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Das eigene Stadion ist für jeden Verein ein heiliger Ort: San-Lorenzo-Fans auf der Tribüne.
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Das eigene Stadion ist für jeden Verein ein heiliger Ort: San-Lorenzo-Fans auf der Tribüne.

Fußball in Argentinien

Zurück in die Zukunft

  • Wolfgang Kunath
    VonWolfgang Kunath
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Die Geschichte eines Stadions: Wie die Anhänger des Fußball-Klubs San Lorenzo de Almagro in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires um ihre Heimat kämpfen. Viele Fans beteiligen sich an der Finanzierung.

An der Avenida La Plata überfällt Hernán D’Alessio immer wieder die Konsumhemmung. „Ich bring’s bis heute nicht fertig, hier einzukaufen“, sagt er auf dem Bürgersteig vor dem Supermarkt Carrefour. Die blau-rote Schrift des Firmen-Emblems bringt Hernán zusätzlich in Rage. Carrefour kann zwar nichts dafür, aber Blau und Rot – das sind die Farben des Fußball-Klubs San Lorenzo de Almagro. Und Hernán empfindet das so, als wär’s heute noch ein höhnisches Auftrumpfen: Denn historisch ist der Klub das Opfer des Supermarkts geworden.Hernáns Vater war als Sportjournalist bei San Lorenzo angestellt. Sein 37 Jahre alter Sohn ist also quasi schon als San-Lorenzo-Anhänger auf die Welt gekommen. Und wenn Hernáns 17-jährige Tochter, die sich nicht sehr für Fußball interessiert – „na schön, das akzeptiere ich“ –, mit einem Freund ankäme, der einem anderen Klub anhinge und dessen Präferenz sie dann übernähme? Das, sagt Hernán, würde ihm richtig schwerfallen.

So starke, lebenslange, das Privatleben tief beeinflussende Loyalitäten zu einem Fußballverein sind nichts Außergewöhnliches in Argentinien, auch und gerade im Bürgertum nicht; Hernán ist Politologe und arbeitet im Erziehungsministerium. Aber sie erklären, wenigstens zum Teil, das Ausmaß der Tragik, die Klub-Mitglieder wie Hernán der historischen Niederlage zuschreiben, die San Lorenzo zu einer Zeit zugefügt wurde, als Hernán gerade mal geboren war.

Der ominöse Carrefour-Supermarkt liegt da, wo die Stadtviertel Boedo, Caballito und Almagro zusammenstoßen. Die drei Namen klingen jedem Tango-Kenner vertraut, denn hier, wo sich vor hundert Jahren die Stadt ins weite Land hinausschob, war der Tango zu Hause. Und in dem dicht besiedelten Arbeiter- und Kleinbürgerviertel voller Werk- und Wohnstätten, voller Geschäfte und Kneipen wurde auch der Fußball zu einem Volkssport – der kreolische, der argentinische Fußball, der aus dem britisch-elitären Sport entstand, als Freizeitbeschäftigung einer proletarischen Arbeitswelt.

„El Wembley argentino“

Die kleine Kirche San Antonio in einer der kleinen, ein- bis zweistöckig bebauten Sträßchen des Viertels: Hier wurde San Lorenzo am 1. April 1908 gegründet. Neben der Kirche sieht man ein Wandgemälde – der untere Teil einer Soutane, ein Schuh, ein Ball und Straßenbahnschienen. Eigentlich sollte der Verein Lorenzo Massa heißen, nach dem Pater, der ein Gelände hinter seiner Kirche zum Fußballspielen zur Verfügung stellte, nachdem ein Spieler auf der Straße von der Trambahn angefahren worden war.

„Sie werden Raben zu euch sagen“, soll der Salesianer abgewehrt haben – cuervos, Raben, so nennt der Volksmund die Priester in ihren rabenschwarzen Soutanen. Also wurde der neue Klub nach der Schlacht von San Lorenzo, 1813 im Unabhängigkeitskrieg, genannt. Aber natürlich heißen die San-Lorenzo-Anhänger dennoch „cuervos“, bis heute. Gegenüber der Kirche steht an einer Hauswand „Globo cagón“ – Globo ist das Symbol des Konkurrenten „Hurracán“, und das andere Wort übersetzt man vielleicht am besten mit „Hosenscheißer“.

