FR-Adventskalender

Zwischen den Büchern ein Bad

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Die Bücher Fred Vargas‘ sind wie ein Tauchgang, die Hörspiele wie ein sanftes Treibenlassen.

Die Zeit zwischen den Büchern wurde lang. Im Oktober 2018 erschien „Der Zorn der Einsiedlerin“, drei Jahre hatte ich darauf gewartet. Als ich das Buch in den Händen hielt, war ich erleichtert – auch, weil es wieder so üppig geraten war. 512 Seiten Glück. Nichts anderes beschert mir Fred Vargas, jedes Mal. Ich las ihren elften Kriminalroman, so wie ich jeden von ihr lese – gierig und gezügelt zugleich.

Weil ihre Geschichten einen verführerischen Sog entwickeln, in den ich mich einfach nur fallen lassen will. Dem ich aber widerstehe, indem ich bewusst langsam lese, um das Glück des Lesens möglichst lange zu bewahren; wenig ist schlimmer, als die Seiten eines Vargas-Romans schwinden zu sehen. Wenn ich Fred Vargas lese, bin ich eine Taucherin, die sich ins Tiefe und Dunkle locken lässt. Die aber immer wieder an die Oberfläche steigt, um Luft zu holen. So atemberaubend sind diese Texte.

Ich liebe die Verschrobenheit, die Exzentrik ihrer Figuren, allen voran ihres Kommissars Jean-Baptiste Adamsberg. Ich liebe das Mysteriöse, das Absonderliche ihrer Geschichten, die ihren Zauber auch daraus gewinnen, dass Vargas einen Beruf jenseits des Schreibens hat: Sie ist Archäologin, spezialisiert auf das Alltagsleben im Mittelalter. Mag sein, dass daher auch die besondere Entrücktheit ihrer Szenerien rührt, wenngleich sie in der Gegenwart spielen: Undenkbar, dass Adamsberg Whatsapp-Nachrichten verschickt, Netflix schaut oder eine andere Intelligenz bemüht als die eigene.

Eine Tragik liegt darin, dass sich das Glück des ersten Lesens – dieses Tieftauchen und Luftholen – nicht wiederholen lässt. Ich habe keinen einzigen ihrer Romane ein zweites Mal gelesen, wenngleich sie allesamt zu Hause im Regal stehen und gewiss zu den Dingen gehörten, die ich zu retten versuchte, bräche ein Feuer aus.

So behelfe ich mir mit einer List: Ich lasse lesen. Oder besser: Ich lasse hörspielen. So muss ich auf Vargas und ihre Bücher nicht verzichten, und doch ist es etwas anderes, ihre Geschichten nur mit dem Hörsinn wahrzunehmen. Der Tauchgang geht weniger tief, es ist eher ein Sichtreibenlassen in angenehm badewannenwarmem Wasser – etwa, wenn ich der unvergleichlichen Stimme von Schauspielerin Hannelore Hoger lausche, die „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“ (der erste Adamsberg) oder „Das barmherzige Fallbeil“ (Vargas’ zehnter Roman) vorliest, ach was: vorknarzt.

Hör mal! Keine Sorge: „Last Christmas“ wird hier definitiv nicht auftauchen. Trotzdem begeht Ihre FR den Advent diesmal akustisch. Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen gefragt, was sie nicht nur unter der Tanne gerne hören – und was es rund um ihre liebsten Podcasts, Hörbücher und Hörspiele zu erzählen gibt. Unser Adventskalender. FR

Sie vermag es, die fast märchenhafte Atmosphäre entstehen zu lassen, die Fred Vargas’ Literatur auszeichnet. Und das geht wohl nur mit einem besonderen Gespür für das Schräge, das Schrullige, das Unangepasste. Wer würde da besser passen als Hannelore Hoger!

Wunderbar dicht sind die im Audio-Verlag erschienenen Hörspiele, die auch Vargas-Romane inszenieren, in denen Kommissar Adamsberg noch keine Rolle spielt. Im Zentrum stehen hier die „Evangelisten“: Mittelalter-Forscher Marc, Erster-Weltkrieg-Experte Lucien, Paläontologe Matthias – ein herrliches Panoptikum mit Schauspieler-Granaten wie Otto Sander und Ullrich Matthes.

Mein aktueller Liebling aber ist die Hörspielfassung von „Das Zeichen des Widders“ – ein Comic-Krimi, den Vargas gemeinsam mit dem französischen Zeichner Edmond Baudoin herausgebracht hat. Ein geglücktes Experiment – zumal Christian Brückner zu hören ist und damit ein Hauch von Robert de Niro durch Paris weht. Er wird mir die Zeit bis zum nächsten Buch nicht ganz so lang werden lassen.

Fred Vargas: Das Zeichen des Widders. Der Audio Verlag, Berlin 2008, 54 Minuten, 15,99 Euro

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