„Morgens haben mich die Vögel geweckt und weiter ging’s“: Jens Steingässer auf der Schwarza bei Schwarzburg.
+
„Morgens haben mich die Vögel geweckt und weiter ging’s“: Jens Steingässer auf der Schwarza bei Schwarzburg.

Paddeltour durch Deutschland

„Zeit wird sehr schnell unwichtig“

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
    schließen

Der Fotograf Jens Steingässer ist vom Odenwald an die Ostsee gepaddelt. Ein Gespräch über den Fluss als Zustand, die Kraft der Langsamkeit – und warum es am Ende doch immer schön ist, unter Menschen zu sein.

Als er 16 wurde, fand er, dass er jetzt alt genug sei, um fortan die Welt zu erkunden. Damals schon im Gepäck: die Kamera. Und weil die Ferne nicht weit genug sein konnte, ist Jens Steingässer natürlich irgendwann in Australien gelandet, wo er dann für ein paar Jahre blieb. In den vergangenen zehn Jahren hat er mit seiner Frau Jana weltweit zum Klimawandel recherchiert, mit ihren vier Kindern waren sie in Afrika, haben zu Fuß die Alpen überquert und sind in Grönland zwischen Eisbergen gepaddelt. Als die großen Reportagen abgeschlossen waren, hat der heute 44-Jährige gemerkt, dass er den Radius seiner Reisen kleiner ziehen wollte. Und dann waren da noch die Tagebücher, die ihm seine Oma überreicht hatte mit den Worten: „Das ist meine Geschichte, mach‘ was draus!“ Und er machte. Machte sich auf die Reise vom Odenwald an die Ostsee, immer auf dem Wasser. Oder am Wasser entlang.

Herr Steingässer, warum wollten Sie querflussein reisen?

Das war eine ganz alte Sehnsucht. Meine Familie ist total wassersportbegeistert und ich bin mit dem Duft des Wassers aufgewachsen. Und auf meinen späteren Reisen habe ich immer, wenn ich einen Fluss überquert habe, dem Fluss hinterhergeträumt und mir vorgestellt, wie es wohl wäre, diesen jetzt zu bepaddeln. Und daraus ist dann die Idee zur Reise mit dem Boot quer durch Deutschland entstanden.

Die dann eine Reise zu sich selbst und zu Ihrer eigenen Familiengeschichte wurde...

Meine Großeltern hatten damals, kurz vor dem Bau der Mauer, entschieden, in den Westen zu gehen. Sie sind bei Nacht und Nebel über die grüne Grenze in Thüringen geflohen, die damals schon bewacht wurde. Weil sie nicht riskieren wollten, mit einem Kleinkind zu fliehen, ließen sie meine Mutter, die war da ein Jahr alt, bei der Familie im Osten. Sie konnten sie erst ein Jahr später zu sich holen. Man kann sagen, das ist gut ausgegangen, aber es ist trotzdem eine Fluchtgeschichte. Irgendwie lag diese Geschichte wie ein Schatten über unserer Familie; und ich wollte dieser Geschichte auf den Grund gehen, um das auch für mich zu verarbeiten.

Querflussein: Jens Steingässer paddelt und radelt durch Deutschland

Fotograf Jens Steingässer paddelt vom Odenwald an die Ostsee: „Solange ich am Fluss bleibe, bin ich auf dem richtigen Weg“: die Havel bei Premnitz. © Jens Steingässer
Mit dem Duft des Wassers aufgewachsen“: schwimmender Garten auf dem Main. © Jens Steingässer
„Ich wurde mit offenen Armen emfpangen“: In der Mainschleuse Limbach. © Jens Steingässer
„Jetzt bin ich im Hier und Jetzt“: Ein Wald nahe dem Dorf Wulkow an der Dosse. © Jens Steingässer
„Als ich am Meer ankam, hatte sich der Brocken aufgelöst“: das Ostseebad Zinnowitz auf Usedom. © Jens Steingässer

Eine Art Familienzusammenführung im 30. Jahr der Wiedervereinigung?

Ja, mich hat es ganz stark dorthin gezogen. Andererseits habe ich einen großen Widerstand gespürt, weil ich davor mindestens 20 Jahre nicht dort gewesen bin. Ich habe dann aber gemerkt, dass dadurch auch meiner Mutter eine Tür geöffnet wurde, dieses Trauma aufzuarbeiten.

Wenn Sie jetzt zurückblicken: War es gut, diese Familienbegegnung in die Reise einzubetten und danach weiterzuziehen? Oder hätten Sie Abenteuer und Vergangenheit lieber trennen sollen?

Darüber habe ich vorher auch nachgedacht und gemerkt: Ich will das auf jeden Fall verbinden. Und die vier Wochen, die ich unterwegs war, waren perfekt. Ich hatte zehn Tage, um mich auf diese Begegnung im Thüringer Wald vorzubereiten. Meine Mutter kam auch dazu, obwohl sie anfangs immer wieder gesagt hat, sie will die Konfrontation mit diesem Thema nicht. Aber kurz vor meiner Ankunft hat sie gesagt: „Okay, ich komme auch.“ Wir konnten zwar nicht alles klären, aber ich hatte nach diesem Treffen noch zweieinhalb Wochen Zeit, um das Erlebte zum Meer zu bringen – und nicht wieder mit nach Hause zu nehmen. Mir fiel dann auf, wie gut dieses äußere Bild, auf dem Fluss Richtung Meer unterwegs zu sein, zu meinem Inneren passte.

