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Blick auf die Großbaustelle im Bereich der Start- und Ziel-Geraden am Nürburgring.

Vergnügungspark Nürburgring

Zoff am Ring

Ein riesiger Vergnügungspark entsteht am legendären Nürburgring - mit Millionenhilfe vom Land. Das Projekt sei "überlebenswichtig", sagt Regierungschef Beck. Doch mancher Gastwirt sieht sich eher der Pleite nah. Von Joachim Wille

Keine Chance. Weder für Michael Schumacher noch für Mika Häkkinen. Der "Ringracer" hängt sie alle ab. Die beiden Formel-1-Ikonen hätten selbst zu ihren besten Zeiten wie lahme Enten ausgesehen in diesem Vergleich. In 2,5 Sekunden von Null auf 200 - das schafft nicht einmal der neue, aufgemotzte Grand-Prix-Bolide von McLaren-Mercedes. Aber das prickelnde Gefühl, schneller als die schnellsten Rennfahrer zu beschleunigen, ist bald für jedermann zu haben: angeschnallt auf einem Metallschlitten, von Druckluft angetrieben. Und abgesichert vom Steuerzahler.

Ganz fertig ist der Ringracer, die "weltschnellste" Achterbahn, wie die Investoren der Spaßmaschine behaupten, noch nicht. Die Beschleunigungsstrecke steht, der Auslauf auch, aber das Looping fehlt, das Podest zum Einsteigen ebenso. Wenn das aus den USA stammende Gerät demnächst zusammengeschraubt sein wird, wird es auch als Symbol dienen für das, was hier geschieht: größer, schneller, höher hinaus - und am Ende nach einer atemberaubenden Kurve und einem Überschlag in der Luft wieder abgebremst und zurück auf die Erde.

Walter Kafitz stapft über den Schotter, durch den Staub. Um den Racer zu besteigen, braucht der Geschäftsführer der Nürburgring GmbH eine Leiter. Kein Problem. Er leiht sie von einem der 640 Arbeiter, die auf der Riesen-Baustelle direkt neben dem Formel-1-Kurs in der Eifel hämmern, schrauben und sägen, was das Zeug hält. Er lehnt sie an die Metallschienen, die auf Stelzen in Kopfhöhe vorbeiführen. Kafitz, der Mann, der sich das Fahrgeschäft der Superlative als neue Attraktion für die alte Rennstrecke ausgedacht hat, ist in seinem Element. Da, wo er jetzt steht, wird der Schlitten mit Tempo 200 entlangrasen.

Kafitz posiert für den Fotografen. Er stellt sich in den Schlitten, packt zu, gibt den Steuermann, demonstriert: Er hat alles im Griff auf seiner Baustelle. Er verbreitet Zuversicht, dass alles fertig wird bis zur Premiere in knapp vier Wochen, am zweiten Juli-Wochenende - rechtzeitig zum Formel-1-Auftrieb. "Ich hab's gewagt", sei sein Lebensmotto, sagt Kafitz über sich selbst. Dem Fotografen gibt er freundlich den Tip: "Fallen Sie bloß nicht runter." Ist glatt dort oben.

Der alerte End-Fünfziger, der das Unternehmen seit 1994 leitet, hat sich eine Herkules-Aufgabe gestellt. Er will den "Ring" neu erfinden. Der über 80 Jahre alte Rundkurs auf den Höhen der Eifel ist mit Nordschleife, Grüner Hölle und Fuchsröhre zwar ein Wallfahrtsort für Motorsportfreunde und lockt immer im Juni 85 000 Fans zu "Rock am Ring". Aber er liegt halt arg weit ab vom Schuss. Und wirkt, wie selbst Enthusiasten einräumen, etwas angegammelt im Vergleich zu den Formel-1-Glitzerzentren in Abu Dhabi oder Singapur. Das Projekt "Nürburgring 2009" soll der Befreiungsschlag sein. Direkt am Grand-Prix-Kurs, wo im Juli Rubens Barrichello, Sebastian Vettel und ihre Konkurrenten den Asphalt radieren, steht dann ein 252 Millionen Euro teures "Freizeit- und Business-Zentrum", wie es die Investoren nennen. Ein riesiger Vergnügungspark soll rund ums Jahr Scharen von Besuchern nach Nürburg locken.

