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2006: Bis ins hohe Alter arbeitete der Meister, wie hier in seinem Studio in Saint-Ouen.
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2006: Bis ins hohe Alter arbeitete der Meister, wie hier in seinem Studio in Saint-Ouen.

Pierre Cardin

Zurück in die Zukunft

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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Ein Blick auf die Jahrzehnte währende Karriere Pierre Cardins ist zugleich ein Blick nach vorn. Der Designer gilt als ein Erfinder der futuristischen Mode. Auch die Geschäftsmodelle dachte er neu. Ein Nachruf.

Nichts geht mehr an diesem kalten Wintertag in New York. Wer, wie der Autor dieser Zeilen, im vergangenen Januar vor dem Brooklyn Museum steht, tut genau das – stehen, stundenlang.

„Pierre Cardin: Future Fashion“ heißt die Ausstellung, die in ihren letzten Tagen Menschen aus allen Vierteln der Metropole, aus vielen Teilen der Welt womöglich vor die Museumstüren treibt. Und auch in Deutschland wird angestanden. Der Kunstpalast in Düsseldorf zeigt „Pierre Cardin. Fashion Futurist“, die Retrospektive endet am selben Tag wie die New Yorker Schau, die Menschen stehen, hier und dort.

Es ist faszinierend, wie der Name Cardin im musealen Kontext anzieht. Im Warenhaus stößt er nur noch ab. Billige Jeans und Sonnenbrillen liegen dort, auch günstige Düfte, Multipacks mit Unterhosen und Socken samt Cardin-Logo gibt es zeitweise selbst im Discounter. Von der Haute Couture, die Cardin noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Paris entwarf, scheint das nicht nur Jahrzehnte, sondern Lichtjahre entfernt. Es sind die Geister, die der Meister selber rief.

Pierre Cardin war nicht bloß ein Kreativer. Er war Geschäftsmann, durch und durch. Als erster maßgebender Modedesigner nutzt er schon ab den 1960ern das Lizenzgeschäft für sich. Seinen Namen verkauft er an Firmen auf der ganzen Welt, die damit ihre Produkte schmücken. Zu Beginn entwirft Cardin noch selbst viele davon, später nicht mehr, die Jeans und Unterhosen behalten seinen Namen, doch verlieren den Charme.

Tragisch ist das, denn der Charme, die geistreichen Ideen, ein unverwechselbarer Witz zumal lagen Cardins Entwürfen lange inne. Im Gedächtnis wird er nicht nur seiner überbordenden Lizenzgeschäfte wegen bleiben. Als erster Couturier hatte er in den 1960ern auch die Prêt-à-porter eingeführt, Designermode von der Stange hatte es zuvor gar nicht gegeben.

Dass Marken wie Chanel und Dior neben der maßgeschneiderten Hohen Modekunst heute auch massenkonfektionierte Kollektionen bieten, ist auch sein Verdienst. Im Alleingang hat Cardin die 60er trotzdem nicht zum entscheidenden Jahrzehnt der Mode des 20. Jahrhunderts gemacht. Neben den Umwälzungen des Systems, der Umwidmung dessen, was als schön und teuer gilt, war da noch eine epochale Ästhetik, die er im Schulterschluss mit anderen prägte.

Neben dem Spanier Paco Rabanne und dem Franzosen André Courrèges gilt Cardin als Erfinder der futuristischen Mode. Vorzudenken ist der Mode Pflicht – nie aber hatte sie sich ohne jegliche historische Bezüge so weit vorgewagt. Courrèges geometrische Schnittlösungen und transparente Aussparungen, die aus Ketten und Metallplättchen zusammengesetzten Panzerkleider Paco Rabannes, ein Pierre Cardin, der samtene Schutzhelme und Op-Art-Drucke inszeniert – auch im Fahrwasser des „Space Age“ mögen die Designer zu ihrem Thema gefunden haben.

