Schauspielerin Jennifer Lawrence.
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Schauspielerin Jennifer Lawrence.

Jennifer Lawrence

„Zuerst haben sie mich ausgelacht“

Die Serie „Die Tribute von Panem“ bescherte der Schauspielerin Jennifer Lawrence einen kometenhaften Aufstieg. Im Interview spricht sie über ein Leben im Goldfischglas - und sagt, warum man niemandem trauen sollte, mit dem man sich nicht betrinken kann.

Von Ulrich Lössl

Jennifer Lawrence ist in nur fünf Jahren von einer talentierten Jungschauspielerin zum Hollywood-Mega-Star geworden. Ihren kometenhaften Aufstieg hat sie vor allem der Rolle der Katniss Everdeen aus den vier „Die Tribute von Panem“-Filmen zu verdanken. Und wie nebenbei hat sie 2013 auch noch für die Tragikomödie „Silver Linings“ den Oscar als beste Hauptdarstellerin bekommen. Der Regisseur von damals, David O. Russell, ist seither ihr Mentor, wie sie selbst sagt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Russell ihr für seinen neuen Film „Joy – Alles außer gewöhnlich“ (läuft aktuell im Kino) die Hauptrolle auf den Leib geschrieben hat.

Wie Lawrence die Erfinderin und geschiedene Mutter zweier Kinder spielt, hat wieder Oscar-Qualität; für den Golden Globe wurde sie schon als beste Schauspielerin nominiert. Beim Interview im Londoner Luxushotel Claridge’s erlebt man eine etwas andere Jennifer Lawrence als früher. Wie weggeblasen sind ihre jugendliche Unbefangenheit und ihre erfrischende und oft freche, aber immer sehr charmante Art. Hier tritt eine Hollywood-Diva auf: Die kurzen Haare perfekt gestylt, der weiße Pullover hauteng, ebenso die schwarzen Hosen. Dazu schwarze High-Heels. Im Laufe des Interviews wird sie sich öfter ihre bereits sehr kirschroten Lippen nachziehen. „JLaw“ ist in Hollywood angekommen. An der Spitze.

Um vier Uhr früh soll Regisseur David O. Russell Sie angerufen haben, um Ihnen die Hauptrolle in seinem neuen Film „Joy“ anzubieten – stimmt das?
Ich weiß nicht mehr genau, wie spät es war. Aber ich habe fest geschlafen. Er musste es wohl ewig klingeln lassen.

Als er Ihnen dann sagte, dass es ein Film über die „Erfindung des selbstauswringenden Wischmopps“ ist – haben Sie das für einen Scherz gehalten?
Überhaupt nicht! David würde nie solche Scherze machen. Und in „Joy“ geht es ja um viel mehr als nur darum, die Geschichte zu erzählen, wie Joy Mangano in den neunziger Jahren den Wischmopp erfunden hat. Es ist eine Story über eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Die bereit ist, für ihre Träume zu kämpfen. Und die sich noch ganz nebenbei für ihre sehr anstrengende Familie innerlich fast zerreißt, und noch vieles mehr. Joy ist die weitaus komplexeste Figur, die ich jemals gespielt habe.

Nach „Silver Lining“ und „American Hustle“ ist das der dritte Film, den Sie mit David O. Russell gemacht haben. Sie haben von ihm das Schauspielern gelernt, sagten Sie kürzlich. Können Sie das bitte noch etwas ausführen?
Meine Beziehung zu David ist einzigartig. Neben meiner Familie ist er der wichtigste Bezugspunkt in meinem Leben. Wir haben eine wunderbar intensive Arbeitsbeziehung, die aber auch von Liebe und Respekt geprägt ist. Er hat mich für den kreativen Aspekt der Schauspielerie geöffnet. Er war es, der mir zeigte, was es heißt, als Schauspieler wirklich und wahrhaftig zu sein. Dass ich meine Ängste, meine Schmerzen, aber auch meine Lust und Freude in mein Spiel einfließen lassen kann – ja, muss. Durch ihn habe ich in fünf Jahren so viel über mich und die Schauspielkunst gelernt, wie ohne ihn vielleicht in 20 Jahren nicht.

