Zukunfts-Freude: Der „Orga-Kreis“ feiert den Kongressbeginn.
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Zukunfts-Freude: Der „Orga-Kreis“ feiert den Kongressbeginn.

Zukunftskongress

Optimismus für alle

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Wie ein Kongress in Leipzig sich die Welt im Jahr 2048 vorstellt – und nach Wegen sucht, um aus Utopien Wirklichkeit werden zu lassen.

Was für ein Kongressmotto: „Zukunft für Alle“! Klingt das nicht ein bisschen nach Werbespot? So wie einst BASF erklärte: „Zukunft ist immer das, was wir daraus machen“? Auf den ersten Blick vielleicht. Aber der Schein trügt, wie ein rascher Vergleich zeigt. Was die Leute vom „Konzeptwerk Neue Ökonomie“ fünf Tage lang in Leipzig und in zahlreichen Videokonferenzen mit zahlreichen Partnerinnen und Partnern besprechen, hat mit Werbebotschaften der klassischen Art nichts zu tun. Es ist so ziemlich der exakte Gegenentwurf zu der Gesellschaft, für die Unternehmen wie BASF stehen.

Der Spot des Unternehmens ist nur ein zufällig aus dem Netz gefischtes Beispiel, aber als Kontrast zu „Zukunft für Alle“ funktioniert er ganz gut. Das „Wir“ der Werbeleute wird im Lauf von 32 Sekunden Youtube-Video immer kleiner. Klingt der Slogan am Anfang noch ziemlich nach „alle“, ist am Ende daraus etwas ganz anderes geworden: „Wir“, das sind die Leute von BASF, die neue Techniken entwickeln, zum Beispiel Autobatterien. Und „es sind Ihre Träume, die uns dabei antreiben“. Die einen träumen, ums Verwirklichen kümmern sich andere, nämlich die unternehmenseigenen Experten.

„Zukunft für alle“ - was hinter dem Kongress steckt

Es kann ja sein, dass die Arbeit eines Chemiekonzerns an einem umweltfreundlicheren Autoverkehr einen Fortschritt darstellt. Aber hinter „Zukunft für Alle“ steckt etwas anderes, etwas Größeres als die Arbeitsteilung zwischen „der Wirtschaft“ einerseits sowie den Konsumentinnen und Konsumenten andererseits: Zwischen Träumen und Machen, so die Vision, soll es keinen so eindeutigen Unterschied mehr geben.

Zukunfts-Technik: Rednerin Adamczik (auf dem Monitor) und die Regie.

Die jungen Menschen, die den fünftägigen Kongress mit mehr als 100 Ehrenamtlichen und 60 Partnerorganisationen auf die Beine gestellt haben, wollen die Vision vom selbstbestimmten Leben, Arbeiten und Wirtschaften konkret werden lassen. Und nicht nur das: Sie wollen an Beispielen demonstrieren, dass Utopien keine abstrakten Zukunftsgemälde sind, sondern ihre Verwirklichung hier und jetzt beginnt. Wie das geht? Ein virtueller Streifzug.

Dienstag Vormittag

Pressekonferenz: „Wie wollen wir 2048 leben, und wie kommen wir dahin?“, fasst Nina Treu den gewaltigen Anspruch zusammen. Der Kongress, erläutert sie, sei deshalb auch in zwei Abschnitte unterteilt: Erst die Utopie („Wie wollen wir leben?“), dann die Transformation („Wie kommen wir dahin?“). Und immer gehe es darum, „mehr Menschen an Entscheidungen zu beteiligen, die ihr Leben betreffen“.

Zu 15 „Themensträngen“ bietet der Kongress den 1400 Teilnehmenden Vorträge, Podien und Workshops an, darunter Wohnen, Verkehr, Wirtschaft, Ernährung oder Bildung. Und schon in der Pressekonferenz wird klar: Nicht nur die thematische Vielfalt ist gewollt, sondern auch die Diversität von Geschlechtern, Herkünften und persönlichen Perspektiven soll den Kongress prägen.

