Boy in a zoo
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„Die Biodiversität unseres Planeten verschwindet rasant.“

Tierhaltung im Zoo

„Zoos ändern nichts am Artensterben“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Vielmehr vergleicht der Anthropologe Volker Sommer das Leben gefangener Tiere mit Menschen in lebenslanger Haft.

Herr Sommer, Sie beschäftigen sich seit langer Zeit mit dem Sozialverhalten von Tieren. Was halten Sie von Zoos?

Zwar steht das Leben wilder Tiere im Zentrum meiner Forschung. Gleichwohl pflege ich seit Jahrzehnten enge und oft freundschaftliche Kontakte zu Tierpflegern und anderen Zoomitarbeitern. Die luden mich zu Vorträgen ein, unterstützten meine Naturschutzarbeit finanziell, ermöglichten mir Dokumentarfilme und Fotobücher, Konferenzen und Abschlussarbeiten für meine Studenten. Also, ich bin gewiss kein geborener Zookritiker. Erst seit zehn Jahren denke ich darüber nach, dass diese Vorteile ja nur um einen Preis zu haben sind, nämlich dass wir Tiere zu einer Existenz verurteilen, die primär unserer Unterhaltung dient.

Wie geht es den Tieren im Zoo?

Der Tarantula oder der Madagaskar-Fauchschabe geht’s wohl blendend, solange keine Kinderhorden an die Scheiben hämmern. Aber wie sollte es Delfinen gut gehen, wenn sie in chlorversetzten Pools ewige Kreise ziehen müssen und ihr hochempfindlicher Hörsinn mit Pumpen- und Filtergeräuschen bombardiert wird? Ähnlich mies ist es um andere Großtiere bestellt, die statt Savanne, Polarregion oder Regenwald zu durchstreifen, jahrzehntelang zwischen Kunstfelsen, Betonböden und Käfigen pendeln.

Wie sehr ist Zootieren bewusst, dass sie gefangen sind?

Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London, erforscht Ökologie und Verhalten von Affen und Menschen.

Die schlimmste Kriminalstrafe ist lebenslängliche Haft – also eingebuchtet zu sein bei regelmäßiger Verpflegung, medizinischer Versorgung, Beschäftigungstherapie und Ausgang im Außenhof. Wenn Menschen solche Routine, gelinde gesagt, als nicht optimal erleben, wie können dann Zootiere ihren Alltag erquicklich finden? Zudem eingesperrte Eisbären, Giraffen und Co. ja meist mit weniger Raum auskommen müssen als Sträflinge. Deshalb ist ziemlich irrelevant, ob Tiere die Situation mental als Gefangenschaft realisieren. Obwohl unsere nahen Verwandten, die Menschenaffen, durchaus verstehen dürften, welche Restriktionen ihnen aufgezwungen werden.

Zoos ziehen weit mehr Besucher an als andere Freizeiteinrichtungen. Warum?

Mehr Leute sollen Zoos besuchen als in Stadtparks unterwegs zu sein oder in Sportstadien?

Sogar in Frankfurt gehen ungefähr gleich viele Leute in den Zoo wie ins Stadion. In Münster dürften es viel mehr Zoo- als Fußballbesucher sein. Aber es geht mir eher um den Unterschied zu Museen oder Botanischen Gärten.

Selbst wenn es stimmt: Soll alles erlaubt sein, bloß weil’s gefällt? Gladiatorenspiele, öffentliche Auspeitschungen und Exekutionen oder Stierkämpfe waren und sind ebenfalls Publikumsrenner. Des einen Pläsier ist aber des anderen Ärger. Weshalb Attraktionen irgendwann hinsichtlich unterliegender Ethik hinterfragt werden. Völkerschauen mit „Hottentotten“ waren Besuchermagneten für Zoos, genauso wie man Schimpansen in Lederhosen steckte und als Karikaturen des Humanen zu Varietétänzchen zwang.

Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei.

Fragwürdige Tiershows gibt’s weiterhin, obwohl sich selbsterklärte moderne Zoos gerne von solchen Entwürdigungen distanzieren und mittlerweile auch Zirkusnummern mit Tigern und Elefanten kritisieren. Gleichwohl ist die offensichtliche Misere solcher Entertainment-Sklaven nur die Spitze des Eisbergs. Denn weiterhin fristen Unmengen Zootiere ein Dasein in tödlicher Langeweile – nur dass deren Leiden weniger spektakulär daherkommt als Kettenhaltung und Peitschenhiebe.

