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Wo fängt man da an? Köstlichkeiten auf den Märkten gibt es viele – und ausgesprochen frisch sind sie alle.

Taiwan

Zwischen Shrimps und Selfie-Sticks

Noch ist Taiwan kein beliebtes Reiseland. Dabei gibt es dort allerhand zu sehen: Zum Beispiel die Nachtmärkte, aus denen es an jeder Ecke backt und brutzelt. Alles probieren dürften aber nur die Mutigsten.

Der Geruch von vergorenem Tofu hebt den Besucher fast aus den Schuhen. Für Linderung sorgt ein paar Meter weiter ein Stand mit Ingwertee. Überall Garküchen unter Dampf. Tintenfische und Pilze landen auf Grills, Schnecken stapeln sich. Die Standschneisen auf dem Raohe Street Night Market in Taiwans Hauptstadt Taipei sind taghell erleuchtet, Abschnitte mit bunten Lampions überspannt. Menschenmassen bewegen sich zwischen Fettgebackenem, frittierten Riesengarnelen, Shirts, Sneakers und Selfie-Sticks hin und her.

An einem Essensstand empfängt Yu-Hsin Chen, 28 Jahre alt, ihre Kunden mit einem strahlenden Werbe-Lächeln. Doch die Frau prangt nicht auf Titelseiten von Magazinen, sondern ist Sozialarbeiterin und engagiert sich für Obdachlose. Wer bei ihr eine Portion Curry-Huhn oder Tempura ordert, unterstützt ein Projekt für Menschen ohne Wohnsitz. Das überrascht, denn Taiwan zeigt sich hochmodern, extrem sauber und nur selten arm.

„Für uns bedeuten Nachtmärkte soziales Leben, Entertainment, herumschlendern, nach neuester Mode Ausschau halten, essen und trinken“, erklärt die 63-jährige Touristenführerin Michelle Chiu. Und beugt falschen Erwartungen kulinarischer Exotik direkt vor: „Insekten, also auch Heuschrecken, bereiten wir hier nicht zu.“

Schlangen gibt es aber. Bekannt dafür ist in Taipei der Huaxi Street Tourist Night Market, der den alten Beinamen Snake Alley trägt, die Schlangenallee, obwohl im Vergleich zu einst lediglich ein Abglanz erhalten ist. Früher, erinnert sich Chiu, hingen die Reptilien leibhaftig aus und wurden vor den Augen aller enthäutet. Diese Zeiten sind in Taiwan vorbei.

Bis um Mitternacht: Die Nachtmärkte sind taghell beleuchtet.

Nur noch wenige Restaurants bieten die Spezialität in dieser martialischen Form an. Der Selbstversuch Schlangenmenü startet mit einer Reihe gut gekühlter Drinks. „Kobrablut mit Honig“, klärt Miss Elsa auf, die freundliche Kellnerin, und deutet auf ein Wasserglas mit einem roten Trunk. Ihre Gebrauchsanweisung lautet, das Gefäß zur Hälfte zu leeren und dann jedes Mal mit den Tropfen aufzufüllen, die sie direkt daneben gestellt hat: fünf Schnapsgläschen in Farbnuancen zwischen bräunlich und klar.

Dass Miss Elsa leidlich Englisch spricht, erweist sich als Vorteil. Welche Elixiere genau man schluckt und welches Paar an gummiartigen, haselnussgroßen, bernsteinfarbenen Ovalen separat auf einem Tellerchen zum Verzehr bereit liegt, bleibt ein Geheimnis. Diese nicht zerbeißen, nur schlucken, sagt Miss Elsa mit Zeichensprache und setzt strahlend hinzu: „Ist gut für die Gesundheit.“

Lecker ist anders, doch was nach der kulinarischen Stärkung kommt, ist purer Genuss für Leib und Seele. In der Snake Alley reiht sich Massagestudio an Massagestudio, was nichts mit dem Ruf des vormaligen Rotlichtviertels zu tun hat. Einer, der die Klaviatur geübter Griffe beherrscht, ist Mister Joseph. Er bohrt seine mit Latexhandschuhen überzogenen Finger tief ins Fleisch. Und versteht sich darauf, sein bis ans Schmerzlimit betriebenes Handwerk in tiefste Entspannungs- und Wohlgefühle zu verwandeln.

Da vergisst man die Welt um sich herum, die im Fall dieses Salons ohnehin lediglich den Charme eines Großraumabteils der Bahn versprüht, durchpustet von Klimaanlage und Ventilatoren. Preiswert ist das Ganze übrigens nicht – ohnehin ist Taiwan alls andere als ein Billigreiseland.

Riecht nach allem: Die Aromen an den Ständen sind vielfältig.

Halb Taipei ist bei den Nachtmärkten auf den Beinen, sofern das Wetter mitspielt, 14 Adressen in unterschiedlichsten Distrikten listet das Fremdenverkehrsamt auf. Nah ran an die meisten bringt einen die schnelle, effiziente Metro.

Das gilt auch für den Shilin Night Market um die Markthalle Shilin, wo ein Stand zum Shrimpsfischen einlädt. Was im Eimer landet, ist dem Tode geweiht. Der Standmeister spießt die aus Kleinbassins zutage geförderten Garnelen bei lebendigem Leib auf, dann kommen sie auf den Grill dahinter, wo sie ihr Leben auszucken. In der Gastronomie kennen Taiwanesen, so friedliebend und besonnen sie sonst sein mögen, keine Gnade. Sie wollen es frisch haben, ganz frisch.

