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In westlichen Ländern tragen rund 38 Prozent der Menschen Tattoos. In Japan ist das anders.

Tätowierungen

Hautirritationen

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Wer nicht tätowiert ist, scheint hierzulande einer Minderheit anzugehören. In Japan indes gelten Tätowierungen noch immer als Zeichen krimineller Banden – manche Betreiber von Heißquellbädern verbieten Tätowierten sogar den Eintritt. Nicht nur angesichts des Tourismusbooms stellt sich die Frage: Wie lange noch?

Wenn Yuuki Fukuda von Verzierungen unter der Haut hört, vergeht kein Wimpernschlag, bis er die Zeigefinger zu einem X überkreuzt. Soll heißen: No-Go, Verbot. „Das tolerieren wir hier nicht“, erklärt der Mann mit kurzgeschorenem Haar in für japanische Art ziemlich deutlicher Wortwahl. Zu viel stecke dahinter, oder darunter, wenn sich jemand Botschaften und Muster auf den Körper stechen lasse. Ansonsten freue man sich hier über Kunden jeder Couleur, schließlich sei man ein Gasthaus und Bäderbetrieb. Aber Tätowierungen? Für Yuuki Fukuda sind das Kriegsbemalungen.

Über Jahre führte sein Großvater, der das Unternehmen in den 1960ern gründete, eine Fehde gegen diese Banden, die immerzu die Region unsicher machten. Mal sei es Schutzgelderpressung gewesen, mal Einflussnahme auf die Stadtpolitik oder lokale Betriebe, um diese zur Geldwäsche auszunutzen. Gewalt habe oft eine Rolle gespielt. Die Yakuza, wie man in Japan Gruppen des organisierten Verbrechens nennt, grassierte in Yuuki Fukudas Heimatstadt Beppu und torpedierte auch seinen Arbeitgeber, das Hoyoland Onsen. Der Erfolg des Familienbetriebs habe auch damit zu tun, dass man eine klare Linie gegenüber Tattoos verfolge. „Wir machen saubere Geschäfte“, betont der Gründerenkel und hebt den Zeigefinger.

Tätowierte auszuschließen ist dort, wo Yuuki Fukuda herkommt, nichts Ungewöhnliches. Eher ein Bekenntnis zur richtigen Seite zu gehören, nicht zur dunklen Welt, sondern zu jener, die transparent und gesetzestreu handelt. Hier, wo die Machenschaften der Yakuza nicht nur allseits bekannt sind, sondern auch seit Jahrzehnten als Thema durch Medien und Popkultur zieht, ist so eine Haltung sogar allgemein erwartet. Wer Tätowierten ein X zeigt, positioniert sich selbst in der Mitte der Gesellschaft.

So ist Japan weltweit dafür berühmt und berüchtigt, in öffentlichen Bädern, Fitnesscentern, Gasthäusern oder den traditionsreichen und populären Heißquellen namens Onsen Menschen mit Tätowierungen den Eintritt zu verweigern. Selbst heute, während sich mit etwas Verspätung auch dieses Land globalisiert und sich die Zahl ausländischer Touristen binnen fünf Jahren fast verdreifacht hat, bleibt das Image von Tattoos beeindruckend negativ.

Als die japanische Tourismusbehörde vor drei Jahren in einer landesweiten Umfrage unter 3800 Herbergsbetreibern deren Einstellung zu Körperbemalung erfahren wollte, antworteten sieben von zehn, dass sie so etwas bei ihren Gästen nicht sehen wollen. 56 Prozent würden Tätowierte selbst dann nicht in ihren Zimmern übernachten lassen, wenn diese sich verdecken oder bekleben würden. In die angegliederten Bäder, zu denen normalerweise alle Gäste Zugang haben, ließen sie solche Leute schon gar nicht.

Zu blöd

Das Geburtsdatum der Tochter, der Todestag des Opas, der Name der Mutter. Der Phoenix, der für Auferstehung steht, der Drache, der Kraft symbolisiert – so was finde ich total bescheuert. Also habe ich mir in meinen Zwanzigern allerhand Tattoos machen lassen, die explizit keine Bedeutung haben. Die Quittung dafür bekomme ich in meinen Dreißigern: Überall an meinem Körper befinden sich kleine Bildchen – darunter der Logoschriftzug einer Modemarke auf meinen Fingern, ein selbst gestochenes Smiley auf dem Knie, ein Dollarzeichen hinterm Ohr –, die mich an absolut gar nichts erinnern. Nur daran, dass ich heute auch ganz gut ohne Tätowierungen leben könnte. Und daran, dass es jetzt eh zu spät ist. Also will ich mir demnächst ein stilisiertes Martiniglas machen lassen. Keine Ahnung, warum, Martini trinke ich quasi nie. Manuel Almeida-Vergara

