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Früher Junkie, heute berühmt: MontanaBlack aus Buxtehude.

MontanaBlack

Früher Junkie, heute berühmt

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Für Jugendliche ist er ein Star, Eltern haben seinen Namen meist noch nie gehört. 1,8 Millionen Fans folgen Marcel Eris unter seinem Künstlernamen MontanaBlack auf YouTube. Jetzt hat er seine Autobiografie geschrieben.

Es ist ein sonniger Frühlingsnachmittag, als in der Lübecker Altstadt unvermutet eine Parallelwelt sichtbar wird. Sonst sitzen diese Jugendlichen, die sich da gerade vor der Hugendubel-Filiale versammeln, einzeln an ihren Computern zu Hause. Erst sind es Dutzende, dann Hunderte und später Tausend, vorwiegend Jungs im Alter von elf bis 18 Jahren. Sie füllen erst das Erdgeschoss des Ladens, dann bildet sich eine Schlange, die sich schließlich 200 Meter lang bis um die nächste Straßenecke windet. Kurz vor 15 Uhr stehen mehr als 3000 Fans an. Es mag ein Vorurteil sein, aber man hat den Eindruck, dass die meisten von ihnen eher keine Stammkunden im Buchladen sind. Sie sind gekommen, um ihr Idol zu treffen. Immer wieder hört man sie „Monte Monte“ rufen. Gemeint ist MontanaBlack. Er hat ein Buch über sein Leben geschrieben und wird es heute hier vorstellen.

Wer ist MontanaBlack? Die, die das fragen, sind entweder nicht mehr jung oder keine Online-Gamer, was in der Regel zusammenfällt. Alle anderen kennen Marcel Eris aka MontanaBlack – jedenfalls wenn sie männlich und zwischen zehn und 18 Jahre alt sind. Der 31-Jährige ist mit dem Online-Spiel Fortnite zu einer Berühmtheit geworden. Das Spiel existiert seit September 2017 und ist das beliebteste Computerspiel der Welt. Mehr als 200 Millionen Spieler sind regelmäßig online. Es geht ums Kämpfen und Überleben, aber es ist kein Egoshooter-Spiel, und es fließt kein Blut. Deshalb ist es schon ab zwölf Jahren freigegeben. Wer in Fortnite getötet wird, dessen Avatar verschwindet einfach aus dem Setting. Die Siegestänze, die sie in dem Spiel aufführen, sind so populär, dass sie von Fußballspielern im echten Leben kopiert werden, wenn diese auf dem Spielfeld ein Tor geschossen haben.

Marcel Eris aka MontanaBlack hat Fortnite zu seinem Leben gemacht

Marcel Eris hat Fortnite zu seinem echten Leben gemacht. Auf der Online-Plattform Twitch kann man mit ihm spielen oder auch einfach nur zuschauen, wie er spielt. Man sieht ihn in einem kleinen Bildschirmausschnitt und hört dann viel „Digga“ und „geil“ und ein paar andere Ausdrücke, die man in einer Zeitung besser nicht erwähnt. Er sitzt in einem abgedunkelten Zimmer mit einem großen Aquarium und einem ebenso großen Regal im Hintergrund. In dem liegen Dutzende von Baseball-Kappen, angestrahlt mit LED-Lämpchen. Davor sitzt Eris und erzählt von seinem neuen Buch, von seinem Hund oder auch mal von einer Polizeidurchsuchung bei ihm wegen illegalen Glücksspiels. Anderthalb Millionen Anhänger folgen ihm auf Twitch. Das ist eine Webseite, auf der man Spieler in Echtzeit zusehen kann.

Warum ist gerade Eris so beliebt? Wenn man die Fans in der Schlange fragt, was sie so toll an MontanaBlack finden, reden alle durcheinander, sagen aber immer wieder dasselbe. „Er ist einfach cool“, meint etwa die 17-jährige Eileen. Sie ist eines der wenigen Mädchen, die hier auf ihn warten. Sie findet, er sei „ein guter Entertainer“. MontanaBlack sei eben „voll korrekt“, urteilt ein anderer Jugendlicher. Die Umstehenden nicken.

MontanaBlack ist in Buxtehude aufgewachsen, wo er heute noch lebt. Er hat schon früh die falschen Freunde, prügelt sich, wird drogenabhängig. Die Sucht finanziert er mit Diebstählen, beklaut sogar seine geliebte Oma. Die Ausbildung in einer Autowerkstatt bricht er ab. Irgendwann kriegt er doch noch die Kurve, macht einen Entzug und entdeckt die Gaming-Szene. Seine Livestreams auf Twitch kommen an. Die YouTube-Videos, in denen er von seinem Leben erzählt und vor Drogen warnt, ebenso. Sein „Real Life Talks“-Kanal auf YouTube hat 1,8 Millionen Abonnenten. In ihren Kommentaren loben sie ihn dafür, dass er die Dinge klar benennt. Und wenn es ein Energydrink ist, der ihm nicht schmeckt. Es gibt aber auch ein Video, in dem Eris unter der Überschrift „Anders als ihr“ von Gino erzählt, einem Jungen, der die Glasknochenkrankheit hat.