Drei Frauen und zwei Männer treten bei der Pressekonferenz auf. Einer von ihnen ist zugeschaltet aus seinem Heimatland Niger: Moctar Dan Yaye, der sich dort mit der Organisation „Alarm Phone Sahara“ um Flüchtende kümmert, buchstabiert schon einmal das Rassismus-Thema aus der Sicht des Südens: Warum es in Afrika ziemlich ruhig sei, während in Europa und den USA die Polizeigewalt gegen schwarze Menschen für heftige Proteste sorge, fragt er. Und antwortet: „Weil die Menschen hier jeden Tag unter dem Knie des Systems sterben“ – so, wie in den USA George Floyd unter den Knien eines Polizisten starb. Es sei ein System, das nicht nur den Klimawandel und damit die Überflutungen in seinem Land verantworte, sondern auch die zwölf Millionen Waffen, die in der Region kursierten. „Keine davon ist hier produziert worden.“

Kongress ist in Teilen wegen Corona diigital

Im „Konzeptwerk Neue Ökonomie“, 2011 als unabhängiger Verein gegründet, zerbricht sich ein Team von knapp 30 jungen Frauen und Männern aus Wissenschaft und sozialen Bewegungen die Köpfe über neue Formen des Wirtschaftens. Den Kongress haben sie seit zwei Jahren in mehreren „Zukunftswerkstätten“ vorbereitet. Immer wieder ging es um einzelne Themenfelder. Jetzt aber, an diesen fünf Tagen nach dem Auftakt-Abend, soll aus unterschiedlichen Schwerpunkten eine „positive Gesamterzählung“ werden.

Dass das Ganze nicht, wie vor Corona gedacht, als großes Zusammentreffen stattfinden kann, sondern zu großen Teilen „nur“ digital, hat die Arbeit nicht erleichtert. Aber den unerschütterlichen und durchaus ansteckenden Optimismus der Beteiligten hat das offensichtlich nicht erschüttert. Auf die Frage, warum mächtige Unternehmen und ihre Investoren einer möglichen Alternative zum Kapitalismus der Gegenwart friedlich weichen sollten, antwortet Kongress-Koordinatorin Nina Treu: Sie glaube nicht, „dass wir an den Punkt kommen werden, wo der fossile Kapitalismus mit allen Mitteln verteidigt wird“. Warum solle kein „Umdenken“ stattfinden, wenn „große soziale Bewegungen gute Lösungen vorstellen“? Auch der Kapitalismus brauche schließlich Menschen, die sich noch etwas kaufen können.

Zukunfts-Zentrale: Blick vom Arbeitsplatz der Macherinnen und Macher in Leipzig.

Ja, sagt Nina Treu noch, den Vorwurf von zu viel Radikalität oder gar Naivität vorwegnehmend, radikal im Sinne von „Probleme an der Wurzel packen“ seien sie sehr gerne. Aber naiv? „Wir wollen träumen“, das schon. Was allerdings nicht heißt, dass nicht auch Nahziele verfolgt werden: Arbeitszeitverkürzung zum Beispiel oder die Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen. Nicht ohne Grund enthält das Kongressmotto neben „gerecht“ und „ökologisch“ ein drittes Schlagwort: „machbar“. Und wer zuhört, beginnt den meist jungen Aktivistinnen und Aktivisten abzunehmen, dass der Glaube an die Fortführung des Bestehenden vielleicht naiver ist als die Idee einer grundlegenden Alternative.

Wie sieht sie also aus, die Alternative? Wo sind die Zukunftsvisionen, wo lassen sie sich gar miteinander zur „positiven Gesamterzählung“ verbinden? Das kann hier nur beispielhaft an drei der zahllosen Veranstaltungen nachverfolgt werden, und das auch nur für die Abteilung „Utopie“, denn die „Transformation“ kommt erst am Wochenende. Im Netz zu verfolgen für alle, die mögen.

Dienstag nachmittag

Eröffnung: Den Einleitungsvortrag hält Bini Adamczak. Die Autorin, in der Geschichte des Kommunismus ebenso zu Hause wie im queeren Feminismus, warnt gleich zu Beginn vor einem Aktivismus, der die bestehende Welt nur zu retten versucht wie die Helden eines Hollywood-Films, statt sie zu verändern: „Die Welt ist gerettet, und sie ist noch genauso beschissen wie zuvor“, und für alle Engagierten, die darüber gerade noch gelächelt haben, schiebt sie die schlechte Nachricht in aller Deutlichkeit hinterher: „Ein Großteil des emanzipatorischen Widerstands folgt genau diesem Projekt.“ Dabei sei „der Versuch, die Welt so zu retten, wie sie ist, selbst utopisch geworden, aber im schlechten Sinne“.