In Yuuki Fukudas Heimatort Beppu ist dieses Thema besonders brisant. „Über viele Jahre hatte die ganze Gegend ein großes Yakuzaproblem“, sagt er hinter dem mit Sonderangeboten und Thermalbadgebrauchsanweisungen bepackten Kassenschalter. Nicht nur, dass diese in der 120.000-Einwohnerstadt ihr Unwesen trieben. „Es haben sich auch schon Leute bei uns reingeschlichen.“ Auf Schlappen marschiert Fukuda, der sonst gar nicht wie ein strenger Typ aussieht, über den Holzboden des in die Jahre gekommenen Foyers und weist den Weg ins betriebliche Feuchtgebiet.

In ganz Japan ist Hoyoland für seinen heiß sprudelnden Matsch bekannt, der schon vor tausend Jahren als schmerz- und entzündungshemmendes Mittel zur Heilung eingesetzt wurde. Täglich kommen 150 Besucher her und zahlen 1000 Yen Eintritt (rund 8 Euro), die Gäste in den angegliederten Herbergszimmern noch nicht mitgezählt. Durch die Umkleiden und an einem mit Bambus überdachten 40 Grad-Bad vorbei, zeigt Yuuki Fukuda unter freiem Himmel auf zwei weiträumige, mit Steinen befestigte Schlammgruben.

Männer und Frauen teilen sich hier das Bad, ungewöhnlich in Japan. „Hier geht das, weil man durch den Schlamm ja nicht durchsehen kann“, flüstert Yuuki Fukuda, um nicht die Ruhe der dahinschrumpelnden Gäste zu stören. „Aber so kann es leider passieren, dass mal wild tätowierte Typen im Haus sind. Sie verdecken sich einfach solange mit dem Handtuch, bis sie schnell in die Grube steigen.“ Fukudas besorgter Blick lässt erkennen, dass er solche List gar nicht lustig findet. „Wenn andere Gäste dann diese Tattoos sehen, gibt’s Panik.“ Beschwerden an der Kasse würden folgen und abstrafende Bemerkungen. „Das ist rufschädigend.“

Zumal an diesem Ort. Beppu nennt sich selbst offiziell „die Onsenwelthauptstadt.“ Zumindest in Japan gibt es keine weitere Stadt, unter deren Erde es so sehr rumort. Hier dampft es aus Rinnsalen, Restaurants und Gullideckeln, die ganze Stadt könnte ihre Energieversorgung aus diesem unterirdischen Druck ziehen. Die knapp 400 Onsenbäder in Beppu sind die wichtigste Einnahmequelle der lokalen Wirtschaft. Dank ihnen kommen pro Jahr an die acht Millionen Besucher in die im Südwesten entlegene Stadt.

Als längst etablierte Tourismusdestination sind Beppus Besucherzahlen in den letzten Jahren nicht mehr gestiegen. Aber dass sie zugleich nicht sinken, ist in diesem Land schon ein Erfolg: Japans Geburtenrate ist so gering, dass seit 2005 mehr Menschen sterben als geboren werden. Im letzten Jahr schrumpfte die Bevölkerung um 300.000 Personen, fast so viel wie dreimal Beppu.

Die Hotels bleiben hier deshalb gefüllt, weil die Zahl der ausländischen Besucher angestiegen ist. Und Yuuki Fukuda sagt: „Für die nächsten Jahre hoffen wir auf einen Besucherboom.“ Diesen Herbst nämlich kommt erst die Weltmeisterschaft im Rugby nach Japan. In einem Jahr werden in Tokio die Olympischen Spiele 2020 ausgerichtet. Dann wird die Welt zu Besuch sein.

In Japans seit zweieinhalb Jahrzehnten stagnierender Wirtschaft, deren Arbeitsbevölkerung auch noch schrumpft, wird Internationalisierung allgemein als rettendes Ufer verstanden. Ob in der Exportindustrie oder im Fremdenverkehr: Kunden aus dem Ausland werden immer wichtiger, wenn man die Umsätze voriger Jahre zumindest konstant halten will. So ließe sich vermuten, dass im Land auch eine Anpassung an fremde Gewohnheiten stattfindet. Im Umgang mit tätowierten Menschen könnte dies bedeuten, die Regeln zu lockern und in Aufklärungskampagnen erklären, dass zumindest außerhalb Japans ein Tätowierter nicht gleich ein Krimineller ist. Aber von solchen Anstrengungen ist wenig zu sehen.

