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"Ich bilde mir zwar ein, genügend Menschenkenntnis zu besitzen, um mich nicht blenden zu lassen", sagt Peter Maffay, "aber es passiert dann doch."

Peter Maffay

"Zeit wird nach hinten raus immer wertvoller"

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Peter Maffay spricht im Interview über alte Freunde und gute Bekannte, die Verlockungen des Showbusiness und warum er keine Lust mehr hat auf unnötige Experimente.

Im Vorzimmer wird fröhlich geduzt und über den richtigen Zeitpunkt für das Mittagessen beraten. Ein Zimmer weiter sitzt Peter Maffay an einem Tisch, dessen Größe das ohnehin recht kleine Büro noch kleiner wirken lässt. „O-Saft oder Wasser? Plätzchen?“, fragt Maffay, steht auf und kümmert sich. Da ist er ganz unprätentiös. Wieder am Platz lehnt er sich zurück, legt eine Hand auf den Tisch und sagt: „Ich bin bereit.“ Das könnte auch ein Albumtitel sein. Derzeit ist der 68-Jährige mit seinem Unplugged-Album, für das er unter anderem Katie Melua, Johannes Oerding und Ilse DeLange als Gäste gewinnen konnte, auf Platz 1 der deutschen Charts, die ersten Konzerte seiner Tournee im Februar und März 2018 sind ausverkauft. Er sitzt in Talkshows oder gibt Interviews in kleinen Büros wie an diesem Tag beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Er hat schon ein paar Gespräche hinter sich und wirkt müde. Aber die Aussicht, über Freundschaft zu reden, entlockt ihm ein Lächeln. Im Gespräch ist Maffay nachdenklich und konzentriert, er redet bedächtig und nimmt sich Zeit, bevor er antwortet. Das Thema ist ihm zu wichtig, um einfach drauflos zu plaudern.

Herr Maffay, als Musiker sind Sie viel unterwegs und oft unter Menschen. Vermissen Sie manchmal, mit einem alten Freund ganz in Ruhe zusammenzusitzen?
Hin und wieder treffe ich alte Freunde, und dann haben wir im besten Fall auch Zeit und Ruhe, uns zu unterhalten. Aber jetzt, da Sie es ansprechen, merke ich, dass ich solche Momente gerne häufiger hätte. Auf der anderen Seite sind wir Menschen von Leistungsdruck und dem Terminkalender getrieben, und so bleibt es – auch wenn wir heute immer und überall in Kontakt treten können – oftmals doch nur bei Ermahnungen, sich mal wieder zu treffen.

Verändern Ruhm und Erfolg solche alten Freundschaften?
In gewisser Weise schon. Aber es kann ja auch sein, dass Freundschaften einfach aufhören, zu existieren – und das liegt dann nicht daran, dass einer berühmter ist als der andere. Es gibt in meinem Leben Freundschaften, die einfach nicht mehr fortgeführt werden, weil man sich verändert oder sich aus den Augen verliert. Andererseits habe ich einen guten Freund, der in Brasilien lebt. Die Distanz ist zu groß, wir sehen uns einfach nicht. So lässt zwar die Intensität des Kontaktes nach, das sagt aber nichts über die Qualität der Freundschaft aus.

Wann haben Sie ihn zuletzt getroffen?
Vor zwanzig Jahren.

Eine lange Zeit...
Aber ich bin mir sicher, wenn wir uns morgen über den Weg laufen, geht das nahtlos weiter.

Was macht Sie da so sicher?
Es gibt Dinge, die die Zeit überdauern. Weil die Seelenverwandtschaft tief genug reicht.

Es heißt ja, von diesen alten, tiefen Freundschaften hat man vielleicht zwei oder drei…
Ich hab das noch nie gezählt, aber es sind mehr als zwei oder drei. Vor allem ist es ein gutes Gefühl, dass es sie gibt. Und ich bin mir ziemlich sicher, sollte ich mal Hilfe brauchen, dann sind diese Menschen für mich da. Umgekehrt übrigens genau so.

Das gilt auch, wenn Sie gerade einen Moment der Ruhe genießen und diese Auszeit dringend brauchen?
Wenn das ein guter Freund ist, muss man in so einem Moment auch sagen dürfen: Du, das ist jetzt leider der falsche Zeitpunkt. Dieses Recht muss allerdings der andere auch für sich in Anspruch nehmen dürfen. Wenn einer viel unterwegs ist und ich platze in diese Ruhe rein, muss ich akzeptieren, wenn er sagt, es passt jetzt nicht. Das Wichtige dabei ist aber folgender Punkt: Gäbe es keine Freundschaft, würde man diese Attitüde anders bewerten. Es gibt Menschen, deren Nein dazu führt, dass man nach einer Erklärung sucht. Bei einem Freund reicht es absolut, wenn dieser sagt: Jetzt nicht.

Fällt es in all dem Trubel, der in Ihrem Leben herrscht, nicht schwer, zu unterscheiden, wer ist ein Freund und wer ist jemand, der einfach nur etwas von Ihrem aufregenden Leben abhaben will?
Na klar! Allerdings nicht bei Freunden, sondern vor allem bei Bekanntschaften. Wenn man viel unter Menschen ist, kann es sein, dass man nicht gleich erkennt, wie ein Mensch tatsächlich ist. Und da passiert es mir leider gelegentlich, dass ich mich völlig vertue. Ich bilde mir zwar ein, genügend Menschenkenntnis zu besitzen, um mich nicht blenden zu lassen – aber es passiert dann doch.

