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Die Region ist reich an Wasserreservaten und Vogelarten - all das ist nun in Gefahr.

Kolumbien

Zerstörerische Gier

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Im Herzen Kolumbiens soll eine der größten Goldminen der Welt entstehen. Doch die Menschen in Quindío und Tolima demonstrieren gegen das Projekt - auch wenn das lebensgefährlich ist.

Es ist extrem wichtig, dass die Welt mehr über unsere Situation erfährt.“ Néstor Ocampo hebt beide Hände und formt damit einen großen Kreis. Im Laufe des Gesprächs unterstützt er seine Worte immer wieder durch eindringliche Gesten. „Unsere Probleme“ sagt der junggebliebene 67-Jährige, „sind eng verbunden mit dem Rest der Welt, vor allem mit Europa und Nordamerika. Und die Lösungen für diese Probleme sind es auch.“

Néstor Ocampo klappt seinen Laptop auf. Er zeigt Bilder grüner Berghänge und tropischer Nebelwälder. Zu sehen sind riesige Fahnensträucher neben Feldern voller Kaffeepflanzen. Die Region Quindío, eine der kleinsten von Kolumbiens 32 Provinzen, ist Teil der 2011 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärten Kaffeeregion des Landes – und als Naturparadies Hort zahlreicher Vogelarten sowie wichtiger Wasserreservate. „Doch all das könnte bald zerstört werden“, sagt Ocampo, der seit Anfang der 80er Jahre als Umweltschützer aktiv ist. Auf dem Bildschirm erscheinen Fotos riesiger Krater, die Bergbauminen in vielen Ländern Südamerikas in die Gebirgskette der Anden gerissen haben.

Lateinamerika war seit jeher ein Dorado für Goldsucher. Laut einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik werden dort bis zu 50 Prozent der weltweiten Gold- und Silbervorkommen vermutet. Vor allem seit der Zeit der spanischen Kolonialbesetzung spielt der Bergbau eine bedeutende Rolle. „Doch das ist nicht zu vergleichen mit dem großindustriellen Abbau von Rohstoffen“, sagt Néstor Ocampo. „Die Zerstörung und Ausbeutung der Natur hat heute ganz andere Formen angenommen.“ Größer, schneller, rücksichtsloser.

Auch Néstor Ocampos Heimat ist durch solch eine „Megamine“ bedroht. Im Herzen Kolumbiens soll eine der weltweit größten Goldminen entstehen: „La Colosa“. Vor zehn Jahren wurde bekannt, dass hier bis zu 29 Millionen Unzen Gold unter der Erde liegen. Seither erforscht Anglogold Ashanti, der drittgrößte Goldproduzent der Welt, die umliegenden Berge. Ab 2020 will das Unternehmen mit Sitz in Südafrika, dem von Nichtregierungsorganisationen (NGO) wegen seiner Aktivitäten wiederholt schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden, mit dem Minenbau und der Förderung beginnen – wenn der kolumbianische Staat die noch fehlende Umweltlizenz erteilt. Betroffen wäre eine ganze Region, 16 Minentitel in den Provinzen Tolima und Quindío gehören zu dem Projekt. Außerdem soll im Umkreis von 100 Kilometern die für die Weiterverarbeitung des Goldes notwendige Infrastruktur entstehen. Die Ausbeutung könnte über 20 Jahre dauern.

Auf annähernd fünf Prozent des kolumbianischen Staatsgebiets wird bereits heute gebohrt und gegraben, vor allem die Gewinnung von Öl sowie der Abbau von Kohle, Edelmetallen und Nickel sichert laut nationaler Bergbauagentur rund 350 000 Arbeitsplätze und macht einen Großteil der Exporte aus. Der Bergbau soll eine „Lokomotive“ des Fortschritts sein, so wollte es nicht nur Kolumbiens Ex-Präsident Alvaro Uribe, dem enge Verbindungen zu rechten Paramilitärs nachgesagt wurden, sondern auch der Amtsinhaber Juan Manuel Santos. Diesem wurde Anfang Oktober wegen seiner Bemühungen um die Aussöhnung mit den linken Farc-Rebellen der Friedensnobelpreis verliehen.

