190730 NEW DELHI July 30 2019 A newly added white tiger walks inside its enclosure at the
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Ein weißer Tiger in Gefangenschaft.

Tierhaltung im Zoo

Tiere im Zoo: Was bedeutet überhaupt artgerechte Haltung?

  • vonManfred Niekisch
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Für den einen ist ein Zoo ein Refugium für gefährdete Arten, für die anderen schlicht ein Ort der Tierquälerei.

Zoos geraten immer wieder in die Schlagzeilen. Sei es, weil es dort einen schlimmen Unfall gab oder, weitaus angenehmer, weil ein Jungtier einer hoch bedrohten Art geboren wurde. Unfälle lassen sich nicht immer vermeiden, aber jeder Unfall veranlasst seriöse Zoos, ihre eigenen Sicherheitseinrichtungen noch einmal zu überprüfen.

Schöner sind die positiven Meldungen. In der Tat spielen Zoos eine wichtige Rolle bei der Zucht gefährdeter Tiere. Vielfach sieht die Öffentlichkeit dies sogar als die Hauptaufgabe moderner Tiergärten an. Zahlreiche Arten wären in der Tat längst ausgestorben, hätte man sie nicht in Zoos erhalten und vermehrt.

Tiere im Zoo: Zuchtprogramme werden weltweit koordiniert

Die ausgeklügelten Zuchtprogramme erfolgen in teils weltweiten Verbünden der Zoos mit sorgfältig koordinierten Programmen. Inzucht soll auf jeden Fall vermieden werden, um eine möglichst große genetische Bandbreite und den Wildtiercharakter zu erhalten. Neben zahlreichen anderen wissenschaftlichen Vorhaben in Zoos bilden sich so Spezialisten heraus für das Management kleiner und kleinster Tierpopulationen. Genau darum geht es sehr oft, wenn seltene Arten im Freiland erhalten werden sollen.

Weiträumige Wanderungen können Zoo-Eisbären nicht in Angriff nehmen.

Und doch sind Zoos keine Arche, mit der sich alle Arten in Sicherheit bringen lassen. Viel zu groß ist deren Anzahl, zu lang sind die Roten Listen, als dass man sie alle in menschlicher Obhut pflegen könnte. Da mit der Zucht von Wildtieren allein das globale dramatische Artensterben nicht aufgehalten werden kann, engagieren sich Zoos zunehmend auch im Schutz der Natur außerhalb ihres Geländes. Es geht dabei um die Erhaltung der Lebensräume, sei es in der eigenen Region, im eigenen Land oder auch in weit entfernten Gebieten. Oft allerdings sind diese so schwer geschädigt, unter anderem durch Wilderei, dass eine Wiederansiedlung von im Zoo geborenen Tieren unmöglich ist. Immerhin lassen sich dann Sicherungspopulationen im Schutz der Zoomauern aufbauen in der Hoffnung, dass die Verhältnisse im Freiland irgendwann wieder günstiger werden.

Die Tiere verteidigen auch in Zoos ihr Gelände gegen Eindringlinge.

Gerade weil viele Tausende Tierarten im Bestand bedroht sind und Naturschutz eine globale Aufgabe ist, die Zoos und Naturschutzorganisationen allein nicht bewältigen können, ist es das Gebot der Zeit, die Besucherinnen und Besucher zu informieren über den Zustand der wildlebenden Populationen und was jeder Einzelne tun kann, um den Naturschutz zu unterstützen. Menschen, die in den Zoo kommen, interessieren sich in aller Regel für Tiere und sind empfänglich für die Bildungsangebote.

Dabei spielt der berühmte pädagogische Zeigefinger keine Rolle, denn ein Zoobesuch soll auch der Erholung dienen. Oft erfolgt der Zugang zur Wissensvermittlung über Fragen zum Individuum Tier, über die Tierliebe, welche Zoopädagoginnen und -pädagogen vermitteln, oder ganz direkt durch die Tierpflegerinnen und Tierpfleger, die täglich mit ihren Schützlingen zusammen und deswegen bestens vertraut mit ihnen sind.