Mit dem Start von Sputnik 1 im Jahr 1957 bricht das Weltraumzeitalter an. Auch Kunst und Kultur brechen auf in neue Galaxien, Jean Tinguely entwirft kinetische Skulpturen, auch die Künstlergruppe Zero sucht nach dem Kosmischen. Und die Mode sucht mit.

Courrèges Faszination für Kleidskulpturen aber gründete wohl ebenso in seinem Bauingenieurstudium, und der bekennende Esoteriker Rabanne behauptete allzu gern, Aliens hätten ihm im Alter von sieben Jahren per transzendenter Vision einen Weg in die Zukunft der Mode gewiesen. Nur in der frühen Biografie Pierre Cardins findet sich wenig, das auf seine späteren Schritte in den Weltraum schließen lässt.

Am 2. Juli 1922 wird er als Pietro Costante Cardin im norditalienischen San Biagio di Callalta geboren. Sein Vater ist Weinhändler und versucht den Sohn zu einem anständigen Studium zu drängen. Pierre aber will Mode machen, denkbar früh, schon mit 14 Jahren wird er Lehrling bei einem Tuchmacher in Frankreich, dem Land, aus dem seine Familie stammt. Auch bei einem Schneider in Vichy lernt er, erst nach Kriegsende kommt Cardin nach Paris.

Immerhin: Ein Architekturstudium mag nicht nur den Vater beruhigt, sondern auch Hinweise darauf gegeben haben, warum ihn in der Mode fortan kantige Formen und geradlinige Silhouetten faszinieren sollten. „Jedes Modell, das ich entwerfe, ist eigentlich eine architektonische und plastische Konstruktion“, wird er später sagen, „der einzige Unterschied besteht darin, dass die Formen bewegt sind.“ In seinen ersten Arbeiten nach der Lehre aber ist davon noch nichts zu spüren.

Für das Modehaus der Couturière Elsa Schiaparelli entwickelt er fließende Abendkleider, bei Christian Dior arbeitet er um 1947 am legendären „New Look“ mit, der mit schmalen Taillen und ausladenden Röcken die rückschrittlichen 50er einläuten wird. Da aber ist Cardin längst weitergezogen, 1950 gründet er sein eigenes Modehaus. Etwa 30 Kostüme entwirft er für den Bal Masqué im Palazzo Labia in Venedig, der damals als „party of the century“ gilt, Jahre bevor Truman Capote den Begriff für seine legendären New Yorker Bälle okkupiert.

Für Cardin wird die Ausstattung der „Jahrhundertfeier“ zum Beginn seiner Karriere, in der er sich fortan nicht dem aktuellen, sondern den kommenden Jahrhunderten widmen wird. „Kleider für ein Leben schaffen, das es noch gar nicht gibt“ – das ist sein Credo. Schon die Blasenformen seines „Bubble Dress“ – durch Schrägschnitte über einer steifen Rockkonstruktion erreicht – nehmen 1954 Cardins vielseitiges Formenspiel vorweg. Das sieht, wer durch den Ausstellungskatalog zur Düsseldorfer „Pierre Cardin. Fashion Futurist“-Schau blättert.

Seite um Seite drücken sich Modefotografien avantgardistischer Ensembles aneinander, in ein silbrig glänzendes Minikleid sind auf Bauchhöhe kreisrunde Gucklöcher geschnitten, Ärmelenden laufen quadratisch zu, im Heft tragen die Modells dreieckige und ovale Hüte, auf dem Einband insektenähnliche Sonnenbrillen im Großformat. Cardin zeichnet kaum, seine Mode entwickelt er direkt am Modell. Wie ein Bildhauer arbeitet er plastisch, statt um- und abzunähen schneidet er Partien einfach aus.

Auch mit Materialien spielt der Meister, neben festen Textilien wie Gabardine und Taft kommen selbst synthetische Materialien wie Plastik oder Vinyl zum Einsatz. Mit aufgerissenen Augen und Mündern blickt nicht nur die Modewelt auf das, was da in seinem Pariser Atelier entsteht. Cardin inspiriert auch die Fernsehbranche, die Uniformen der Besatzung von „Raumschiff Enterprise“ gelten als seinen Entwürfen entlehnt. Ihn selbst bewegen augenscheinlich die Werke der Bauhäusler zur textilen Geometrie, viele Entwürfe erinnern an die fantastischen Kostüme aus Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“.