3000 Gewerkschafter umgebracht

Doch die Kolumbianer haben vor allem schlechte Erfahrungen mit dem Bergbau gemacht. Beispiele dafür gibt es in der jüngsten Geschichte viele – etwa „El Cerrejón“, eine der größten überirdischen Steinkohleminen der Welt. Hier wird auf einer Fläche von inzwischen rund 70 000 Hektar seit Jahrzehnten Kohle gefördert, doch die Kolumbianer profitieren davon kaum. Laut einer Studie der Menschenrechtsorganisation Fian musste das Betreiberkonsortium aus multinationalen Firmen nur zehn Prozent seiner Gewinne abführen – allerdings sei aufgrund von Steuervergünstigungen nur ein Viertel davon tatsächlich beim kolumbianischen Staat angekommen. Wegen niedriger Steuern und geringer Auflagen gilt Kolumbien daher als Paradies für Bergbaufirmen.

Die Folge vor Ort: Die Armut in den Regionen rund um die Megaminen ist besonders hoch. Zudem häufen sich hier Berichte über Menschenrechtsverletzungen und die Erkrankung der lokalen Bevölkerung. Nicht bezifferbar sind zudem die immensen Umweltschäden, die durch riesige Krater entstehen, aber auch, weil etwa zur Goldgewinnung große Mengen Wasser durch hochgiftige Substanzen wie Quecksilber und Zyankali verseucht werden. Das Projekt „La Colosa“, so schätzt die britische NGO „Colombia Solidarity“, würde mehr Wasser und Strom verbrauchen als die ganze Provinz Tolima mit anderthalb Millionen Einwohnern. „Das wollen wir unbedingt verhindern“, sagt Néstor Ocampo. Er ist einer der Köpfe des Widerstands gegen „La Colosa“, der sich in den letzten Jahren in der betroffenen Region formiert hat. Im vergangenen Juni demonstrierten in der Provinzhauptstadt Tolimas etwa 100 000 Menschen, in vielen Dörfern haben sich lokale Bürgerinitiativen gegründet. Sie klagen vor Gericht gegen die Mine, organisieren kleine Festivals und haben Filme über den Widerstand gedreht.

Néstor Ocampo hat einen Besuch am Fuße der geplanten Mine im Dorf Cajamarca organisiert. Durch den kaum 10 000 Einwohner zählenden Ort führt eine der Hauptverkehrsadern des Landes, die den wichtigsten Pazifikhafen mit der Hauptstadt Bogotá verbindet. Die großen Lastwagen stauen sich auf der kleinen Durchgangsstraße, Abgase liegen permanent in der Luft. Auf Néstors Empfehlung hin sprechen einige junge Aktivisten über ihre Erfahrungen. Sie sind vorsichtig geworden, in den letzten drei Jahren wurden zwei ihrer Mitstreiter umgebracht, einer von ihnen war minderjährig. „Die multinationalen Bergbaukonzerne machen den Leuten Angst, und wer sich dagegenstellt, muss um sein Leben fürchten“, sagt Robinson Mejía Alonso. Er kann das nicht beweisen, aber der 28-Jährige ist sich sicher: „Ashanti hat die bewaffneten Paramilitärs bezahlt, die hier ihr Unwesen getrieben haben.“

In den letzten 25 Jahren wurden in Kolumbien über 3000 Gewerkschafter umgebracht. Wie in vielen Regionen des Landes gab es in der Vergangenheit auch in der Gegend um Cajamarca ungeklärte Massaker und Vertreibungen, die sich oft im Schatten des Jahrzehnte währenden Bürgerkrieges abspielten, der Hunderttausende das Leben kostete. In einem Bericht der Obersten Rechnungsprüfungsbehörde Kolumbiens aus dem Mai 2013 heißt es, dass 35 Prozent aller Gemeinden mit Bergbau- oder Erdölaktivitäten verbunden seien – und dass auf diesem Gebiet 80 Prozent aller Menschenrechtsverletzungen passierten. „Der Krieg mit der Farc war hier nur ein Vorwand, um Menschen wegen der Mine zu vertreiben“, sagt Robinson. Er sitzt gemeinsam mit fünf jungen Aktivisten der Menschenrechtsgruppe „Cosajuca“ in einem Stuhlkreis, die jüngste von ihnen ist gerade 17 Jahre alt. Sie berichten von Einschüchterungen und Prügel durch die Polizei – trotzdem haben sie eine Zeitung zur Goldmine produziert, an Schulen und auf Festen informieren sie über die Folgen des Bergbaus. „Wir wollen noch mehr Menschen dafür sensibilisieren“, sagt der 20-jährige Jhonatan. „Und wir wollen, dass die Bewohner gefragt werden, ob sie die Mine überhaupt wollen.“

