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„So, so, da macht die Waschmaschine also Ihre Teile kaputt…“ – Kundinnen können nicht immer auf Verständnis von Technikern hoffen.

Tag der Hausfrau

Zickende Kisten

Schlierige Gläser, angriffslustige Saugroboter und Waschmaschinen, die Vorhänge schreddern: Zum „Tag der Hausfrau“ eine Geschichte über den alltäglichen Kampf mit moderner Technik.

Da stand sie nun endlich, die WM 14 E 3 – ein futuristischer, funktioneller Waschvollautomat, strahlend weiß, mit Aqua Stopp System, ecoPerfect, Schaum-Aktiv Technologie und Energie-Effizienz-Klasse A+++.

Katrin B. hatte sich seit Wochen auf den neuen Haushaltshelfer gefreut, aber angesichts seiner Menüführung, die alles andere als selbsterklärend war, mit „touchControl“-Tasten, verwirrenden digitalen Anzeigen und sensorgesteuerten Programmen, kam sie sich vor, als sei sie in eine unbekannte, neue, vernetzte Welt gebeamt worden. Und ausgerechnet jetzt befand sich der computerversierte Nachbar auf einer Geschäftsreise.

Sie rief ihre praktisch veranlagte Freundin an; die kam und gemeinsam brachten sie das Ding zum Laufen. Und so konnte Katrin B. kurze Zeit später durch das Bullauge ihrer Wäsche beim Ritt auf den Schaumkronen zugucken. Doch nach dem ersten Waschgang zog sie zerfetzte Handtücher aus dem Gerät, nach der zweiten Wäsche war ein Vorhang geschreddert und quer über ihren meergrünen Lieblingspulli zog sich ein hässlicher Riss.

„Die Willkür der Waschmaschinen“ nennt im Netz ein „Marius“ dieses weithin bekannte Phänomen. Das Internet ist voll von Geschichten, wie Waschautomaten Textilien zerreißen. „Hilfe, meine Waschmaschine spinnt“, twittert stellvertretend für Hunderte von Betroffenen eine „Olivia 54“ und in den einzelnen Foren überschlagen sich die Meldungen über Löcher in Kopfkissen, zerstörte Tischdecken und fehlende Knöpfe. Dabei wechselt sich Resignation mit Empörung ab. Ein „Sommerwind“ ruft sogar zu Protestaktionen auf und erwägt eine Sammelklage an die Adresse der jeweiligen Hersteller. Doch die schweigen oder wiegeln ab.

Katrin B. schwieg nicht, blieb hartnäckig, schrieb Beschwerdebriefe und Emails an die Waschmaschinenfirma, schickte Beweisfotos und Beweisstücke. Zweimal kamen Kundendienstmänner. Der eine war nett, gesprächig, mitfühlend, der andere spöttisch, ironisch: „So, so, da macht die Waschmaschine also Ihre Teile kaputt…“ Beide zogen sich Nylonstrümpfe über die Hand und tasteten das Innere der Trommel nach dünnen Metallspänen ab, die sich hätten lösen können. „Alles okay“, sagten sie und gingen wieder.

Die Firma schrieb, dass Fremdkörper wie Büroklammern, Nadeln, offene Reißverschlüsse, kleine Steinchen in Kinderhosen oder Bügel von BHs die Ursache für die Schäden sein könnten. Nur: Katrin B. hat keine kleinen Kinder, trägt keine BHs mit Bügel und die Taschen ihrer Jeans kontrolliert sie akribisch. Sie blieb hart, drohte mit dem Rechtsanwalt – und tatsächlich kamen eines Morgens Monteure und luden WM 14 E 3 in ihr Fahrzeug. Ein paar Tage später war die ursprüngliche Kaufsumme zurück auf B.s Konto. Sie war als Siegerin im Kampf David gegen Goliath hervorgegangen – ein absoluter Glücksfall, wie ein befreundeter Anwalt für Verbraucherschutz feststellte. Denn selbst bei Garantieschäden werden neue Geräte normalerweise vom Hersteller nicht zurückgenommen.

Technischer Fortschritt und industrielle Revolution haben den Menschen Fluch, aber auch Segen beschert. Zum Segen zählen jene innovativen Helfer im Haushalt, die das Leben leichter machen und aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Vor allem Waschmaschinen, die die Hausfrau von Waschbrett und Holzbottich erlösten – deren damalige Nutzung eine mühevolle und anstrengende Handarbeit darstellte, die schon zu Goethes Zeiten Frau Aja so stresste, dass sie nur einmal im Jahr ihren großen Waschtag veranstaltete.