Er ist Ihr Mentor – sind Sie seine Muse?
Wenn Sie so wollen. Aber er ist viel mehr als das. Es gibt jedenfalls wenig Menschen, die mir in meinem Leben so sehr geholfen haben wie er. Meine Mutter hat – auf ihre Art – ähnliches geleistet.

Was denn genau?
Sie war immer an meiner Seite und sie hat mir auch mit ihren klugen Ratschlägen sehr geholfen, den richtigen Weg zu gehen. Ohne mich in eine bestimmte Richtung zu drängen.

Sie wollten schon mit 14 Jahren unbedingt Schauspielerin werden …
… und da hat sie nicht etwa versucht, mir meinen Traum auszureden, sondern ist mit mir nach New York gefahren, um einen Agenten für mich zu suchen.

In New York wurden Sie dann an einer Straßenecke von einem Talent-Scout angesprochen …
… der mich fragte, ob er ein Foto von mir machen darf. Er war von einer Agentur für Models und Schauspieler. Als ich mich dort vorgestellt habe, sagte ich gleich, dass ich kein Model, sondern Schauspielerin werden wollte. Zuerst haben sie mich ausgelacht, aber dann haben sie es doch mit mir versucht. Erst beim Fernsehen, dann beim Film. Und als ich drei Jahre später nach Los Angeles zog, um dort mein Glück zu versuchen, ist meine Mutter mit mir mitgekommen. Und hat mich zu jedem noch so aussichtslosen Vorsprechen gefahren.

Auch als Sie sich um die Rolle der Bella Swan für die „Twilight“-Filme beworben haben und sie nicht bekamen?
Ja, und das tat ganz besonders weh. Heute bin ich natürlich sehr froh, dass es damals nicht geklappt hat. Denn stattdessen habe ich ja sehr bald die Hauptrolle der Katniss Everdeen in den „Die Tribute von Panem“-Filmen gekriegt.

Der gigantische Erfolg des „Panem“-Franchise hat Sie zum Weltstar gemacht. Vor kurzem kam der letzte Teil davon ins Kino. Sind Sie froh, dass es damit jetzt vorbei ist?
Ich bin schon erleichtert, dass ich nächstes Jahr für keine Fortsetzung mehr vor der Kamera stehen muss. Und auch der neue „X-Men“-Film „Apocalypse“, in dem ich zum letzten Mal die Mystique spiele, ist ja schon abgedreht. Ab jetzt bin ich für die Wahl meiner Filme total allein verantwortlich.

Wie fühlt sich das an?
Erfrischend, aufregend, cool. Natürlich ängstigt mich diese neue Freiheit auch ein bisschen. Aber manchmal muss man eben ins kalte Wasser springen.

Laut „Forbes“-Magazin haben Sie allein in diesem Jahr über 50 Millionen US-Dollar verdient. Inwieweit hat Sie das viele Geld verändert?
Eigentlich überhaupt nicht. Für mich hat Geld auch schon früher keine große Rolle gespielt.

Als ich Sie das letzte Mal interviewte, hatten Sie noch keine dicke Limousine inklusive Fahrer, keine Acht-Millionen-Dollar-Villa in Beverly Hills, kein Privatflugzeug …
… was mich natürlich total charakterisiert…

… wohl kaum. Weitaus mehr interessiert mich, wie Sie bei all dem Luxus auf dem Teppich geblieben sind. Das sind Sie doch, oder?
Ich hoffe doch. Ich bin immer noch so authentisch wie früher. Aber natürlich hat es auf mich abgefärbt, dass ich seit fünf Jahren in dem berühmten Goldfischglas lebe. Und alles, was ich mache – vor allem auch privat – mit Argusaugen beobachtet und dann oft leider auch noch genüsslich in den Schmutz gezogen wird (sie spielt wohl auch darauf an, dass 2014 Nacktfotos von ihr im Internet auftauchten, die ein Hacker von ihrem iCloud-Account heruntergeladen hatte; d. Red.). Ich bin jetzt 25. Und wie jede andere junge Frau mache ich bei dem Versuch, mich im Erwachsenenleben zurechtzufinden, ab und zu mal Fehler oder schieße übers Ziel hinaus. Ich finde das übrigens völlig in Ordnung. Nur: Wenn ich etwas falsch mache, bekommt es jeder auf diesen Planeten mit – durch die Medien, die Papparazzi. Und das ist alles andere als cool.