Ein Zwerg unter den Märkten ist der kulinarisch dominierte Ningxia Night Market, nur wenige Hundert Meter kurz. Die lange Warteschlange vor dem Stand mit Oktopusbällchen fungiert als gute Reklame. Woanders nehmen Maiskolben Kochsprudelbäder, werden Fleischstücke per Gasstrahler gegart und Pilze im Akkord zerschnibbelt. Manche Gäste der Garküchen sitzen im Jackett auf Plastikstühlchen, manche tragen Flipflops. Andere schlingen ihr Essen im Gehen hinunter.

„Nachtmärkte sind gewöhnlich in der Nähe von Tempeln entstanden, weil sich dort ohnehin die Leute konzentrierten“, sagt Stadtführerin Chiu. Das Geschehen dauert von Sonnenuntergang bis etwa Mitternacht. Nirgendwo herrscht Gedränge, das Miteinander ist von Freundlichkeit und gegenseitigem Respekt geprägt. Von Händlerseite geht es absolut unaufdringlich zu. Man fühlt sich rundum sicher.

Jeder kommt vorbei: Von der Geschäftsfrau bis zum Computernerd speisen viele Taiwanesen auf Märkten.

Und bleibt vielerorts allein unter Einheimischen und anderen Asiaten. Denn Taiwan ist für Europäer bislang noch kein Touristenrenner geworden. Die jüngste Jahresstatistik führen die Briten mit 71 030 Besuchern an, Deutsche sind mit 65 330 Ankünften vertreten. Die meisten Touristen, knapp 2,7 Millionen, kommen vom Festland China.

Kaum eine europäische Langnase scheint sich auf den Garden Night Market in Tainan zu verirren, einer Großstadt im Süden. Hier herrscht Jahrmarktstimmung, ein gutes Ziel für Familien mit Kindern, wobei die Kleinen eher Ausnahmeerscheinungen sind: Taiwan hat eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit. Der Nachwuchs auf dem Garden Night Market angelt Plastikgetier aus Kunstteichen oder flippert an Kleinstautomaten, wie viele Erwachsene auch. Was aber fehlt, sind Fahrgeschäfte jedweder Art. Dafür übt man sich im Ringewerfen auf Flaschen und Pfeilewerfen auf Luftballons.

Plötzlich taucht Wan-Lun Tsai auf, ein 25-jähriger Computerwissenschaftler, Doktorand an der hiesigen Universität. „Das hier ist Tainans größter und bekanntester Nachtmarkt“, erklärt er einer Gruppe japanischer Austauschstudenten. Er ist ausgemachter Nachtmarkt-Fan. „Um Freunde zu treffen, mit denen herumzuhängen, günstig zu essen“, gebe es nichts besseres. Auswahl gibt es reichlich: kandierte Süßkartoffeln, Muscheln, Fruchtmixpakete.

Beliebt ist auch ein Stand mit Überraschungskartons für kleines Geld. Der Verkäufer reicht ein Teppichmesser dazu, um die Wunderpakete gleich aufzuschlitzen. Darin verbergen sich Cremes oder Bonbonpackungen.

Stark frequentiert ist der Ruifeng Night Market in der noch südlicheren Stadt Kaohsiung. Er ist als riesiges Rechteck angeordnet, das an eine vielbefahrene Straße stößt, auf der niemand hupt und rüpelt. Die Broschüre des Tourismusbüros untermauert, dass Nachtmärkte lebhafter seien und viel mehr Spaß bringen als normale Märkte – und führt Ruifeng sogar unter „Gourmet Food“.

Serviert zu Schlangenfleisch: Was drin ist, will gar nicht jeder wissen.

Entsprechend groß ist die Auswahl unter den Flutlichtern. Hier könnte man sich mühelos einen Urlaub lang durch die Errungenschaften der Küche kosten. Es riecht süßsauer, fischig, fleischig, pilzig, zimtig, nach allem irgendwie. Würste und Hühnerfüße glitzern glasig, Pfannkuchen mit grünen Zwiebeln finden reißenden Absatz. Verführerisch sind Konditorauslagen und Eiscremes. Ein Flambierer entzündet sein Feuer, es brutzelt in Pfannen mit Durchmessern von einem halben Meter. Ein Küchenstand wirbt mit einer deutschen Spezialität: „Haxe oder Eisbein.“

Neben den unzähligen Essensständen kommt man beim Bummeln vorbei an Buden mit billig riechenden Kosmetikartikeln. Hochbetrieb herrscht bei Openair-Massagen. Tarot-Stände sind diskret abgedeckt, zwei Männer ziehen glücklich mit Plüschtiergewinnen davon. Bei allem Enthusiasmus muss aber gesagt sein: Nachtmärkte allein rechtfertigen keine Reise nach Taiwan. Dazu gibt es zu viele spannende Ziele für tagsüber, die auf der dicht besiedelten Insel allerdings weit verstreut liegen: buddhistische und taoistische Tempel, der von Radstrecken flankierte Sonne-Mond-See im Bergland, in Taipei ein Schwebeflug in der Seilbahn oder eine Aufzugschussfahrt in den Wolkenkratzer Taipei 101 mit grandioser Aussicht.

Nachtmärkte sind allerdings eine schöne, laute, bunte Ergänzung. Hier stößt man in authentische, unverfälschte Gefilde vor, in denen man die Taiwanesen besser kennen und verstehen lernt. Ihr Lebensgefühl, ihren Gemeinschaftssinn, ihre Fröhlichkeit, ihre Genuss- und Konsumfreude. (dpa)

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