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Zurück auf Null? Die Interessen der Staaten sind nach dem EU-Beschluss – je nach geografischer Lage – sehr unterschiedlich.

Zeitumstellung

Die Uhr-Abstimmung

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Das EU-Parlament hat für eine Abschaffung der Zeitumstellung ab dem Jahr 2021 gestimmt – aber welche Zeit soll es denn in Deutschland zukünftig sein? In Europa droht ein Flickenteppich der Zeitzonen.

Der Hüter der Zeit praktiziert in einem unauffälligen Mehrfamilienhaus im Süden Erlangens. Davor stehen Garagen, schräg gegenüber ragt die Werner-von-Siemens-Realschule über die Bäume. Der Ruhepol der Welt befindet sich hier, eingekeilt zwischen der A73 von Nürnberg nach Suhl und der viel befahrenen B4, gewiss nicht. Das jedoch hält Hubertus Hilgers nicht von seinem Ziel ab: den Menschen mehr innere Ruhe zu verschaffen –mit der richtigen Zeit.

Der Homöopath befindet sich jetzt fast 39 Jahre im Widerstand. Seit Einführung der Sommerzeit am 6. April 1980, Hilgers war damals 17, hat er sich standhaft geweigert, seine Uhr im Frühjahr eine Stunde vor- und im Herbst wieder zurückzustellen. „Ich wollte diesen Unsinn nicht einfach so mitmachen. Bis heute habe ich dafür nicht eine vernünftige Begründung gehört.“

In der Sommerzeit gibt Hilgers Patienten zwei Terminangaben aus: in „Normalzeit“, die er sich ins Buch schreibt, und in der offiziell geltenden Zeit – damit Patienten nicht eine Stunde zu spät kommen. „Da gibt es keine Probleme.“ Ansonsten könne auch er der Sommerzeit nicht entfliehen. „Die Müllmänner nehmen um 5.30 Uhr keine Rücksicht darauf, dass ich mich noch in der Tiefschlafphase befinde.“

Als Hilgers 2013 den epileptischen Anfall einer viereinhalbjährigen Patientin auf den Stress durch die gerade erfolgte Zeitumstellung zurückführt, beginnt er sich politisch für die ganzjährige Rückkehr zur Normalzeit, die häufig als Winterzeit bezeichnet wird, zu engagieren. Der Erlanger verfasst eine Online-Petition, die schnell mehrere Zehntausend Unterstützer findet. Der Bundestag befasst sich 2017 mit ihr als einer von 65 Petitionen zu diesem Thema. Das Ergebnis ist für die Aktivisten enttäuschend: Ihr Anliegen wird dem Wirtschaftsministerium und der EU-Kommission zur Prüfung vorgelegt.

Lesen Sie dazu auch: Warum ewige Sommerzeit falsch wäre

Nun aber bewegt sich was. Bis 2021, beschloss das Europäische Parlament vor wenigen Tagen, soll die Zeitumstellung in der EU wieder abgeschafft werden. Haben die Petitionen, die in nahezu allen EU-Staaten das Ende der Umstellungen fordern, dazu geführt? Sind es gesundheitliche Bedenken oder zu geringe Energieeinsparungen? Ist die fast 40 Jahre praktizierte Zeitumstellung am Ende sogar ein Flop gewesen?

Ursprünglich wurde die Zeitumstellung in Deutschland 1980 gestartet, um Energie zu sparen – eine Nachwirkung der Ölkrise in den 1970er Jahren. Außerdem hatten Nachbarländer die Zeitregelung schon früher eingeführt. Und so lange die erste Umstellung her ist, so alt ist die Debatte über ihre Sinnhaftigkeit.

Nach Jahrzehnten der Erfahrung liegen sehr viele Fakten auf dem Tisch. So hat das Bundesumweltamt festgestellt, dass während der Sommerzeit zwar abends elektrisches Licht gespart wird. Doch besonders in den Monaten März, April und Oktober dafür morgens morgens mehr geheizt werde. Insgesamt betrachtet steige der Energieverbrauch sogar. Zu ähnlichen Befunden kommt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „In der Tat bringt der Dreh am Zeiger keine spürbare Energieeinsparung“, sagt Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer.

Aus medizinischer Sicht bereitet die direkte Umstellung der Zeit einem Viertel der Bevölkerung Probleme. Besonders der Wechsel im Frühjahr bereitet vielen unmittelbar danach wirkliche und spürbare Schwierigkeiten. So klagen dann mehr Menschen als sonst über Schlafdefizite, die Fallzahlen von Depressionen, Herzinfarkten und Suiziden steigen, es treten Ernährungsprobleme und Konzentrationsschwächen auf. Sogar bei Kühen sind Probleme durch sich verschiebende Melkzeiten bekannt. Studien weisen ebenfalls nach, dass es am ersten Montagmorgen der Sommerzeit mehr Verkehrsunfälle als an anderen Montagmorgen gibt.

Die EU, in der es drei Zeitzonen gibt, plant zwar die einheitliche Abschaffung der Zeitumstellung. Welche Zeit es aber künftig sein soll, das überlässt die Behörde von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker den Mitgliedsstaaten.