Und zwar?

Diese Familiengeschichte war wie ein Felsbrocken, den ich in mir getragen habe. Und so, wie der Brocken, der in den Bergen ins Wasser bricht, von der Strömung Stück für Stück weitergewälzt und kleiner gerieben wird und irgendwann als Sandkorn ins Meer geschwemmt wird, so wurde auch dieser Stein, der auf meinem Herzen lag, mit jedem Kilometer kleiner und leichter. Als ich am Meer angekommen bin, da wusste ich, der Brocken hat sich aufgelöst. Außerdem hatte ich bis dahin auf meiner Reise über die Flüsse schon ganz andere Lebensgeschichten gehört, die viel dramatischer waren als meine. Etwa von den beiden schwulen Flussschiffern, die mich auf dem Main ein Stück auf ihrem Frachtschiff mitgenommen haben und mir von den vielen Schicksalsschlägen erzählten, von denen ihr Leben durchkreuzt worden war.

Hat man vom Wasser aus einen anderen Blick auf Land und Leute? Auf sich?

Das Buch: Jens Steingässer - Querflussein.   Mit Paddelboot und Faltrad durch Deutschland - auf der Suche nach den Geheimnissen meiner Heimat

Das war ein spannendes Element, zumal es auch die erste Reise war, die ich komplett alleine unternommen habe. Und ich kam immer wieder in Situationen, in denen ich auf die Menschen zugehen musste, etwa, wenn ich das Boot an einer Schleuse umtragen musste, oder wenn ich einen Platz für die Nacht gesucht habe. Ich würde mich als eher zurückhaltenden Menschen bezeichnen, der erstmal abwartet und sich schwer damit tut, um Hilfe zu bitten. Über dieses Alleinsein habe ich aber auch eine Offenheit entwickelt, die ich so von mir nicht kannte. Und ich wurde ganz oft mit offenen Armen empfangen und hab schon auf dem Salzschiff gemerkt: Wow, diese Reise öffnet Türen! Und mit jeder Grenze, die ich auf meinem Weg übers Wasser und am Wasser entlang passierte, haben sich in mir immer mehr Grenzen und Hemmungen aufgelöst. Auch hier passt das Wasser als Symbol, denn so, wie man sich auf der Wasserfläche spiegelt, so kam zu mir zurück, was ich ausgestrahlt habe: Offenheit.

Gab es einen Unterschied in der Qualität der Begegnungen mit den Menschen auf dem Land und in den Städten?

Das war tatsächlich ein riesiger Unterschied! Ich liebe ja die Natur, dachte aber, wenn ich vier Wochen nur draußen bin, freue ich mich sicher auch mal, Stadtluft zu schnuppern, Kaffee trinken, ein bisschen unter die Leute mischen. Aber wenn man mit sechs Kilometern pro Stunde unterwegs ist – also: langsam –, dann sieht man auch, wie sich die Landschaft verändert, wie es immer dreckiger wird, wenn man sich einer Stadt nähert. Man riecht die Zuflüsse, hört den Lärm. Und als ich dann in Jena ankam und die erste Schleuse umtragen musste, saßen da überall Leute beim Feierabendbier am Ufer, aber es hat sich keiner angeboten. Und ich habe mich umgeschaut und schnell gemerkt, da will ich auch gar nicht fragen, die Signale waren so eindeutig. Das hat mich ziemlich umgetrieben, dass ich da so gar nicht bleiben wollte, obwohl ich doch eigentlich gerne unter Menschen bin. Aber ich hatte dann das Glück, direkt am Ufer der Saale eine Wagenburg zu entdecken, wo ich mein Zelt aufschlagen konnte. Und als ich später mit zweien, die dort in Bauwagen wohnen, am Lagerfeuer saß, habe ich gespürt: Es ist doch gut, unter Menschen zu sein.

Weil Sie die Langsamkeit erwähnen: Was passiert mit dem Zeitgefühl, wenn man vier Wochen alleine unterwegs ist?

Die Dimension der Zeit löst sich irgendwann auf. Zeit wird sehr schnell unwichtig. Es ging schon auch darum, rechtzeitig anzukommen, aber während ich unterwegs war, konnte ich mich der Zeit hingeben. Ich hab aufgehört, zu paddeln oder zu radeln, wenn ich gespürt habe: Jetzt bau ich das Zelt auf und schlafe. Morgens haben mich die Vögel geweckt und weiter ging’s. Ich wusste irgendwann nicht mehr, welcher Tag ist. Es war auch egal. Und das inmitten von Deutschland so intensiv zu spüren, dieses Gefühl, dass Zeit keine Rolle spielt, das kannte ich so noch nicht. Ich habe mich zuvor schon immer mit Achtsamkeit und Entschleunigung befasst, aber nie wirklich einen Zugang dazu bekommen. Und als ich diese vier Wochen unterwegs war, habe ich gespürt: Jetzt bin ich im Hier und Jetzt, und spüre und sehe nur das, was gerade da ist. Das muss wohl die Achtsamkeit sein. Es gibt ja in Hermann Hesses Siddharta dieses schöne Gleichnis: Der Fluss ist überall zugleich. Er ist zur selben Zeit Quelle und Mündung. Diesen Zustand habe ich plötzlich gespürt. Ich war im Flow. Und ich wusste: Solange ich am Fluss bleibe, bin ich auf dem richtigen Weg.

Interview: Boris Halva

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare