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Die meisten der 588 Winzer in der Region sind Familienbetriebe.

Bordeaux

Unsteter Tropfen

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Die Folgen des Klimawandels sind längst auch in Frankreichs größter Weinregion zu spüren. Dort versucht man, sich anzupassen, selbst wenn das bedeutet, mit Traditionen und Tabus zu brechen

Das kalte Grauen kam zwei Mal, kurz hintereinander. Jérôme Pineau hat die Daten, an denen es im Frühjahr gefror, so fest im Kopf, als handele es sich um wichtige Geburtstage. „Minus sechs Grad am Morgen des 26. April!“ Und auch am 5. Mai fiel das Thermometer unter den Gefrierpunkt. „Wir befürchteten eine Katastrophe für unsere Ernte. Zum Glück konnten wir sie abwenden“, sagt der Verwalter der zusammengehörenden Weingüter „Château Belle-Vue“ und „Château Bolaire“ in Macau, knapp 20 Kilometer nördlich von Bordeaux gelegen.

Zuständig ist er dort gleichzeitig für die Reben, das Weinlager, den Versand der Flaschen und das Personal. Der junge Mann in den schweren Arbeitsschuhen steht zwischen den heranwachsenden Reben, die Arbeit an der frischen Luft hat ihm rosige Wangen verpasst. Schier unerschöpflich ist sein Gedächtnis für die Wetterverhältnisse der Vergangenheit: Aus dem Stegreif kann er aufzählen, wann genau es während der letzten Jahre so stark gefroren hat, dass er um die Arbeit eines ganzen Jahres bangte. Und wann es wiederum so heiß und trocken war, dass eine verfrühte Reifung und ein unvollendeter Geschmack der Trauben bei der Ernte drohten. Diese Risiken nehmen zu, sagt Pineau: „Seit einigen Jahren haben wir immer öfter ungewöhnlich spät im Jahr noch Frost. Besonders schwierig war es hier 2007, als wir etwa 85 Prozent der Ernte verloren haben.“

Um zu verhindern, dass hohe Schäden entstehen, weil am frühen Morgen die oberen Luftschichten wärmer sind als die unteren, machten er und seine Mitarbeiter im April ein Strohfeuer. Das erhöhte die Temperatur über dem Boden um rund 1,5 Grad – sie waren wohl entscheidend, um die Reben zu retten. Benachbarte Winzer griffen zu kostspieligeren Methoden wie dem Einsatz von Helikoptern, um kalte und warme Luft auszutauschen oder gossen ihre Weinberge mit warmem Wasser.

Konnte die „Katastrophe“ noch mit Strohfeuern abwenden: Jérôme Pineau.

Zahlreiche Wissenschaftler und Studien stimmen darin überein, dass die Folgen des Klimawandels, der sich in zunehmenden Wetterextremen und Verschiebungen ausdrückt, das Bordelais erreicht haben, das mit seinen 112 000 Hektar Rebfläche weltweit größte zusammenhängende Gebiet für Qualitätswein ist. Erstmals war dies das Hauptthema bei der großen Weinmesse Vinexpo im Mai unter dem Motto „Act for change!“, also „Handeln für den Wandel!“. Zum einen, so hieß es dort, werden weltweit immer mehr neue Gebiete für den Weinbau erschlossen, etwa in Dänemark oder Schleswig-Holstein. Zum anderen drängen sich in traditionellen Anbaugebieten wie eben dem Bordelais neue Maßnahmen auf, um gegenzusteuern. Die Lage der Pflanzen lässt sich ändern, wenn sonst die Sonneneinstrahlung zu stark wird, Sonnensegel werden gespannt oder Kühlsysteme eingesetzt.