Zoo-Befürworter argumentieren, Zoos seien geeignet, ein Bewusstsein für den Naturschutz zu schaffen, sie seien Bildungseinrichtungen. Inwieweit würden Sie dem zustimmen?

Was wir kennenlernen, wenn wir hinter Gittern oder Wassergräben eingesperrte Tropentiere anschauen, sind ihrer Autonomie beraubte Kreaturen. Die können ihr Leben nicht selbst gestalten, sondern es wird ihnen Nahrung vorgesetzt, sie werden mit von Menschen ausgewählten Sozial- und Fortpflanzungspartnern konfrontiert und nach Gutdünken in eine Gefangenschaft anderswo verfrachtet. Wie sollen derlei zurechtgestutzte Zerrbilder uns bilden können hinsichtlich jener Naturwelten, an die ihr Verhalten und Körperbau angepasst sind?

Sie sollen Stellvertreter sein, emotionalisieren, als Botschafter ihrer frei lebenden Artgenossen, plädieren Zoos.

Weil eben das genau nicht funktioniert, sind Zooanlagen mit Infotafeln oder Videoclips bestückt, die Urwald, Wüste oder Ozeane thematisieren. Aber da schaue ich mir doch lieber gleich eine spektakuläre Naturdokumentation wie „Sieben Kontinente, ein Planet“ an, wie sie derzeit Deutschlands größte Arenen füllt. So was produziert mehr Gänsehaut und bildet besser, als wenn ich sehe, wie sich das Flusspferd im Minibecken mal wieder auf die andere Seite wälzt.

Was ist von der Funktion von Zoos als Arche Noah zu halten, um Tiere wieder in die Wildnis zu entlassen?

Auswilderungen beschränken sich auf ein paar Dutzend Tierarten, und andere Populationen wurden aufgefrischt. Warum sollten solche seltenen Prozeduren die Existenz Tausender Zoos rechtfertigen? Zumal fast alle Zooinsassen niemals die Wildnis wiedersehen werden – sie werden ganz überwiegend für den Eigenbedarf gezüchtet. Es ist bizarr, wenn deutsche Zoos das Einsperren ihrer 500 Menschenaffen als Arche-Noah-Aktion rechtfertigen. Denn Tausende entwurzelter Menschenaffen harren in den tropischen Heimaten von Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos in Auffangstationen. Das wären die ersten Kandidaten für Auswilderungen – und nicht Bonobo Bili vom Zoo Wuppertal.

Wo sollen die am stärksten bedrohten Tierarten vor dem Aussterben bewahrt werden, wenn nicht im Zoo?

Hunderttausende Tier- und Pflanzenformen sind dabei, für immer vom Planeten zu verschwinden. Welchen Unterschied macht es, wenn Zoos den lieben Gott mimen und ein paar Spezies auswählen, damit die als eingekerkerte Einzelexemplare weiterexistieren? Das ist Kosmetik, nicht mehr, als hier und da ein Pflaster auf einen siechenden Patienten zu kleben. Das Vorhandensein von Zoos ändert nichts am Artensterben. Es erlaubt uns bestenfalls, berechtigte Schuldgefühle zu minimieren, und schlimmstenfalls, Allmachtsfantasien zu pflegen.

Können wir das Artensterben aufhalten?

Nein. Die Biodiversität unseres Planeten verschwindet rasant, ein Ausrottungsprozess, den wir durch unser Konsumbedürfnis nach Mehr und Besserem befeuern, ob es sich um Mobilität, Körperpflegeprodukte, Nahrungsmittel, Informationstechnologie oder Gesundheitsversorgung handelt. Unser eigenes individuelles Leben ist uns Priorität. Wer etwas anderes behauptet, heuchelt. Zoos ändern an der Dynamik absolut nichts. Sie könnten bestenfalls die globale Bilanz individuellen Leids etwas reduzieren – indem sie die Vermarktung von Tierleid zu unserem Vergnügen einstellen.

Interview: Thomas Stillbauer

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