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Ihr Fall machte weltweit Schlagzeilen: Die junge Palästinenserin Ahed Tamimi hatte einen israelischen Soldaten vor laufender Kamera geschlagen.

Militärgericht in Israel

17-jährige Palästinenserin vor Militärgericht

Heldin oder Provokateurin? Die junge Palästinenserin Ahed Tamimi hatte einen israelischen Soldaten vor laufender Kamera geschlagen. Jetzt steht sie vor Gericht.


An Ahed Tamimi scheiden sich die Geister. Palästinensern gilt die 17-Jährige als schönes Gesicht des Widerstands gegen Israels Besatzung, vielen Israelis dagegen als gefährliche Hetzerin.
Nabi Saleh (dpa) – Der Palästinenser Bassem Tamimi sitzt mit ernstem Gesicht auf dem Bett seiner Tochter. Die Schlafstätte mit der bunten Decke ist seit Wochen unberührt. Denn die 17-jährige Ahed ist seit dem 19. Dezember in Haft. Sie steht vor einem israelischen Militärgericht im Westjordanland, weil sie einem Soldaten vor laufender Kamera ins Gesicht geschlagen hat. „Lasst Ahed frei“, steht auf einem Schild mit dem Bild der blonden Jugendlichen, das der 50-jährige Vater vor sich hält. Mehr als 1,7 Millionen Menschen haben eine Online-Petition für ihre Freilassung unterzeichnet.

Für die Palästinenser ist die Jugendliche mit der wilden, langen Lockenmähne und den hellen Augen eine Ikone des Widerstands gegen die israelische Besatzung. Viele Israelis sehen sie dagegen als unverschämte Provokateurin, die bestraft werden muss.

Am Dienstag begann vor dem Militärgericht im Ofer-Gefängnis bei Ramallah der Prozess gegen Tamimi. Die Anklageschrift enthält insgesamt zwölf Punkte, ihr werden unter anderem Angriffe auf Soldaten und der Aufruf zu Anschlägen vorgeworfen. Nach wenigen Stunden wurde der Prozess am Dienstag aber vertagt. Ein Richter ordnete den Ausschluss der Öffentlichkeit an. „Sie wissen, dass dieser Prozess nicht stattfinden sollte“, kommentierte Tamimis Verteidigerin Gaby Lasky. Nächster Verhandlungstermin ist der 11. März.

Der Richter begründete den Ausschluss der Öffentlichkeit mit Tamimis Alter. Ein öffentliches Verfahren sei nicht im Sinn der minderjährigen Angeklagten. Nur Familienmitglieder durften im Gerichtssaal bleiben, auch diplomatische Beobachter wurden gebeten, den Raum zu verlassen. Anwältin Lasky hatte ohne Erfolg Einspruch gegen die Entscheidung eingelegt.

Tamimi betrat das Militärgericht im besetzten Westjordanland am Dienstag in einer Häftlingsjacke, an Händen und Füßen gefesselt, ein dünnes Lächeln auf den Lippen. Ihr Vater Bassem Tamimi winkte ihr aus dem Publikum zu und rief: „Bleib stark, du wirst gewinnen.“

Anwältin Lasky sagte nach der Verhandlung, sie habe die Einstellung des Verfahrens beantragt, weil Israels Justiz im besetzten Westjordanland keine rechtliche Befugnis habe. Die Staatsanwaltschaft bat daraufhin um mehr Zeit für eine Antwort, weshalb die Verhandlung vertagt wurde. Lasky sagte außerdem, sie werde erneut die Zulassung der Öffentlichkeit beantragen. Es sei sehr wichtig, dass Journalisten, Diplomaten und Anwälte dem Prozess beiwohnen könnten, hob auch Vater Bassem Tamimi hervor, weil „wir dann das Gefühlt haben, dass jene im Gericht sicher sind“.

Ein Fausthieb Tamimis trifft einen der Männer im Gesicht

„Unser Alltag ist zerstört“, sagt Bassem Tamimi. Ahed Tamimi ist seine einzige Tochter, sie hat noch einen älteren und zwei jüngere Brüder. Der Vater muss sich jetzt allein um sie kümmern, weil auch seine Frau Nariman in Haft ist.