MontanaBlack-Biografie: „Vom Junkie zum YouTube-Star“

Nun gibt es tatsächlich auch ein Buch von Marcel Eris. Es heißt „Vom Junkie zum YouTube-Star“ und erzählt genau diese Geschichte. Eris wird später sagen, dass es ihm egal sei, ob die Leute das Buch kaufen. Trotzdem wirbt er in seinen Videos eifrig dafür. Geschäft ist Geschäft. Hunderte Exemplare liegen an diesem Tag bei Hugendubel auf einer Holzpalette. Viele kaufen es an diesem Nachmittag, viele auch nicht. Mit 19,90 Euro dürfte es für einige einfach zu teuer sein. Der Autor wird heute ohnehin kein Exemplar signieren. Seine Schulter schmerzt, das hat er auf Instagram bereits erklärt.

Marcel Eris aka MontanaBlack ist mit dem Online-Spiel Fortnite zu einer Berühmtheit geworden.

Über diesen Social-Media-Dienst verfolgen die Fans auch seine Anfahrt nach Lübeck. Die Jungs in der Schlange wissen, wann er losgefahren ist, dass sein Kumpel René mit im Auto sitzt und dass beide schließlich im Stau stehen. Hinter dem Steuer sitzend, kommentiert MontanaBlack den Verkehr und postet das Video umgehend. 1,4 Millionen folgen ihm auf Instagram. Personen, denen er auf Instagram folgt: null. Die volle Coolness eben.

Kurz vor 15 Uhr ist er dann da. Es gibt Sprechchöre und Gejohle. Die Hugendubel-Mitarbeiter versuchen, gelassen zu bleiben. Eigentlich war geplant, dass sich Eris kurz zurückzieht, die Jacke ablegt und zwei Interviews gibt. Doch jetzt sind erst einmal die Fans an der Reihe. Einzeln werden sie vorgelassen, bekommen ein Foto und – wenn sie Glück haben – einen kurzen Spruch.

„Du bist aber nicht 1,88 groß“, sagt einer zu Eris, und beide lachen. Es ist ein Insider-Witz. Die 88 ist so eine Zahl, die Eris immer wieder verwendet. Und die auch gegen ihn verwendet wird. Er ist 1988 geboren, auch wenn er im Buch behauptet, er sei 1995 zur Welt gekommen. Sein Twitch-Account heißt MontanaBlack88. Sein Geburtsjahr oder eine rechte Anspielung? In Neonazi-Kreisen steht die 88 für HH, also Heil Hitler. „Ich bin ein Nazi“ hat er eines seiner Videos betitelt, in dem er sich über den Verdacht lustig macht.

Jugendliche haben „komplett anderes Verständnis von politischer Korrektheit“

Seine Sprüche haben ihm schon einige Probleme bereitet. Zum Jahreswechsel wurde er auf Twitch 30 Tage gesperrt. Er hatte in einem Livestream erklärt: „Ich hasse Regen.“ Harmlos? Nicht, wenn man darauf hinweist, dass man das letzte Wort auch rückwärts lesen kann. Außerdem bezeichnete er einen anderen Spieler als „Schlitzauge“, was bei den Plattformverantwortlichen nicht gut ankam.

Für Dennis Sand ist das vor allem ein Missverständnis. Der 34-jährige Journalist ist der Ghostwriter von MontanaBlacks Buch. Die Idee dazu hatte der Verlag, der Sand dann auch an MontanaBlack vermittelte. Nun sitzt er im Nebenraum der Hugendubel-Filiale, in dem es jetzt eigentlich ein Interview mit Eris geben sollte. Doch der kann nicht weg, wie die Sprechchöre aus dem Verkaufsraum belegen. Sand hatte zuvor bereits mit dem Rapper Sun Diego zusammengearbeitet, er schreibt viel über Popkultur-Themen, und er kann das Phänomen MontanaBlack vermutlich besser erklären als dieser selbst.

„Die Jugendlichen heute haben ein komplett anderes Verständnis von politischer Korrektheit“, sagt Sand. Dass alles und jeder als „Hurensohn“ bezeichnet werde, sei Teil einer Sprache, die außerhalb der Szene ganz anders wahrgenommen werde als von denen, die sie verwenden. Verbale Beleidigungen gehörten da quasi zum guten Ton und seien keineswegs so gemeint. „Das ist ein Code, den die Jungen verstehen und der die Älteren schockiert“, sagt Sand. Für ihn sprechen die ältere und die jüngere Generation im Wortsinne komplett unterschiedliche Sprachen. Aufmerksamkeit sei in der Community das höchste Gut, und die erreiche man durch Grenzüberschreitungen. Außerdem bekomme der Anerkennung, der eine klare Sprache spreche.