Vor eineinhalb Jahren erklärte das Bezirksgericht in Osaka, der zweitgrößten Metropolregion des Landes, einen Tattookünstler für schuldig, die Gesundheit seiner Kunden riskiert und Körperverletzung in Kauf genommen zu haben. Denn um die Nadel zu benutzen, mit der Tattoos gestochen werden, brauche man eine ärztliche Lizenz. Mit diesem Urteil wurde gerichtlich auch erklärt, dass Tattoos in Japan keine Kunst oder Ausdruck freier Meinungsäußerung darstellen.

Im Vorfeld der Rugby-WM 2019 ab September verkündete der Weltverband dieses Sports letztes Jahr, Spieler mögen ihre Tätowierungen im Stadion bitte überkleben. Es war eine deutliche Konzession an den Gastgeber. Wer einmal ein Rugbyspiel und das dortige Vorkommen von Tattoos gesehen hat, kann erahnen, wieviel Überzeugungsarbeit der japanische Veranstalter zu leisten bereit gewesen sein muss, damit so ein Bedeckungsgebot zur offiziellen WM-Linie wurde.

Im Vorfeld der Rugby-WM bereitet sich Koichi Sasaki auf einen üppigen Zuwachs ausländischer Besucher vor. „Hier in der Nähe werden einige WM-Spiele stattfinden. Mehrere Familien der Rugbyprofis haben deshalb schon jetzt Zimmer bei uns gebucht“, prahlt der kurzgewachsene ältere Herr im dunklen Anzug, als er durch sein edles Haus führt. Das Suginoi Hotel ist mit seinem riesigen Onsen-Bad die Top-Touristenattraktion von Beppu. 20 Autominuten von Hoyoland entfernt baden die Gäste hier nicht im Schlamm, sondern kristallklarem Wasser aller möglichen Temperaturen. Von einem Hügel aus bietet sich ein romantischer Blick über die Bucht dieser dampfenden Stadt.

Aber Tätowierte, von denen es hier ja bald mehr geben wird? „Wollen wir hier eigentlich nicht“, sagt Koichi Sasaki reflexartig. „Man muss auch an das Wohlbefinden der anderen Gäste denken.“ Wenn diese im Restaurant Kugelfisch-Sashimi oder gegrillten Oktopus essen, sich gedankenverloren in eines der Becken im Freien setzen, dann sollten sie nicht an die schmutzige Verbrecherwelt da draußen erinnert werden. Deswegen hat auch Suginoi ein Tattooverbot.

Für die kommenden zwei Jahre hat Sasaki aber Tapeband ins Sortiment der Hotelshops aufnehmen lassen. So können sich ausländische Gäste des Hauses, wie die Rugbyspieler im Stadion, die verzierten Körperteile abkleben. Aus seiner Sakkotasche holt Sasaki ein verpacktes Tapeband hervor und sieht nicht ganz zufrieden damit aus. „Das ist keine Dauerlösung“, erklärt der Chef. „Die allgemeine Regel, nackt ins Onsen zu gehen, ist ja auch eine hygienische. Wenn jeder mit lauter Pflastern kommt, konterkariert das irgendwann die ganze Idee.“

So ähnlich sieht es auch Norie Kato. Sie arbeitet für das traditionsreiche Yu no Sato, das wiederum eine halbe Autostunde entfernt liegt, auf einem anderen Hügel hinter der Altstadt. Yu no Sato bedeutet übersetzt „Zucker des warmen Wassers.“ Schon vor Jahrhunderten wurden an diesem Fleck, wo das Wasser aus dem Grund besonders viele Mineralien enthält, Kristallklumpen verkauft, die sich die Menschen als Emulsion auf die Haut auftrugen oder in Bädern auflösten. Wer in Beppu mit dem Zug ankommt, wird am Informationsschalter sofort über die lange Geschichte von Yu no Sato informiert. Das Geschäft gehört zu den Empfehlungen von offizieller Seite.

Doch auch Norie Kato, eine junge Dame mit altmodischer Schürze, kreuzt die Finger beim Wort Tätowierungen. Durch das kleine Museum, das die Historie des alten Wunderstoffes erklärt, dürften Interessierte zwar noch spazieren, sofern die Bemalungen nicht den gesamten Körper bedeckten. „Aber oben im Bad ist es schwierig. Wir wissen ja, wie Tattoos von der Mehrheit der Leute verstanden werden. Leider denkt man da sofort an die Yakuza“, sagt Kato mit gequältem Gesicht.

