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Er wollte nicht länger heimlich lieben müssen: Stefan Hirblinger mit seiner Familie.

Zölibat

Amt oder Liebe

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Für katholische Priester gilt der Zölibat. Eigentlich. Doch auch Kirchenmänner führen in ungezählten Fällen heimlich eine Beziehung und haben sogar Kinder. Wer dazu öffentlich steht, wird suspendiert – so wie Stefan Hirblinger. Dabei ginge es auch anders.

Mittlerweile kann Judith schon „Papa“ sagen. Und der ist mächtig stolz darauf – allen Wirren zum Trotz. Denn um so offen und frei zu seiner zweijährigen Tochter mit den blonden Löckchen stehen zu können, musste Stefan Hirblinger seine berufliche Existenz an den Nagel hängen. Andernfalls hätte der 58-Jährige sein spätes Vaterglück kaum genießen können – zumal an der Seite von Judiths Mutter.

Stefan Hirblinger ist katholischer Priester, allerdings vom Amt suspendiert. „Wie bei einem Auto, bei dem das Nummernschild abgeschraubt worden ist“, sagt Hirblinger. „Völlig fahrtauglich, aber verboten.“ Nur hat in seinem Fall nicht die Straßenverkehrsordnung zu dem Verbot geführt, sondern das Kirchenrecht. Nach den für Priester einschlägigen Gesetzen der katholischen Kirche dürfte es Judith nämlich gar nicht geben. Und auch nicht die Frau an Hirblingers Seite. Auch der gebürtige Oberpfälzer hat bei seiner Weihe im Regensburger Dom, damals 25, sexuelle Keuschheit gelobt. Er hat die Kirche als Braut gewählt, wie fromme Theologen den Zölibat verklären. „Aber was das für Dimensionen nach sich zieht, was man damit von Anfang an schon alles aufgibt, bevor man so richtig ins Leben hineingekommen ist, das war mir nicht klar.“

Und auch den vielen anderen Priestern „ohne Nummernschild“ nicht, die der vor 35 Jahren gegründeten Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VKPF) beigetreten sind. Bei ihrer jüngsten Jahreskonferenz in Wiesbaden haben die ehemaligen Kirchenmänner und deren Frauen die Hirblingers mit offenen Armen empfangen. „Der Hauptzweck unserer Vereinigung ist die Abschaffung des Zölibats“, erklärt Vorstand Hans-Jörg Witter. Ein großes Vorhaben, immerhin ist die VKPF keine innerkirchliche Gruppierung. Die Amtskirche wolle auch wenig bis gar nichts von ihr wissen, beklagt Witter. Doch trotz ihres Ausscheidens aus dem Dienst am Altar seien viele Mitglieder immer noch in den Gemeinden aktiv und betreiben dort Lobbyarbeit.

„Außerdem wollen wir eine Plattform sein für betroffene Paare, die überlegen, ihre Liebe nicht länger geheim halten zu wollen.“ Hans-Jörg Witter wollte das vor gut zwei Jahrzehnten selbst nicht mehr. Er war Kapuziner. Als seine damals heimliche Geliebte schwanger wurde, hat er den Schritt zu seinem Ordensoberen gewagt. „Ich musste zunächst mal um Geld bitten, weil ich als Ordensmann ja kein eigenes Einkommen hatte, von dem ich für Frau und Kind hätte sorgen können.“ Hätte er sich damals erneut für ein keusches Ordens- und gegen sein Familienleben entschieden, wäre seine Provinz für die staatlich vorgesehen Unterhaltszahlungen aufgekommen. Witters Zölibatsbruch mit väterlichen Folgen wäre dann als „einmaliger Ausrutscher“ dem Vergessen anheimgestellt, aber nicht an die große Glocke gehängt worden. Wie er sich dann um seine väterlichen Pflichten hätte kümmern sollen, wissen die Götter.

Vincent Doyle fordert, dass sich die Kirche der Kinder ihrer Priester annimmt.