Der Vorfall, der zur Verhaftung und Anklage der beiden Frauen führte, ereignete sich nur wenige Meter von ihrem geräumigen Steinhaus entfernt. Auf einem Video, das sich in Windeseile in Sozialen Medien verbreitete, war zu sehen, wie Tamimi, damals noch 16, ihre Mutter und eine Verwandte die Konfrontation mit zwei israelischen Soldaten suchen. Ein Fausthieb Tamimis trifft einen der Männer im Gesicht. Doch die beiden bewaffneten Soldaten reagieren kaum.
Es war nicht das erste Mal, dass Ahed Tamimi mit Protestaktionen bekannt wurde. Schon 2012 ging ein Bild des Mädchens um die Welt, das einen israelischen Soldaten mit geballter Faust bedrohte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verlieh ihr damals eine „Auszeichnung für Mut“, die in Tamimis Zimmer in einem Regal neben Schulbüchern steht.

Die rund 600 Einwohner von Tamimis Heimatort Nabi Saleh nehmen seit 2009 jeden Freitag an Demonstrationen teil. Sie protestieren unter anderem dagegen, dass Israelis aus der 1976 gegründeten Siedlung Chalamisch auf der anderen Seite des Tales eine ihrer Wasserquellen und dazugehöriges Land besetzt haben.

600 000 Siedler leben im Westjordanland und in Ost-Jerusalem

Israels Besatzung des Westjordanlands geht schon ins 51. Jahr, rund 600 000 israelische Siedler leben im Westjordanland und in Ost-Jerusalem. Die Vereinten Nationen sehen rund 200 Siedlungen als Hindernis für eine Friedensregelung zwischen Israel und den Palästinensern.
Mehrere Mitglieder des großen Tamimi-Clans sind bei Protesten getötet worden, viele saßen schon in Haft, darunter auch Bassem Tamimi. Er war während des ersten Palästinenseraufstands Intifada Mitglied einer militanten Gruppierung.

Kurz vor dem Vorfall mit dem Fausthieb war ein Cousin Tamimis bei Protesten von einem Hartgummi-Geschoss schwer am Kopf verletzt worden. Nach Angaben der Familie war sie deshalb aufgewühlt, als sie die beiden Soldaten anging.

„Sie wäre kein normaler Mensch, wenn sie dazu schweigen würde“, sagt Bassem Tamimi. „Sie ist nicht einfach nur wütend“, erklärt er gleichzeitig. „Ihre Überzeugung ist, dass sie Widerstand leisten und mit dem Besatzer kämpfen muss.“ Er sei stolz auf seine Tochter, betont er.
Rechtsorientierte Israelis werfen der Familie Tamimi vor, ihre Kinder zu instrumentalisieren und in Gefahr zu bringen. Ahed Tamimi gaben sie den Spitznamen „Shirley Temper“ – eine Schauspielerin, die in sorgfältig inszenierten „Pallywood“-Produktionen mitwirke. Ihr Vater betont, privat sei Ahed ganz anders als bei Konfrontationen mit der Armee. „Sie ist sehr ruhig, schüchtern, höflich und liebenswürdig der ganzen Familie gegenüber.“

Mehr als 300 minderjährige Palästinenser in israelischer Haft

Laut Amnesty International hat Tamimi eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren zu befürchten. Eine derart harte Strafe für die Jugendliche gilt allerdings als unwahrscheinlich.
Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem befinden sich mehr als 300 minderjährige Palästinenser im Alter von 14 bis 18 Jahren in israelischer Haft. Laut Informationen der palästinensischen Gefangenenorganisation Addameer hat sich die Zahl der minderjährigen Palästinenser in Haft seit Ende 2014 verdoppelt.

Tamimis Vater sieht die wöchentlichen Proteste gegen die militärische Kontrolle von Nabi Saleh als gewaltlos an. Die Armee spricht jedoch von gewaltsamen Ausschreitungen, weil die Palästinenser die Soldaten oft mit Steinen und anderen Objekten bewerfen.

Die Militärstaatsanwaltschaft wirft Ahed auch vor, sie habe in einem Facebook-Video wegen der umstrittenen US-Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt zu Messerattacken und Selbstmordanschlägen aufgerufen. Ihre israelische Anwältin Gaby Lasky spricht jedoch von einer falschen Übersetzung aus dem Arabischen. Die Jugendliche habe lediglich gesagt, solche Gewaltakte wären das Resultat der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump.
Bassem Tamimi meint zwar, gewaltloser Widerstand sei „am effektivsten“ im Kampf gegen Israels Besatzung. Er halte jedoch alle Formen des Widerstands – auch Gewalt – für legitim, sagt er. (dpa/afp)

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