Der "Racer" ist der spektakulärste Teil des Prestigeprojekts, das den Ring zum großen Geschäft machen soll. Auf den kargen Eifelhöhen entstehen drei große Hotels, eins in Vier-Sterne-plus-Ausführung mit eigenem Helikopter-Landeplatz auf dem Dach (ein "Must Have", sagt der Chef des privaten Investors), daneben ein Feriendorf mit über 100 Häusern. Es gibt eine große "Eventhalle", in der Boxkämpfe oder Hallenfußball-Turniere stattfinden können, eine Großraum-Disco für bis zu 1900 Gäste sowie eine Spielbank. Außerdem ein "Action-Museum" mit Riesen-Videowand und eine "Marken-Erlebniswelt", in der Rennsport-Fans die Boliden von Aston Martin bis Ferrari streicheln können.

Komplettiert wird das Angebot durch Gastronomie-Vielfalt - vom Nobelrestaurant über das Steak-House und den "Eifel Stadl" bis hin zur Asia-, Pizza- und Burger-Schnellabfertigung. Sogar eine "eigene Währung" versprechen die Werber. Wer den neuen Ring betritt, bekommt eine Plastik-Chipkarte, mit der von Hotel bis Pommes und Cola alles bezahlt wird.

Der Vergnügungssuchende soll möglichst alles finden, was sein Herz begehrt. Mal abgesehen von den "Boxen-Ludern", wie gar launig der Sprecher des Werbevideos sagt, den man als die deutsche Stimme von TV-Privatdetektiv Magnum identifiziert. Die Luder, tönt der, müsse man schon selbst mitbringen.

Es sind hochfliegende Pläne, die die Investoren am neuen Ring verfolgen - ob zu hoch, darüber wird in der Region wie im Mainzer Landtag zurzeit heftig debattiert. Die staatseigene Nürburgring-GmbH - sie gehört zu 90 Prozent dem Land und zu zehn Prozent dem Landkreis Ahrweiler - verspricht vollmundig: Der neue Ring wird eine Art Geld- und Wohlstandmaschine sein. Er soll 500 neue Dauerjobs in die strukturschwache Gegend bringen und die riesigen Defizite aus dem Formel-1-Geschäft ausgleichen.

Denn es ist anders, als der naive Zeitgenosse vielleicht meint: Der Grand-Prix-Zirkus, der alle zwei Jahre in der Eifel Station macht und über 100000 Fans anzieht, ist kein gutes Geschäft für die Eifel-Region. Insider schätzen, dass Formel-1-Boss Bernie Ecclestone rund 15 Millionen Euro für die von ihm gewährte Gunst verlangt, das Rennen ausrichten zu dürfen. Das ist so viel, dass der Betrag die Einnahmen der Nürburgring GmbH komplett aufzehrt - und sogar an die Reserven geht. Folge: Das Eigenkapital der Staatsfirma hat seit Jahren Schwindsucht. Der Staat - also das Land Rheinland-Pfalz - muss ein Fass ohne Boden auffüllen.

Das Großprojekt am Ring soll nun weitere Millionenspritzen aus dem Landeshaushalt überflüssig machen. Abgesichert ist das von ganz oben, von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Die Opposition aus CDU und FDP hackt zwar seit Monaten auf dem Projekt herum, weil die Kosten von ursprünglich angekündigten 150 auf 252 Millionen explodierten. Auch, weil das Land einem privaten Projektentwickler, der die Hotels baut, mit Millionen aus der Klemme half und eine dubios anmutende Re-Finanzierung seines eigenen 154-Millionen-Anteils favorisiert. Auch Beck-Vertrauten schwant, dem Land könnte möglicherweise mangels Besuchermassen eine Investitionsruine drohen. Doch der Regierungschef hält Kurs. Er hat eingeräumt, es gebe da "sicher Punkte, die man kritisieren kann". Insgesamt aber sei das Projekt "überlebenswichtig" für den Nürburgring.

Überleben, das ist das Stichwort. Durch die Region, der mit den Mainzer Wohltaten geholfen werden soll, geht ein Riss, noch schmal, aber zusehends tiefer, je näher der Tag der Eröffnung kommt. Die Kommunalpolitiker sind allesamt für den runderneuerten Ring, mal abgesehen von ein paar versprengten Grünen, die aber weder im Kreis- noch im Landtag sitzen. Aber in Nürburg selbst, dem 200-Seelen-Dorf mit seinen rund 30 Pensionen und Hotels, das seit 80 Jahren mit und von der Rennstrecke lebt, die direkt oberhalb des Orts vorbeiführt, gärt es gewaltig.

Ortsbürgermeister ist Reinhold Schüssler, ein älterer, weißhaariger Herr, ein CDU-Mann. Sein Naturell: auf Ausgleich bedacht. Wenn man ihn trifft, poltert er nicht gleich los, ganz im Gegenteil. Aber man spürt: Er meint, da läuft was gewaltig schief. "Zuerst", sagt er, "fanden wir das ganz positiv." Denn, erläutert er, die neuen Hotels und Ferienhäuser "oben am Ring" sollten ja komplett privat finanziert werden. Die Geschäftsprognose versprach, dass genügend Nachfrage vorhanden sei, also: keine Wettbewerbsverzerrung. "Schriftlich haben wir uns das geben lassen, sagt Schüssler - von Ringchef Kafitz und dem Aufsichtsratsvorsitzenden des Unternehmens, dem Mainzer Finanzminister Ingolf Deubel (SPD).