„Joy“ ist auch ein Film über Integrität. Wann standen Sie das letzte Mal vor der Wahl, sich selbst treu zu bleiben – oder sich zu verkaufen?
Genau genommen befinde ich mich seit einiger Zeit in exakt dieser Situation. Deshalb möchte ich nicht darüber reden.

Sie denken ernsthaft über einen Pakt mit den Hollywood-Teufeln nach?
Es ist eben schwierig. Eigentlich wollte ich nach dem riesigen Erfolg der „Panem“-Filme wieder zu meinen Wurzeln zurückkehren und Independent-Movies machen. Aber da las ich das Drehbuch zu dem Science-Fiction-Film „Passengers“ – ein weiterer Blockbuster. Und da mir die Story gefiel, habe ich zugesagt.

Und dann kommt noch ein Film mit Steven Spielberg. Nicht gerade Autoren-Kino, oder?
Ich mache eben das, was mir Spaß macht. Na und? Ich hoffe übrigens auch, dass ich schon sehr bald wieder einen Film mit David machen werde. Wie er mir verraten hat, schreibt er bereits an einem Drehbuch mit einer Hauptrolle für mich. Das ist eine große Ehre.

Bekommen Sie eigentlich inzwischen genau so viel Gage wie Ihre männlichen Kollegen? Als Sie sich vor einiger Zeit öffentlich über die ungerechte Bezahlung beklagten, haben Sie eine ziemliche Lawine losgetreten.
(Lacht) Ja, da war so ziemlich alles dabei – vom schlimmsten Shit-Storm bis zum öffentlichen Schulterschluss von Kolleginnen. Dabei will ich eines mal klarstellen: Ich habe mich nicht darüber beklagt, dass ich wenig verdiene – sondern darüber, dass ich für die gleiche Arbeit viel weniger verdiene als meine männlichen Kollegen. Ich missgönne niemandem etwas. Und ich bin mir auch vollkommen bewusst, dass hart arbeitende Frauen in anderen Berufen viel weniger verdienen als Hollywoodstars. Mich hat nur genervt, dass wir Frauen im Hollywood-System oft ausgenutzt werden oder durch den Rost fallen, wenn wir Forderungen stellen.

Beifall haben Sie unter anderen von Julia Roberts und Meryl Streep bekommen. Haben Sie sich schon mal gefragt, warum diese Superstars nicht selbst und viel früher aufbegehrt haben?
Nein, ich finde es cool, dass sie eben jetzt Stellung beziehen. Und da sind ja auch noch eine ganze Reihe anderer – wie zum Beispiel Patricia Arquette, Tina Fey und Amy Schumer. Mit Amy schreibe ich übrigens gerade ein Drehbuch. Wir sind inzwischen beste Freundinnen geworden.

Es gibt noch ein weiteres ungeschriebenes Gesetz in Hollywood: Schauspierinnen müssen jung sein und extrem schlank.
Stimmt. Ich habe tatsächlich eine Kollegin, die ist Ende 20 und macht sich schon Sorgen, ob sie bald zum alten Eisen gehören wird. Im Ernst jetzt? Der totale Wahnsinn! Und dann dieser Schlankheitswahn. In Hollywood gelte ich ja als „fette Schauspielerin“.

Jetzt übertreiben Sie aber.
Nicht wirklich. Ich weiß, wovon ich rede. Aber ich stehe zu meinen Pfunden. Ein guter Cheeseburger mit Pommes frites steht immer noch sehr weit oben auf der Liste meiner Lieblingsgerichte. Was gibt es Schöneres, als mit Freunden gemeinsam gut zu essen und zu trinken? Eine Freundin von mir meinte, sie traut niemandem, mit dem sie sich nicht ab und zu mal richtig betrinken kann. Ich glaube, das könnte ich unterschreiben.

