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Historischer Kalender an der St.-John-Kathedrale im französischen Lyon.

Kalender im Wandel der Zeit

Zählt, wie es euch gefällt

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Die Zeitrechnung war schon immer ein Spielball von Herrschern und Glaubensführern. Kaum ein Kalender ist in Stein gemeißelt.

Sonne oder Mond, Religion oder Politik – die Zeitrechnung eines Volkes, einer Religion oder Kultur war schon immer abhängig von Fixpunkten. Das Sonnenjahr, die Länge eines Mondzyklus oder Jahreszeiten mit verschiedenen periodisch auftretenen Phänomenen wie Regen oder Dürre waren für die alten Völker maßgeblich für ihre Jahreseinteilung. Andere „Nullpunkte“ – wenn auch meist nicht historisch korrekt und oft willkürlich festgelegt – sind religiöse „Ereignisse“ wie die Geburt Jesu oder die Erschaffung der Welt durch Gott. 

Immer wieder machten sich religiöse Führer und politische Machthaber vorliegende Kalender zu eigen, um sie ihren Anliegen anzupassen und ihrem Volk oder den Gläubigen ihre Sicht- und Lebensweise aufzuzwingen oder alte Traditionen überwinden zu können. Auch wenn weltweit der Gregorianische Kalender als Standard der Zeitrechnung anerkannt ist und internationale Planungen und Absprachen immer auf ihm beruhen, bestehen weltweit natürlich unzählige Modelle der Zeitrechnung und Kalender fort. 

Die Abschaffung von religiösen Sonn- und Feiertagen wie im nur kurz gültigen sowjetischen Kalender und nach der Französischen Revolution oder die ganz eigene Zeitrechnung der Nordkoreaner als Erhöhung des Diktators Kim Il Sung: Die FR stellt anlässlich des Jahreswechsels nach Gregorianischer Zählung einige Beispiele für ganz andere Kalender und ihre Geschichten vor. Und geht der Frage nach, ob es eigentlich kompliziert ist, als gläubiger Jude oder orthodoxer Christ hierzulande in zwei Zeitsystemen zu leben. (elm)

Weltweit Standard: Papst Gregor rechnet neu
Im Jahr 1582 war der Oktober zehn Kalendertage kürzer. Denn in dem Jahr, in dem Papst Gregor XIII. den nach ihm benannten Gregorianischen Kalender einführte, folgte auf den 4. Oktober (ein Donnerstag) gleich Freitag, der 15. Oktober. Die Streichung der zehn Kalendertage war nötig, weil der bis dato gültige Julianische Kalender – zurückgehend auf Julius Caesar – ungenau war: Dessen Astronomen hatten eine Jahreslänge von 365 Tagen und sechs Stunden berechnet. Das wahre Sonnenjahr – also die Zeit, bis die Erde einmal um die Sonne gekreist ist – beträgt aber nur 365 Tage, 5 Stunden, 48 Minuten und 47,4 Sekunden. Da lag der Fehler, den auch nicht ausmerzen konnte, dass der Julianische Kalender alle vier Jahre ein Schaltjahr mit 366 Tagen vorsah, um die falsche Längendifferenz zwischen Kalender- und Sonnenjahr auszugleichen.

Dass das Sonnenjahr in Wahrheit nur fünf Stunden und elf Minuten 13 Sekunden kürzer ist als das Kalenderjahr summierte sich über die Zeit hinweg: Diese scheinbare Petitesse macht in 138 Jahren schon einen ganzen Tag aus. Für die Kirche war das im Laufe der Zeit besonders verheerend, weil der vorausberechnete Ostertermin faktisch nicht mehr der erste Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond war, an dem die Kirche traditionell die Auferstehung Christi feiert. Also strich der Papst einmalig zehn Tage aus der Weltgeschichte – und reformierte die Schaltregel: Nach dem Gregorianischen Kalender hat jede Jahrhundertwende nur dann einen Schalttag, wenn sich das jeweilige 00-Jahr restlos durch 400 (also nicht nur durch vier) teilen lässt. (sib)

