Vorratshaltung ist in Ordnung, Hamsterkäufe sind es nicht.
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Vorratshaltung ist in Ordnung, Hamsterkäufe sind es nicht.

Katastrophenschutz

„100 Rollen Toilettenpapier stehen nicht auf unserer Liste“

  • Daniela Vates
    vonDaniela Vates
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Christoph Unger, Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, spricht über eine angemessene Tonlage, richtige Vorratshaltung und maßlose Hamsterkäufe.

Es gibt eine Behörde in Deutschland, die sich täglich mit dem Extremfall befasst. Mit dem „Undenkbaren“, so nennen es dort auch manche. Sich Terroranschläge, Hochwasser, Cyberattacken und Stromausfälle vorzustellen und Reaktionen zu entwickeln, ist das Hauptgeschäft des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn. Auch mit Epidemien hat man sich dort schon vor Jahren beschäftigt.

Herr Unger, was ist der wichtigste Tipp für jede Krise?

Das Wichtigste ist, dass man sich darauf einstellt, Krisen und Katastrophen bewältigen zu müssen. Man muss verstehen, dass man in eine schwierige Situation kommen kann. Dadurch bleibt man auch im Extremfall handlungsfähig.

Ihr Amt hat 2012 eine Risikoanalyse für eine Pandemie erstellt. Ist der Verlauf der Krise bisher so, wie Sie es erwarten würden?

Es läuft so, wie es in unseren Worst-Case-Szenarien angelegt war.

Ist die kritische Infrastruktur gefährdet, also die Versorgung mit Wasser, Strom und Internet?

Unsere Risikoanalyse geht davon aus, dass es da keine größeren Probleme geben dürfte. Unternehmen sind verpflichtet, sich auf Krisensituationen vorzubereiten, etwa durch Schichtpläne, Stellvertreterregeln, die Identifikation von Schlüsselpersonal. Ich hoffe, dass das geschehen ist. Wir haben einige Anfragen von Unternehmen. Da prüfen wir, wo wir kurzfristig noch Hilfe leisten können.

Was kann schiefgehen bei der Bewältigung von Krisen?

Es ist von zentraler Bedeutung, dass staatliche Stellen klar und umsichtig kommunizieren. Sie müssen glaubwürdig bleiben. Und sie müssen Fake News schnell erkennen und gegensteuern, damit keine Panik entsteht. Dazu müssen heute sehr viel mehr Kanäle beobachtet werden als früher, vor allem die sozialen Netzwerke. Das ist eine große Herausforderung.

Wie wichtig ist die Tonlage? Zuspitzen wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der von „Krieg“ spricht oder deeskalieren?

Am wichtigsten ist, dass eine Regierung einheitlich kommuniziert und nicht durcheinander redet. Sie muss zeitnah reagieren und auf die Ängste der Bevölkerung eingehen. Dabei sollte man genau auf die Wortwahl achten. Der Begriff „Krieg“ ist nicht gut, weil er Ängste schürt. Angst hilft in einer Krise überhaupt nicht.

Wie spricht man mit Kindern über Corona?

Zur Person

Christoph Ungerist Jurist und leitet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe seit seiner Gründung im Jahr 2004.

Auf der Homepage des Amtesgibt es Infos für die Notfallvorsorge und den Link zum Wettbewerb für das Notfall-Kochbuch: www.bbk.bund.de. FR

Kindern muss man erklären, was das Virus ist und warum sie zu Hause bleiben müssen. Man muss erklären, warum in eine häusliche Quarantäne Menschen mit Schutzanzug kommen. Man muss Fragen beantworten und darf sie nicht wegwischen, weil man die Antwort nicht weiß. Je nach Alter des Kindes kann man auch gemeinsam nach der Antwort forschen.

Was empfehlen Sie Erwachsenen?

Es ist wichtig, nicht nur die medizinische, sondern auch die psychische Seite so einer Lage ernst zu nehmen. Wenn man 14 Tage in häuslicher Enge ist, muss man versuchen, den Tag zu strukturieren. Man sollte sich Aufgaben vornehmen. Man sollte nicht nur vor sich hinbrüten, sondern kommunizieren. Und es hilft nichts, sich den ganzen Tag nur mit den neuesten Entwicklungen in der Corona-Krise zu beschäftigen. Man muss auch Abstand gewinnen. Also lieber ein Gesellschaftsspiel spielen als noch die nächste Sondersendung gucken.

Eine Pandemie war für viele Bürger bislang etwas für Hollywood-Filme. War das naiv? Und können Sie verstehen, dass manche die Reaktion auf den Virus für übertrieben halten?

Das ist verständlich, vor allem wenn der Feind unsichtbar ist wie ein Virus. Und wer will sich schon mit Krankheit und Tod auseinandersetzen? Es gibt eine grundsätzliche Tendenz, sich nicht mit unangenehmen Szenarien zu beschäftigen. Wir empfehlen zum Beispiel seit vielen Jahren eine gesunde Vorratshaltung, sind damit aber kaum an die Menschen rangekommen. Das hat zur Folge, dass es in einer akuten Lage wie jetzt zu Überreaktionen wie Hamsterkäufen kommt.

Vorratshaltung ist gut, Hamsterkäufe sind schlecht? Wo ist der Unterschied?

Christoph Unger leitet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Vorratshaltung gehört zur Selbsthilfe-Fähigkeit, genauso wie Erste-Hilfe-Kenntnisse oder das Wissen, wie man mit einem Feuerlöscher ein Feuer löscht. Für die Vorratshaltung gibt es von uns seit vielen Jahren eine Liste, die für zehn Tage berechnet ist. Damit ist man darauf vorbereitet, wenn auf der Straße Glatteis herrscht und man nicht einkaufen gehen kann, aber eben auch, wenn es wie jetzt darum geht, soziale Kontakte zu minimieren. 50 Kilo Mehl oder 100 Rollen Toilettenpapier stehen nicht auf unserer Liste. Das ist maßlos und nicht in Ordnung.

Vor einem Monat hat Ihr Amt ein Notfall-Kochbuch angeschoben, für das Rezepte eingesandt werden können. War das weise Voraussicht?

Die Idee ist unabhängig von Corona entstanden. Es ging eigentlich um das Thema Stromausfall. Alle Gerichte müssen ohne Strom zuzubereiten sein, also entweder kalt oder mit einem Gaskocher. Wir bekommen unglaublich viele Rezeptvorschläge. Es ist erstaunlich, was man alles machen kann – zum Beispiel Couscous und Pfannkuchen. Wahrscheinlich müssen wir eine mehrbändige Ausgabe machen.

Interview: Daniela Vates

Christoph Ungerist Jurist und leitet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe seit seiner Gründung im Jahr 2004.

Auf der Homepage des Amtesgibt es Infos für die Notfallvorsorge und den Link zum Wettbewerb für das Notfall-Kochbuch: www.bbk.bund.de. FR

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