten, ins Land zu gelangen. Dazu baut sie am Fluss Evros eine Mauer, die bald fertiggestellt ist.

  • Von 2015 bis 2020 kamen insgesamt 1,2 Millionen Geflüchtete von der Türkei nach Griechenland.
  • Ein Grenzzaun am Fluss Evros soll Geflüchtete und Migrierende abhalten.
  • Griechenland sieht den Recep Tayyip Erdogan als Gegner, der Geflüchtete als Druckmittel gebrauche.

Frankfurt/Feres – Um das „Kastro“ zu erreichen, muss man die letzten Bauernhöfe am östlichen Rand der kleinen Ortschaft Feres hinter sich lassen. Das eigentümliche Café, von weiten, fruchtbaren Feldern umgeben, macht seinem Namen, „die Burg“, alle Ehre. Das Gebäude ist ein nachgeahmter Wehrbau im Kleinformat, ein Teich ist angelegt, Enten watscheln bis auf die Sonnenterrasse, in der Hoffnung, sich etwas Essbares zu schnappen, auch wenn die Gäste hier bloß einen griechischen Mokka genießen.

Ein paar Meter weiter auf der Sandstraße endet die Idylle. Nur Polizei, Grenzschutz und Armeeangehörige dürfen hier durch. Und Bauarbeiter.

Fluss Evros als Grenze zwischen Griechenland und der Türkei

Feres liegt am Grenzfluss Evros im Nordosten Griechenlands. Der Evros, der im Rila-Gebirge in Bulgarien entspringt, dann zunächst in östlicher Richtung durch die Oberthrakische Tiefebene verläuft und im letzten Drittel in Nord-Süd-Richtung fließt, bildet die gut 200 Kilometer lange griechisch-türkische Festlandsgrenze.

An dieser Stelle, in Feres, direkt hinter dem Café „Kastro“, kurz bevor der Evros (türkisch: Meric Nehri) in die Nord-Ägäis mündet, ist die Festung Griechenland löchrig. Noch.

Griechenland will Geflüchtete aus der Türkei mit einem Grenzzaun abhalten

Seichte, sumpfige Stellen im Fluss locken Schlepper mit Geflüchteten. Sie wollen von der Türkei nach Griechenland, in die EU. Deutschland ist für viele das Zielland. Das ist kein leichtes Unterfangen. Aber hier in Feres ist der Zutritt in die EU leichter als anderswo am Evros. Und ohnehin leichter als in der Ost-Ägäis. Hier baut Griechenland einen neuen Grenzzaun. Sein Zweck: Flüchtende und Migrierende abhalten.

Die neue Mauer wird 27 Kilometer lang sein, fünf Meter hoch, aus Stahlelementen bestehen, an drei Abschnitten verlaufen. Kosten: 63 Millionen Euro. Um die Grenze vor Ort aus der Luft im Auge zu behalten, werden acht Wachtürme errichtet.

Der Bau der Mauer gegen Geflüchtete in Griechenland läuft nach Plan

Ein erster, bereits Ende 2012 fertiggestellter zwölf Kilometer langer Grenzzaun bei der Ortschaft Kastanies, 104 Kilometer nördlich von Feres, wird verstärkt und von heute 3,50 auf 4,30 Meter erhöht. Der Evros verläuft dort ausschließlich in der Türkei und markiert nicht die Grenze.

Die gesamte neue Mauer soll bis April fertig sein. Und die Griechen sind im Zeitplan. Premierminister Kyriakos Mitsotakis von der konservativen Nea Dimokratia (ND) ist fest dazu entschlossen, das Projekt zu verwirklichen. Seine Regierung unterschrieb am 31. August einen entsprechenden Vertrag mit vier großen griechischen Baufirmen. „Das ist das Mindeste, was wir tun können, damit sich die Bürger sicher fühlen können“, sagt Premier Mitsotakis.

Flucht und Asyl

Rund 25 Prozent weniger Menschen haben im Jahr 2020 in der EU einen Asylantrag gestellt als im Jahr zuvor. Das geht aus den vorläufigen Daten der Statistikbehörde Eurostat hervor. Im vergangenen Jahr suchten demnach 459 405 Menschen Schutz in der EU, 2019 waren es 612 700. Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan stellen die größten Gruppen der Schutzsuchenden dar, zunehmend mehr Menschen kommen aus Venezuela und Kolumbien.

