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Der Social-Media-Star trägt rote Söckchen: Melanie Vogel mit Malo.

Kanada

Zwischen den Ozeanen

  • vonUta-Caecilia Nabert
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Seit gut drei Jahren wandert Melanie Vogel durch Kanada. Als erste Deutsche erschließt sie sich das zweitgrößte Land der Erde zu Fuß. Eine Reise vom Atlantik zum Pazifik.

Melanie Vogel heult und schreit. „Ich kann nicht mehr.“ Sie legt den Kopf in den Nacken, schaut sich um, atmet schwer, ruft die Worte in den wintergrauen Himmel, bleibt stehen, läuft weiter. Die verschneite Straße zum Berggipfel hinauf. „Langsam, aber stetig, langsam aber stetig“, murmelt sie vor sich hin. Das Mantra, das ihr in schweren Momenten hilft, sie aufbaut, für den Trip ihres Lebens – die Wanderung durch das zweitgrößte Land der Erde: Kanada. Einmal von Ost nach West, vom Atlantik zum Pazifik. Mit einem Abstecher hoch an den Arktischen Ozean.

Im Internet nimmt Melanie ihre Follower mit auf die Reise, weint vor der Kamera, wenn sie vor Müdigkeit, Kälte, Schmerzen, Erschöpfung einmal nicht mehr kann. Sie singt vor der Kamera, wenn sie sich darüber freut, dass die Sonne scheint, die Welt schön ist und sie frei. Sie kuschelt vor der Kamera mit Malo, dem eigentlichen Social-Media-Star, der sich exakt in der Mitte des Landes zu ihr gesellt hat. Bei allem Abenteuer – den Moment, als Melanie auf den sandfarbenen Hund traf, nennt die Extremwanderin den „Höhepunkt“ ihrer Reise. Nun trägt er Stoffschuhe gegen die Kälte, ist geimpft, kastriert und hat denn auch gleich einen eigenen Schlafsack.

Seit einem Jahr ist das Tier mit auf Tour, Melanie selbst seit drei Jahren. Damit hat sie mehr Verspätung als die Deutsche Bahn. „Ich laufe jetzt schon ein Jahr länger als geplant.“ 2017 war die Wanderung gestartet, in Cape Spear, Neufundland, dem östlichsten Punkt des Nordamerikas. Seitdem folgt Melanie der grünen Linie, die auf der Karte den so genannten Great Trail markiert, einen Wanderweg durch das ganze Land. Rund 24 000 Kilometer lang führt er über stillgelegte Bahntrassen, Pfade, aber auch oft an Straßen und Highways entlang und durch viele kleinere und größere Orte – auch durch Québec, Montréal, Toronto und Ottawa. Es ist kein Trip durch Kanadas Wildnis inklusive Rentierjagd und Lachsfang. Das Essen kommt aus dem Supermarkt. Und dennoch geht es manchmal ums Überleben.

Melanie erinnert sich noch gut an ihren ersten Winter, an die eine Nacht, als sie bis vier Uhr morgens durchlief. „Ich hatte lähmende Angst. Angst zu erfrieren, wenn ich mein Zelt aufschlage und die Augen zu.“ Minus 20 Grad habe es gehabt, „also verhältnismäßig warm“, sagt die 44-Jährige und lacht. Sie erinnert sich, wie sie durch die Dörfer schlich „wie eine Diebin“, auf der Suche nach einem geschützten Platz zum Campen, während „ich hinter den Fenstern die Menschen in ihren warmen Zimmern sitzen sah.“ In diesen Stunden habe sie an das Mädchen mit den Schwefelhölzern denken müssen. „Ich kam mir vor wir sie.“ Doch anders als das Kind in Hans Christian Andersens Märchen würde sie nicht erfrieren. Melanie checkte früh am nächsten Morgen im „Happy Motel“ ein, unglücklich über ihr „Versagen“.