Hausarbeit – schon immer ein großes Thema. In den 70er Jahren dudelte den lieben langen Tag ein Lied auf allen Kanälen: „Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann“, gesungen von Johanna von Koczian – die Klage einer geplagten Hausfrau, verpackt in einen Schlager. Dabei ist die Rollenverteilung längst geklärt. Heute hätte der Mann aus dem Hit glänzende Augen, weil er mit dem schicken Dyson um die Tischbeine düsen kann, oder mit einem elektrischen Fensterputzer hantiert, der mit Sprühen und Wischen in einem Arbeitsgang blitzblanke Scheiben zaubert. Oder wenn er einem Saug- oder Mähroboter bei der Arbeit zugucken darf, mit einer Faszination, wie er sie einst als Junge empfunden haben muss, als er im Keller mit der Modelleisenbahn spielte.

Stichwort: Roboter. Der Neuerwerb ihres jüngsten Hausgenossen versetzte eine Familie in Wiesbaden in einige Unruhe und brachte ihr erste Erkenntnisse über dessen künstliche Intelligenz. Und Eigenwilligkeit. Stur und nach eigenen Gesetzen zog das rote runde Ding unbeirrt und scheinbar unbeeinflussbar seine Bahnen, während die Katze und der Hund ihm ängstlich auswichen und der Vater das Krabbelkind schleunigst in Sicherheit brachte. Nicht nur im Netz kursierten Berichte von beunruhigenden Roboterbegegnungen der dritten Art, in einem Artikel der „Zeit“ wurde von einer Frau berichtet, deren Saugroboter ihren Haarschopf verschlang, als sie auf dem Fußboden lag, um beim Yoga ihre innere Mitte zu finden. Die Feuerwehr musste kommen und sie in einer aufwändigen Aktion befreien.

Der „Tag der Hausfrau“ wird jährlich am 3. November zu Ehren all jener Frauen ausgerichtet, die sich mehrheitlich um den Haushalt und um die Betreuung der Kinder kümmern. Den Initiatoren zufolge komme den Frauen „oft nicht die gesellschaftliche Anerkennung zu, welche ihnen eigentlich zusteht“. Dazu passt, dass am 3. November auch der der Weltmännertag begangen wird, der zum Ziel hat, Männer daran zu erinnern, besser auf ihre Gesundheit zu achten. boh

Nicht nur mit Blick auf die rollenden Roboter ist man geneigt ist, an Chaplins „Moderne Zeiten“ zu denken. Und während gegenwärtig im System Secury Lab an der Technischen Universität in Darmstadt alle Geräte im „Internet of Things“ auf Sicherheitslücken geprüft werden, philosophierte Erich Kästner schon 1971 über den „Aufstand der Dinge!“. Er beschrieb die Rebellion benutzter, versklavter und ausgebeuteter Maschinen, die irgendwann aufbegehren und streiken – und mit geheimer Macht ein absurdes, bedrohliches Eigenleben führen, mit dem sie ihre Benutzer tyrannisieren und schikanieren. Auch die Hartmanns aus der Nachbarschaft standen vor einem Rätsel, als ihr neuer Geschirrspülautomat gleich nach dem ersten Spülgang rostige Messer und Gabeln servierte, sich bläuliche Schlieren auf den Tellern zeigten und alle Gläser weiß und milchig beschlagen waren. Sie hatten doch alles korrekt durchgeführt: Regeneriersalz und Klarspüler eingefüllt, das Geschirr ordentlich eingereiht, die Besteckschublade korrekt ausgerichtet und im Display auf die Taste „Start“ gedrückt. Ein Anruf beim „Produktmanagement“ der Herstellerfirma erzeugte ungläubiges Staunen. „So etwas haben wir noch nie erlebt“, sagte die Dame am Telefon. „Da hat sich wohl ein digitaler Schädling eingeschlichen.“

Nach Tagen des Wartens erschien ein Mitarbeiter vom Kundendienst. Er fand ein winziges Loch im Klarspülbehälter und wechselte diesen aus. Leider testete er die Maschine anschließend nicht. Und als er wieder weg war und die Hartmanns ihr Gerät erneut einschalteten, war das Ergebnis ebenso niederschmetternd. Erst mit eindeutigen Beweisfotos konnte die Firma dazu bewegt werden, einen zweiten Techniker zu entsenden, der als vermeintlichen Übeltäter die Wasserhärte ausmachte, die bei der Fertigung falsch eingestellt worden war. Nach der Diagnose sagte er: „Bitte gehen Sie sensibel mit ihr um, sie ist die Diva unter den Geschirrspülmaschinen“. Doch die Diva zickte weiter und die Hartmanns fanden sich langsam damit ab, sich von den Launen ihres Automaten überraschen zu lassen: entweder blitzblank gespültes Geschirr oder Kaffeetassen mit braunen Rändern.