„El Wembley argentino“, so nannte man das San-Lorenzo-Stadion, das Ende der 20er Jahre dorthin gebaut wurde, wo heute der Supermarkt steht. An die 80 000 Zuschauer passten hinein – San Lorenzos Fußball-Spieler waren außerordentlich erfolgreich, sie spielten sich nach und nach zu einem der fünf besten und größten Vereine von Buenos Aires. Das Stadion, das tatsächlich dem Wembley in London ähnelte, war aus Holz gebaut und hatte keine Dächer über den Tribünen. Halb nach seinem wuchtigen Aussehen, halb nach dem Gaswerk nebenan nannten es die Anhänger „el gasómetro“. Gegenüber dem Supermarkt liegt die etwas heruntergekommene Bibliothek des Vereins; das Staunenswerteste ist das imposante Stadion-Modell im Foyer.

In den Fünfzigern hatte San Lorenzo weit über 50 000 Mitglieder. Und damals ging es genauso wenig wie heute allein um Fußball. Der Verein bot jede Menge andere Sportarten an, und er entfaltete ein reges gesellschaftliches Leben. Hernán blättert eine Klub-Chronik auf: San Lorenzo feierte den angeblich „besten Karneval der Welt“; unter viel anderer Prominenz trat Hugo del Carril dort auf, der die Peronisten-Hymne komponiert hatte. Angeblich hat sich sogar der Dichter Jorge Luis Borges, der 1938 die Stadtbibliothek von Boedo leitete, zu San Lorenzo bekannt. Wogegen allerdings das berühmte Borges-Zitat spricht, Fußball sei bloß populär, weil die Blödheit populär sei.

30 000 Todesopfer

Solche dem gesellschaftlichen Leben gewidmeten Vereine waren tief verwurzelt unter den Millionen von Einwanderern, die sich damit ihren eigenen sozialen Halt in der neuen Heimat zu schaffen suchten. „Die besten Zeiten des Klubs“, meint Hernán, „fielen zusammen mit den guten Jahrzehnten Argentiniens, also den Vierzigern und Fünfzigern, als auch die Arbeiter und Kleinbürger über Geld, Bildung und soziale Sicherheit verfügten“.

Aber das änderte sich in den Sechzigern. Der wirtschaftlichen entsprach die politische Dauerkrise, und bald erging es auch dem mies geführten, überschuldeten San Lorenzo schlecht. Schon Anfang der Siebziger wollte die Stadtverwaltung das Stadion abreißen, um eine Autobahn zum Flughafen zu bauen. Dazu kam es nicht. Aber ein paar Jahre später, während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983, konnte San Lorenzo dem Druck nicht mehr standhalten.

„Haben Sie Kinder an der Universität?“, soll der von den Militärs eingesetzte Bürgermeister Osvaldo Cacciatore den San-Lorenzo-Präsidenten Vicente Bonina gefragt haben, Und als der bejahte, habe Cacciatore gesagt: „Dann rate ich Ihnen, das zu tun, worum ich Sie bitte.“ Das war nur als Drohung zu verstehen: Unter den 30 000 Todesopfern, die die Diktatur auf dem Gewissen hat, waren vielfach Studenten.

Cacciatore wiederum wollte das Stadion abreißen, weil es zwei Straßenverlängerungen und einer geplanten Wohnsiedlung im Weg war. San Lorenzo stimmte mehr oder weniger zähneknirschend zu und erhielt ein Ersatzgelände weitab, wo der Klub überhaupt nicht sozial verwurzelt ist. Das letzte Spiel im alten Stadion fand am 2. Dezember 1979 gegen Boca Juniors statt und endete 0:0.

Aber kurz danach war weder von Straßen noch von der Siedlung mehr die Rede. Das Gelände wurde für 900 000 Dollar an eine Scheinfirma aus Uruguay verkauft, die die rund 35 000 Quadratmeter zwei Jahre später für acht Millionen Dollar an den französischen Handelskonzern Carrefour weiterreichte, der dann dort seinen ersten Supermarkt in Argentinien errichtete.