Zwei Jugendliche sind bei dem Gespräch dabei, hören konzentriert zu. Konstantin, 14, und Rasmus, 15, nicken beide zu Dennis Sands Erklärungen. Sie spielen gerne Fortnite. Und sie sind Fans von MontanaBlack. Die Sache mit den Kraftausdrücken könnten sie ihren Eltern auch nicht begreiflich machen, sagen sie. „Wir sehen das aber schon als Ironie und Spaß“, sagt Konstantin. „Wenn Monte seinen Kumpel als Juden bezeichnet, dann meint er das auch nicht abfällig.“

Im Buchladen wird es lauter. Acht Security-Mitarbeiter hat der Verlag organisiert, um die Fans im Zaum zu halten, die immer offensiver ins Innere drücken. Einer probiert es gerade mit einer klaren Ansage. „Wenn ihr weiter so drängelt, brechen wir hier ab“, ruft er. „Und wir entscheiden, was Drängeln ist.“

Ghettofaust statt Händeschütteln

In einer Leseecke sitzt Isabell Wigger und ist froh, dass sie es hinter sich hat. Sie ist genauso alt wie der YouTube-Star, aber nicht sie ist sein Fan, sondern ihr Sohn Eric. Weil der Elfjährige es so sehr wollte, ist sie mit ihm die halbe Stunde von ihrem Dorf nach Lübeck gefahren und hat vier Stunden in der Schlange vor dem Buchladen verbracht. „Da haben sich schon einige daneben benommen“, sagt sie und erklärt es sich mit dem Stadt-Land-Gefälle. „Bei uns auf dem Dorf benimmt man sich doch noch etwas anders. Da sind solche Kraftausdrücke seltener.“

Den Begriff Hurensohn kennt aber natürlich auch Eric. „Wir sagen das auch manchmal zueinander, aber nur im Spaß“, sagt er und blickt vorsichtig zu seiner Mutter. Er ist glücklich über die Begegnung mit MontanaBlack, den er „einfach nur cool“ findet. Und er ist noch jung genug, um zuzugeben, dass er „richtig gezittert“ hat, als er endlich vorgelassen wurde. Er wurde wie alle Fans mit der Ghettofaust empfangen: Statt mit Händeschütteln begrüßt man sich, indem man die Faust des anderen anstößt. „Ich habe danebengetroffen“, sagt Eric und verzieht schmerzlich das Gesicht, „das war mir total peinlich.“

Ghettofaust für die Anhänger und bunte Tätowierungen bis hin zur Rolex-Krone unter dem rechten Auge – so präsentiert sich Marcel Eris seinen Fans. Ins Gesicht hat er außerdem die Postleitzahl von Buxtehude tätowiert. Man sieht sie aber nicht, weil er die Baseball-Cap den ganzen langen Tag bei Hugendubel nicht einmal abnimmt. Seine Anhänger wissen aber auch so, dass er seine Heimatstadt höchst ungern verlässt.

Übertrieben nett ist er nicht zu den Fans. Die Ghettofaust gibt es auch, weil er damit das Händeschütteln vermeidet, da ist er ehrlich. „Sonst wäre ich am Abend ein Viren-Paket“ erzählt er, als er in einer kurzen Fotografierpause doch noch Zeit für ein kurzes Gespräch findet. Die Fan-Hysterie ist ihm eher suspekt. „Je länger ich das mache, desto unangenehmer wird das für mich, und desto weniger Lust habe ich darauf“, sagt er. „Ich könnte wirklich drauf verzichten. Aber es gehört eben dazu. Meine Oma sagt, das war bei den Beatles auch schon so.“ Bescheidenheit ist nicht gerade sein Ding. Die Fans wissen daher auch, dass er mal 80 000, mal 30 000 Euro im Monat einnimmt und dass er demnächst einen Lamborghini fahren wird. Sie gönnen es ihm, weil sie ihn als einen der ihren wahrnehmen.

Der Nachmittag zieht sich hin, die Schlange scheint nicht kürzer zu werden. MontanaBlack lässt sich nun im Sitzen fotografieren. Dafür hat er einen schwarzen Sessel vor den Aufsteller mit seinem Konterfei gerückt. Der Fan, der gerade an der Reihe ist, darf sich in einen zweiten Sessel danebensetzen. Ein Verlagsmitarbeiter macht dann mit dessen Handy die Fotos. Daumen hoch, klick, nächster Fan. In seinem Buch schreibt Eris, dass alle seine Klassenkameraden immer davon geträumt hätten, berühmt zu werden. Er selber habe immer nur normal sein, einfach gut durchkommen wollen.

Irgendwann an diesem Freitagabend hat dann auch der letzte Fan sein Foto. Marcel Eris darf wieder heim nach Buxtehude.

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