Während sie erzählt, sich an die Anfänge ihrer Reise erinnert, fällt es der gebürtigen Sächsin manchmal schwer, die richtigen Worte in ihrer Muttersprache zu finden. Seit 13 Jahren lebt sie in Kanada. Sie dehnt das „au“ von „auch“ immer noch zu einem „ooch“ und wenn sie etwas nicht weiß, dann „weeß sie es gerade“ nicht. Manchmal fällt es ihr schwer, sich in allen Einzelheiten zu erinnern, was sie in den vergangenen drei Jahren erlebt hat, an all die Menschen, die sie unterstützt haben, ihr Schokolade zusteckten, Sandwiches, Bananen, Äpfeln, sogar Geldscheine zum Autofenster rausreichten. „Seit ich mit Malo laufe, bekommen wir natürlich auch Futter und Leckerlis.“

Dann gerät sie ins Stocken, bei dem Versuch, sich an einen Namen zu erinnern: „Collin!“ ruft sie endlich. „Er hieß Collin!“ Das sei in der Provinz New Brunswick gewesen, ganz am Anfang. „Im ersten Winter.“ Kurz nachdem die studierte Soziologin – damals noch ohne Hund – den Great Trail entlanggestreunt war und frustriert im Happy Motel landete. „Damals habe ich beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann, ich aber weitergehen will und etwas ändern muss.“ Diese Entscheidung habe sie in einen Baumarkt geführt, wo sie einen Kinderschlitten kaufte, um ihren 20-Kilo-Rucksack nicht mehr tragen zu müssen. Dann kam Collin ins Spiel. Er sprach sie vor dem Geschäft an, neugierig geworden beim Anblick ihrer Ausrüstung. Sie unterhielten sich und wenige Minuten später machte sich Melanie zum ersten Mal nach jener furchtbaren Nacht wieder auf den Weg. „Ich laufe also den Highway entlang, raus aus der Stadt, als ich ein Auto sehe, das am Straßenrand parkt. Ein Mann steigt aus, ich erkenne Collin wieder.“ Der Kanadier hatte auf sie gewartet und zog nun einen Expeditionsschlitten von der Ladefläche seines Pickups, den er der deutschen Abenteurerin schenkte. „Weil er sich für meine Zwecke besser eignete als ein Kinderschlitten.“

Melanie erlebt unzählige dieser Geschichten auf ihrer Wanderschaft. „Die Freundlichkeit der Kanadier ist zu meiner Hauptstory geworden – deren Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft!“ Auch in Zeiten der Pandemie, in denen sie nicht weiterlaufen kann, ist sie nicht allein. „Ich war gerade auf dem Highway nach Whitehorse im Yukon unterwegs, als eine Frau in ihrem Wagen neben mir anhielt.“ Alles in Ordnung? habe sie gefragt und Melanie spontan zu sich nach Hause eingeladen. Die geplante einmalige Übernachtung würde in einem mehrwöchigen Aufenthalt bei Janet und ihrem Mann Roger münden, denn so lange dauerte es, bis die Behörden die Reisebeschränkungen aufgrund von Covid-19 wieder lockern würden.

Zur Person

Melanie Vogel , 44, ist im sächsischen Kamenz aufgewachsen. Nach ihrem Soziologiestudium in Dresden arbeitete sie im Eventmanagement, bis sie mit Anfang 30 nach Kanada zog, wo sie seit 13 Jahren lebt. In Vancouver arbeitete sie im Stadtmarketing, wohnte später in Toronto. Im Juni 2017 trat sie die Wanderung auf dem Great Trail an.

Der Great Trail, bis 2016 als Trans Canada Trail bekannt, ist einer der längsten Wanderwege der Welt. Samt Wasserstraßen umfasst er rund 24 000 Kilometer. Bisher sind nur wenige die gesamte Strecke abgelaufen. Als Erster schaffte es der Kanadier Dana Meise mit Unterbrechungen über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Auf Facebook , Instagram und ihrer Website betweensunsets.com nimmt Melanie Vogel die Menschen mit auf ihre Reise. Sie rechnet damit, Anfang 2021 am Pazifik anzukommen. Danach möchte sie ein Buch schreiben – über den Trip ihres Lebens.

Die Reise finanziert sich Vogel durch Erspartes. 2019 erhielt sie zudem das Stipendium „Women’s Expedition Grant by the Royal Canadian Geographical Society“. Hersteller von Outdoorausrüstungen wie auch Menschen, denen sie unterwegs begegnet, unterstützen Melanie Vogel materiell. Zudem hat sie eine Spendenfunktion auf ihrer Website eingerichtet. FR

Eigentlich hatte Melanie ihr Abenteuer nutzen wollen, um selbstständiger zu werden, zu lernen, ohne Hilfe auszukommen. Zuvor hatte sie Geld angespart und sich elf Monate lang vorbereitet – Ausrüstung gekauft, an einem Überlebenstraining teilgenommen, Ratgeber gelesen, Sport gemacht. Dass ihr Weg sie meist durch besiedelte Gebiete führt, das Zelt oft im Rucksack bleibt, weil sie zu jemanden nach Hause eingeladen wird, stört die Wahlkanadierin nicht. „Ich empfinde mich als sehr soziales Wesen.“ Sie lacht.