Ihre Ursprünge hat die Yakuza im 17. Jahrhundert, als sich Japan gegenüber der Welt abschottete und Konformität in einer homogenen Welt ein noch wichtigeres Ideal war als heute. Erste Gruppen, die sich später zu organisiertem Verbrechen entwickeln sollten, formierten sich aus Glücksspielern, Verurteilten und anderen Außenseitern. Getreu einer viel älteren Überlieferung, nach der im 7. Jahrhundert ein Rebell durch den Kaiserhof mittels einer Tätowierung als Abtrünniger gebrandmarkt worden sei, machte die Yakuza diesen Vorfall zu ihrem Merkmal. Fortan erkannte man die Yakuza an ihren Tattoos. Umgekehrt meinte man von Tätowierten zu wissen, dass diese nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen konnten.

Auf den Zweiten Weltkrieg folgte die große Zeit der Gangster. Fast alle Großstädte waren durch Bombenangriffe zerstört, an Nahrung und Arbeitsplätzen mangelte es, der Schwarzmarkt wucherte. In diesen Jahren stieg die Yakuza, die sich längst in viele, sich teilweise bekämpfende Gruppen aufteilte, zu großer Macht auf. Die Syndikate organisierten sich in einer pyramidenartigen Hierarchie: ganz oben der Boss, unten viele Fußsoldaten, die gegen Prämien den Sicherheitsservice für Geschäfte oder Wohnhäuser übernahmen. Um Geld für ihre Chefs einzunehmen und dadurch aufsteigen zu können, ließen sich die Schergen auch zusehends auf Drogenhandel, Bestechung und andere kriminelle Aktivitäten ein.

In den 1960er Jahren wurde die Mitgliederzahl aller Yakuza-Gruppen auf 184 000 geschätzt. Die rechtskonservative Liberaldemokratische Partei, die damals regierte wie heute, unterhielt Verbindungen zu den Gangs, deren Mitgliedschaft formell gesehen nie verboten wurde. So nutzten die Konservativen diese auch dazu, linke Parteien und Gewerkschaften kleinzuhalten.

Weil die Polizei heute härter durchgreift als früher, ist auch der Einfluss der Yakuza mittlerweile eingedämmt. In 21 verschiedenen Organisationen versammeln sich noch rund 50 000 Mitglieder. Die größte und bekannteste von ihnen, das Yamaguchi-gumi, soll pro Jahr aber immer noch rund 6,6 Milliarden US-Dollar einnehmen. Das wäre vermutlich mehr als doppelt so viel wie die Umsätze des Sinaloa-Kartells, der lange Zeit mächtigsten Drogenbande in Mexikos Drogenkrieg.

Vor diesem Hintergrund wird es nachvollziehbar, dass sich die japanische Gesellschaft so schwer damit tut, Tätowierungen nicht nur als Brandmal, sondern auch als Kunst oder Mode zu betrachten. Nur sind die 50.000 Japaner, die sich durch Tattoos als Mitglieder einer Yakuza-Gruppe zu erkennen geben, ein Klecks verglichen mit den knapp 30 Millionen Touristen, die 2017 ins Land reisten, um Japan kennenzulernen.

Im Frühjahr 2018 ergab eine Umfrage in 18 überwiegend westlichen Ländern, dass dort 38 Prozent ein Tattoo haben. Sogar in China, von wo ein Großteil der Japan-Touristen kommt, sind Tätowierungen mittlerweile beliebt – und das, obwohl China ein historisch ähnlich schwieriges Verhältnis zu den Körperverzierungen hat. Aber selbst wenn nur ein Prozent aller Japan-Besucher ein Tattoo hätte, wären dies noch sechsmal mehr Personen als die Yakuza Mitglieder haben.

Wenn Kenichiro Nakamura auf diese Spannung angesprochen wird, nickt er nur hastig. Im Rathaus von Beppu arbeitet er für die Abteilung „Onsen-Strategie.“ Die Aufgabe für ihn und seine Kollegen ist nicht bloß, die hiesige Ökonomie auf konstantem Niveau zu halten, sondern die Stadt auf Wachstumskurs zu bringen. Kein anderer Wirtschaftszweig könnte dies so einfach erreichen wie das Geschäft mit den Heißquellen.

