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Hübsch auch an alkoholfreien Drinks: Schirmchen.

Alkoholkonsum

Zahlen lassen sich nicht schöntrinken

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Grüne fordern von Regierung mehr Engagement im Kampf gegen übermäßigen Alkoholkonsum.

Deutschland trinkt – gerne auch mal ein Gläschen mehr. Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) nimmt eine Person in Deutschland durchschnittlich knapp zehn Liter Reinalkohol im Jahr zu sich. Der Konsum liegt damit über dem internationalen Durchschnitt – auch wenn seit 1970 weniger getrunken wird.

Bier, Wein und Schnaps, Longdrinks und Cocktails sind ohnehin überall: in der Werbung, auf dem Tisch bei Familienfeiern, im Glas beim Rendezvous oder in der Flasche nach Feierabend. Alkohol wird zum Schmiermittel für das gesellschaftliche und private Leben stilisiert. Prost.

Aber muss das so sein? Nein, sagt Kirsten Kappert-Gonther. Die Politikerin sitzt für die Grünen im Bundestag und ist drogenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Sie warnt vor den gesundheitlichen Gefahren des Alkoholkonsums. Ihre Forderung: „Die Bundesregierung darf nicht länger die Augen vor dem Problem verschließen und muss endlich eine wirksame Alkoholstrategie vorlegen.“

Gemeinsam mit ihren Fraktionskolleginnen hat Kappert-Gonther eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Darin wollten die Grünen unter anderem wissen, ob die Regierung eine Strategie gegen riskanten Alkoholkonsum verfolgt. In ihrer schriftlichen Antwort, die der FR vorliegt, verweist die Regierung unter anderem auf die Nationale Strategie zur Drogen und Suchtpolitik aus dem Jahr 2012.

Damals hatte die damalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), Ziele und Maßnahmen zusammengefasst. Entwickelt werden sollten zum Beispiel „evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für Eltern bezüglich des Umgangs ihrer Kinder mit alkoholischen Getränken“. Andere Maßnahmen: Aktionspläne, Kampagnen, Leitfäden, Studien.

Außerdem betont die Regierung in ihrer Antwort, es finde ein regelmäßiges Monitoring des Alkoholkonsums der Bevölkerung statt. Die Regierung lässt also beobachten und untersuchen, wie viel Alkohol bestimmte Bevölkerungsgruppen trinken. Der Grünen-Politikerin Kappert-Gonther geht das allerdings nicht weit genug: „Plakatkampagnen allein reichen nicht. Die Bundesregierung schreckt vor gesetzlichen Regelungen zurück, weil sie unpopulär sein könnten“, sagt sie.

Für Drogen sollte nicht geworben werden, sagt Kappert-Gonther und verweist darauf, dass die Steuern auf Bier, Spirituosen und Schaumwein zuletzt 2001 angepasst worden seien. Zwar fordert die Grünen-Politikerin keine höhere Alkoholsteuer, sagt aber auch: „Die eindringlichen Appelle der Suchtexperten verhallen Jahr für Jahr. Es ist eine unbequeme Tatsache, dass Menschen mit einer Alkoholsucht und ihre Angehörigen viel zu lange alleingelassen werden.“

Die Grünen-Politikerinnen sind mit ihrer Kritik nicht die Einzigen: Im „Ärzteblatt“ kritisierte Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), zuletzt im Dezember, dass die Gesundheitspolitik bisher nur auf Aufklärung und Eigenverantwortung setze. „Das reicht nicht aus. Wir brauchen ein Werbeverbot als ersten Schritt und im Weiteren zusätzlich zu Aufklärungskampagnen eine geringere Verfügbarkeit durch die Begrenzung der Verkaufszeiten für Alkohol“, sagte Munz.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) appellierte in der Vergangenheit immer wieder an die Politik, wirksame Maßnahmen im Kampf gegen übermäßigen Alkoholkonsum zu ergreifen. Auch sie empfahl der Bundesregierung, Alkoholwerbung einzuschränken.

Übermäßiger Alkoholkonsum birgt viele Gefahren: Für knapp 200 verschiedene Krankheiten kann er verantwortlich sein, warnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Die Zahl der in Krankenhäusern behandelten Alkoholvergiftungen ist laut Statistischem Bundesamt zwischen 2000 und 2015 in allen Altersgruppen kontinuierlich gestiegen – insgesamt um 111 Prozent.

Als alkoholabhängig gelten 3,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, wie die Bundesregierung in ihrem Drogen- und Suchtbericht 2019 bilanzierte. Andere Länder sind im Kampf gegen riskanten Alkoholkonsum indes weiter als Deutschland.

Schottland etwa kämpft mit einem Mindestpreis für Alkohol gegen das sogenannte Flatrate-Saufen. Island, Norwegen, Dänemark und Polen haben Werbung von alkoholischen Getränken ganz oder teilweise verboten. In Deutschland aber kontrolliert sich die Wirtschaft weitgehend selbst.

Hersteller und Händler alkoholhaltiger Getränke haben sich gemeinsam mit dem Zentralverband der Werbewirtschaft Verhaltensregeln gegeben. Der Werberat kontrolliert, ob sie beachtet werden. Bei ihm kann sich jede und jeder beschweren. Viel Macht hat das Gremium aber nicht: Seine größte Waffe ist die öffentliche Rüge – in Form einer Pressemitteilung.

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