Manfred Niekisch ist Frankfurts ehemaliger Zoodirektor, Professor für Internationalen Naturschutz sowie Ehrenmitglied des deutschen Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ) und des Welt-Zooverbandes Waza.

Ein Zoo - Prädestiniert für Aufklärung

Zoos sind wie kaum eine andere Einrichtung prädestiniert für breite Aufklärung über die Notwendigkeiten und die Möglichkeiten für Natur- und Umweltschutz. Sie erreichen viel weitere Kreise der Bevölkerung als etwa Museen und Hochschulen. Sie sind ein Treffpunkt für allein in Deutschland jährlich 43 Millionen Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, Religionen, Altersklassen, Bildungsstände und Nationalitäten, Tendenz steigend. Somit besteht kein Zweifel, dass angesichts der wachsenden Entfremdung der Menschen von der Natur und der dramatischen Bedrohung von Arten und Lebensräumen die Bedeutung der Zoos in Zukunft weiter zunehmen wird.

Allerdings leisten nicht alle Zoos diese Aufgaben in der Forschung, der Zucht, im Naturschutz und im Bildungsbereich. Begriffe wie Zoo oder Tiergarten sind nämlich nicht geschützt und somit kein Qualitätsmerkmal. Für den Bereich der Europäischen Union (EU) gibt es zwar eine Definition. In Anlehnung an diese lautet die Formulierung im Bundesnaturschutzgesetz: „Zoos sind dauerhafte Einrichtungen, in denen lebende Tiere wild lebender Arten zwecks Zurschaustellung während eines Zeitraumes von mindestens sieben Tagen im Jahr gehalten werden.“

Artgerecht – oder tiergerecht? Getty Images (4)

Diese und weitere Regelungen sind so allgemein gehalten, dass sie eine Vielzahl von Zoos ganz unterschiedlicher Ausprägung zulassen. Darunter sind zahlreiche, deren Standards den Ansprüchen, die wissenschaftlich geführte Zoos an eine artgerechte Tierhaltung stellen, bei weitem nicht entsprechen. Noch schlechter sieht das Bild außerhalb Europas aus, wo Tierschutzgesetze kaum vorhanden sind oder wenig beachtet werden. Schlechte Tierhaltung weckt zu Recht Emotionen gegen den betreffenden Zoo und liefert Argumente, die in ihrer Pauschalität immer wieder zu Unrecht auf die Gesamtheit der Zoos übertragen werden. Die Aufnahmekriterien in den Verband der Zoologischen Gärten VdA, den Europäischen Verband der Zoos und Aquarien Eaza und den Weltverband Waza sind streng, und nur ein relativ kleiner Teil der Zoos qualifiziert sich dafür. Im deutschsprachigen Raum gehören dem VdA derzeit 71 Zoos an, wobei die Gesamtzahl von Zoos und ähnlichen Einrichtungen bei rund 600 liegen d��rfte.

Tiere im Zoo: Der Freiheitsbegriff wird überstrapaziert

Unabdingbare Grundvoraussetzung für jedes Angebot an die Zoobesucherinnen und -besucher sind Glaubwürdigkeit und rundum gute Haltung und Pflege der Tiere. In diesem Zusammenhang wird oft der Begriff der artgerechten Tierhaltung kritisch hinterfragt. Es kann durchaus in die Irre führen, wenn man die Lebensumstände der Tiere in Zoos in Relation setzt zu denen in ihren natürlichen Lebensräumen. Insbesondere der Freiheitsbegriff wird dabei überstrapaziert. So als ob beispielsweise Gorillas oder Eisbären in der Natur frei wären. Territorien benachbarter Individuen oder Gruppen begrenzen den Lebensraum, Fressfeinde, die Verfügbarkeit von Futter, Krankheiten und Parasiten, rivalisierende Artgenossen und viele andere Faktoren setzen den Tieren enge Grenzen. Auch der gängige Begriff der Gefangenschaft ist in mehrfacher Hinsicht irreführend.

