Dr. Hontschiks Diagnose 

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Nachrichten aus dem Ministerium für kurze Zeit.

Es war nur eine kleine Personalie. Zwischen all den großen, wichtigen Meldungen fiel sie kaum auf: Mitte April hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den langjährigen Staatssekretär Lutz Stroppe in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Nun keimte unter Eingeweihten die leise Hoffnung, dass damit vielleicht endlich ein Platz frei geworden sein könnte für einen professionellen Blick auf Gesundheitspolitik, denn bislang ist auf sämtlichen Führungsebenen im Gesundheitsministerium keine einzige Ärztin, kein einziger Arzt, keine einzige Pflegekraft tätig. Eine Woche später aber wurde Thomas Steffen zum neuen Staatssekretär im Gesundheitsministerium ernannt, ein Jurist und früherer Staatssekretär von Finanzminister Wolfgang Schäuble und Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Also wieder nichts mit ärztlichem oder pflegerischem Sachverstand. Wirtschaft und Finanzen sind gefragt, wenn es um Gesundheit geht. War das früher anders?

Als ich vor vierzig Jahren meine erste Stelle als Chirurg antrat, war gerade das „Krankenversicherungs-Kostendämpfungsgesetz“ von 1977 das wichtigste Thema aller Diskussionen. Die sozialdemokratische Gesundheitsministerin Antje Huber hatte eine komplette Umkehr des Solidaritätsprinzips der gesetzlichen Krankenkassen eingeleitet, indem sie Leistungskürzungen und individuelle Zuzahlungen durch die Erkrankten einführte, was bis heute zum Beispiel als Rezeptgebühr – damals fünfzig Pfennig, heute mindestens fünf Euro – bekannt ist. Antje Huber war Sportjournalistin, später Studienleiterin der Sozialakademie Dortmund. Danach kamen bis heute weitere elf Minister*innen zum Zuge, darunter drei Jurist*innen (Anke Fuchs, SPD; Heiner Geißler, CDU; Hermann Gröhe, CDU), eine Erziehungswissenschaftlerin (Rita Süssmuth, CDU), eine Psychologin (Ursula Lehr, CDU), drei Volkswirt*innen (Gerda Hasselfeldt, CSU; Andrea Fischer, Grüne; Daniel Bahr, FDP), ein Verwaltungsbetriebswirt im gehobenen Dienst (Horst Seehofer, CSU), eine Lehrerin (Ulla Schmidt, SPD) und als einziger Arzt, allerdings ohne Berufserfahrung, der Kurzzeit-Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), der dann zum Weltwirtschaftsforum ging und heute für einen chinesischen Großkonzern arbeitet.

Während ich also bieder und unspektakulär vierzig Jahre lang immer denselben Beruf als Chirurg ausgeübt habe, übergab man das Gesundheitsministerium munter und vergnügt in ständigem Wechsel von einem medizinischen Laien zum nächsten, kaum eine*r war länger da als drei Jahre, immer im Bewusstsein, dass das nur eine vorübergehende Funktion sei, immer interessiert an höheren Aufgaben. Nun also Jens Spahn, die Nummer zwölf in meinem Berufsleben. Wo er wohl bald seine Erfüllung finden wird? Bestimmt nicht im Gesundheitsministerium! Alle zwölf haben mehr oder weniger tiefe Spuren im Gesundheitswesen hinterlassen, aber als es um die Auswirkungen ging, waren sie meistens schon wieder weg. Einzige rühmliche Ausnahme war Ulla Schmidt, die fast neun Jahre in diesem Amt blieb und mit Rückgrat zu ihren Konzepten stand, auch wenn sie zum Teil höchst umstritten waren.

Die gewaltigen Ausgaben im Gesundheitswesen (die keineswegs explodieren, sondern über Jahrzehnte relativ konstant geblieben sind) übertreffen mit 376 Milliarden Euro das Volumen des gesamten Bundeshaushaltes mit 337 Milliarden Euro. Im Gesundheitswesen arbeiten zur Zeit ungefähr 5,6 Millionen Menschen, das entspricht etwa jedem achten Arbeitsplatz in unserer Gesellschaft. In den vierzig Jahren meiner Berufstätigkeit war ich mit knapp zwanzig Gesundheitsreformen konfrontiert, mit denen aber kein einziges Problem dauerhaft gelöst worden konnte. Wenn man dann noch bedenkt, dass es bei Krankheit und Gesundheit, bei Leben und Tod um existentielle Fragen des menschlichen Daseins geht, dann frage ich mich, wie es sich eine Gesellschaft leisten kann, im Gesundheitswesen immer wieder Lehrlinge ans Ruder zu lassen, die darüber kaum etwas wissen und die dort zumeist so schnell wie möglich wieder weg wollen.

Die Folgen der Inkompetenz spüren die Beschäftigten im Gesundheitswesen jeden Tag. Alle anderen bemerken es erst dann, wenn sie krank geworden sind. Dann ist es aber meistens zu spät.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

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