Für „Joy“ sind Sie als „Beste Schauspielerin in einer Komödie“ zum Golden Globe nominiert. Sie gelten außerdem als heiße Oscar-Favoritin. Einen Oscar als beste Hauptdarstellerin haben Sie ja schon für „Silver Linings“ gewonnen. Wie wichtig sind Ihnen Preise?
Ich freue mich über jeden Preis, genau wie über einen Oscar oder Golden Globe. Und je prestigeträchtiger die Auszeichnungen, desto besser fürs Geschäft. Aber am glücklichsten bin ich über Kollegenlob. Wenn David sagt, dass ich meine Sache gut gemacht habe. Oder wenn Robert de Niro mir anerkennend zuzwinkert. Oder Bradley Cooper mich in den Arm nimmt und sagt: „Du bist die Beste!“ (lacht) Das tut gut. Aber ich weiß auch, dass ich noch sehr viel lernen muss.

Hat der große Erfolg auch Ihr Selbstbewusstsein gestärkt?
Aber klar doch. Ich war zwar schon früher nicht gerade von Selbstzweifeln gebeutelt, aber so ein messbarer Erfolg ist schon sehr gut fürs Ego. Ich bin dadurch viel sicherer geworden, in meinem Auftreten und in dem, was ich sage. Und das macht das Leben viel einfacher. Die Zeiten, als ich mich aus Unsicherheit gängeln ließ, sind endgültig vorbei. Jetzt habe ich die Kontrolle übernommen.

Was ist Ihre größte Antriebskraft?
Neugier.

Und was Ihre hervorstechendste Charaktereigenschaft?
Ich bin hart im Nehmen. Da kann ich – gerade im Beruf – einiges wegstecken. Und da ich selbst gerne Tacheles rede, habe ich nichts dagegen, wenn man auch bei mir nicht auf Samtpfoten daherkommt. Und ich bin ein furchtbarer Dickkopf! In meinem Job bin ich total fokussiert und sehr ambitioniert. Da habe ich ein starkes Durchsetzungsvermögen.

Trauen Sie sich doch mal, in die Zukunft zu schauen. Wo sehen Sie sich mit 30?
Das ist mir viel zu weit weg (denkt trotzdem nach). Vielleicht habe ich dann ein Haus mit großem Garten. Vielleicht habe ich bis dahin auch schon eine Familie gegründet. Im Grunde meines Herzens bin ich ein sehr bodenständiges Mädchen. Wissen Sie, ich komme aus Louisville in Kentucky, also werde ich wohl mein ganzes Leben lang ein „Cowgirl“ bleiben (lacht).

Das heißt?
Dass ich immer noch viel lieber mit einem Pferd durch die Gegend reite oder Feldhockey spiele, als mich auf öden Cocktail-Partys zu langweilen. Und ich hoffe vor allem, dass ich bis dahin noch weitere sehr gute Filme gedreht habe. Und wenn ich ganz wild träume, dann wäre ich sehr glücklich, wenn bis dahin eines meiner Drehbücher verfilmt wäre. Denn das Schreiben ist eigentlich meine große Leidenschaft. Ich schreibe, seit ich zwölf bin – Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Dramen …

Stimmt es, dass Sie bald mal selbst Regie führen wollen?
Ja. Aber noch ist es nicht so weit.

Haben Sie für das neue Jahr gute Vorsätze?
Vorsätze schon, aber ob sie gut sind – das wird sich zeigen …

Wie wäre es damit, Ihren Mr. Right zu finden?
Ist nicht ganz so einfach. Aber das würde ich sowieso nicht öffentlich ausplaudern. Mit wem ich was mache, das bleibt privat.

Aber dem Heiraten wären Sie nicht abgeneigt …
Wenn mir der Richtige über den Weg läuft, warum nicht? Aber wenn ich heirate, dann für die Ewigkeit. Ich kenne viele Menschen, die schon sehr lange sehr glücklich verheiratet sind. Angefangen bei meinen Eltern. Ich finde das mega-cool.

Fast hätte ich es vergessen: Haben Sie eigentlich so einen selbstauswringenden Wisch-mopp?
Ich nicht, aber meine Mutter hat ihn ganz sicher.

Interview: Ulrich Lössl

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