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Zugvögel: Reisegruppe mit Rückenwind

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Kanadagänse brauchen in V-Formation bis zu 36 Prozent weniger Energie.
Kanadagänse brauchen in V-Formation bis zu 36 Prozent weniger Energie. © Imago Images

Um den halben Globus zu umrunden, haben Zugvögel ein paar Tricks auf Lager. Dabei spielt sogar die Farbe der Federn eine Rolle, wie Forschende herausgefunden haben. Ein Blick in die Lüfte von Christian Satorius.

Küstenseeschwalben (Sterna paradisaea) fliegen im wahrsten Sinne des Wortes um die halbe Welt – und das gleich zweimal im Jahr. Von ihren Winterquartieren in der Antarktis bis zu den Brutgebieten an den Küsten Alaskas und Grönlands kommen schnell mal 20 000 Kilometer zusammen. Hin und zurück sind das gut und gerne 40 000 Kilometer und manchmal sogar noch weitaus mehr, je nachdem, für welche Routen sich die Tiere entscheiden.

Fregattvögel (Fregata) schlafen sogar im Flug und Mauersegler (Apus apus) landen praktisch nur zum Brüten. Auch wenn natürlich längst nicht alle Zugvögel solch weite Strecken zurücklegen und so lange unterwegs sind, so fliegen viele von ihnen doch große Strecken in einem Stück durch, ohne zwischendurch zu landen, oft Hunderte oder Tausende Kilometer weit. Pfuhlschnepfen (Limosa lapponica) etwa fliegen durchaus 10 000 Kilometer, ohne zu rasten. Das ist nicht nur anstrengend und kräftezehrend, die Tiere müssen auch aufpassen, dass sie beim Fliegen nicht überhitzen.

Sportlerinnen und Sportler kennen das Problem: Wer seine Muskeln einsetzt, dem wird warm. Wer dabei unter freiem Himmel im Sonnenschein trainiert, dem wird noch schneller warm. Kein Wunder also, dass Zugvögel auf verschiedene Tricks zurückgreifen, um ein Überhitzen beim Fliegen zu verhindern. Zum einen ziehen viele von ihnen nachts, wenn es kühler ist, wie etwa Rotkehlchen (Erithacus rubecula) oder auch Gartengrasmücken (Sylvia borin), haben Ornitholog:innen beobachtet.

Eine andere interessante Entdeckung haben Forschende des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen erst kürzlich gemacht. Das Team um Bart Kempenaers verglich die Farbe des Gefieders mit dem Zugverhalten der Tiere und stellte fest, dass Vögel, die weitere Strecken zurücklegten, tendenziell hellere Federn haben. Ortstreue Vögel waren den Forschenden nach also tendenziell dunkler gefärbt als Kurzstreckenzieher. Diese wiederum wiesen in der Untersuchung ein dunkleres Gefieder auf als Langstreckenzieher. Da sich hellere Federn nicht so stark in der Sonne aufheizen wie dunklere, könnte die Gefiederfarbe eine wichtige Rolle in der Thermoregulation der Zugvögel spielen, sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überzeugt.

WeltzugvogeltaG

Seit 2006 steht am zweiten Maiwochenende weltweit der Weltzugvogeltag im Kalender. Laut dem Bundesministerium für Umwelt ist der Tag dem besonderen Schutz der Zugvögel und ihrer Lebensräume gewidmet. Entlang der Zugrouten reduzieren sich die Lebensräume zunehmend. Um Wege aufzuzeigen, diese zu schützen, werden weltweit Vorträge, Vogelbeobachtungen und andere Veranstaltungen organisiert. FR

„Eine der größten Überraschungen ist, wie einheitlich der Effekt bei den verschiedenen Vogelgruppen ist“, sagt Studienleiter Kempenaers. Dieses Muster entdeckten die Forschenden bei kleinen wie großen Vögeln, bei Wasservögeln sowie Landbewohnenden gleichermaßen. Ornitholog:innen haben zudem beobachtet, das einige Vögel tagsüber höher fliegen als nachts. Auch das hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren, denn in größerer Höhe ist es kühler als in den unteren Luftschichten. Die Tiere nutzen aber noch weitere Tricks wie etwa den Rückenwind, wie ihn auch Fahrradfans zu schätzen wissen.

Einen entscheidenden Vorteil bringt ferner die klassische V-Formation, in der viele Zugvögel reisen. Das vorderste Tier bekommt praktisch den gesamten Wind ab, alle nachfolgenden können von den Luftverwirbelungen der Voranfliegenden profitieren und Energie sparen. Ornitholog:innen sprechen bei diesen Luftverwirbelungen von einer Wirbelschleppe. Bei Kanadagänsen (Branta canadensis) errechnete der Biologe F. Reed Hainsworth von der Universität Syracuse im Bundesstaat New York eine Energieeinsparung von zehn bis 36 Prozent. Weil keineswegs immer das stärkste Tier voranfliegt – ein weit verbreiteter Irrtum – muss der Vogel an der Spitze auch immer wieder ausgewechselt werden. So kommt jeder mal an die Reihe.

Der französische Ornithologen Henri Weimerskirch hat die Herzfrequenz fliegender Pelikane (Pelecanidae) gemessen und dabei festgestellt, dass das Herz des vordersten Vogels im V etwa 190 mal pro Minute schlägt, die der nachfolgenden Pelikane sich aber mit lediglich 160 Schlägen in der Minute begnügen. Zum Vergleich: Selbst in einem energiesparenden Gleitflug sind es immer noch etwa 150 Schläge pro Minute.

All diese Tricks reichen jedoch noch nicht aus, um erfolgreich bis in die Brutgebiete vorzudringen. Zugvögel müssen sich auch über weite Strecken orientieren können. Wie machen sie das? Zum einen bieten Gebirgsketten, Küstenverläufe, Flüsse, große Seen und andere weithin sichtbare Anhaltspunkte gute Orientierungsmöglichkeiten.

Auch Sonne, Mond und Sternen können der Navigation dienen. Zugvögel haben aber noch einen weiteren Trick auf Lager: Sie können sich am Erdmagnetfeld orientieren. Dass dies geht, weiß die Fachwelt schon länger, nur wie die Tiere es im Detail anstellen, ist bis heute nicht abschießend geklärt. Biologen wie Dominik Heyers von der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg gehen davon aus, dass Zugvögel das Magnetfeld der Erde mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar tatsächlich sehen können, es also direkt als visuellen Eindruck wahrnehmen. In den Augen von Zugvögeln konnten Cryptochrome nachgewiesen werden, die dabei als Rezeptormoleküle fungieren könnten, meinen die Forschenden.

Damit aber nicht genug. Vögel können sich auch mit Hilfe von polarisiertem Licht orientieren. Wenn Sonnenlicht die Atmosphäre durchdringt, werden die Lichtwellen gestreut. Dabei entstehen charakteristische Polarisationsmuster am Himmel, die uns Menschen zwar in der Regel verborgen bleiben, aber von Vögeln wahrgenommen und zur Navigation genutzt werden können. Einen Blick für polarisiertes Licht haben nicht nur Zugvögel, sondern etwa auch Honigbienen (Apis mellifera), Große-Mausohren-Fledermäuse (Myotis myotis) und sogar Wasserwanzen (Notonecta glauca).

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