Aber dann floss doch viel Geld vom Staat. Millionen als Nothilfe. Und das bringt die Nürburger auf die Palme. Der Privatinvestor am Ring, die Firma Mediinvest aus Düsseldorf, wäre mitten in der Bauphase pleite gegangen, wenn Mainz nicht reingebuttert hätte. Eine Chance, dagegen noch irgendetwas auszurichten? "Unsere Kritik wird von Beck abgetan", sagt Schüssler. "Die ziehen das durch." Ein Volksaufstand, soviel ist nach dem Gespräch klar, droht der Regierung in Mainz schon mal nicht. Eifel-Bewohner sind keine Revolutionäre.

Aber ihr Zorn ist spürbar, ebenso ihre Furcht, dass "da oben" an der Formel-1-Strecke eine eigene Welt entsteht, die die alteingesessenen Nürburger ausschließt. Wortführerin der Kritiker ist die Hotelchefin Uschi Schmitz. Sie sagt: "Wir lieben den Ring." Und dann sagt sie einen Satz, aus dem ihre Verachtung für den Event- und Disco- Rummel spricht, der der Region den Aufschwung bringen soll: "Ein richtiger Motorsportfan will keine Kirmes."

Man muss wissen: Die 64-Jährige ist nun nicht irgendwer am Ring. "Tiergarten" heißt ihr 52-Betten-Haus, und die immer gut besuchte "Pistenklause" im Erdgeschoss, die dazu gehört, ist sozusagen das Gedächtnis der Rennstrecke. Eine Institution, der der neue Ring arg zusetzen könnte, fürchtet die Chefin. Hier, in Schmitzens Kneipe, waren sie wirklich alle, die Formel- 1-Heroen von Jackie Stewart (Erfinder des Spitznamens "Grüne Hölle") über Niki Lauda bis Michael Schumacher. Sie sind dort an den Wänden verewigt - mit Foto, oft auch mit Autogramm. "Ich kenne sie alle persönlich", sagt Uschi Schmitz, deren Tochter Sabine "beim Lauda auf dem Schoß saß", als Führerschein-Neuling immer über die Nordschleife zum Einkaufen in die Nachbarstadt fuhr und dann als passionierte Rennfahrerin sogar den Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen am Ring schaffte.

Wie das alles wird, wenn "dort oben" das Nobel-Hotel eröffnet ist, wenn "die dort oben" ihre Betten auslasten müssen, wer weiß?

Uschi Schmitz ist eine Ikone wie der Ring selbst. Sie wird mit ihrem Hotel überleben. Aber die anderen? Ein Hotelier-Kollege beklagt die ersten Stornierungen. "Die McLaren-Leute kommen nicht mehr, die Nürburgring GmbH hat sie angeschrieben, und sie wohnen jetzt oben", sagt er. Bisher sind die Zimmer des Hoteliers aufs Jahr gesehen nur zu rund 30 Prozent ausgelastet. Weniger ist für ihn und viele seiner Kollegen nicht zu verkraften: "Das ginge ans Eingemachte."

Im Winter ist bisher tote Hose am Ring, über die Eifel wabern die Nebel, es regnet gerne Bindfäden. "Deutschlands Sibirien" sei das hier, sagt Ossi Kragl, ein Nürburger Motorsport- und Marketing-Spezialist, der es für ausgeschlossen hält, dass die errechneten Besuchermassen hierher strömen. "Im Winter tun mir die Gäste leid."

Ring-Chef Kafitz kommentiert die Kritik der Nürburger trocken. Angsthaber, Kleindenker sind es für ihn. So direkt sagt er es nicht, aber so meint er es. "Die denken, der Kuchen wird nicht größer und für alle werden die Stücke kleiner." Er aber glaubt: Bald sind viele Kuchen da. Rechnet vor: 28 Millionen Menschen wohnen im Umkreis, nimmt man eine Zwei-Stunden-Autofahrt als Radius. Köln, Ruhrgebiet, Frankfurt, Luxemburg, Brüssel - alles irgendwie Nürburgring-Anrainer. Er habe Gutachten dazu "noch und nöcher", sagt Kafitz. Freilich: Ob die Menschen sich so verhalten, wie die Gutachten sagen, das wisse er auch nicht.

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