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Die Angeklagte Valerie Bacot (M) kommt flankiert von ihrer Familie und umgeben von Journalisten im Gerichtsgebäude an.
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Die Angeklagte Valerie Bacot (M) kommt flankiert von ihrer Familie und umgeben von Journalisten im Gerichtsgebäude an.

Frankreich

Mordprozess in Frankreich: Frau erschießt gewalttätigen Ehemann – Hunderttausende fordern Freispruch

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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In Frankreich steht diese Woche eine Frau vor Gericht, die ihren gewalttätigen Mann erschoss, um ihre Kinder zu schützen. Hunderttausende verlangen ihren Freispruch.

Paris – Das Buch, das Valérie Bacot über ihr Leben geschrieben hat, trägt den Titel „Alle wussten es“. Und alle Zeuginnen und Zeugen bestätigten diese Woche vor Gericht, was in dem Burgunderdorf ein offenes Geheimnis war: Daniel Bacot, ein 60-jähriger Fernfahrer, vergewaltigte seine Frau und misshandelte die Kinder über Jahre aufs Schwerste. Der Waffennarr schlug sie fast täglich und verbot ihnen jeden Umgang außerhalb der Familie; seine Frau zwang er mit vorgehaltener Pistole, sich zu prostituieren. Bis zu jener Nacht im März 2016.

Nach einem brutalen Prostitutionsakt, den ihr Mann von außerhalb des Peugeot 806 mitverfolgte, konnte Valérie Bacot nicht mehr. Sie richtete die Pistole, mit der sie bedroht worden war, gegen ihren Peiniger und streckte ihn mit einem Schuss in den Nacken nieder.

Mordprozess in Frankreich: Frau wollte Kinder vor ihrem Vater in Sicherheit bringen

Bei dem Prozess in Chalon-sur-Saône wirft ihr der Staatsanwalt nun vorsätzlichen Mord vor. Sie habe versucht, ihren Mann zuerst mit Tabletten einzuschläfern; nach der Tat habe sie die Leiche im Wald vergraben. Die Angeklagte bestreitet das nicht; sie erklärte, sie gehe „in Ruhe“ einer langen, vielleicht lebenslangen Haftstrafe entgegen, da ihre Kinder endlich „in Sicherheit“ vor ihrem Vater seien.

Unter Tränen erzählte sie, wie sie selbst schon mit 14 Jahren von ihrem späteren Mann vergewaltigt worden war. Er war damals noch mit Valéries Mutter zusammen; wegen Gewalttätigkeit hatte er bereits eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen. Später heiratete er Valérie, machte ihr vier Kinder – fast immer unter Alkoholeinfluss und mit roher Gewalt.

Frankreich: Kinder suchten wegen Gewalt des Vaters Polizei auf

Die Kinder erklärten nun vor Gericht, sie hätten mehrmals die Polizei aufgesucht, um ihren Vater anzuzeigen, doch habe man sie ohne weiteres Zutun nach Hause geschickt. Die Angeklagte schilderte in dem Prozess, der Auslöser für ihre Tat sei ihre Angst gewesen, dass ihr Peiniger auch ihre Tochter zur Prostitution zwingen könne. Frankreich nimmt konsterniert zur Kenntnis, welche düsteren Verhältnisse in einem – für sein Schloss bekanntes – Burgunderdorf wie La Clayette herrschen. Und wie wenig die Nachbarn von den Vorgängen nebenan wussten. Oder wissen wollten.

Jetzt berichten Pariser Fernsehsender live von den Verhandlungen, Journalistinnen und Jouranlisten teilen die neusten Aussagen und Wendungen sekundenschnell per Twitter aus dem Prozesssaal mit. Die öffentliche Meinung steht auf der Seite von Valérie Bacot. Und auch ihre vier Kinder halten voll zu ihr; sie berichteten über die unaufhörlichen Schläge und Demütigungen ihres Vaters; das Verhalten ihrer Mutter verteidigen sie ohne Unterlass. Ein Unterstützungskomitee hilft Valérie Bacot, die Gerichtskosten zu stemmen. Eine Petition mit mehr als 650 000 Unterschriften verlangt einen Freispruch. Auch wenn Valérie Bacot einen Mord begangen habe, müsse sie angesichts der furchtbaren Tatumstände freikommen, heißt es darin.

Debatte über Femizide in Frankreich: Debatte zwischen Notwehr und Selbstjustiz

Viele in Frankreich fühlen sich an die Affäre Jacqueline Sauvage erinnert, benannt nach einer Frau, die ihren Mann nach 47 Ehejahren erschossen hatte. Sie wurde 2012 verurteilt, vom damaligen Präsidenten François Hollande aber vier Jahre später begnadigt. Seither sind mehrere ähnliche Fälle dazugekommen. Und wie sich zeigt, waren die Gattenmörderinnen meist selber Opfer häuslicher Gewalt gewesen.

Dieser Umstand bewirkt auch eine öffentliche Debatte über die zunehmende Zahl von Feminiziden in Frankreich – 146 waren es im Jahr 2019, im Covid-Jahr 2020 vermutlich noch mehr. Sehr umstritten bleibt die Frage nach der Grenze zwischen Notwehr und Selbstjustiz. Eine überzeugende Antwort während des Prozesses haben weder die Initiator:innen der Petition noch die Staatsanwaltschaft gefunden. Strafanträge und das Urteil werden in den nächsten Tagen erwartet. (Stefan Brändle)

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