+
Das Volk jubelt: Die Mehrheit der Japaner begegnet dem Kaiserhaus mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schaulust.

Japan

Zwischen den Chrysanthemen die Stille

  • schließen

Heute besteigt Naruhito hochoffiziell Japans blumenumrankten Thron. Viele Worte können die Abgesandten aus 174 Staaten vom neuen Kaiser nicht erwarten. Seine Hauptaufgabe ist die absolute Ruhe.

Im Vordergrund steht das Schweigen, da lässt das Protokoll wenig Raum für Missverständnisse. Wenn Kaiser Naruhito am heutigen Dienstag seine Inthronisierung höfisch feiert, wird er vor dem hochrangigen Publikum aus aller Welt einmal einen Text vorlesen, der seinen Amtsantritt verkündet, ansonsten aber vor allem still bleiben.

Die Gäste aus 174 Ländern, darunter Königinnen und Könige, aber auch Vertreter nichtmonarchischer Staaten wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, werden die Bedeutung des Anlasses vor allem an der Symbolik erkennen müssen. Diener mit Schwertern und Lanzen, bedächtiges Tempo, schlichte Verzierungen, ein 6,5 Meter hoher Thron mit Chrysanthemenmuster.

Die offizielle Feier zur Inthronisierung des Kaisers ist das hochrangigste Ereignis des Jahres in Japan. Ende April trat der altersschwache Kaiser Akihito freiwillig ab und überließ seinem Sohn Naruhito damit einen Tag darauf den Thron. Ein halbes Jahr später lädt der Hof nun die Welt ein, um den Beginn der neuen Ära noch einmal zu feiern.

Die 30-minütige Zeremonie, an deren Ende eine kurze Rede von Premierminister Shinzo Abe steht, in der er den eingeweihten Kaiser noch dreimal hochleben lässt, wird in Japan live ins ganze Land übertragen. Jeder soll sehen, wie elegant und schlicht, erhaben und zurückhaltend, zeitlos und zeitgemäß das Kaiserhaus ist.

Allerdings ist dies ein schmaler Grat. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sollten die Japaner ihren Kaiser noch als göttliches Wesen mit politischen Befugnissen verstehen. Die Nachkriegsverfassung von 1947, die dem ostasiatischen Land von den siegreichen USA aufgedrückt wurde, betrachtet den Kaiser bloß noch als Mensch.

Zwar bleibt der alte Mythos, laut dem die Kaiserfamilie direkt von der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu abstammt, bis heute bestehen. Allerdings ist der Kaiser laut der heutigen Verfassung nicht einmal mehr das Staatsoberhaupt, darf sich auch niemals politisch äußern geschweige denn verhalten. Heute ist er offiziell das „Symbol für das japanische Volk.“

Dabei ist nicht jedem klar, was das Kaiserhaus heute symbolisieren soll. Die Mehrheit der Japaner begegnet ihm mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schaulust, aber auch Gleichgültigkeit. Anders als in europäischen Monarchien übernimmt der japanische Hof keinerlei Unterhaltungsrolle für das Volk, Papparazzi stürzen sich auf alle möglichen Stars, kaum aber auf den Kaiser und seine Gefolgschaft. So spielen Akihito und seine Verwandten im Alltag der meisten Japaner kaum eine Rolle.

Das Kaiserpaar schweigt: Politisch dürfen sie sich nicht äußern. 

Gesellschaftlich bedeutend ist die Tradition, mit der das Kaiserhaus einhergeht, dennoch. Schließlich rühmt sich Japan damit, die längste ununterbrochene Erbmonarchie der Welt zu sein. Dabei ist die Rolle des 126. Kaisers ambivalent. Naruhito und seine Frau Masako folgen zwar dem strengen Hofprotokoll mit all seinen Ritualen. Zugleich gelten sie als modernes Paar.

Beide haben im Ausland studiert, sprechen fließend Englisch und verkörpern ein relativ modernes Familienbild, laut dem auch der Mann eine Rolle in der Kindererziehung übernimmt. Damit ist das vermeintlich altmodische Paar vermutlich moderner als viele ihrer Landsleute. So sehen Progressive im Land Naruhito und Masako als Hoffnungsträger für die Erneuerung einer Gesellschaft, die technologisch zwar hochmodern ist, familienpolitisch aber kaum.

Die Konservative dagegen, die im Hofamt und der Regierung dominiert, sorgt sich aus patriotischen Gründen um die Popularität der Kaiserfamilie. Ohnehin würden die politischen Zirkel um den Premierminister Shinzo Abe gern die Verfassung umschreiben und in diesem Zuge auch den Kaiser wieder offiziell zum Staatsoberhaupt zu machen. Weil die Mehrheit der Japaner aber keine Verfassungsänderung wünscht, gibt sich die rechtskonservative Regierung dieser Tage auch bei der kaiserlichen Zeremonie besondere Mühe.

Das Justizministerium verkündete, dass im Zuge der Feierlichkeiten eine halbe Million Kriminelle einen Straferlass erhalten. Kleinere Verbrechen von Verkehrsvergehen bis zu Ladendiebstahl werden aufgehoben. Dies wiederum sorgt für Kontroversen. Der Abgeordnete der linksliberalen Verfassungsdemokratischen Partei, Yukihisa Fujita sagte: „Wenn die Regierung versucht, die feierliche Stimmung der Menschen im Zuge der kaiserlichen Zeremonie für ihre politischen Motive zu nutzen, dann ist eine Amnestie nicht zu rechtfertigen.“

Im Parlament wurde zuletzt außerdem diskutiert, ob der Schritt nicht das Prinzip der Gewaltenteilung verletze, da sich die Regierung damit über die Justiz hinwegsetze. Zwar konzentriert sich die Mehrzahl der japanischen Medien auf die Feierlichkeit und den hochrangigen Besuch aus dem Ausland, der an mehreren Orten auch mit kulturellen Veranstaltungen wie Ausstellungseröffnungen einhergeht. Das Thema der Amnestie kann aber nicht ignoriert werden.

Der öffentliche Rundfunksender NHK, der die Hofzeremonien immer live überträgt, stellte in einem Bericht am Freitag klar: „Die Regierung wird diejenigen, die schwere Straftaten begangen haben, aus Achtung für die Familien der Opfer nicht begnadigen.“ Eine große Sache ist es trotzdem. Die letzte Amnestie gab es vor einem Vierteljahrhundert, als Naruhito im Jahr 1993 seine heutige Frau und Kaiserin Masako heiratete.

Der Schritt war auch damals kontrovers. Nicht zuletzt deshalb, weil die Begnadigung einer Bestätigung durch den Kaiser bedarf. So einen Akt, auch wenn er eigentlich rein administrativer Natur ist, halten viele für zutiefst politisch. Schließlich enden dadurch die rechtskräftigen Strafen für eine halbe Million Straftäter. Würde sich der Kaiser diesem Schritt wiederum verweigern, wäre dies ein ebenso klares politisches Statement. Dabei soll Naruhito diese Tage doch eigentlich nur schweigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion