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Zwei der mutmaßlichen Täter aus Israel, die eine Vergewaltigung noch immer bestreiten.

Zypern

Zwölf gegen eine

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2019 gab eine Britin an, auf Zypern von Israelis vergewaltigt worden zu sein. Die Richter glaubten ihr nicht. Eine Dokumentation beleuchtet die Hintergründe.

Der Fall hat das Potenzial, der Ferieninsel Zypern einen dauerhaften Imageschaden zuzufügen: das Schicksal einer 19-jährigen Urlauberin aus England, die laut eigener Aussage im vergangenen Juli in der Partyhochburg Aya Napa Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch junge Israelis wurde. Am Dienstag strahlte der britische Fernsehsender ITV eine einstündige Dokumentation mit dem Titel „Believe Me“ aus – „Glaubt mir“.

Der Film machte das mutmaßliche Verbrechen zu einer Anklage gegen die Behörden Zyperns. In den sozialen Medien Großbritanniens kursieren seither Boykottaufrufe gegen die Inselrepublik. Der Fall hatte bereits im vergangenen Jahr Empörung ausgelöst – umso mehr, nachdem ein Gericht in Zypern die Frau der Falschaussage für schuldig befunden hatte.

Studentin gibt erstes Fernsehinterview

Der zyprische Richter erklärte damals, die Touristin habe gegenüber Ermittlerinnen und Ermittlern der Polizei zugegeben, dass sie die Behauptungen erfunden habe. Weil sie sich „schämte“, als sie bemerkt habe, dass die israelischen Männer ein Handy-Video der sexuellen Handlungen aufnahmen. Laut Polizei habe das Video „einvernehmlichen Sex“ gezeigt.

In der ITV-Sendung äußerte sich die zu ihrem Schutz nur „Emily“ genannte Studentin nun zum ersten Mal selbst in einem Fernsehinterview. Die Dokumentation enthält außerdem zahlreiche neue Details aus Interviews mit Emilys Freunden, Menschenrechtlerinnen und Polizeiexperten. Emily wiederholt vor der Kamera ihre Anschuldigung, dass sie von zwölf jungen Israelis vergewaltigt worden sei.

Sie erneuert auch ihre Behauptung, dass die Polizei sie mit massiven Drohungen gezwungen habe, ihre ursprüngliche Aussage zurückzunehmen und ein anderes Geständnis zu unterschreiben. „Es gab keinen anderen Weg aus diesem Polizeirevier als die Unterzeichnung der Widerrufserklärung“, sagt Emily.

Affäre platzt mitten in Verhandlungen

Bis heute hat keine Behörde im griechischen Süden der zwischen Griechen und Türken geteilten Insel die Frage beantwortet, warum die Israelis im Alter zwischen 15 und 20 Jahren kurz nach Emilys Widerruf aus der Haft entlassen wurden und nach Hause fliegen durften. Sie bestritten nicht, dass sie sexuelle Beziehungen zu Emily hatten, behaupteten jedoch, dass diese einvernehmlich waren. Freunde und Familie empfingen sie an Tel Avivs Flughafen mit dem Ruf „Die Britin ist ’ne Hure“.

Auch die britischen Medien übersahen einen wesentlichen Faktor. Wie der frühere britische Europaminister Dennis MacShane im „Independent“ ausführte, platzte die Affäre mitten in hochsensible politische Verhandlungen im östlichen Mittelmeerraum.

Damals schloss die Regierung des EU-Staats Zypern eine Allianz mit den Nachbarländern Israel und Griechenland über die Ausbeutung von Erdgasvorräten im Meer. Damit veränderte das Dreierbündnis die Kräfteverhältnisse in der Region zuungunsten der Türkei und schien Zypern eine machtpolitische Aufwertung zu bescheren.

Einen langwierigen Streit um Vergewaltigungsvorwürfe gegen junge Israelis konnte die Regierung in Nikosia nicht gebrauchen. „Es geschah ganz klar in diesem Kontext, dass die jungen israelischen Männer so schnell wie möglich nach Hause geschickt wurden“, schreibt Dennis MacShane.

Aufruf zum Boykott

Was dem Verhältnis zu Israel nutzte, schadete der ebenso wichtigen Beziehung Zyperns zu Großbritannien. Schon im vergangenen Jahr und jetzt erneut nach dem Film mehrten sich in Sozialen Medien Hashtags, die britische Urlauberinnen und Urlauber – die größte Touristengruppe in der ehemaligen britischen Kolonie – aufriefen, Zypern zu boykottieren, bis der „tapferen“ Emily Gerechtigkeit widerfahren sei. Unstrittig scheint indes zu sein, dass Emily einen Urlaubsflirt mit einem der Jugendlichen aus Israel hatte.

Im Film schildert sie, dass sich sie und der junge Mann auf dessen Hotelzimmer gerade zu küssen begonnen hätten, als plötzlich elf andere isaelische Jugendliche hereinkamen und mit ihren Handys zu filmen begannen. Shimon Y. habe dann seine Knie auf ihre Schultern gepresst. Sie habe versucht, sich zu wehren, doch die Jungen hätten sie brutal festgehalten und der Reihe nach vergewaltigt. Als sie einen Moment Luft schnappen konnte, habe sie die Chance genutzt, wegzurennen, sagt Emily.

Die Macher der Dokumentation sprachen mit Freunden von Emily, die sie unmittelbar nach dem mutmaßlichen Angriff trafen. Ein junger Brite, der am Zimmer der Israelis vorbeiging, berichtet, dass er sah, wie einige Jugendliche Emily festhielten. Er habe sie angeherrscht „Sie antworteten nicht und liefen weg. Emily weinte.“ Emilys damalige Zimmergenossin erzählt, ihre Freundin sei „in einem traumatisierten Zustand“ ins Apartment zurückgekehrt.

Vom Opfer zur Verdächtigen

Auf dem Weg zur Polizei habe sich Emily „die Augen ausgeweint“. Sie habe Blutergüsse am ganzen Körper gehabt. „Es war ein schrecklicher Anblick.“ Der frühere Kriminalhauptkommissar David Gee, ein führender britischer Experte für Vergewaltigungsermittlungen, sagt im Film, offenbar sei nicht „so gründlich ermittelt worden, wie es hätte sein sollen“. Die Polizei in Zypern weist die Vorwürfe vehement zurück.

Emily, die eine schwere posttraumatische Belastungsstörung davontrug, wurde über Nacht vom Opfer zur Verdächtigen. Sie wurde viereinhalb Wochen in Nikosia inhaftiert und musste bis zum Prozess auf der Insel bleiben. Am 30. Dezember befand ein Richter sie für schuldig, die Vergewaltigung erfunden zu haben, und verurteilte sie zu vier Monaten Gefängnis auf Bewährung wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“. Keiner der verdächtigen Israelis wurde als Zeuge aufgerufen.

Emilys Verteidigerin Nicoletta Charalambidou erklärt, auf Zypern gebe es eine Art Tradition, den Vergewaltigungsvorwürfen von Frauen nicht zu glauben. Nach ihrer Rückkehr nach England legten Emilys Anwälte Berufung beim Obersten Gericht Zyperns ein – wenn nötig will sie bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen. Im Film sagt Emily: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich am Ende Gerechtigkeit erreiche.“

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