Ähnlich empfehlen es aber offenbar auch interne Vatikan-Richtlinien, die zu Jahresbeginn in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind. Sie sollen noch unter Papst Benedikt XVI. von der vatikanischen Klerus-Kongregation erarbeitet worden sein, zur Vorlage für die Bischofskonferenzen. Auf Anfrage der FR hat allerdings keines der 27 deutschen Bistümer angegeben, in Kenntnis dieser internen Handlungsempfehlungen zu sein. „Eine bundeseinheitliche Regelung gibt es nicht“, sagt auch Matthias Kopp, Sprecher der deutschen Bischofskonferenz, der FR. Nimmt man derweil die Worte von Josef Gehr, Mitarbeiter in der zuständigen Vatikan-Behörde, beim Wort, war daran offensichtlich auch noch gar kein deutscher Bischof interessiert: „Wenn ein Bischof danach fragt, zeigen wir sie ihm natürlich.“

Vincent Doyle ist kein Bischof. Ihm wurden die Richtlinien trotzdem gezeigt. Für zwei Minuten. Der 35-Jährige ist Sohn eines inzwischen verstorbenen Jesuiten und hat die internationale Plattform „Coping International“ gegründet, um darauf hinzuwirken, dass sich die Kirche der Kinder ihrer Priester annimmt. Mehr als 50 000 Mitglieder aus aller Welt haben sich inzwischen registriert auf seiner Homepage, die explizit für Kinder von katholischen Geistlichen gedacht ist. „Priesterkinder leiden weltweit darunter, dass sie totgeschwiegen oder verleugnet werden. Dieses Problem öffentlich zu benennen ist die halbe Miete“, sagt Doyle der FR. Das wünscht er sich an erster Stelle von Papst Franziskus, der sich bislang nur als Bischof von Buenos Aires zum Thema geäußert hat. Wenn ein Priester ihm anvertraut habe, eine Frau geschwängert zu haben, sei sein Rat gewesen, zu dem Kind zu stehen und aus dem Priesteramt auszusteigen, so Franziskus im Interview-Band „Über Himmel und Erde“. Das Recht des Kindes auf ein „väterliches Angesicht“ komme noch vor den kirchlichen Geboten.

Der Tenor, der aus den Büchern von Karin Jäckel entgegenschlägt, weist indessen in eine ganz andere Richtung. Die Autorin hat schon in den 1990er Jahren die Geschichten von zahlreichen Kindern katholischer Geistlicher nacherzählt. Es sind Einzelschicksale, die selbst fromme Leser vom Glauben abfallen lassen dürften. Priesterkinder, sagt Jäckel der FR, seien nicht einfach mit Kindern alleinerziehender Mütter vergleichbar. „Weil die Eltern den Berufsstand des Vaters schützen wollen.“ Denn die Kirche entlasse Priester nur dann, wenn sie sich auch öffentlich zu Frau und Kind bekennen. „Darum dürfen die Priesterkinder auch nicht wissen, wer ihr Vater ist. Auf entsprechende Fragen des Kindes antwortet die Mutter mit Lügen und sobald das Kind weiß, wer sein Vater ist, muss auch das Kind lügen, wenn es nach seinem Vater gefragt wird.“ Jedes der Priesterkinder, die Jäckel porträtiert hat, habe die Folgen des zölibatären Geheimnisses ein Leben lang gespürt, manche entwickelten gar eine Menschenscheu, um niemandem mehr etwas vorlügen zu müssen. „Wieder andere wurden autoaggressiv oder suizidal, flüchteten sich in extremes Leistungsstreben oder scheiterten immer wieder an ihren von Verlustängsten geprägten Liebesbeziehungen.“ Und das alles nur, weil der Vater nicht zu seinem Kind stehen konnte oder wollte, weil ihn der Bischof ansonsten suspendiert hätte.