Viele Kämpfe sozialer Bewegungen, erläutert Adamczik, richteten sich gegen Mieterhöhungen, gegen „das schlechte Klima“, gegen Massenentlassungen oder gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Das sei richtig und wichtig. Zu selten aber werde für alternative Formen des Wohnens demonstriert, für gutes Klima, für „Entlassungen in Chefetagen“. Und warum nicht „statt für die Ehe für alle gegen die Ehe demonstrieren, und zwar für alle“?

Das klingt radikal und ist sicher auch so gemeint, aber es zeigt sich im Lauf des Vortrags etwas, das diesen ganzen Kongress prägt: Um Luftschlösser, die mit der Realität des Hier und Jetzt nichts zu tun haben, oder gar um abstrakte Weltentwürfe mit autoritären Zügen geht es gerade nicht. Wer linke Bewegungen reflexhaft mit solchen Vorwürfen konfrontiert, ist in Leipzig an der falschen Adresse.

Ist der Kapitalismus wirklich unveränderbar?

Bini Adamczik fasst das in folgende Worte: „Wer für eine wirklich andere Welt kämpft, wird mit den Toten des Stalinismus konfrontiert werden“, und: „Das Misstrauen gegen ,utopische Experimente‘ ist berechtigt.“ Daraus entwickelt sie eine Art Gebrauchsanweisung für die „positive Gesamterzählung“, von der am Anfang die Rede war: Die Ziele und Modelle linker Bewegungen müssten nicht nur „vorstellbar“ sein, sondern auch „machbar“, „erreichbar“ und „wünschbar“ – und zwar nicht nur für diejenigen, die sie erdacht haben, sondern für möglichst viele Menschen. Sonst nämlich bestehe die Gefahr, einem „Utopie-Fetisch“ zu verfallen, also „der Vorstellung, dass die Welt von ihren Mängeln so befreit wird, dass wir, die mit den Mängeln der bestehenden Welt behafteten Menschen, keinen Platz mehr haben“.

Damit, so der sehr praktische Hinweis, seien Menschen nicht erreichbar, „die den Kapitalismus zwar nicht gut finden, aber für unveränderbar halten“. Adamcziks Vorschlag: „Denken wir uns eine Welt aus, die auch uns eine Heimat bietet.“ Was für ein schönes Motto für Gespräche über die Zukunft.

Mittwoch mittag

Podium: „Wohnen 2048 – kein Markt, kein Staat, kein Mietvertrag?“

Jetzt wird es praktisch. Klar, alle Beteiligten sind organisiert. Alle setzen sich für grundlegende Alternativen zum außer Rand und Band geratenen Immobilienmarkt ein: Mary Lürtzing vom „Mietshäuser-Syndikat“, in dem alternative Wohnprojekte zusammengeschlossen sind; die Architektin Stefania Koller von der Gruppe „Neustart Schweiz“, die sich für die Entwicklung nachhaltiger und genossenschaftlich organisierter Wohnquartiere einsetzt; Christoph Struenke vom „Ökodorf Sieben Linden“, das sich mit seinen 150 Bewohnerinnen und Bewohnern als sozial-ökologische Modellsiedlung versteht; und Rouzbeh Taheri von der Initiative „Deutsche Wohnen enteignen“, die die Vergesellschaftung von 240 000 Wohnungen erreichen will.

Natürlich sind hier nicht die Fans des Privateigentums an Grund und Boden versammelt, sie haben alle ihre Utopien im Kopf. Aber die Diskussion zeigt auch, dass der Kongressteil „Transformation“ ernst genommen werden soll: Was, so die Frage, ist schon hier und jetzt zu tun?