Blutverschmierter Rohstoff wie Diamanten

Es ist eines der wichtigsten Anliegen vieler kolumbianischer Widerstandsbewegungen: Die Aktivisten möchten selbst über die Minen entscheiden. Ihr Vorbild ist das Dorf Piedras, wo sich vor drei Jahren 99 Prozent der Einwohner gegen „La Colosa“ aussprachen. Eine Volksbefragung in Cajamarca ist bisher aber am Widerstand des eigenen Bürgermeisters gescheitert. Zwar hat das kolumbianische Verfassungsgericht den Gemeinden erst kürzlich explizit das Recht eingeräumt, Minenaktivitäten auf ihrem Territorium zu verbieten – doch noch ist unklar, ob Volksbefragungen am Ende überhaupt allgemeingültigen Charakter hätten. „Große Unternehmen haben hier riesigen Einfluss“, erklärt Néstor Ocampo. Er verweist auf die hohe Korruptionsrate im Land, von der alle Aktivisten berichten. Im weltweiten Korruptionsindex von Transparency International belegte Kolumbien im letzten Jahr den 86. Rang.

Die kolumbianische Regierung scheint jedenfalls gewillt, dem seit den 1990ern eingeschlagenen Kurs zu folgen und den großindustriellen Bergbau voranzutreiben. „Trotz der Rechtsunsicherheit oder sozialer Konflikte in einigen Regionen zieht es die Bergbauindustrie weiter nach Kolumbien. Die Möglichkeiten, die unser Land bietet, sind unendlich. Wir haben die größten Kohlevorkommen Südamerikas. Und wir wollen zu einem der zehn wichtigsten Goldproduzenten der Welt aufsteigen“, teilt die nationale Bergbauagentur auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau mit. Das Unternehmen Anglogold Ashanti ließ eine Anfrage unbeantwortet.

„Die Regierung verkauft ihr Land. Der Bergbau bringt nur kurzzeitig und für wenige Arbeit, aber das Gold zerstört nachhaltig die Welt“, befürchtet Néstor Ocampo. „Nur eine große soziale Mobilisierung kann das verhindern. Und dafür brauchen wir internationale Unterstützung“, so der Umweltschützer. „Schließlich geht es auch um weltweite wirtschaftliche Verknüpfungen und die durch die Konsumorientierung ausgelöste riesige Nachfrage.“ Trotz aller grausamen Berichte über den Bergbau in Kolumbien – das südamerikanische Land ist inzwischen der drittwichtigste Kohlelieferant Deutschlands. Und auch der Handel mit Gold wird immer wichtiger. Obwohl sich die weltweite jährliche Fördermenge seit Anfang der 1980er verdoppelt hat, ist der Goldpreis seither um 400 Prozent gestiegen.

Allerdings wird laut dem World Gold Council nur ein kleiner Teil davon für Staatsrücklagen und die industrielle Produktion von Gütern genutzt, je fast die Hälfte der weltweiten Nachfrage entfällt auf Schmuck sowie Investments. „Wenn wir dieses Gold für die notwendige technologische Produktion verwenden, anstatt für Luxusgüter, wäre auf einen Schlag vielen Zehntausenden Menschen geholfen und der Umwelt auch.“ Néstor Ocampo will die Menschen dazu bewegen, ihren Konsum zu überdenken. „Bei Diamanten denken viele Leute, vor allem in Europa, an unmenschliche Abbaubedingungen. Das ist für die meisten ein blutverschmierter Rohstoff. Doch beim Gold ist es nicht anders“, sagt er. „Die Natur hat sich innerhalb von Millionen von Jahren entwickelt, unsere Kulturen sind über Tausende Jahre gewachsen. Der großindustrielle Goldabbau könnte das in wenigen Jahren komplett vernichten.“

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