„In den vergangenen zehn Jahren haben wir mehr als zehn Millionen Euro in die Forschung gesteckt, um die möglichen Auswirkungen des Klimawandels zu untersuchen“, sagte der Präsident des Weinverbandes von Bordeaux, Allan Sichel, bei der Vinexpo. Zahlen belegen zunehmende Schwankungen, Hagel und späten Frost. „Wir nehmen das sehr ernst. Deshalb müssen wir jetzt handeln und unser System anpassen“, so Sichel. Dazu gehöre auch, in diesem Gebiet bisher verbotene Rebsorten zuzulassen, die resistenter sind; zugleich wird auf die steigenden Temperaturen reagiert, durch die sich die Erntezeit nach vorne verschiebt. Die Stimmung unter den meisten Fachleuten blieb trotz dieser Umbrüche betont optimistisch. „Der Weinbau hat sich immer angepasst an die verschiedenen Klimawandel, die seit 8000 Jahren aufeinander folgen“, sagte der Geograf und ehemalige Universitätspräsident Jean-Robert Pitte. „Wir haben nie aufgehört, Fortschritte in den angewendeten Methoden zu erzielen und damit die Qualität der Weine stets zu verbessern.“ Nun, da offen über den Klimawandel gesprochen werde, möchte man ihn eher als Chance denn als Bedrohung begreifen.

Vor kurzem hat die Weingewerkschaft für Bordeaux-Weine beschlossen, dass über die 13 traditionellen Rebsorten hinaus künftig sieben neue in begrenztem Ausmaß angebaut werden dürfen. Ihr erlaubter Höchstanteil wird genau vorgeschrieben, um keinen radikalen Wandel einzuleiten. Da die Bordeaux-Weine insgesamt mit 72 verschiedenen AOC-Siegeln geschützt sind, müssen sich die Winzer an klare Vorschriften halten. Bei den roten Rebsorten, welche in der Region 89 Prozent ausmachen, dominieren vor allem Merlot sowie Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc; bei den weißen sind es Sémillon und Sauvignon, die einander die Waage halten. Darüber hinaus blieb der Anteil der „Hilfsrebsorten“ bislang meist gering.

Das könnte sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verschieben. Bei der Zulassung neuer Sorten handelt sich um eine kleine Revolution, die von der Basis kommt, versichert Bernard Farges, Präsident des Fachverbandes der Bordeaux-Weine CIVB. „Es ist kein Gesetz, das von oben aufgedrückt wird, sondern wir entscheiden und kontrollieren uns selbst.“ Die Frage sei simpel: Passt man sich dem Klimawandel an oder nicht? „Es gibt das Nomaden-Modell, das darin besteht, dorthin zu ziehen, wo die besten Bedingungen sind. Aber wenn wir hier bleiben möchten, wo unsere Wurzeln sind, müssen wir den Weg der Innovation gehen.“

Für die Winzer gilt es, neue Rebsorten zu finden, die den typischen Bordeaux-Wein nicht verfälschen.

Diese Art Veränderungen durchzusetzen, das gilt in einer Region, die so stolz auf ihre Traditionen ist, als ebenso schwierig wie unvermeidbar – das lässt Farges durchblicken. Die Wein-Industrie ist der Hauptarbeitgeber im Département Gironde, in dem Bordeaux liegt. Dessen Name genießt bei Weinliebhabern weltweit Renommee. Von der Arbeit im Weinberg über Handelshäuser bis zur Vermarktung umfasst die gesamte Branche 7600 Unternehmen mit etwa 32 000 Jobs. Vier von fünf Landwirtschaftsbetrieben hängen vom Weinbau ab. Die meisten der 588 Winzerbetriebe sind Familienunternehmen. Jedes von ihnen muss wohl notwendige Umstellungen angehen, will es überleben. Der Kunde verlangt darüber hinaus zunehmende Transparenz, er möchte immer mehr Weine aus nachhaltigem Anbau, achtet auf Bio- und andere Siegel. Im vergangenen Jahr haben acht Wein-Organisationen, die insgesamt 80 Prozent der Winzer in der Region abdecken, für die Aufnahme neuer Umweltschutzmaßnahmen in die Pflichtenhefte der AOC-Gütesiegel gestimmt: Der Einsatz von Herbiziden wird demnach begrenzt, auch muss künftig genau notiert werden, wie häufig Pestizide ausgebracht werden.