Persien: Die Sonne dem Mond vorgezogen
Während den Arabern der Mond Orientierung gab, wählten die Perser schon in der Antike einen anderen Weg. Ihr Sonnenjahr vollzog sich im Einklang mit den Jahreszeiten. Es begann stets zur Tagundnachtgleiche im März, dem meteorologischen Frühjahrsanfang. Und es war – ganz unabhängig vom Mondzyklus – in zwölf Monate zu je 30 Tagen eingeteilt. Fünf Zusatztage am Ende machten das Jahr komplett. Anstelle eines Schaltjahres wurde alle 120 Jahre ein zusätzlicher Monat eingeschoben. Dieser altpersische oder auch zoroastrische Kalender hatte den Vorteil, dass er sowohl dem Volk als auch der bürgerlichen Verwaltung entgegenkam. Diejenigen, die Ackerbau betrieben, fanden sich wieder in einer Zeiteinteilung, die mit dem Wandel der Natur im Einklang stand. 

Und den Steuereintreibern kam ein Jahr mit immer gleichen festen Stichtagen ebenfalls entgegen. Deshalb behauptete sich der persische Kalender auch nach der Eroberung der Region durch die Araber im 7. Jahrhundert. Der muslimische Mondkalender mit seinen Verschiebungen – alle Termine wandern pro Jahr um etwa elf Tage – setzte sich nicht durch. Der iranische Kalender in seiner heutigen Form gilt seit 1925. Die Zusatztage gibt es nicht mehr und auch der Schaltmonat ist Geschichte. Stattdessen wird das Jahr in sechs längere Sommermonate und in sechs kürzere Wintermonate eingeteilt. Doch noch immer gibt die Sonne den Takt vor. Und das Jahr startet für die Menschen, wenn auch in der Natur das Werden anhebt: zu Nouruz am 20. oder 21. März. (erb)

Sowjetunion: Schichtplan statt Kalender
Mehr als ein Kalender war es ein Schichtplan. Ein Schichtplan für die gesamte Gesellschaft. 1929 führte die Sowjetunion den Revolutionskalender ein – bereits die zweite Kalenderreform. Die Idee, von der sich Stalin überzeugen ließ, hätte auch von Henry Ford sein können: Wenn die Maschinen immer laufen, steigt die Produktivität. Der Sonntag als gemeinsamer arbeitsfreier und kirchlich geprägter Tag sollte verschwinden, fortan würde es Fünftagewochen geben. Jeder Werktätige wurde einer von fünf auf den Kalendarien farblich gekennzeichneten Gruppe zugeteilt. Deren Arbeitswochen begannen und endeten je an einem anderen Tag, was zu allerlei Problemen mit Freizeit, Familie, Freunden führte. Die Maschinen liefen dafür ohne Unterlass – theoretisch. Denn wie das so ist mit Schichtplänen, beliebt sind sie nicht gerade. Offiziell arbeiteten im Oktober 1930 rund drei Viertel der Menschen danach, aber eben nur offiziell.

Produktivitätszuwächse à la Ford blieben auch aus, 1940 kehrten die Sonntage zurück. Apropos Ford: Was Karl Marx wohl zu diesem Schichtplan-Plan gesagt hätte? Vielleicht, dass unter kommunistischen Bedingungen die Gesellschaft die Produktion regeln solle, aber auch dass sie „mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Und: Wahrer Reichtum müsse in „disponibler Zeit“ gemessen werden, in Freizeit, die in Freiheit
umspringt. (mas)