Haben Sie herausfinden können, wovon Sie sich blenden lassen?
Es gibt nunmal Leute, die sich sehr gut verkaufen und andere auf diese Weise täuschen können. Aber ich halte das für eine ganz natürliche Angelegenheit. Wir können gar nicht immer richtig liegen – egal, ob es nun um eine positive oder eine negative Einschätzung geht. Manchmal hält man jemanden für arrogant, abweisend oder kaltschnäuzig, was auch immer. Und dann steht man sich gegenüber und merkt schon beim ersten Händedruck, dass irgendwas an der eigenen Einschätzung falsch ist. In so einem Moment kann ich mir eingestehen, dass ich mich getäuscht habe.

Haben Sie sich auch schon in einem alten Freund getäuscht?
Das nicht unbedingt, aber es gibt Freundschaften, die mit einer Riesen-Enttäuschung geendet haben, weil sich einer – entweder ich oder der andere – sehr verändert hat.

Aber Veränderungen gehören doch zum Leben ...
Schon, aber die Freundschaften, von denen ich spreche, die sind zerbrochen, weil einer der Beteiligten den Prinzipien nicht treu geblieben ist, die er mal für sich als grundlegend bezeichnet hatte.

Sie meinen Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Integrität?
All diese Werte, absolut. Ich will das ein bisschen konkreter machen, ohne Namen zu nennen. Aber Drogen und Alkohol verändern nicht nur die körperliche, sondern vor allem die seelische Struktur eines Menschen. Und dann erodieren die Konturen dieses Wesens, es wird alles instabil. Das habe ich einige Male erlebt. Und das ist keine gute Voraussetzung für eine Freundschaft. Bei einem guten Freund, der lange Zeit extrem gefährdet war durch den Rausch, bin ich sogar so weit gegangen, dass ich die Freundschaft gekündigt habe. Aber nachdem ich gehört hatte, dass dieser Mensch seine Sucht hinter sich gelassen hat, habe ich ihm die Freundschaft wieder angetragen – und zwar sofort.

Zeichnet einen guten Freund auch aus, dass er nicht nachtragend ist?
Unbedingt! Ich habe Freunde, die kenne ich seit 40 Jahren, wir haben das Leben gemeinsam gemeistert, wir haben alle möglichen und unmöglichen Situationen erlebt. Aber es war immer so, dass wir uns aneinander orientieren konnten, dass wir uns gegenseitig in schwierigen Zeiten geholfen haben. Es gab sogar Momente, in denen nur noch ein Mensch da war für mich oder ich der letzte Mensch war, der für den anderen da war und geholfen hat. Solche Momente durchzustehen, ohne sich zu verlieren – das ist das Fundament einer Freundschaft.

Gab es in Ihrem Leben Zeiten, die Sie ohne die Hilfe eines Freundes nicht durchgestanden hätten?
Ja natürlich. Etliche. Ich bin 68, das heißt, zwangsläufig haben sich solche Momente eingestellt. Berufliche Vorkommnisse, private Krisen, gesundheitliche Themen. Und genauso habe ich Menschen erlebt, die am Rand angekommen waren, zumindest aus ihrer Sicht, und nicht mehr weiter wussten. Ich habe mich um Leute gekümmert, die waren so krank, dass sie dachten: das war’s, es ist vorbei. Ich hab das selbst auch erlebt – und gerade in solchen Momenten ist ausschlaggebend, dass jemand zuhört, einfach da ist und allein durch seine Präsenz Kraft schenkt.

Sie haben eben davon gesprochen, wie Drogen das Wesen eines Menschen verändern. Ist im Musikgeschäft, in dem man ja dem Rausch kaum entkommt, die Gefahr größer, dass Freundschaften an der Sucht zerbrechen als bei Freundschaften, die aus einem anderen Lebensbereich stammen?
Nein, das würde ich davon nicht abhängig machen. Als Musiker unterwegs zu sein, schafft natürlich die Möglichkeit, vielen Menschen zu begegnen, birgt aber auch das Risiko, häufiger mit Streit und Zerwürfnissen konfrontiert zu werden. Alles ist viel in dieser Branche, ein Musikerleben ist stark geprägt von solchen Hochs und Tiefs, Es gibt Leute, die einen begeistern – und Leute, die einen enttäuschen; es gibt Leute, die man begeistert – oder die man enttäuscht. Alles ist härter, die Schlagzahl höher. Höhere Intensität, höherer Verschleiß, alles ist dichter. Das ist eine Folge dieses Lebens – und das muss man auch erstmal verkraften können.

Weil Licht und Schatten, Rausch und Kater auch dichter beieinander liegen?
Naja, ich bin da jetzt übern Berg, würde ich sagen. Vor zwanzig, dreißig Jahren, habe ich mir darüber nicht so viele Gedanken gemacht. Heute habe ich keine Lust mehr, Zeit zu vertun mit unnötigen Experimenten. Ich bin offen, wenn jemand zu mir kommt und sagt: Das fühlt sich gut an. Dann sage ich bestimmt nicht Nein. Aber ich würde bei den ersten aufkommenden Zweifeln sofort sagen: Achtung, ich habe nicht vor, viel Zeit mit Blues zu verbringen. Und es wird auch dir nichts bringen, wenn ich mich auf so etwas einließe. Das ist vergeudete Zeit.

Meinen Sie jetzt musikalische Projekte oder Ausflüge in den Rausch?
Es geht mir vor allem um die Zeit. Zeit wird nach hinten raus immer wertvoller. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, die haben in mir auch das Bewusstsein reifen lassen, ich will die Fehler, die ich gemacht habe, oder die Brüche, meinetwegen auch die Exzesse, die ich durchlebt habe, nicht wiederholen. Das ist mit 68 nicht wirklich sinnvoll. Was aber sinnvoll ist, ist offen zu bleiben, wenn eine tolle Chance da ist. Dann sage ich: Gerne! Aber dann muss das auch Zug haben und stimmig sein!

Interview: Boris Halva

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