Solange aber nichts an die Öffentlichkeit gelange, werde über Beziehung und Kind hinweggesehen. „In aller Regel wird der Priester an einen anderen Ort versetzt und das war’s. Schweigen wird ihm auferlegt.“ Gegen dieses Schweigen hat Jäckel angeschrieben – und Vincent Doyle „Coping International“ gegründet. Und nun hat es auch der Kardinal gebrochen, dessen Vatikan-Behörde über die Richtlinien wacht. Im Februar hat er erstmals bestätigt, was auch Doyle sofort ins Auge gesprungen ist, als ihm ein hoher kirchlicher Amtsträger das Dokument zur Einsicht gegeben hatte: „Nirgends steht, dass der Priester automatisch sein Amt verliert, wenn er Vater wird“, sagt Doyle. „In den Richtlinien steht das Kindeswohl im Mittelpunkt.“

Dass es darum als erstes gehen müsse, wenn ein Priester Vater wird, beteuern auf Anfrage auch die deutschen Diözesen. Karin Jäckel kommt dagegen zu einem anderen Schluss: „Für den Klerus steht nie das Kindeswohl im Mittelpunkt, sondern immer nur das Wohl der Kirche.“ Einen Gehaltszuschlag für väterliche Pflichten oder gar finanzielle Unterstützung für die Mutter gibt jedenfalls keines der Bistümer – auch dann nicht, wenn sie einen „Ausrutscher-Priester“ nach neuerlicher Zölibatsbeteuerung weiterhin im Amt behalten. Für den Unterhalt muss er dann von dem üblichen Priestergehalt aufkommen. Sollte sich ein Priester stattdessen für Frau und Kind entscheiden, bekommt der Ausgeschiedene im besten, aber seltensten Fall noch eine kurzfristige Lohnfortzahlung. Die meisten Diözesen zahlen nach der Suspendierung aber gar nichts mehr.

Bis Hans-Jörg Witter endgültig aus dem Amt schied, weil er sich zu Frau und Kind bekennen wollte, gab ihm seine Ordensprovinz noch eine zweijährige Bedenkzeit und zahlte seiner Frau währenddessen auch Alimente. „Das war zwar fair, es geht ja auch um Entscheidungen, die man nicht von heute auf morgen trifft. Aber letztlich wollten sie mich nur möglichst lange halten.“ Denn auch in Witters Fall lief es auf die existenzbestimmende Entscheidung hinaus: Amt oder Liebe, Beruf oder Familie. „Das ist ja das Fatale am Zölibat: dass man Amt und Liebe überhaupt in Konkurrenz zueinander bringt.“

So war das auch bei Stefan Hirblinger. Er stand für die Kirche nicht nur 35 Jahre lang am Altar, sondern auch am Lehrerpult. An einem katholischen Gymnasium hat er jahrzehntelang Religion unterrichtet, von der fünften bis zur 13. Jahrgangsstufe. Nicht einmal das darf er mehr tun, nachdem er sich vor seinem damaligen Bischof Rudolf Voderholzer vor zwei Jahren für seine damals hochschwangere Frau entschieden hatte. „Weil Leben und Lehre nicht zusammen passen“, teilt das Bistum auf FR-Anfrage mit. Priester müssten nun einmal zölibatär leben, und weil Hirblinger das nicht tut, wurde er suspendiert, verlor damit auch die bischöfliche Bevollmächtigung, Religion zu unterrichten.

Für die Kirche bleibt er aber Priester – nur eben ohne Befugnis, sein Amt auszuüben. Theoretisch könnte er zwar seine Entlassung aus dem Klerikerstand beantragen und sich dann erneut um eine Lehrerlaubnis bemühen. „Aber dann gebe ich mich ja wieder in die Situation, dass die Kirche über mein Schicksal entscheidet“, sagt Hirblinger. Bei seiner Suspendierung habe ihn der Generalvikar ohnehin auf eine ganz andere Berufsoption verwiesen: Die Filiale, in der Hirblinger seine Brötchen hole, suche doch „händeringend nach Verkaufspersonal“, habe er ihm halb im Spaß mit auf den Weg gegeben. „Aber mir war in dem Gespräch nicht zum Spaßen zumute. Ich stand ja plötzlich vor dem beruflichen Nichts. Und nichts gegen Bäckereiverkäufer, aber sowas jemandem mitzugeben, der für das Bistum jahrzehntelang im Schul- und Pfarrdienst stand – da gehört schon viel Dreistigkeit dazu.“