Nordkorea: Auch in der Zeitrechnung speziell
In Nordkorea beginnt die Zeitrechnung mit dem Jahr „Juche 1“ (auch „Chuch’e 1“, sprich „Dschutsche“), 1912 nach unserer Zeitrechnung. In diesem Jahr wurde Kim Il Sung geboren. Dass man nach einer eigenen Zählung rechnen würde, wurde allerdings erst 1997 beschlossen, drei Jahre nach dem Tod des nordkoreanischen Diktators. Unter ihm war ab 1977 die Juche-Ideologie offiziell eingeführt worden, deren Name so viel bedeutet wie Selbstständigkeit oder Autarkie. Sie wird als eine Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus verstanden, widerspricht diesem aber in wesentlichen Punkten. Im Kern stehen die Interessen der eigenen Nation über denen anderer kommunistischer Staaten und Korea im Mittelpunkt der Welt.

Dieser Auffassung zufolge ist der klassische Marxismus-Leninismus in seinen „historischen Grenzen“ gefangen, die Juche-Ideologie jedoch ewig. Nach dieser Argumentation scheint die Einführung einer eigenen Zeitrechnung fast schon logisch. Der der nordkoreanischen Zählung zugrundeliegende Kalender entspricht dem chinesischen Minguo-Kalender (in Taiwan gebräuchlich) und unterscheidet sich vom Gregorianischen Kalender durch die Jahreszählung, die eben mit dem Geburtsjahr Kim Il Sungs beginnt. Für die Jahre vor 1912 gilt allerdings weiterhin der Gregorianische Kalender. Ab dem 1. Januar 2018 unserer Zeitrechnung leben die Nordkoreaner also im „107. Jahr der Republik“. (elm)

Frankreich: Ein revolutionärer Kalender zählt bis zehn
Eine neue Zeit braucht auch einen neuen Kalender, dachten sich die Oberrevolutionäre in Frankreich – und suchten den radikalen Bruch mit allen Traditionen. Der Revolutionskalender, vom Nationalkonvent 1792 eingeführt, löste sich völlig vom christlichen Fundament. Die neue Zeit – und fortan auch das neue Jahr – begann am 22. September, dem Gründungstag der Republik. Ganz nach dem Gleichheitsprinzip dauerte jeder Monat jetzt genau 30 Tage. Die fünf bis sechs Tage, die übrig blieben, hängte man am Jahresende an und erklärte sie zu Feiertagen. Die Woche wurde abgeschafft und durch die Dekade ersetzt. Der Plan, auch Stunden, Minuten und Sekunden neu zu berechnen, erwies sich aber als zu kompliziert; zudem hätte er alle existierenden Uhren unbrauchbar gemacht. 

Viel Mühe verwendete man auf die neuen Namen: Künftig gab es etwa den Monat der Weinlese im Herbst oder den Monat der Blüte im Frühling. Doch die unzufriedene Bevölkerung ließ sich nicht einlullen. Der Revolutionskalender hatte faktisch ihre Arbeitszeit verlängert: Einen Ruhetag gab es nur noch an jedem „Décadi“, also jedem zehnten Tag. Das brachte nicht nur Männer und Frauen, sondern auch die Arbeitstiere an die Grenzen der Belastbarkeit. Zudem war die Frage offen geblieben, wie man den Ruhetag begehen sollte. Die Revolution bot keinen überzeugenden Ersatz für die christlichen Feste. Da der Kalender auch sachliche Fehler enthielt – die Schaltjahresrechnung zum Beispiel funktionierte nicht -, dürfte ein Aufatmen durchs Land gegangen sein, als Napoleon nach seinem Staatsstreich am 9. November 1799 – laut Revolutionskalender dem 18. Brumaire (Nebelmonat) VII - das Experiment für beendet erklärte. Es folgte eine vierjährige Übergangszeit, und zum 1. Januar 1806 kehrten die Franzosen  endgültig zum Gregorianischen Kalender zurück. (sha)

Zusammengestellt von Elena Müller, Simon Berninger, Nadja Erb, Martín Steinhagen und Sabine Hamacher.

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