Seit Jahren häufen sich nicht nur Meldungen über kuriose Vorgänge, die nicht zu erklären sind und um die sich im Internet mittlerweile die wildesten Verschwörungstheorien ranken, es mehren sich auch die Klagen über die ganz gewöhnlichen Macken und Marotten von Elektro- und Elektronikgeräten: Mixer, die nach wenigen Minuten heiß laufen, Kaffeeautomaten, die vorzeitig arbeitsmüde sind, die elektrische Zahnbürste, die nach drei Wochen ihren Geist aufgibt – und wegen des fest verbauten Akkus direkt ausgemustert werden muss. Und dann ist da noch die teure Digitalkamera, die nicht mehr funktioniert, der neue Föhn, der einen Wackelkontakt hat und das Radio, das erst schrille Pfeifgeräusche von sich gibt, bevor es ganz verstummt.

„Bauknecht weiß, was Kunden ärgert“ schrieb jüngst ein Gast in dem für den „Preis für Nachhaltigkeit“ nominierten Internetforum www.murks-nein-danke.de, als die Reparatur seiner erst kürzlich gekauften Waschmaschine mit Anfahrt und Monteurstunden mehr als 200 Euro kosten sollte, während ihr Neupreis bei 400 Euro liegt. Von „Schockpreisen“ spricht daher auch die Stiftung Warentest, weshalb sich viele Verbraucher die Frage stellen: Reparieren lassen? Oder gleich verschrotten und ein neues Gerät kaufen? Die Grünen sehen bei dieser Option allerdings „rot“ und kritisieren die „Wegwerfkultur“ aufs Schärfste, weil sie in ihren Augen zu einer immer größeren Verschwendung von Rohstoffen führt. Erhöhter Energieverbrauch und vermehrter CO 2 Ausstoß wären die Folge.

Indes steht der schwerwiegende Verdacht vom „geplanten Verschleiß“ der Geräte im Raum und die Stimmen in der Öffentlichkeit werden immer lauter, die von einer „perfiden“ Verkaufsstrategie der Unternehmen sprechen und dabei die Theorie aufstellen, mit Blick auf Absatz und Profit bauten Firmen ihre Produkte heute so, dass sie möglichst nur die Gewährleistungspflicht von zwei Jahren überdauern – und eine Lebenszeit darüber hinaus gar nicht angestrebt wird. Fachleute sprechen von „Obsoleszenz“, abgeleitet vom lateinischen Verb „obsolescere“, das „veralten“ bedeutet.

Die Firmen wiederum wehren sich vehement gegen die Unterstellung, ihre Produkte manipuliert zu haben, indem sie bewusst Bruchstellen einarbeiten. Da keine unwiderlegbaren wissenschaftlichen Daten existierten, nahmen das Umweltbundesamt (UBA), das Öko-Institut und die Universität in Bonn vor einigen Jahren den Vorwurf zum Anlass für eine große Studie, die inzwischen vorliegt und in der festgestellt wurde, dass tatsächlich immer mehr Geräte nach einer Zeitspanne von fünf Jahren kaputt gehen, sich also die Lebensspanne dramatisch verringert hat. Eindeutige Beweise oder Belege für absichtlich eingebaute Schwachstellen, die ein Gerät frühzeitig altern lassen, fand bislang freilich niemand. Bei den sogenannten Sollbruchstellen sehen sich die Hersteller sogar als verbraucherfreundlich, weil dadurch ein „größerer Schaden im Gesamtsystem vermieden“ werde. Deshalb sei dieser Begriff auch deutlich abzugrenzen zu bewusst konstruierten Schwachstellen.

Katrin B. hat sich mittlerweile statt der Textilien zerfetzenden WM 14 E 3 eine andere Waschmaschine zugelegt. Eine koreanische Samsung. Als der erste Waschgang beendet war, traute sie ihren Ohren nicht. Da klimperte die Maschine ein Klavierstück in pianissimo. Völlig verdutzt erkannte Katrin B. das Forellenquintett von Franz Schubert in A-Dur.

Seither ist sie entzückt. Ihre Wäscheteile bleiben nicht nur unversehrt, nein, ihre Maschine macht für sie sogar Musik.

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