Da spricht Rouzbeh Taheri über ältere Menschen, die allein in großen Wohnungen leben – und deren Vorbehalte gegen eine Wohngemeinschaft mit Studentinnen oder Studenten sich im Gespräch vielleicht ausräumen ließen. Da erzählt Mary Lürtzing auch aus eigener Erfahrung, wie die Bedürfnisse gemeinschaftlichen Wohnens in Altbauten mit den Auflagen des Denkmalschutzes in Konflikt geraten – und fordert rundheraus: „Alles, was statisch okay ist, muss erlaubt sein.“ Da erzählt Christoph Struenke davon, dass die Hälfte der Leute in seinem Ökodorf nicht nur lebt, sondern auch arbeitet – was weite Wege erübrigt. Da macht sich Stefanie Koller Gedanken darüber, ob man Städte nicht „gesund verdichten“ könnte, statt das Umland zu zersiedeln.

Utopien miteinander verbinden

Immer wieder kommt in dieser Diskussion die Notwendigkeit dessen zum Vorschein, was auf dem Kongress „Utopien verbinden“ genannt wird: Wenn Wohnen und Arbeiten möglichst nah beieinander stattfinden soll; wenn sich alle einig sind, dass ein gesundes Leben in der Stadt am besten mit Projekten der „solidarischen Landwirtschaft“ in der näheren Umgebung funktioniert; wenn sich plötzlich der Zusammenhang auftut zwischen der Finanzlage von Kommunen und der Möglichkeit, alternative Wohnprojekte zu fördern – dann wird deutlich, wie recht dieser Kongress hat, wenn er die vielen vereinzelten Bewegungen miteinander ins Gespräch bringen will.

Und wie weiter? Da ist sie wieder, die Utopie. „Wenn man keine hat, weiß man nicht, wo man hinwill. Wenn man eine hat, wird man gefragt, ob sie überhaupt zu verwirklichen sei“, sagt Rouzbeh Taheri. Dabei sei doch klar: „Dass private Interessen eine gerechte Versorgung mit Wohnraum verhindern, ist offensichtlich und erläuterbar.“ Und wer etwas ändern wolle, müsse „kein Superaktivist sein“, denn: „Kein Schritt ist zu klein.“

Donnerstag mittag

Workshop: „Die ganze Arbeit. Die global gerechte Zukunft und wie wir dahin kommen“. – Referentin Behshid Najafi nimmt das Grundanliegen des „Konzeptwerks Neue Ökonomie“, sich die bessere Welt des Jahres 2048 vorzustellen, beim Wort. Die 64-jährige Politikwissenschaftlerin und Pädagogin, 1986 aus dem Iran nach Deutschland geflohen, arbeitet seit 1993 in Köln bei dem Verein „agisra“ der sich für geflüchtete Frauen einsetzt und sie unterstützt – unabhängig von ihrer Herkunft, unabhängig auch vom offiziellen Aufenthaltsstatus. Und sie führt vor, dass Optimismus kein Vorrecht der Jugend ist.

„Wir schreiben das Jahr 2048. Und wir sind noch da. Ich bin 92 Jahre alt“, beginnt sie. Und weiter: „agisra hat weniger zu tun, denn die Gesetze sind menschlicher geworden, so dass eine intensive Betreuung nicht mehr notwendig ist.“ Najafi zitiert einige Artikel der 1948 verkündeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die dann 100 Jahre alt werden wird: das Recht auf Arbeit und auskömmliche Löhne, den Anspruch auf „Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen“, den Kinderschutz: „All diese Rechte sind dann wahr geworden.“

Die Pädagogin nennt erste Schritte: Die Wahl Joe Bidens zum US-Präsidenten sorgt für eine bessere Gesundheitsversorgung, Grün-Rot-Rot, 2021 in Deutschland gewählt, besteuert große Vermögen und erhöht den Mindestlohn, und so weiter. Aber erst das Schmelzen der Polkappen, die Überflutung ganzer Länder im Jahr 2023 sorgt für den großen Aufbruch.

Wie er weitergeht, der Aufbruch? Behshid Najafi teilt den Workshop in Gruppen auf, die sich die nächsten Schritte zur Utopie ausmalen sollen. Nur die FR steigt aus, der Redaktionsschluss droht, der Text muss geschrieben werden. Aber die Zukunft geht trotzdem weiter. Auf jeden Fall bis Sonntag, und womöglich irgendwann auch für alle. Falls jemand von BASF zuschauen möchte: Zum Kongress geht es unter https://www.zukunftfueralle.jetzt/.

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