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Ein Wald aus Baukränen: L’Aquila zehn Jahre nach dem verheerenden Erdbeben von 2009.

Erdbeben

L’Aquila ist noch immer eine halbe Stadt

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Vor zehn Jahren wurde L’Aquila bei einem Beben zerstört. Der Aufbau geht voran, doch die Trümmer wiegen schwer.

Wer sich L’Aquila auf der Autostrada 24 nähert, erblickt schon aus der Ferne einen Wald aus Baukränen. Überall zwischen den Häusern ragen sie auf. Genau zehn Jahre sind vergangen seit dem Erdbeben, das am 6. April 2009 weite Teile der mittelitalienischen Stadt in den Abruzzen zerstörte. Noch immer ist L’Aquila eine riesige Baustelle – eine der größten Europas vermutlich.

Prunk und rissige Mauern L’Aquila

23 Sekunden bebte die Erde in jener Aprilnacht um 3.32 Uhr. Dauer und Stärke des Bebens – es wurde mit 6,3 gemessen – hatten eine verheerende Wirkung: 309 Menschen starben unter den Trümmern der eingestürzten Häuser. 1600 Bewohner wurden verletzt, 80 000 verloren ihr Zuhause. Auf zehn Milliarden Euro wurden die Schäden geschätzt.

Heute stehen in L’Aquilas historischem Zentrum aufwendig wiederaufgebaute Barockpaläste mit prunkvollen Fassaden neben halb eingestürzten Häusern und rissigen Mauern, die immer noch durch schwere Metallgerüste stabilisiert werden müssen. Vor allem Bauarbeiter bevölkern die früher so belebten Gassen, an jeder Ecke wird gebohrt, gehämmert, geschweißt. Nur 87 der früher rund 1000 Geschäfte und Betriebe in der Altstadt haben wieder geöffnet. Die meisten sind in die Außenbezirke gezogen. Und nicht einmal die Hälfte der früheren Bewohner lebt wieder im historischen Zentrum, das entsprechend ausgestorben wirkt.

Was private Immobilien angeht, ist der Wiederaufbau zehn Jahre nach der Naturkatastrophe gut vorangekommen. 70 Prozent sind rekonstruiert und instandgesetzt, sagt L’Aquilas Bürgermeister Pierluigi Biondi. 5,5 Milliarden Euro stehen dafür zur Verfügung. „Noch drei Jahre und der private Wiederaufbau ist abgeschlossen“, sagt Biondi. Allerdings leben 6300 der knapp 70 000 L’Aquilaner immer noch in provisorischen Unterkünften.

Wiederaufbau in L’Aquila krankt an Mafia und Bürokratie

Ganz anders sieht es bei öffentlichen Gebäuden aus, von denen die meisten nach wie vor in Trümmern liegen oder einsturzgefährdet sind – Schulen, Ämter, Regionalverwaltungen. Schuld ist wie so oft die Bürokratie, mit zu komplizierten und langwierigen Ausschreibungsverfahren. Die sollen verhindern, dass es erneut zu Korruptionsskandalen kommt. In den ersten Jahren des Wiederaufbaus waren Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe von Unternehmern an Lokalpolitiker aufgedeckt worden. Auch gab es Hinweise, dass die Mafia ihre Finger im Spiel hatte.

Bürgermeister Biondi fordert von der Regierung in Rom größere Anstrengungen für den öffentlichen Wiederaufbau: „Es wird geschätzt, dass immer noch mindestens fünf bis sechs Milliarden Euro nötig sind“, sagt er. Auch müssten die Ausschreibungen vereinfacht werden. Und die beteiligten Behörden müssten mehr Mitarbeiter bekommen.

Besonders schwierig sind Rekonstruktion und Wiederaufbau der Kulturschätze aus Mittelalter, Renaissance und Barock, über die L’Aquila dank seiner reichen Geschichte verfügt. Etwa 2000 historische Paläste und Kirchen waren durch das Erdbeben beschädigt oder zerstört worden. Wichtige Bauwerke wie die Basilika Santa Maria di Collemaggio, die monumentale Grabeskirche des Heiligen Bernhardin von Siena mit ihrer Fassade aus dem frühen 16. Jahrhundert, barocke Adelspaläste und mittelalterliche Brunnen sind bereits instandgesetzt. Bis Ende des Jahres sollen fünf weitere Kirchen wieder öffnen.

Bürgermeister Biondi zieht alles in allem eine positive Bilanz. „Natürlich sind zehn Jahre eine lange Zeit. Aber wenn wir die Erfahrungen von L’Aquila mit denen früherer Erdbebengebiete in Italien vergleichen, etwa im Friaul, dann ist hier Außergewöhnliches geleistet worden.“

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