Zu spät

Ich hätte es mit 18 einfach machen sollen. Die Inka-Rose auf die Innenseite des linken Unterarms, so, wie der Sänger meiner Lieblingsband sie trug, dann wäre ein Anfang gemacht gewesen. Und dann hätte ich mir jedes weitere Mal, wenn mir danach gewesen wäre, vom Tätowierer meines Vertrauens neue Stimmungen, Stationen oder Statements mit der Nadel unter die Haut jagen lassen können, bis ich zu einer Art Landkarte meiner inneren Welten geworden wäre. Ich habe es aber nicht gemacht. Und bin bis heute, 24 Jahre später, blank geblieben. Und zufrieden damit. Einzig: Hin und wieder male ich mir aus, wie es wohl wäre, Bilder auf meiner Haut durch die Straßen zu tragen, frage mich dann aber auch: Welche Bilder? Und: Wozu? Denn die meiste Zeit über bin ich sicher, dass ich meine Geschichten lieber unter der Haut trage. Unsichtbar. Und was ich erzählen will, kommt eben aufs Papier. Boris Halva

Nakamura, ein kräftiger Mann Mitte 40, der den für Beamte üblichen schwarzen Anzug trägt, lässt sich von einem jüngeren Kollegen einen Ordner mit Besucher- und Umfragezahlen sowie ein Buch an den Schreibtisch bringen. Er schlägt den Ordner mit den Befragungen auf und blickt drein, als würde ihm etwas leidtun. „Uns im Rathaus ist klar, dass es hier große Missverständnisse gibt.“ Die meisten Herbergs- und Onsenbetreiber wollten eben nicht, dass Tätowierte ihre Etablissements betreten. „Sie wollen keine Probleme und verzichten lieber auf die zusätzlichen Einnahmen.“ Das sei doch eigentlich ehrbar?

Vorletztes Jahr kam ein maoristämmiger Mann aus Neuseeland nach Beppu, um die Onsenwelthauptstadt eines Besseren zu belehren. Nach einem Vortrag im Rathaus, in dem er erklärte, dass Körperbemalung in seiner Kultur eine jahrhundertealte Tradition hat, ließ er dieses Fotografiebuch da, das nun auf Nakamuras Tisch liegt. „Der Herr hatte uns beeindruckt. Wir wussten gar nicht, dass im Ausland Tätowierungen sogar hohen sozialen Status bedeuten können.“ Seitdem versucht Nakamura, der die in Japan typische Haltung bisher nie weiter hinterfragt hat, vorsichtig die Onsenbranche aufzuklären.

„Unsere städtisch finanzierten Heißquellbäder dulden tätowierte Besucher ja schon“, erklärt er und scheint seine Stadt verteidigen zu wollen. Nur ist diese Offenheit eigentlich gar keine. Im 19. Jahrhundert, als die Regierung die Hygiene ihrer Einwohner verbessern wollte, von denen die meisten kein Bad zuhause hatten, mussten die Bäder schlicht für alle zugänglich sein. Einige Gruppen von den Heißquellen auszuschließen wäre angesichts von Seuchengefahren kontraproduktiv gewesen. Tatsächlich hat sich in Beppu, wie in ganz Japan, trotz Globalisierung über die letzten Jahre wenig verändert.

Und doch ist nicht alles gleichgeblieben. Aus dem Ordner holt Kenichiro Nakamura noch eine Broschüre. „Hier haben wir die beliebtesten Onsenbäder im Ort aufgelistet und vermerkt, welche von ihnen tätowierte Besucher akzeptieren.“ Der Beamte lächelt, für ihn ist das Heftchen, das jeder Tourist am Bahnhof in die Hand gedrückt bekommt, ein solider Kompromiss. Respekt für Tradition, Planbarkeit für Gäste. Die Information ist teilweise ernüchternd: man erfährt, dass die meisten der populärsten Bäder Körperbemalung eben nicht dulden. Andererseits: wer trotzdem in Beppus schönste Becken und Gruben will, dem wird mancherorts – zumindest in den kommenden zwei Jahren – ein Stück Tapeband helfen.

Die Serie

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, am 23. Mai 1949 wurde es verkündet und trat zwei Tage später in Kraft.

Am 26. Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

Das Serien-Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den kommenden Monaten von allen Ressorts der FR mit einem jeweils eigenen Schwerpunkt bearbeitet. Heute startet das Ressort Magazin/Panorama seinen Schwerpunkt „Mit Haut und Haar“ mit einer Geschichte aus Japan, wo Tätowierungen immer noch mit Schwerverbrechern in Verbindung gebracht werden.

In der nächsten Folge am Freitag, 28. Juni, erscheint ein Gespräch mit der Körpertherapeutin und Autorin Gabriele Mariell Kiebgis über Berührungen im digitalen Zeitalter.

Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir.

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