Seit einigen Jahren forscht das staatliche Weinbau-Institut IVV in Bordeaux zu diesen Themen; auf einer Experimentier-Parzelle werden die neuen Rebsorten angebaut. So wird getestet, ob sie geeignet sind, um in dieser Region verbreitet zu werden. Sie heißt „Parzelle 52“ nach der Anzahl der angebauten Sorten, deren Ursprung nicht unbedingt in Bordeaux liegt, sondern auch in Italien, Griechenland, Spanien, Bulgarien oder Georgien. Philippe Darriet und seine Kollegen führen Studien zum Verhalten dieser Rebsorten fest, zu ihrer Reifezeit und ihrem Potenzial, um ihre Erkenntnisse den Winzern zur Verfügung zu stellen. „Es ist wichtig, nicht nur Prognosen zu machen, sondern Forschung auch im Austausch mit internationalen Wissenschaftlern zu betreiben“, sagt Darriet, der am IVV die Forschungseinheit Önologie leitet. So bestehen Partnerschaften etwa mit dem Institut für allgemeinen und ökologischen Weinbau an der deutschen Universität Geisenheim, mit Hochschulen in China oder Kanada. „Wir versuchen, mit wissenschaftlichen Mitteln die Auswirkungen des Klimawandels auf die Qualität und die Beschaffenheit des Weins zu verstehen“, sagt Darriet. Über diesen technischen Ansatz hinaus wird den Erwartungen der Konsumenten eine hohe Bedeutung eingeräumt.

Denn es gilt als entscheidend, dass der charakteristische Geschmack der Bordeaux-Weine erhalten bleibt, dass sich Alkoholgehalt und Säuregrad sich nicht massiv verändern. Die trockenen, intensiven Bordeaux-Rotweine, die fruchtig-aromatischen Weißweine – sie will man auch mit neuen Mischverhältnissen der Rebsorten bewahren. Die Anpassung muss sanft vonstatten gehen. Zu wertvoll ist die Marke Bordeaux, gerade auch im Ausland, zu wichtig ein möglichst unverwechselbarer Geschmack.

Jérôme Pineau nennt die Weingüter, für die er verantwortlich ist, Vorreiter dieser jüngsten Entwicklungen. Seit Jahren setzen sie auf einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Rebsorte Petit Verdot, die vor allem im 19. Jahrhundert stark verwendet wurde. Der Reifezyklus dauert länger, die Trauben sind resistenter. „Das nutzt uns heute, auch wenn sie mehr Pflege erfordern“, sagt der Weinguts-Verwalter. „Ursprünglich ging es uns aber weniger darum, sondern die Idee war vor allem, sich von den anderen Weinen der Region abzusetzen und eine eigene, starke Identität zu entwickeln.“

Längst zieht die Konkurrenz nach: So stieg in der ganzen Region die Anbaufläche für Petit Verdot seit 2000 von 375 auf 1093 Hektar an. Üblicherweise beträgt dessen Anteil ein bis vier Prozent – in den Weingütern Belle-Vue und Bolaire aber sind es zwischen zehn und 100 Prozent. Das ergebe einen säurehaltigen, würzigen und fruchtigen Wein, sagt Pineau. Dieser ist untypisch für Bordeaux – zumindest das heutige Bordeaux. Vielleicht aber schmeckt so die Zukunft.

Weniger Wein

Frankreich rechnet angesichts der Hitzewelle in diesem Sommer mit einem deutlichen Rückgang bei der Weinproduktion. Sie gehe im Vergleich zu 2018 voraussichtlich um sechs bis 13 Prozent zurück, wie das Landwirtschaftsministerium in Paris am Samstag unter Berufung auf Schätzungen mitteilte. Demnach werden dieses Jahr womöglich nur zwischen 42,8 und 46,4 Millionen Hektoliter Wein produziert – so wenig wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Verantwortlich für den erwarteten Rückgang sei insbesondere die Hitzewelle Ende Juni. Die Weinstöcke hätten unter „klimatisch ungünstigen Bedingungen“ geblüht, erklärte das Ministerium.

Davon betroffen waren demnach insbesondere die westlichen Anbaugebiete wie Charente, Bordelais und das Loire-Tal. In den südfranzösischen Regionen Gard, Hérault und Var habe die Hitze zu „Brandflecken“ auf Trauben und damit zu Produktionsverlusten geführt. Anders als die heißen Temperaturen sorgten Hagelstürme nur begrenzt für Schäden bei den französischen Winzern. (afp)

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