Trotz aller Unterstützung, hat sie ihr Ziel – obwohl noch gar nicht am Ziel – schon erreicht: „Ich bin jederzeit in der Lage, mich selbst zu versorgen und draußen zu übernachten, mittlerweile auch im Winter.“ Nach der Niederlage im „Happy Motel“ hatte sie die grüne Linie auf der Landkarte eines Tages bei einem Paar in Québec vorbeigeführt. „Sie hatten Erfahrung mit Wintercamping, gaben mir Tipps und anstatt bei ihnen im Haus zu übernachten, baute ich mein Zelt daneben im Schnee auf.“ Ein andermal campierte Melanie während eines Schneesturms ganz bewusst auf einem offenen Feld. Bei bis zu minus 40 Grad hat sie draußen übernachtet.

Dass das nicht nur eisig, sondern mitunter recht unromantisch ist, spiegeln ihre Einträge auf Facebook und Instagram wider, in denen sie auch beschreibt, wie sie am Alaska Highway an einer Haltebucht für Truckerfahrer campiert. Sie schreibt: „In jener Nacht, da ich versuchte, mich zwischen Mülleimern in die Landschaft zu integrieren, glaubte ich, meine Würde verloren zu haben.“

Doch dann postet Melanie wieder Bilder, auf denen ihr Zelt wie eine große Laterne mitten in der Wildnis steht, zaghafte Andeutungen der Polarlichter darüber. Ihre Follower begleiten sie via Social Media, als sie vor einer Schulklasse spricht und danach die Kinder in deren Alltag beobachtet: „Sie gleiten auf ihren Skiern bei Sonnenuntergang durch die Berge nach Hause, am nächsten Tag schießt ein 15-jähriges Mädchen einen Elch, und während alle gemeinsam helfen, das Tier aus dem Busch zu holen, erkenne ich, dass meine Abenteuer schnöder Alltag anderer Kulturen sind.“

Die anfängliche Angst jener Winternacht zu Beginn ihrer Reise, sei gewichen. „Ich habe in den letzten drei Jahren so viel Erfahrung gesammelt, dass ich mich sicher fühle. Dennoch bin ich immer wachsam.“

Zur Sicherheit gehört seit Beginn auch ein Inreachgerät zu ihrer Ausrüstung, so groß wie ein Smartphone, befestigt an einem Rucksackträger. „Damit sende ich jeden Abend meine GPS-Daten an einen Freund in Toronto und seit ich im einsamen Yukon unterwegs bin, an die Ortspolizei.“ Falle ihr etwas Ungewöhnliches auf, sende sie zudem eine kurze Notiz, etwa: „Zum zweiten Mal fährt ein Pickup an meinem Zeltplatz vorbei, ich bin mir nicht sicher, ob das Zufall ist.“

Noch immer erinnert sie sich an einen Typen, dem sie in der Wildnis begegnete, und der sie zu sich in seinen Wohnwagen einlud. Als sie dankend ablehnte, sagte er: Naja, vielleicht änderst du deine Meinung ja noch, ich schaue später mal nach dir. „Da bin ich gerannt. So lange, bis ich das erste Haus eines Dorfes sah.“ Ein Video auf YouTube zeigt sie mit Tränen im Gesicht durch den Busch laufen, während sie die Kamera anschreit: „Wie kannst sowas mitten in einem Wald zu mir sagen, wenn du genau weißt, dass ich alleine unterwegs bin? Das macht mir Angst, hörst du? Das macht mir Angst, du Idiot!“

Ihre seltenen Begegnungen mit wilden Tieren verliefen bisher harmonischer. Es sind eher die kleinen Tiere, die ihr und Malo zu schaffen machen: Zecken hätten es vor allem auf ihren vierbeinigen Begleiter abgesehen und im Sommer seien Mücken eine Plage.

Aber wenn Melanie Vogel mit einem Kaffee vor dem Zelt sitzt, in ihr Tagebuch schreibt oder mit dem Hund kuschelt, stellt sie sich manchmal den Moment vor, da sie endlich am Arktischen Ozean stehen wird. „Schon jetzt habe ich dann Tränen in den Augen.“

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