Zum einen wurden die meisten Tiere in wissenschaftlich geführten Zoos nicht gefangen, sondern sind bereits im Zoo geboren. Zweitens sollte die Haltung im Zoo so sein, dass sich die Tiere nicht als Gefangene fühlen, sondern als Besitzer des Territoriums, in dem sie leben. Deswegen würden territoriale Individuen ihr Gelände auch gegen Eindringlinge verteidigen, sogar gegen Zoopersonal. Dies ist einer der Gründe, warum selbst vertraute Tierpflegerinnen und -pfleger angegriffen würden, wenn sie die Anlagen beträten.

Der Begriff der Gefangenschaft sei irreführend, schreibt Manfred Niekisch.

Manche Arten führen naturgemäß weiträumige Wanderungen durch. Diese sind meist bedingt durch Klimafaktoren – etwa im Zusammenhang mit den Jahreszeiten – sowie durch die Suche nach Nahrung oder günstigen Orten für die Geburt beziehungsweise Aufzucht des Nachwuchses. Die über große Entfernungen stattfindenden periodischen Wanderungen zum Beispiel der Eisbären sind ausgelöst durch die Jagdmöglichkeiten nach Robben auf den Eisflächen. Es wird immer wieder als Argument angeführt, dass diese weiten Räume im Zoo den Eisbären und anderen wandernden Arten nicht zur Verfügung stünden. Das ist durchaus zutreffend. Im Zoo werden die Tiere jedoch mit Nahrung versorgt und brauchen nicht in Abhängigkeit von Umweltbedingungen weit zu wandern.

Tierhaltung im Zoo: Terminus artgerecht überstrapaziert

Es ließe sich in der Tat als „artgerecht“ bezeichnen, wenn dieser Platz vorhanden wäre. Dann müssten aber konsequenterweise auch der Durst- und Hungerstress sowie der Klimastress als artgerecht tituliert werden, die zu diesem Bewegungsdrang führen. Zoos wollen und dürfen ihre Tiere diesen Stressoren selbstverständlich nicht aussetzen. Insofern bedarf der Terminus „artgerecht“ des Überdenkens. Es wäre besser, von einer „tiergerechten“ Haltung zu sprechen. Dies bedeutet, dass das in menschlicher Obhut gehaltene Individuum sich wohlfühlt. Ihm die gleichen Bedingungen zu bieten wie in der Natur, ist im Zoo meist weder möglich noch notwendig und mitunter auch nicht erstrebenswert. Zudem müssten neben den bereits genannten Stressfaktoren auch Krankheiten, Parasitenbefall, Verletzungskämpfe et cetera geboten werden, wie sie im Freiland das Leben bestimmen. Tiere sind also auch in der Natur nicht frei, sondern vielen limitierenden Faktoren, Zwängen und letztendlich der Selektion ausgesetzt.

Zoos sind für Besucher da. Ohne Besucher haben Zoos wenig Sinn. Gute Zoos zeigen ihre Tiere dennoch nicht auf dem Präsentierteller. Die Bedingungen müssen insgesamt so gestaltet sein, dass die Tiere Gelegenheit haben, ihr Verhaltensspektrum auszuleben. Dies reicht von richtigem Nahrungsangebot bis hin zu Paarung und Jungenaufzucht. Durch abwechslungsreiche Beschäftigung sollen ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten möglichst umfänglich zum Einsatz kommen und gefördert werden. Vor allem müssen sich die Zootiere, wann immer sie es wollen, den Blicken der Zuschauer entziehen können. Sie brauchen Rückzugsräume.

Nicht selten sind die Besucher sogar, meist ohne es zu ahnen, Teil des Unterhaltungsprogrammes für die Menschenaffen auf der anderen Seite der Glasscheibe. Umgekehrt sollten die Zeiten vorbei sein, in denen die Tierhaltung vor allem der Belustigung von Menschen diente. In verantwortungsvoll geführten Zoos werden Tiere verstanden als Botschafter für ihre wildlebenden Artgenossen.

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