In Deutschland und 16 weiteren EU-Ländern herrscht bis Sonntagfrüh Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Dazu zählen die Niederlande, Belgien, Österreich, Dänemark, Frankreich, Italien, Kroatien, Polen und Spanien. Acht Länder – Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland, Lettland, Litauen, Rumänien und Zypern – sind eine Stunde voraus: dort gilt die Osteuropäische Zeit (OEZ). Drei Staaten sind eine Stunde zurück: Irland, Portugal und Großbritannien, wo die Westeuropäische Zeit (WEZ) oder Greenwich Mean Time (GMT) gilt.

Die Interessen der Staaten sind nach dem EU-Beschluss – je nach geografischer Lage – sehr unterschiedlich. Den einen wird es zu spät hell, den anderen zu früh dunkel. Portugal will an der Zeitumstellung festhalten. Die Balten möchten ewige Sommerzeit. Die Slowakei befürwortet die Beibehaltung der in den kühlen Monaten geltenden Normalzeit.

Lange Abende sind gut für die Gastronomie

Die deutsche Regierung hat bislang Sympathien für die ganzjährige Sommerzeit erkennen lassen. Als Argument wird ein zwölf Jahre alter Kommissionsbericht genannt, der zu dem Ergebnis gekommen war, dass die ganzjährige Sommerzeitregelung angemessen sei. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der in Berlin das Ende der Zeitumstellung managen soll, räumt ein, dass ihm Stellungnahmen verschiedener Branchen vorlägen, die ein sehr heterogenes Bild zeichnen. Darum fragt er bis zum Herbst die Positionen seiner Kabinettskollegen ab. „Die Vermeidung von Zeitinseln und Friktionen im Binnenmarkt sind für die Bundesregierung von zentraler Bedeutung“, sagt eine Sprecherin Altmaiers.

Die Gastronomen sind auf Regierungskurs – lange, helle Abende bescheren im Sommer ordentliche Umsätze. Viele Bauern meinen, dass sie bislang mit der Zeitumstellung zurechtgekommen sind. „Aber für die Tiere ist es ohne Zeitumstellung sicher etwas leichter“, sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, „weil sie an feste Fütterungs- oder Melkzeiten gewöhnt sind.“

Der Zentralverband des Deutsches Baugewerbes fordert, zeitlich alles so zu lassen. „Die dauerhafte Beibehaltung der Sommerzeit hätte für die Bauwirtschaft gravierende Folgen“, warnt Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa. „Je nach Wohnort würde es in den Wintermonaten erst zwischen neun und zehn Uhr hell, Baustellen müssten flächendeckend beleuchtet werden, und das über Wochen und Monate hinweg. Zudem erhöht ein längeres Arbeiten bei Dunkelheit die Gefahr von Arbeitsunfällen.“

Dass häufig Sommerzeit auf Dauer gewünscht wird, liegt wohl auch daran, dass mit der Sommerzeit lange Helligkeit, laue Nächte und Wärme assoziiert werden. „Das ist ein sprachliches Phänomen“, sagt der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese. „Sommerzeit klingt besser. Wir mögen den Sommer einfach lieber als den Winter.“ Die meisten Befürworter ganzjähriger Sommerzeit würden jedoch ausblenden, dass es dann in den Wintermonaten erst zwischen 9 und 10 Uhr hell werde – Kinder müssten also monatelang im Dunkeln zur Schule gehen. „Wenn wir die dauerhafte Sommerzeit einführen, dann müssten wir auch darüber nachdenken, den Schulbeginn zu verschieben“, sagt Liese. Das wiederum bringt Lehrer auf die Palme. Verbandschef Heinz-Peter Meidinger hält solche Vorschläge für „irrsinnig“.

Der drohende Flickenteppich unterschiedlicher Zeiten in Europa scheint wie ein Damoklesschwert über dem Ende der Zeitumstellung zu schweben. Wenn sich die Mitgliedstaaten in Mitteleuropa nicht einig sind, dann könnte es dazu kommen, dass Autofahrer auf dem Weg von Deutschland über die Niederlande, Belgien und Luxemburg nach Frankreich mehrfach die Uhr umstellen müssten. Europapolitiker wie Liese fänden das bizarr. Aber wäre es wirklich so schlimm?

In China gilt nur eine Zeitzone. Wenn in Peking die Sonne aufgeht, ist es im rund 3500 Kilometer weiter westlich gelegenen Kashgar noch dunkel. Auch in Indien gilt ganzjährig eine Standardzeit. Die US-Amerikaner leben dagegen in 11 Zeitzonen, in denen es auch noch vereinzelt Zeitumstellungen gibt, sogar innerhalb einzelner Bundesstaaten.

Der Erlanger Hüter der Zeit ist unterdessen müde geworden. Hubertus Hilgers – der Mann, der noch nie eine Zeitumstellung mitgemacht hat – ist herzkrank. Er führt das auf die Aufregung der vergangenen Jahre zurück. Hilgers sagt, er könne nicht mehr. Andere müssten jetzt um die richtige Zeit kämpfen. Seine Zeit.

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