So verzeichnen es heute die Chroniken des Klubs im Unterton der Empörung. Hernán fügt freilich hinzu, dass der Grundstückstausch angesichts der finanziellen Bedrängnis damals durchaus als gutes Geschäft empfunden wurde: „Das Stadion war alt, die Modernisierer innerhalb des Vorstandes waren für etwas Neues.“ Möglich sei auch, dass Vorstandsmitglieder durchaus Vorteile aus dem dubiosen Geschäft gezogen hätten. Und jenseits der Habgier, meint Hernán, sei der Diktatur auch das von ihr nicht kontrollierte Sozialleben ein Dorn im Auge gewesen: „Schließlich hat die Diktatur sogar den Karneval verboten.“

Abstieg in die zweite Liga

Der Verlust des Stadions fiel etwa zusammen mit dem Abstieg in die zweite Liga 1981; verzagter, sagt Hernán, waren die Cuervos nie. Das „neue Gasómetro“ auf dem Ersatzgelände wurde erst 1993 fertig; die Sanlorencistas spielten also 14 Jahre in fremden, gemieteten Stadien. Und die neue Arena liegt nicht nur weit weg von Boedo, sondern auch direkt neben einer gefährlichen, gewalttätigen „villa“, einem Slum.

„Das eigene Stadion ist für jeden Verein ein heiliger Ort“, sagt die Fußball-Soziologin Verónica Moreira. Aber das neue Stadion hat diese sakrale Aura nie entfaltet. San Lorenzo kam dort zwar sportlich und finanziell wieder auf die Beine, aber dem alten Stadion wurde stets nachgetrauert. Bis schließlich eine Bewegung unter den Mitgliedern entstand, die die Rückkehr forderten.

Tatsächlich hatten die „hinchas“, also die Klub-Anhänger, Erfolg mit dieser so irreal wirkenden Forderung. „2003 hat der damalige Präsident Néstor Kirchner den Generalpardon aufgehoben, der den Militärs in den Neunzigern gewährt wurde“, sagt Hernán, „und damit wurde die Vergangenheit der Diktatur wieder zum Thema.“ Eine Welle von Prozessen gegen die Täter von damals begann, die Regierung Kirchner unterstützte die Aufarbeitung der Vergangenheit auch jenseits der Prozesse.

Und dieser Trend kam auch San Lorenzo zugute. Unter welchen Bedingungen auch immer das alte Stadion damals den Besitzer wechselte – heute steht San Lorenzo als Opfer der Diktatur da. Der Vorstand und die örtlichen Politiker schwenkten nach und nach auf die Linie der „hinchas“ ein; dass der populäre TV-Moderator Marcelo Tinelli in den Vorstand gewählt wurde und das Anliegen in der Öffentlichkeit vertrat, erhöhte den Druck.

92 Millionen Euro

Im Mai 2012 brachten die Befürworter der Rückkehr mehr als 100 000 Demonstranten auf die Beine, die zur Plaza de Mayo vor dem Präsidentenpalast zogen, um die Restitution der alten Rechte zu fordern. Und Ende 2013 beschloss der Stadtrat von Buenos Aires tatsächlich einstimmig, dass der Verein sein altes Gelände zurückerhalte. Das Unternehmen Carrefour solle sich mit San Lorenzo über einen Kaufpreis einigen, ansonsten werde der Supermarkt enteignet.

„Wenn meine Tochter 18 wird, werde ich von ihr verlangen, dass sie auch ihren Quadratmeter kauft“, sagt Vater Hernán; er selbst hat sich dieser Pflicht natürlich längst entledigt, für 2600 Pesos, etwa 260 Euro. Das Gelände soll 92 Millionen kosten, was San Lorenzo für zu hoch angesetzt hält. Aber an die 20 Millionen sind schon zusammen, und das ungeliebte Stadion von 1993 will der Verein der Stadt verkaufen. Und dann? „Dann geht es genauso weiter, dann kaufen wir Zementsäcke“, antwortet Hernán optimistisch.

Neben dem Supermarkt hat der Klub ein kleines Vereinsgebäude, das neben einem Fanartikel-Laden eine Turn- und eine Schwimmhalle enthält. An der Kasse hängt, als hätte er ihn verloren, eine Replik des Mitgliedsausweises Nr. 88235N-1, der auf den Namen des prominentesten San-Lorenzo-Hinchas ausgestellt ist: auf Jorge Mario Bergoglio, Eintrittsjahr 2008. Draußen an der Fassade des Vereinshauses ist er aufgemalt: Papst Franziskus in weißer Soutane, fröhlich lachend, umflattert von einer weißen Friedenstaube. Und von zwei schwarzen Raben.

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