In den 1970ern schärft Cardin seinen Stil und erweitert ihn, schafft Hybride aus dem „Mini“ und dem „Maxi“, indem er einen langen Rock durch horizontale Schlitze zugleich zu einem kurzen macht. Auch Möbel entwirft er, in enger Korrespondenz mit seinen Kleidern immerzu, ein Couchtisch setzt sich aus farbenreichen Quadern zusammen, die Schubladen eines Schreibtisches laufen zum Boden hin dreieckig zu. Starke Farben, schöne Formen, im Interieur wie in der Mode. Die Oberflächen, die Cardin entwirft, gehen auch in die Tiefe.

In den frühen 1960ern illustriert seine Mode schließlich gesellschaftliche, auch politische Umbrüche. Die Jugend der „Swinging Sixties“, die sich mit neuem Selbstbewusstsein immer weiter von den Alten zu distanzieren sucht, kleidet Cardin mit krachbunten Entwürfen ein, auch der berufstätigen Frau will er mit geraden Kostümen und formlosen Kleidern neue Optionen bieten.

„Dass eine Frau frei sein konnte“, wurde zum Grundsatz seiner Mode, „ich wollte ihnen in den 1960ern eine Chance geben, in meinem Kleid zu arbeiten, zu sitzen, sich das Auto zu nehmen und loszufahren.“ Männern verhilft Cardin zu mehr Schmuck und Spielerei, in seiner Boutique verkauft er nur bunt bedruckte Hemden und Krawatten. „Sonst gab es damals niemanden, der aufregend für Männer entwarf“, stellte sein Kunde Karl Lagerfeld später fest.

2020: Ein Model posiert mit einer Hutkreation aus den 70ern.

Aktiv bleibt Cardin bis zum Ende seines Lebens – auch wenn sich der gesellschaftliche Aktivismus zum rein geschäftlichen entwickelt hat. Immer stärker baut der Designer mit den Jahren seine Lizenzgeschäfte aus, „Pierre Cardin hat seinen Namen verkauft“, schreibt das Branchenblatt „Women’s Wear Daily“ Mitte der 90er, „bis er sogar auf Toilettenpapier landete.“ Cardin selbst begründete sein reges Treiben stets mit einem Paradox.

„Luxus soll für Millionen von Menschen erschwinglich sein“, drückte er es in späten Jahren demokratisch aus. Da allerdings war dem Unternehmen, das seinen Namen trägt, längst alles Luxuriöse entschwunden. Geblieben sind nur die günstigen Preise. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Pierre Cardins einziger Versuch, sein Geschäft zu verkaufen, kläglich scheiterte.

2011 wollte er sein Unternehmen für rund eine Milliarde Euro weitergeben, Interessenten fanden sich nicht. Bis zu seinem Tod galt Cardin als ältester aktiver Modedesigner. Über sein Privatleben war nicht viel bekannt. Viele Jahre lebte er mit dem Modemacher Andre Oliver zusammen, auch eine Affäre mit der Schauspielerin Jeanne Moreau hat es gegeben. Seit 1991 wohnte er in der Nähe von Cannes im „Palais Bulles“, einem kugelförmigen Künstlerhaus, entworfen von Antti Lovag.

Leben – für Pierre Cardin bedeutete das vor allem arbeiten. Nach einer beispiellosen Karriere, die mehr als 70 Jahre überdauert hat, verstarb Pierre Cardin am Dienstag mit 98 Jahren in einem Krankenhaus bei Paris. „Mir hat es immer gefallen, durch meine Arbeit zu existieren“, sagte er einmal. „Und es hat mich noch nie amüsiert, mich zu amüsieren.“

2008: Gern inszenierte Cardin markante Op-Art-Drucke. L. Cironneau/dpa

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