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Schon damals gläubig: Alice Happek (hinten rechts) 1935 mit den anderen Konfirmandinnen und Konfirmanden ihres Jahrgangs. 

Konfirmation

Die Zöpfe gingen, der Glaube blieb

Vor 85 Jahren wurde Alice Happek auf ihrer Insel Langeoog eingesegnet – nun feiert sie „Engelskonfirmation“. Eine echte Rarität.

Da stehen sie, mitten in den Dünen der ostfriesischen Nordseeinsel Langeoog. Das alte Foto zeigt neun junge Leute, Konfirmanden, festlich angezogen, meist mit einem Lächeln auf den Lippen. Sieben Mädchen mit schlicht-schwarzen Kleidern sind darunter, an den Füßen Riemchenschuhe, Schärpen um die Hüfte und weiße Spitzen-Kragen.

Manche tragen streng geflochtene Zöpfe, andere trauten sich schon an den frechen Bubikopf heran, der gerade mächtig in Mode kam. Zwei Jungs mit dunklem Anzug und Schlips stehen auch dabei, ordentlicher Scheitel auf dem Kopf. Unter den Jugendlichen ist auch Alice Happek, eine aus dem Langeooger Konfirmandenjahrgang 1935.

Die Insulanerin wurde vor 85 Jahren eingesegnet und begeht nun ihre „Engelkonfirmation“. Silberne und goldene Konfirmationen werden noch oft gefeiert. Aber dann folgen die diamantene Konfirmation bei 60, die Gnadenkonfirmation bei 70, die Kronjuwelen- bei 75 Jahre und die Eichenkonfirmation bei 80 Jahren.

Schon diese Jubiläen gibt es kaum noch. Aber eine Engelkonfirmation – „wirklich selten“, sagt der Inselpastor Christian Neumann. Die sechs Mitkonfirmandinnen und zwei -konfirmanden auf dem Bild kann Happek, die Langeoog nie verlassen hat, alle noch aufzählen. Aber es ist keiner mehr da, mit dem die 99-Jährige das Jubiläum gemeinsam hätte begehen können.

Noch immer fromm: Die 99-Jährige mit der Bibel ihrer Großmutter.

Das sollte eigentlich am kommenden Sonntag im Konfirmationsgottesdienst geschehen, zusammen mit sechs Jugendlichen, die in diesem Jahr eingesegnet werden. Aber Corona machte den Planungen einen Strich durch die Rechnung. „Der Gottesdienst ist in den September verschoben“, sagt Pastor Neumann.

Vor 85 Jahren sind die Jugendlichen mit dem damaligen Inselpastor Otto Harms in die Kirche eingezogen. Und Alice Happek, tief gläubig, ist der Gemeinde bis heute treu geblieben.

„Wenn sie es schafft, ist sie im Gottesdienst dabei, sitzt ganz nah bei der Kanzel, ist im Bastelkreis aktiv“, berichtet der evangelische Pastor Neumann über die leidenschaftliche Christin. An ihrem Jubiläumstag, dem 14. April, ist sie mit dem Pastor in die eigentlich geschlossene Kirche gegangen, das war ihr wichtig. Die Bibel in der Hand, die sie zur Konfirmation bekommen hat, mit der Widmung von „Deiner Dich innigst liebenden Großmutter“.

In der Inselkirche hat Alice Happek, geborene Stolle, denn auch viele freudige Momente ihres Lebens gefeiert – die Trauung, die Taufe ihrer Kinder, die Feste im Kirchenjahr. Dort musste sie aber auch schon oft Abschied nehmen. Und auch die Zeit ihrer Konfirmation, mit Vorahnungen eines heraufziehenden Krieges, war nicht leicht. Inzwischen erlebt sie den fünften Inselpastor.

„Aber dass man den damals hätte in den Arm nehmen können, war gar nicht denkbar“, sagt die Jubilarin heute und schmunzelt. Früher sei eben doch nicht alles besser gewesen. Alice Happek „müssen wirklich Engel durch ein langes, bewegtes Leben begleitet haben“, davon ist zumindest Pastor Neumann überzeugt. „Die unterschiedlichsten Inselzeiten hat sie miterleben dürfen oder durchstehen müssen – so wie jetzt in der Krise.“

Die rüstige Insulanerin, die aus einer Bauunternehmers-Familie stammt, nimmt es gelassen und sagt auf Plattdeutsch: „Da stohn wie vör, da mut wie dör“ – „da stehn wir vor, da müssen wir durch“. Sie hat in ihrem Geburtsjahr schließlich schon die Spanische Grippe überstanden. So Gott will, feiern die Insulanerinnen und Insulaner im August also erst ihren 100. Geburtstag und dann: Engelkonfirmation. (Dieter Sell, epd)

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