Es brodelt noch immer in dem eigentlich so eloquenten Akademiker, wenn er auf die Episode in seinem Leben zu sprechen kommt. Auch seiner Frau ist die Wut noch anzumerken, wenn sie über das Versteckspiel spricht, das sie so viele Jahre mitgemacht hat. „Immer verdeckt leben, im Prinzip nie wirklich existent sein, überall die Angst, entdeckt zu werden, alles darauf ausrichten, gefährliche Situationen zu umgehen.“ Jeder Opernbesuch, jeder Kirchgang, die Freizeit in einer Musikgruppe – immer wieder aufs Neue ein Spießroutenlauf. „Liebe hält viel aus“, sagt Hans Jörg-Witter über die unzähligen Frauen, die sich an seine Vereinigung wenden, weil sie endlich einmal über ihr Schattendasein sprechen möchten. Sie seien in einem Dilemma: „Viele Frauen spüren, dass dem Partner etwas Wichtiges im Leben abgeht, wenn er seine Berufung zum Priester in der katholischen Kirche ihretwegen nicht mehr leben kann.“

Für die VKPF ist jedenfalls klar, dass sich Priester-, Ehemann- und Vatersein einander nicht ausschließen, sondern vielmehr ergänzen können. Entsprechend appellierte die Vereinigung in ihrer jüngsten Sitzung zum wiederholten Mal an die deutschen Bischöfe, „die Aussetzung der Zölibatsvorschrift für ihre Diözesen in Rom zu beantragen“. Dabei geht es auch um die Glaubwürdigkeit einer Kirche, die sich Nächstenliebe und Barmherzigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, mit denen aber, die sich mit ihrer Liebe ehrlich machen, hart ins Gericht geht: „Wir wurden in diffamierender Weise als die ‚Abgefallenen‘ bezeichnet, während in tausenden von Fällen Missbrauch und heimliche Beziehungen heterosexueller und homosexueller Priester und Bischöfe von der kirchlichen Hierarchie gedeckt wurden.“

An der kleinen Judith ist der Kelch der Heimlichtuerei jedenfalls vorbeigegangen. Sie muss nicht ohne Vater an ihrer Seite aufwachsen. Und trotzdem kann sie eines Tages sagen, dass sie ein Priesterkind ist – ohne sich schämen zu müssen.

Das Pflichtzölibat

Längst nicht alle Kleriker üben ihr Amt in der katholischen Kirche mit der Verpflichtung zum Zölibat aus. Verheiratete Pfarrer, die von der evangelischen oder anglikanischen Kirche zum Katholizismus konvertieren, bekommen in der Regel eine so genannte Dispens vom Keuschheitsgebot, damit sie in der katholischen Kirche Priester sein können. Auch viele Ostkirchen, die sich nach einer Kirchenspaltung wieder zum Papst bekannt haben, dulden verheiratete – also katholische – Priester.

Hoffnung auf eine Änderung der verpflichtenden Zölibatsregelung für angehende Priester machen sich Katholiken von der so genannten Amazonas-Synode, die der Papst im Oktober einberufen wird. Im Fokus stehen wird die prekäre Situation der Kirche in Lateinamerika, wo ein erheblicher Priestermangel herrscht. So genannte „Viri probati“, also erprobte Ehemänner, könnten dort künftig zum Priester geweiht werden. So soll die desaströse Seelsorgesituation verbessert werden.

Die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VKPF) ist derweil nur eine Anlaufstelle für betroffene Paare, die ihre Beziehung oder gar ein gemeinsames Kind wegen des Zölibatsgebots verheimlichen müssen, damit der Partner sein Amt nicht verliert:

Die „Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen“ (www.zoelibat-frauen.de) richtet sich explizit an Frauen, die darunter leiden, dass ihre Beziehung geheim bleiben muss. In den gut 30 Jahren ihres Bestehens haben sich rund 400 Betroffene bei der Initiativgruppe gemeldet.

Haben auch Sie eine Geschichte zum Thema zu erzählen? Dann wenden Sie sich gerne – auch anonym – per Email an s.berninger@fr.de.

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