Knapp 110 Menschen in Booten waren am Wochenende in Richtung Teneriffa und Gran Canaria unterwegs, als die spanische Küstenwache sie aufgriff. Sie stammen alle aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara.

Das UN-Hilfswerk Unicef kritisierte am Montag die Zustände im vor sechs Monaten errichteten Lager Kara Tepe auf Lesbos. Dort leben etwa 7 000 Menschen, darunter 2 200 Kinder. Auch auf Samos, Chios und auf dem griechischen Festland lebten mitten in Europa Tausende Mädchen und Jungen „unter Umständen, die wir keinem Kind auch nur einen Tag zumuten sollten“, sagte Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland. (vf/afp/epd)

Stimmung dreht sich gegen Geflüchtete in Griechenland

Der Grenzzaun in Feres soll auch vor Überschwemmungen schützen, ein Schutzwall gegen Hochwasser. Davon sind die angrenzenden Agrarflächen häufig betroffen. Obendrein werden Straßen für die griechischen Streitkräfte und die Polizei angelegt. Die ortsansässigen Landwirte sollen die auch befahren dürfen.

Würde ein Meinungsforschungsinstitut die Menschen in Feres befragen, wie sie zu dem neuen Grenzzaun stünden, würden fast alle Befragten antworten: „Der Grenzzaun hätte schon früher errichtet werden müssen.“

Wie sehr sich die Stimmung in der lokalen griechischen Bevölkerung nach der anfänglichen Sympathie für die Geflüchteten gegen sie gedreht hat, offenbarte sich vor genau einem Jahr. Am Evros entzündete sich eine schwere Krise zwischen der EU und der Türkei.

Geflüchtete in Griechenland: Erdogan als Gegner

Nachdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verkündet hatte, die Grenze nach Griechenland werde geöffnet, strömten Tausende Menschen ab Ende Februar 2020 an den Grenzübergang Kastanies. Erdogan drohte damit, „Millionen“ Migrant:innen nach Europa zu schicken.

Die Griechen riegelten ihre Grenzen ab – mit Wasserwerfern, Tränengas, Blendgranaten, Gummigeschossen. Die Bewohner von Kastanies, Feres und anderen Grenzorten unterstützten die griechischen Einsatzkräfte. Nachts patrouillierten Landwirte mit ihren Traktoren gemeinsam mit Uniformierten am Fluss. Die Frauen stellten Esspakete zusammen und verteilten sie an die Soldaten, Grenzwächter und Polizisten.

Migranten aus Togo harren auf der Straße aus, nachdem sie, aus der Türkei kommend, den Grenzfluss Evros durchquert hatten. Foto: Socrates Baltagiannis/dpa

Millionen Geflüchtete kommen über die Türkei nach Griechenland

Das Gros der Griechen stellt sich gegen die Menschen, die als Geflüchtete:r oder Migrant:in die Grenze illegal überqueren. Das sagen sie ohne Umschweife, wenn man sie danach fragt. Sie sehen sich überfordert, von der EU im Stich gelassen.

Von 2015 bis 2020 kamen nach offiziellen Angaben zusammengerechnet 1,2 Millionen Geflüchtete und Migrant:innen von der Türkei über die Festlands- und Seegrenze nach Griechenland. Hellas hat elf Millionen Bürgerinnen und Bürger.

Geflüchtete als Erdogans Druckmittel gegen Griechenland

Das Narrativ lautet: Erdogan und seine AKP würden die in der Türkei lebenden Geflüchteten und Migrant:innen als Instrument benutzen, um Druck auf Griechenland auszuüben. Die von Erdogan in Richtung Griechenland gelenkten Menschengruppen seien Mittel eines „Hybridkrieges“ gegen Hellas, etwas zwischen Krieg und Frieden, in Verbindung mit gezielten Desinformations- und Propaganda-Kampagnen sowie Cyberattacken. Die Türkei sei ein gefährlicher Nachbar. Skrupellos, heimtückisch.

Ende März 2020 gab Erdogan auf, zumindest am Evros. Türkische Behörden brachten die an der Grenze Gestrandeten vom Evros wieder ins Landesinnere. Auch deswegen erinnern sich viele an „das Epos von Evros“ als einen Sieg gegen Erdogan. (Ferry Batzoglou)

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