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Das war der letzte Stier, der am 3. August 2017 den Tod in der Stierkampfarena von Palma fand.

Stierkampf

Zehn Minuten Ritual: Mallorca kehrt zum Stierkampf zurück

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Für die einen ist es „Poesie“, für die anderen „Folter“. Erstmals seit zwei Jahren steht auf Mallorca wieder ein Stierkampf an.

Warten Sie nicht zu lange, bis es zu spät ist“, werben die Veranstalter des Stierkampfes, der an diesem Freitag in der Arena von Palma de Mallorca stattfinden soll. „Zu spät“ soll heißen: bis die tauromaquia – also die Stierkämpferkunst – in Spanien eines Tages vielleicht doch verboten wird. Noch ist sie erlaubt, auch wenn einige Politiker den Aficionados das Leben gerne schwermachen würden. Vor zwei Jahren hatte die linke Balearenregierung ein Gesetz durchs Regionalparlament gebracht, dass die Corridas prinzipiell weiterhin erlaubte – aber nicht die Verletzung des Tiers, geschweige denn den finalen Todesstoß.

Für die Anhänger wäre ein solcher Stierkampf so absurd wie Fußball ohne Ballberührung. Das spanische Verfassungsgericht erklärte die Einschränkungen Ende des vergangenen Jahres für nichtig, weil sie in Kompetenzen des nationalen Gesetzgebers eingreife. Also sollen am Freitagabend auf der großartigen Plaza de Toros in Palma wieder Stiere herausgefordert, malträtiert und erstochen werden: insgesamt acht, während bei einer gewöhnlichen Corrida sechs Stiere auflaufen. Aber diese ist eben keine gewöhnliche Corrida.

„Corrida“ bedeutet Lauf, und das ist ein passenderes Wort als „Stierkampf“. Der Torero kämpft nicht mit dem Stier, er vollzieht dessen rituelle Tötung. Zehn Minuten dauert dieses Ritual. Es sind die letzten, qualvollen zehn Minuten eines vierjährigen glücklichen Lebens auf freiem Feld. Der mexikanische Schriftsteller Octavio Paz nannte diese zehn Minuten „Poesie in Bewegung“. Die spanischen Tierschützer nennen sie „Folter“. Es sieht ganz danach aus, dass sich diese Sichtweise in Spanien langsam durchsetzt. Nach einer Umfrage der Netzzeitung „El Español“ vom Anfang des Jahres sind 56,4 Prozent der Spanier Gegner der Kämpfe und nur 24,7 Prozent ausgesprochene Befürworter.

In der Stierkampfarena in Palma soll die Veranstaltung am Freitag über die Bühne gehen.

Der Stierkampf ist im Heimatland des Stierkampfs offenbar auf dem Rückzug. Laut „Jahrbuch der Kulturstatistiken“, herausgegeben vom spanischen Kulturministerium, ist die Zahl der Spektakel, die mit dem Tod des Tieres enden, von 2007 bis 2017 um mehr als die Hälfte auf 1553 gesunken. Von denen waren 387 regelrechte Corridas de Toros mit ausgewachsenen Stieren, so wie jene am Freitag in Palma. Stierkampf ist in Spanien nichts Alltägliches mehr.

Bemerkenswert ist allerdings eine andere Zahl, diesmal aus der sehr umfänglichen „Befragung über kulturelle Gewohnheiten“, die das Kulturministerium alle vier Jahre unter 16 000 Spaniern durchführen lässt: In der Umfrage 2014-2015 sagten 9,5 Prozent der Befragten, dass sie im Vorjahr mindestens einem Stierspektakel beigewohnt hätten. Zwölf Jahre zuvor waren es etwas weniger, nämlich 8,6 Prozent. Es scheint also einen harten – in allen Altersgruppen etwa gleich großen, mehr männlichen als weiblichen – Kern von Anhängern zu geben, der sich von den Tierschützern nicht abschrecken lässt und den Matadoren weiter bei der Arbeit zusehen will. Da die Zahl der angebotenen Corridas aber sinkt, gehen die Anhänger offenbar seltener in die Arena als früher. Aber sie gehen noch.

Die Anhänger der Kämpfe wissen, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung argumentativ im Hintertreffen sind. Der Mallorquiner Anwalt Manuel Molina setzt in einem Artikel über die Menschen, die sich am Stierkampf erfreuen, ein Fragezeichen hinter das Wort „humanos“. Solchen Frontalangriffen stellt sich seit einigen Jahren die „Stiftung Kampfstier“ mit Sitz in Madrid entgegen. „Der Stier leidet“, sagt deren Sprecher Chapu Apaolaza ohne Umschweife. Aber dafür erlebe der Zuschauer in der Arena die Inszenierung „des Bedürfnisses des Menschen, sich dem Tod zu nähern, um sich lebendig zu fühlen“. Das wäre die „Poesie“, von der Octavio Paz spricht. Und dafür lässt man Tiere leiden? Ja, sagt Apaolaza. „Haben die Tiere dieselben Rechte wie Menschen?“, fragt er rhetorisch. Um die Antwort auf diese Frage werde gerade ein Kampf geführt. „Wenn ihr Hühnchen esst, wisst ihr schon, auf welcher Seite ihr in diesem Kampf steht.“

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